Leseprobe

 

Neugierig? Dann hol dir hier schon einmal einen Appetithappen.

 


Silver Falcons: Scott & Laura

Lizzy Jacobs



 

Kapitel 1 – Scott

 

 

 

„Jungs, das war gut, aber so langsam solltet ihr anfangen, die Ärsche hochzubekommen, denn ich habe keine Lust, den Meisterschaftstitel abzugeben“, wettert Coach Carter energisch, während wir ihm schweigend in der Umkleidekabine der Silver Falcons lauschen. Unser Trainer liebt Ansprachen wie diese, er will uns motivieren, besser zu werden, obwohl wir jetzt fünfmal in Folge den Titel als beste Baseballmannschaft der Welt mit nach Hause nehmen konnten. „Außerdem müssen wir nochmal über die T-Shirt-Aktion vor ein paar Wochen reden. Es ist zwar irgendwie niedlich, dass ihr euren Frauen vor der gesamten Nation eure Eier auf dem Silbertablett serviert, aber die Medien spielen immer noch vollkommen verrückt deswegen, von den weiblichen Fans ganz zu schweigen“, brummt er und schiebt sich das Cap nach hinten.

 

Wie ein Sergeant läuft er auf und ab und sieht diejenigen an, die das Chaos verursacht haben. Matt, Lee, Will und Brian schauen allerdings wenig beeindruckt, eher wirken sie ziemlich zufrieden mit sich. Die Zuschauer sind ausgerastet, als die vier mit Shirts ins Stadion einliefen, auf denen eine Liebesbotschaft für ihre Frauen stand. Es passiert nicht alle Tage, dass die Menge schon vor einem Spiel so dermaßen ausflippt, aber noch seltener kommt es vor, dass wir vor dem Publikum so offen Einblick in unser Privatleben geben.

 

Wenn die Dinge anders gelaufen wären, hätte ich eventuell auch mitgemacht, überlege ich angefressen, doch ich schiebe den Gedanken schnell beiseite.

 

Brian, der Mann mit der größten Klappe in der Gruppe, hebt die Hand, wahrscheinlich, um sich zu verteidigen. Wenigstens hat er inzwischen gelernt, nicht einfach so drauflos zu quatschen, solange der Coach seine Reden hält. Carter nickt und verschränkt die Arme vor der Brust. Es wirkt fast so, als müsse er sich für das, was aus Walters Mund kommt, wappnen. Die beiden sind nicht immer einer Meinung. Der Vorfall Anfang des Jahres hat in der Mannschaft Spuren hinterlassen und das Team enger zusammengebracht. Mein Kumpel und seine Freundin Tessa wurden von einem Stalker belästigt, der letztlich völlig eskaliert ist. Seitdem sind die Sicherheitsvorkehrungen um ein Vielfaches erhöht worden, wir haben obendrein Security, die uns auf dem Weg ins Stadion begleitet und neben dem Spielfeld wacht, bekommen. Für uns ist es eine beklemmende Situation, doch wie wir gelernt haben, sind Menschen unberechenbar. Ich für meinen Teil denke nicht so viel darüber nach, aber mulmig wird einem schon, sobald das Spiel vorbei ist und die Fans mit uns reden wollen. Vor der Sache durften ein paar von ihnen beim Training zuschauen, das ist jetzt bis auf Weiteres untersagt, denn auch da rücken uns die Baseball-Liebhaber auf die Pelle.

 

Brian reibt sich die Hände, ein typisches Zeichen dafür, dass er gleich irgendetwas sagt, was dem Trainer nicht gefallen wird und feixt, bevor er loslegt. „Es war nur eine harmlose Geste, die den Frauen vor Freude das Höschen nass gemacht hat. Und was meine Eier angeht, denen geht es prächtig, sie sind genau da, wo sie sein sollen.“ Der Coach sowie der Rest des Teams stöhnen kollektiv auf.

 

„Alter, was habe ich dir darüber gesagt, wie es für die anderen ist, wenn du ständig von deinen Kronjuwelen laberst?“, raunt Lee ihm von der Seite zu, ehe er ihm einen Schlag auf den Hinterkopf verpasst. „Das ist echt nicht cool, Mann, niemanden interessiert das!“

 

Brian zuckt lediglich mit den Schultern und grinst den Trainer an. „Es war nach dem üblen Mist eine gute Schlagzeile, da müssen Sie mir schon zustimmen. Jedes Mal, wenn ich was über den scheiß Psychopathen lese, könnte ich durchdrehen. Dann sollen die Aasgeier doch unser Statement kommentieren, mir ist es jedenfalls lieber, sie reden darüber.“

 

„Er hat recht, obwohl ich das nur ungern zugebe“, schaltet sich jetzt auch Connor ein, der mit unserem Catcher sonst selten einer Meinung ist. „Die ganze Sache hat der Beziehung zwischen Fans und Spielern geschadet, aber das ist nicht deine Schuld, Walters“, wendet er sich beschwichtigend an Brian, der sich mit zusammengekniffenen Augen an den Spind lehnt. „Wir müssen als Team noch mehr Zusammenhalt präsentieren. Die Zuschauer wollen nicht in einen Topf mit dem … Arschloch gesteckt werden, darum ist Solidarität das Stichwort, Bruderherz. Deswegen hör auf, die Jungs anzuzählen. Sieh es als gute Geste.“

 

Verblüffung macht sich breit, normalerweise ist Connor genau wie Brian auf Krawall aus, so ruhige Töne sind bei beiden ziemlich ungewohnt.

 

„Können wir uns darauf einigen, dass ihr solche Aktionen künftig vorher mit mir absprecht? Die aus der oberen Abteilung verstehen keinen Spaß, sie sind bloß daran interessiert, dass ihr am Ende den Pokal mit nach Hause bringt und das am besten ohne Zwischenfälle. Es gibt nicht umsonst Leute, die sich um unsere PR kümmern, anstatt wie verkackte Teenager mit Blütenblättern übers Spielfeld zu laufen, bleibt fokussiert. Obwohl ich es nicht tun müsste, verrate ich euch Folgendes: In der kommenden Saison wird es einen Neuzugang geben.“

 

„Was?“

 

„Ist das wahr? Wer wird es sein?“

 

„Verfluchte Scheiße, wir wollen keinen Neuen im Team!“

 

Die Empörung geht wie eine Welle durch die Kabine. Fakt ist, dass wir alle Verträge abgeschlossen haben, die irgendwann zu Ende gehen. Ab und zu kommt es vor, dass ein Spieler von einem anderen Verein eingekauft wird. In diesem Fall denke ich, dass sich einer von uns mit einem Teamwechsel anfreunden muss.

 

„Sie wirken nicht gerade begeistert von dem Neuen“, rate ich einfach mal drauf los. Der angepisste Gesichtsausdruck des Trainers sagt alles, ich habe wohl recht. „Wenn Sie so gucken, heißt das, wir kennen ihn und mögen ihn nicht.“

 

„Sagen wir so, er ist wahnsinnig gut in seiner Position, aber er hält sich nicht gern an die Regeln“, erwidert er und schaut dabei Brian an.

 

„Was denn? Ich bin seit Monaten praktisch ein Chorknabe, trinke nicht mehr, lege mich nicht andauernd mit anderen an …“, verteidigt er sich daraufhin sofort. „Coach, ich bin sowas wie ein verdammter Heiliger! Also bitte, sehen Sie mich nicht so an.“

 

„Wann erfahren wir, wer zu uns wechselt und wer von uns seinen Platz räumen muss?“ Die Frage kommt von Lee, der zu seinem besten Freund Brian hinüber schielt.

 

Alle aus dem Team, die am Ende des Jahres auf eine Vertragsverlängerung hoffen, rutschen unruhig auf ihren Bänken herum. Drei sind nicht safe, darunter eben unser Catcher Brian, doch eigentlich spielt er zu gut, um ausgewechselt zu werden. Bleiben nur noch Jake Reedus und Eric Flinton übrig. Die zwei sind unzertrennlich, sie spielen seit acht Jahren für die Silver Falcons. Zwar haben sie privat nur wenig mit dem Rest der Mannschaft zu tun, trotzdem gehören sie zur Familie, was bedeutet, dass, wer auch immer kommen mag, die absolute Arschkarte gezogen hat.

 

„Zur gegebenen Zeit werde ich euch alles Weitere mitteilen. Jetzt zieht euch um und bleibt fokussiert.“ Coach Carter verlässt den Raum und ich dehne meine schmerzenden Nackenmuskeln. Als First Baseman bin ich dafür zuständig, gegnerische Bälle zu fangen, bevor der Baserunner die Base erreicht. Das heißt, dass meine Schultern ziemlich beansprucht werden, da ich den Ball so schnell wie möglich wieder zurückwerfen muss. Ich liebe meinen Job, doch je älter ich werde, desto mehr spüre ich den Verschleiß in den Gelenken. Achtundzwanzig ist im Profisport noch nicht so alt und ich habe nicht vor, meinen Job an den Nagel zu hängen. Deswegen lasse ich mich oft massieren, um die Schmerzen in den Griff zu bekommen.

 

„Es wird Zeit, dass wir einen neuen Physiotherapeuten kriegen, Ronald ist echt zu alt und seine Hände bringen es einfach nicht mehr“, beschwere ich mich bei Matt, der seinen Spind neben meinem hat.

 

Mit ihm, Will, Lee und Brian treffe ich mich ab und zu an den Wochenenden, um abzuhängen. Wenn wir uns bei Matt verabreden, hoffe ich insgeheim darauf, eine gewisse Frau zu sehen, die zufälligerweise Rachels Schwester ist. Doch bis jetzt habe ich sie nie angetroffen, wahrscheinlich weiß sie, wann ich dort auftauche, und bleibt extra weg. Es gibt eine Sache, die ich mit ihr zu klären hätte, aber sie lässt mich seit Monaten eiskalt auflaufen, weswegen ich nun versuche, sie zu vergessen. Das gelingt mir eher weniger gut, allerdings werde ich Matt nicht über ihr Leben oder warum sie mich abblockt, ausfragen. Laura Carmichael benimmt sich wie eine zickige Diva und auf so einen Typ Frau stehe ich überhaupt nicht. Zumindest rede ich mir das ein, um nicht wie ein Vollidiot weiterhin für sie zu schwärmen.

 

„Ronald sucht bereits nach einem Nachfolger, sein Rücken macht das nicht mehr mit und er will sich in Florida zur Ruhe setzen. Im Trainingslager lag er öfter als ich auf der Liege“, antwortet Matt und lacht. „Er ist ein feiner Kerl, aber er könnte mein Grandpa sein.“

 

„So, wie sich meine Schulter momentan anfühlt, brauche ich auch bald Urlaub. O Mann, das Meer fehlt mir“, gebe ich seufzend zurück und denke an mein geliebtes Board, das schon viel zu lange in meinem Haus in Long Beach versauert. Wir waren bis vor Kurzem noch in einem Trainingscamp in Florida, sodass mir keine Zeit für mein Hobby blieb. Dieses Wochenende haben wir kein Spiel, das heißt, ich werde endlich mal wieder surfen können. Vielleicht gelingt es mir dann, meinen Kopf von der braunhaarigen Schönheit zu befreien, die mir mächtig auf die Nerven geht.

 

„Wir könnten ein Männerwochenende veranstalten“, schlägt Will vor, der neben Matt auftaucht. Er ist in letzter Zeit gut drauf und im Moment wirkt er extrem angeknipst.

 

„Du bist doch nur so versessen darauf, aus New York wegzukommen, weil die Frauen mit der Babyparty beschäftigt sind. Stella hat sich am Telefon stundenlang darüber ausgelassen, welche Kreationen sie für die Feier im Sinn hat. Meine Ehefrau ist kurz davor, wieder in diesen gruseligen Modus zurückzufallen, in dem sie schon vor der Hochzeit war“, erzählt Matt uns, dabei schüttelt er sich, als würde er sich wirklich fürchten. „Damals war sie wegen der Planung total verrückt und seitdem wir entschieden haben, uns von dem Geschlecht des Kindes überraschen zu lassen, dreht sie völlig am Rad.“

 

„Warum zum Teufel wollt ihr nicht wissen, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird?“, mischt sich nun auch Brian ein, der irgendwie entrüstet wirkt. „Tessa kannst du bald in eine Zwangsjacke stecken, wenn Rachel so weitermacht. Sie meint, nicht angemessen planen zu können, solange ihr euch nicht für eine Farbe entscheidet. Lüftet endlich das Geheimnis und alles ist in Butter. Meine Freundin kommt jeden Abend mit anderen Farbnuancen um die Ecke, weil sie es richtig machen will. Ich liebe sie, aber Himmel, sie ist echt perfektionistisch und wehe, ich versuche, sie mit Sex ablenken. Euretwegen werde ich noch mit violetten Murmeln herumlaufen.“

 

„Wenn nicht mal dein Charme bei ihr funktioniert, hat sie deine Eier wahrscheinlich wirklich in der Hand“, ziehe ich ihn auf, denn Brian ist von uns derjenige gewesen, der sich vor seiner Beziehung durch ganz New York gebumst hat.

 

„Ob blau oder rosa ist doch egal, richtig? Babys stört es nicht, was sie tragen, also verstehe ich die Aufregung nicht. Tessa sollte sonst auf Sandtöne umsteigen, das sind neutrale Farben“, schlägt Lee vor, während er sich mit einem Handtuch abtrocknet. „Wieso guckst du mich so angeekelt an?“ Die Frage richtet sich an mich, denn ich sehe ihn entsetzt an, beige ist inakzeptabel.

 

„Bitte lass es einen kleinen Foster werden“, stößt Matt wie ein Gebet hervor und wir fangen zu lachen an. Unser Pitcher überkreuzt die Finger und schaut Richtung Zimmerdecke. „Wenn es so etwas wie einen Gott gibt, sei einmal nett und schenk mir einen Jungen. Bei einem Mädchen werde ich nachts nie wieder ein Auge zutun. Stell dir vor, sie lernt jemanden wie Brian oder mich kennen. Das ist der blanke Horror!“

 

Da ich nie über Familienplanung nachgedacht habe, sind mir solche Ängste fremd. Doch da ich weiß, wie die beiden vor ihren Beziehungen drauf waren, kann ich verstehen, dass Matt gewisse Bedenken quälen.

 

„Pinkel dir nicht ins Höschen, Foster, ich werde dafür sorgen, dass sie kein Schwanz anrührt. Die kleinen Pisser können es gern versuchen, aber niemand wird es an mir vorbei schaffen“, versichert ihm Brian, während der werdende Vater nicht wirklich überzeugt wirkt.

 

„Wir werden alle aufpassen“, beschwichtigt ihn Will, ehe er auf Brian zeigt. „Der da hat null Mitspracherecht und jetzt mach dich locker. Egal, welches Geschlecht das Baby haben wird, es kommen schlaflose Nächte auf euch zu. Beim zweiten und dritten Kind wirst du viel cooler sein.“

 

„Zweiten oder dritten?!“ Matts Gesicht weist blanke Panik auf.

 

„Wir sollten das Thema wechseln, bevor er Schnappatmung bekommt. Ich schlage vor, wir konzentrieren uns aufs Wochenende. Wer surfen kann, darf gern vorbeischauen, aber ich sage euch gleich, ich will mich entspannen. Kein Gemosere über gegnerische Mannschaften und ich habe noch weniger Bock auf Spekulationen, was den Neuen angeht. Ich möchte einfach das Meer genießen und relaxen“, erteile ich ihnen eine klare Ansage, denn ich brauche dringend etwas Ruhe.

 

„Alter, du bist überhaupt nicht gechillt“, stichelt Brian und sieht mich stirnrunzelnd an. „Seit einiger Zeit ist von dem tiefenentspannten Scott nichts mehr zu spüren. Was ist los, Scottie? Hast du keine Lady gefunden, die dir das Bett wärmt oder liegt es vielleicht zufällig an …“

 

„Halt die Schnauze, Walters“, presse ich zwischen zusammengepressten Zähnen hervor, was mir die ungeteilte Aufmerksamkeit aller einbringt. „Mir geht es fantastisch und jetzt lasst uns von hier verschwinden. Manchmal seid ihr echt anstrengend!“

 

„Er hat seine Tage“, wirft Matt hinterher, doch ich lasse das unkommentiert. Einen Augenblick scheinen sie noch auf eine Erklärung zu warten, aber als ich mein Duschzeug nehme, um von ihnen wegzukommen, geben sie endlich Ruhe. Einerseits möchte ich gern mit jemandem darüber reden, was mir die Laune verhagelt, allerdings kennen alle diese gewisse Person. Die Jungs würden sofort zu ihren Frauen rennen, ein Umstand, den ich auf jeden Fall zu verhindern weiß. Mit dem, was passiert ist, muss ich allein klarkommen, auch, wenn mich das seit Monaten schlecht schlafen lässt.

 

Auf dem Nachhauseweg hole ich mir Essen vom Italiener um die Ecke, ehe ich in die Straße einbiege, in der mein Haus steht. Es ist mein Zweitwohnsitz, da ich während der Saison meistens mein Appartement in Manhattan bewohne. Als Profisportler verdienen wir alle sehr gut. Als mehrfache Gewinner der World Series erhalten wir noch einen netten Bonus, der mir mein Zuhause in Strandnähe ermöglicht hat. Sobald ich aus meinem Wagen steige und den Atlantik rieche, geht es mir besser. Die Trainingseinheiten werden jedes Jahr anspruchsvoller und die Konkurrenz schläft nicht. Es rücken ständig jüngere Talente nach, deswegen ist Ausruhen keine Option. Manchmal frage ich mich, warum ich nicht meine andere Leidenschaft zum Beruf gemacht habe.

 

Surfen beruhigt mich auf eine Weise, wie es Baseball niemals schaffen wird. Der Ehrgeiz hat bei beiden Sportarten einen unterschiedlichen Schwerpunkt. Beim Baseball spiele ich im Team, agiere als Einheit und lasse mich voll drauf ein. Doch beim Wellenreiten gibt es nur die Wellen und mich. Selbstverständlich will ich die höchsten Wellenbrecher bezwingen, nichtsdestotrotz kann ich in erster Linie entspannen. Ich bin von Natur aus ein geselliger Typ, aber ab und zu brauche ich die Stille.

 

Mit der Pasta und einem Isodrink mache ich es mir erstmal vor dem Fernseher gemütlich. Es läuft irgendein Thriller, den ich mir nebenbei anschaue. Mein Handy ertönt und zeigt mir eine neue Nachricht an. Es ist ein Bild von meiner Mom, die gerade gemeinsam mit Dad Urlaub in Kanada macht. Die zwei genießen ihr Rentnerleben in vollen Zügen. Sie waren Vollblutlehrer und haben mich in meiner Kindheit oft in den Wahnsinn getrieben. Wenn du auf die gleiche Schule gehst, an der deine Eltern unterrichten, ist es nicht immer ein Vergnügen. Meine Mom hat Englisch unterrichtet, mein Dad war Sportlehrer. Von ihm habe ich die Leidenschaft für Sport geerbt, er hat mich früh mit an den Strand genommen und mir gezeigt, wie man surft. Baseball kam erst in der Schule dazu und seitdem spiele ich so gut wie jeden Tag.

 

Wir haben gerade Elche gesehen und dein Dad ist am überlegen, hierzubleiben, weil er das Skifahren für sich entdeckt hat. Hab dich lieb, Mom!

 

Das Bild der beiden, auf dem sie absolut glücklich wirken, lässt mich lächeln, ich kann mir sehr gut vorstellen, wie mein alter Herr die Pisten herunter donnert.

 

Pass auf ihn auf und seid vorsichtig mit den Tieren, die sind nicht so zahm wie sie aussehen. Grüß Dad von mir und hab dich lieb!

 

Meine Eltern haben mich frei erzogen, mir ist es nicht peinlich, jemandem mitzuteilen, dass ich ihn mag. Im Gegensatz zu den meisten meiner Mitspieler bin ich nicht der Typ, der ständig in der Gegend herumvögelt, allerdings sage ich auch nicht nein, wenn eine heiße Frau meinen Weg kreuzt. Vor ein paar Monaten gab es einen Moment, da hätte ich mich auf mehr eingelassen. Aber es sollte nicht sein. Was damals passiert ist, ist Geschichte.

 

Nachdem ich gegessen habe, mache ich mich nochmal auf den Weg nach draußen und hole die Post aus dem Briefkasten, der mittlerweile schon bis oben hin vollgestopft ist. Es ist eine Weile her, seit ich zuletzt hier war, und so gehe ich den Stapel beim Hineingehen durch. Ein großes Kuvert fällt mir ins Auge. Es sieht formell aus und auf dem Umschlag prangt ein Absender, der mir ein Schmunzeln entlockt. Sobald ich den Brief öffne, bestätigt sich meine Vermutung. Nachdem ich mir alles durchgelesen habe, macht sich ein fettes Grinsen auf meinem Gesicht breit.

 

Wie es scheint, ist die Geschichte doch noch nicht vorbei und ich bin gespannt, wie eine gewisse Laura Carmichael auf die Neuigkeiten reagieren wird.

 

 


 

 

Kapitel 2 – Laura

 

 

 

„Vielleicht sollte ich ein bisschen mehr Rouge auf die Wangen bekommen, was denkst du, Laura Schätzchen?“, fragt mich Tammy Blue und schaut mich über den Spiegel an. Wir befinden uns gerade mitten in New York, am Set des Films, für den ich als Stylistin und Visagistin engagiert wurde. Der Streifen handelt von vier Freundinnen, die sich nach gescheiterten Beziehungen neu erfinden. Ähnlichkeiten zu einer berühmten Serie sind vorhanden, wahrscheinlich auch beabsichtigt. Tammy, ihr richtiger Name lautet Tamara Hauser, spielt eine alleinerziehende Mutter, die sich mit Ende dreißig in einen Zwanzigjährigen verliebt. Die Story ist durchschaubar, am Schluss nimmt sie den Kerl, der über mehr Erfahrung verfügt. Mir ist schon klar, warum sie sich so entscheidet, schließlich liegt das auf der Hand. Jüngere Typen wollen sich austoben, sind meistens Egoisten, während ein älterer Mann genießen und verwöhnen kann.

 

„Die Wangenpartien treten stark genug heraus, noch eine Note dunkler und es kommt unnatürlich herüber“, merke ich an und ziehe die Konturen mit dem Pinsel nach, ohne sie wie einen Zirkusclown aussehen zu lassen. „Du sollst natürlich wirken und ich finde, du siehst toll aus.“

 

Tammy wirft einen kritischen Blick zur Seite, wo ihre Kollegin ebenfalls zurechtgemacht wird. „Sienna, Darling, spielst du eine Nutte oder warum hast du blauen Lidschatten auf den Augen?“

 

Besagte Sienna wedelt ihre Assistentin beiseite, versucht, ihre gebotoxte Stirn zu runzeln, und wirkt ziemlich angepisst. Die zwei sind erklärte Erzfeindinnen, die am Set gern mal eine persönliche Schlammschlacht führen.

 

„Wenigstens brauche ich dafür Make-up, du hingegen siehst immer etwas billig aus, nichts für ungut, Schwester!“

 

Wegen solcher Auseinandersetzungen sind die beiden anderen Hauptdarstellerinnen, Brenda und Josie, auf die gegenüberliegende Seite des Sets geflüchtet. Da ich mir meine Auftraggeber nur bedingt aussuchen kann, schlucke ich die Pille und denke mir meinen Teil. Tammy hat darauf bestanden, dass ich sie während der Dreharbeiten betreue. Für Brendas Make-up bin ich ebenfalls zuständig, sodass ich immer von einem Trailer zum nächsten hechele. Gott sei dank ist das Set nicht allzu groß und nach dem heutigen Tag, an dem die Außenaufnahmen abgedreht werden, geht es zurück aufs Studiogelände. Dort kann ich meine Turnschuhe wieder gegen High Heels eintauschen.

 

„Laura, du bist die Beste auf dem Gebiet und stimmst mir doch bestimmt zu, nicht wahr?“

 

„O nein, ich werde mich nicht in euren Krieg hineinziehen lassen, Tammy“, erwidere ich energisch und sehe zu Siennas Stylistin Dana, die mit den Händen eine Geste macht, als würde sie sich an einem Strick aufhängen.

 

Wir zwei verbringen die Pausen gemeinsam und klagen uns unser Leid. Sie ist neu in der Filmbranche, vorher hat sie hinter den Kulissen bei Videodrehs gearbeitet und musste sich bestimmt nicht mit solchen Nervensägen herumschlagen. Über mehrere Wochen für ein und dieselbe Person zu arbeiten, muss sie erst noch verdauen. Der Job ist toll, ich möchte nichts anderes tun, aber manchmal ist es ein Drahtseilakt.

 

„Dana macht einen guten Job und ihr seht beide großartig aus“, versichere ich ihnen und hoffe, dass ich nicht in die Hölle komme.

 

„In fünf Minuten geht es los!“ Die Durchsage des Regisseurs übertönt den Rest ihrer Keiferei, wofür ich gerade sehr dankbar bin. Nachdem ich mein Werk ausführlich begutachtet und die Haare mit einer extra Ladung Haarspray versehen habe, verschwinden die zwei Grazien ans Set.

 

„Ich weiß echt nicht, wer von den zweien das größere Miststück ist“, überlegt Dana laut und räumt ihre Sachen zusammen. Grinsend tue ich es ihr gleich. „Warum müssen Filmstars nur so abgedreht sein? Das ist mein dritter Job beim Film und ich sehne mich tatsächlich ein bisschen nach der Musikbranche zurück. Lieber pudere ich einem Keith Urban das Gesicht ab, als diesen beiden Hühnern zuzuhören. Hatten die überhaupt eine Kinderstube?“

 

Nun fange ich doch zu lachen an, denn Danas Entrüstung ist nicht zu überhören. „Die zwei hatten was mit demselben Kerl“, antworte ich ihr und zucke mit den Schultern, als ich ihren schockierten Gesichtsausdruck sehe. „Vorher waren sie wohl die dicksten Freundinnen, was wieder mal belegt, dass kein Mann so einen Aufriss wert ist.“

 

„Das ist ja furchtbar, warum sollte man das einer Freundin antun?“

 

„Weil sie nicht wussten, dass sie denselben Typen daten. Er hat es monatelang mit beiden getrieben, bis Tammy ihn bei Sienna im Bett erwischte. Seitdem hassen sie sich, obwohl ich ja der Meinung bin, dass sie dem Kerl eine Abreibung erteilen müssten, statt sich gegenseitig das Leben schwer zu machen.“

 

Mein Schminkkoffer ist gepackt, der Arbeitsplatz aufgeräumt, das bedeutet, ich kann endlich nach Hause. Das ist das Gute daran, jetzt dauerhaft in New York zu wohnen. Man ist schnell bei der Arbeit und hat ein echtes Zuhause, wohingegen ich sonst bei Drehs in anderen Städten oder Ländern mit einem Hotel vorlieb nehmen muss. Vor ein paar Monaten bin ich hierhergezogen und ich sehe durchaus Vorteile, hier zu leben.

 

„Hast du noch Lust auf einen Kaffee und ein Stück Kuchen?“, fragt Dana mich, während wir nebeneinander Richtung Ausgang laufen.

 

Das Filmset ist ein abgegrenzter Teil der Straße, durch einen Sichtschutz wird dafür gesorgt, dass die Passanten so gut wie nichts zu sehen bekommen. Von unserer Position erkenne ich, wie die vier Frauen Arm in Arm einen Zebrastreifen überqueren und lachen, als wären sie schon immer ein eingeschworenes Team gewesen. Dana schaut sich um, stolpert dabei über eines der Kabel, doch ein Tonträger rettet sie vor einem Sturz.

 

„Sorry“, entschuldigt sie sich peinlich berührt und hakt sich bei mir ein. „Daran werde ich mich echt erst gewöhnen müssen. Es ist alles so groß und die Leute sind hier teilweise so unfreundlich.“

 

„Du wirst dir mit der Zeit ein dickes Fell zulegen und was die Höflichkeit, derer angeht, die sich für enorm wichtig halten, gebe ich dir den Rat, sie zu ignorieren. Es kommt nicht oft vor, dass man so dicht am Set arbeitet und die Launen der Regisseure und anderen Wichtigtuer mitbekommt. Normalerweise haben wir unseren eigenen, kleinen Bereich. Hier geht es gerade hektischer zu, weil sie fertig werden wollen. Nächste Woche sind wir wieder im Studio und du bist in Sicherheit.“

 

„Das wäre mir tatsächlich lieber. Also was ist jetzt? Gehen wir noch ins Sweet Dreams? Ich bräuchte dringend etwas Nervennahrung.“

 

Ihr Hundeblick lässt mich einknicken, obwohl ich haufenweise Dinge zu erledigen habe. „Na schön, aber du bezahlst. Wenn wir weiterhin so oft dort essen, brauche ich bald einen Personaltrainer“, erwidere ich augenzwinkernd und haue mir auf die Hüfte. „Meine Figur wird nicht ewig so aussehen und ich hasse es, zu joggen. Wir sollten das Café wirklich nur für Notfälle im Hinterkopf haben.“

 

„Mein Ex will, dass ich zu ihm zurückkomme. Er meint, Nebraska wäre toll und genau der richtige Ort, um eine Familie zu gründen“, erwähnt sie so nebenbei, als würde sie über das scheiß Wetter reden, woraufhin ich mitten auf dem Bürgersteig abbremse, um sie erschrocken anzusehen.

 

„What the fuck? Okay, ich spendiere den Kuchen und dazu gibt es für dich noch eine große Portion Schlagsahne obendrauf. Womöglich gönne ich mir auch einen extra Cookie, ich muss erstmal die Tatsache verdauen, dass du aus Nebraska kommst.“

 

„Es ist schön dort“, murmelt sie mit einem versonnenen Lächeln, das mir klar macht, wie laut New York und ihre Einwohner auf sie wirken müssen.

 

„Hast du mir nicht erzählt, dass du schon für etliche Musiker gearbeitet hast?“ Ich kann mir kaum vorstellen, dass da wahnsinnig viele Künstler leben. Während ich auf ihre Antwort warte, hebe ich die Hand, um ein Taxi herbeizurufen. Wie durch ein Wunder hält das nächste mit quietschenden Reifen und wir verstauen unsere Sachen im Kofferraum. Gemeinsam steigen wir hinten ein und ich gebe dem Fahrer die Adresse des Sweet Dreams, dem leckersten und gleichzeitig gefährlichsten Ort in New York. Meine Freundin Stella betreibt zusammen mit meinen Eltern eine Bäckerei. Bald schon wird sie dort allein herrschen und ich weiß, dass es ihr eine furchtbare Angst einjagt. Egal, wie oft wir ihr versichern, dass sie gut genug ist, um diesen Laden zu managen, ihre Zweifel bleiben. Es ist zwar nicht mehr ganz so schlimm wie am Anfang, als ich sie kennenlernte, aber manchmal möchte ich sie einfach nur schütteln. Ihre Komplexe sind völlig unbegründet, die New Yorker Szene ist heiß auf ihre Leckereien.

 

„In Nebraska gibt es einige Country-Sängerinnen, bei denen ich Haare und Make-up gemacht habe und vor einem Jahr bekam ich durch Zufall das Angebot, für Keith zu arbeiten. Dabei habe ich auch Nicole kennengelernt, sie ist sowas von hübsch und sehr freundlich.“

 

„Okay, ich stand kurz auf dem Schlauch wegen der vergleichsweisen ruhigen Idylle, aus der du kommst, doch Country macht durchaus Sinn“, stimme ich ihr zu und schaue zu ihr hinüber. „Warum hast du deinen Freund verlassen, obwohl du dort zuhause bist? Versteh mich nicht falsch, wenn du deinen eigenen Weg gehen willst, super, aber als du ihn erwähnt hast, klangst du traurig“, gebe ich vorsichtig zurück. Meine Schwester meint immer, ich wäre taktlos, deswegen bemühe ich mich um mehr Feingefühl bei neuen Bekanntschaften.

 

„Er wollte Kinder, ich nicht“, antwortet sie mit heruntergezogenen Mundwinkeln. Zum nonverbalen Verständnis nicke ich und lege mir die Worte zurecht, bevor ich womöglich ungefiltert meine Meinung raushaue. Es prickelt mir auf der Zunge, zu sagen, was ich denke. Für mich ist es wirklich schwer, nicht ich zu sein. „Leo möchte heiraten, das Haus seiner Eltern umgestalten und er plant, eine Familie zu gründen“, erklärt sie mir und wirkt zerrissen.

 

„Sag ihm einen schönen Gruß, die Siebziger haben angerufen und wollen ihre antiken Ansichten zurück“, platzt es jetzt doch aus mir heraus. Das ist etwas, womit ich gar nicht umgehen kann. Frauen sind gleichberechtigt, jedenfalls sollten sie das sein und dann kommt so ein Chauvi und will sie dazu überreden, am Arsch der Welt Kinder zu kriegen.

 

Dana lacht los und legt mir beruhigend die Hand auf den Arm. „Hey, komm wieder runter. Ich habe mich ja dagegen entschieden, aber trotzdem fehlt er mir. Liebe kann man nicht so einfach abstellen, ich habe es versucht. Mit jedem Tag vermisse ich ihn mehr.“

 

Darauf weiß ich nichts zu antworten. Ich verliebe mich ständig, weil es Spaß macht, sich in jemanden zu vergucken und dieses Kribbeln zu spüren, wenn alles neu und frisch ist. Jeder Tag ist wie ein Flirt und Spiel mit dem Feuer. Leider entliebe ich mich auch genauso schnell. Niemand hat mich je aus den High Heels gehauen, denn so sollte für mich der absolute Jackpot in der Liebe sein. Er muss mich beeindrucken, verstehen und so nehmen, wie ich bin. Bis jetzt hat es immer bloß ein paar Wochen gehalten, dann war das süße Gefühl der Schmetterlinge verpufft.

 

Ich fühle mich zu gestandenen Männern hingezogen, die meine Schwester und meine Freundinnen fröhlich Silberrücken nennen. Sie haben einfach keine Ahnung, wie talentiert diese Kerle im Bett sind. Seit ich denken kann, stehe ich auf Ältere und habe damit kein Problem.

 

Es gibt da jemanden, den du ziemlich gut leiden konntest, flüstert mir der winzige Teil zu, der sich noch an den legendären Junggesellenabschied in Las Vegas erinnern will. Sscht, sei leise, ich mag dir nicht zuhören, zische ich ihm zu und verdränge ihn in die hinterste Ecke. Scott Tanner ist ein unwillkommener Geist in meinem Leben, der leider immer dann auftaucht, wenn man es am wenigsten erwartet. Es ist Wochen her, dass ich ihn gesehen habe, aber ab und zu schafft er es, sich in meine Gedanken zu schleichen, was ich ehrlich gesagt enorm nervig finde. Wie zum Beispiel jetzt, wo ich mich doch ganz auf Dana konzentrieren sollte.

 

„Wir werden dieses Thema ausführlich ausdiskutieren und falls das nicht funktioniert, können wir uns am Wochenende betrinken, das hilft so gut wie immer bei Liebeskummer, jedenfalls behaupten das alle. Schaden kann es bestimmt nicht.“

 

„Laura, ich habe dich falsch eingeschätzt, ich dachte, du hältst Gefühle für Zeitverschwendung“, wundert sie sich und ich verdrehe die Augen.

 

„Du sitzt gerade neben der unangefochtenen Queen des Verliebens, Dana! Ich liebe Männer, ich will sie nur nicht behalten.“

 

Vor dem Café angekommen, bezahle ich das Taxi und gebe ein üppiges Trinkgeld, sodass der Fahrer unsere Koffer in die Bäckerei schleppt. Er lächelt mich an, entblößt dabei ein paar wirklich schiefe Beißerchen und verschwindet. Innerlich schüttelt es mich, es geht doch nichts über akkurate Zähne. Es muss nicht das Hollywoodlächeln sein, an dem kaum etwas echt ist, aber gepflegt müssen sie sein. Mein erster Blick bei einem Kerl startet direkt beim Mund, anschließend werden die Unterarme begutachtet. Sind diese Kriterien erfüllt, können die Schmetterlinge einen Ausflug starten. Sollte er dann noch charmant und intelligent sein, dürfen die kleinen Dinger auch zum Angriff übergehen.

 

Wie gesagt, es braucht eine Menge, um mich zu beeindrucken, denn ich bin der Meinung, mich nicht unter Wert verkaufen zu müssen. Der Richtige wird kommen, irgendwann, wenn ich mich ausgetobt habe.

 

„Was machst du schon wieder hier?“, ruft Stella freudig über den Tresen hinweg, was mich peinlich berührt zu allen Seiten schauen lässt.

 

„Schrei noch lauter, die von Weight Watchers haben dich nicht gehört“, brumme ich zurück, doch meine Freundin lacht mich nur aus.

 

„Setzt euch, ich bringe euch gleich die neuen Macarons vorbei, die ich gebacken habe. Das Probeessen findet nächstes Wochenende statt und ich will, dass die Dinger einen umhauen“, plappert sie aufgeregt und schiebt sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Nun hat sie überall Mehl auf der Stirn, was bei ihr so eine Art Dauerzustand ist. Manchmal hege ich den Verdacht, dass sie auch nachts hier herumgeistert, um ihrem kreativen Kopf freien Lauf zu lassen.

 

„Warum zum Henker müssen wir da was testen, du überdrehtes Weib? Deine Sachen schmecken immer, hör auf, so tief zu stapeln. Dir gehört die erfolgreichste Bäckerei der Stadt, du bist eine Granate und hast dir nebenbei einen Profisportler geangelt. Sieh es ein, du bist die niedlichere Version von Wonder Woman“, bremse ich ihren Wortschwall aus.

 

Stella blinzelt heftig, wird dann knallrot und fängt zu quietschen an, ehe sie mich umarmt. „Du bist die Beste, Laura, obwohl du manchmal rabiat bist, liebe ich dich.“

 

„Ich dich auch und jetzt hol uns deine runden Hüftvergrößerer, wir haben hier einen Notfall“, erkläre ich ihr und lenke von ihrem Kompliment ab. Ich vergebe gerne welche und bekomme sehr viele von Männern. Bei Frauen kommt es eher selten vor, denn meistens dreht sich alles um den Konkurrenzkampf, den ich bis heute nicht verstanden habe. Es existieren Millionen Kerle auf dieser Welt, für jede ist was dabei, also gibt es keinen Grund für Streitereien oder Besitzansprüche. Eifersucht ist mir völlig fremd.

 

„Notlage Spezial, serviere ich euch sofort!“ Stella saust in den hinteren Teil, wo sich die Küche befindet, und wir suchen uns einen Platz. Wir haben Glück und setzen uns in eine ruhige Ecke, wonach Dana mich komisch ansieht.

 

„Was ist?“, frage ich deshalb und hoffe, dass ich durch die stürmische Umarmung nicht ebenfalls mit Mehl bestäubt bin.

 

„Darf ich offen zu dir sein?“

 

„Ich bitte darum! Du kannst mir alles sagen, ich werde auch immer ehrlich zu dir sein“, antworte ich sofort, da mir das sehr wichtig ist.

 

Heuchlerin, zischt die Stimme erneut, und bringt mich dazu, unterm Tisch die Hände zu Fäusten zu ballen. Du bist ganz und gar nicht aufrichtig zu dir selbst, hetzt sie weiter. Langsam wird sie lästig, genau wie der Mann, der diese Stimme zum Vorschein gebracht hat.

 

„Als ich dich zum allerersten Mal sah, habe ich gedacht, du wärst eine Zicke“, eröffnet sie mir und ich lehne mich entspannt nach hinten. „Aber du bist nett und verdammt witzig.“ Dana grinst mich entschuldigend an, doch ich bin ihr nicht böse. Sie ist nicht die Erste, die mich falsch einschätzt und es macht mir nicht das Geringste aus. Sollen mich die Leute, die mich nicht kennen, für oberflächlich halten, meine Familie und Freunde wissen, wie ich wirklich bin. Hübsch sein ist kein Synonym für Arroganz und Stärke hat nichts mit Überheblichkeit zu tun. Wer das nicht begreift, darf sich zum Teufel scheren.

Scott erklärte mir in jener Nacht, dass er mich heiß findet, weil ich klug und witzig bin, doch kurz darauf habe ihn dazu gebracht, mich zu verfluchen. Wie gesagt, ich kann auch ein Miststück sein, schließlich ist niemand perfekt.


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