Leseprobe


Neugierig auf unsere Veröffentlichung? Dann hol dir hier einen Appetithappen. Das Werk ist am 24.02.2021 erschienen.



 

Kapitel 1

 

Ash

 

 

 

Das nervende Geräusch des Weckers riss mich unsanft aus dem Land der Träume. Blind nach dem Smartphone auf dem Nachttisch tastend, vergrub ich mein Gesicht tiefer im Kissen.

 

„Verdammt, wie spät ist es?“, erklang plötzlich eine weibliche Stimme neben mir.

 

Ich brauchte einen Moment, bis ich mich daran erinnerte, dass ich mit der Stewardess, die ich auf dem Flug von San Francisco zurück nach New York kennengelernt hatte, durch etliche Bars gezogen war. Schließlich waren wir in meinem Bett gelandet. Normalerweise brachte ich meine One-Night-Stands anschließend nach Hause oder wie im Fall einer Flugbegleiterin, die nicht in dieser Stadt lebte, ins Hotel, aber ich musste gestern Abend direkt nach dem Sex eingeschlafen sein. Verflucht, wurde ich etwa alt?

 

„Shit, shit, shit! Ich komme zu spät zum Flughafen. Mein Flieger geht in zwei Stunden“, rief sie verzweifelt. Wenn ich mich richtig erinnerte, hieß sie Shannon.

 

„Soll ich dich bringen?“, bot ich an. Obwohl es mir herzlich egal hätte sein können, wollte ich nicht, dass sie wegen einer Nacht mit mir Ärger bekam. So ein Arsch war ich nun auch nicht.

 

„Das wäre wirklich nett von dir“, antwortete sie erleichtert und eilte mit ein paar Klamotten über dem Arm in Richtung des Gäste-Bads.

 

Brummend stieg ich aus dem Bett, verschwand im Badezimmer, stellte mich kurz unter die Dusche und zog mir anschließend eine Jeans sowie ein hellblaues Hemd an, weil ich vom Flughafen direkt in die Firma fahren wollte. Während mein bester Freund und Chef Liam Coltrane ausschließlich teure Maßanzüge im Büro trug, bevorzugte ich Alltagsklamotten. Allerdings war er CEO der Johnson Corporation, einem Unternehmen, das modernste Shoppingmalls im ganz Land aus dem Boden stampfte. Ich war lediglich als Leiter der IT-Abteilung dort tätig, wofür ein lässiger Look vollkommen ausreichend war, es sei denn, es stand ein wichtiges Meeting oder ein besonderer Anlass an. Für diese Fälle besaß auch ich ein paar maßgeschneiderte Anzüge.

 

Als ich das Bad verließ, stand Shannon in der Uniform der Fluggesellschaft vor mir und ich musste gestehen, dass sie darin sehr sexy aussah.

 

„Sieh mich nicht so an. Wir müssen wirklich los.“ Ihr Blick, mit dem sie mich ausgiebig und ungeniert musterte, machte deutlich, dass sie lieber zurück in mein Bett wollte, aber dazu wäre es so oder so nicht gekommen. Ich mochte keine Wiederholungen, schließlich hieß es nicht umsonst One-Night-Stand. Sie schnappte sich ihren Trolley und ging mit wiegenden Hüften in den Flur, was seine Wirkung nicht verfehlte, denn ich starrte ihr unverhohlen auf den Arsch, während ich ihr grinsend folgte.

 

Zwar hasste ich es, ohne Kaffee in den Tag zu starten, mir blieb jedoch nichts anderes übrig. Eilig griff ich nach dem Portemonnaie, dem Handy und dem Schlüsselbund, dann hielt ich ihr die Tür auf. Im Vorbeigehen ließ sie ihre perfekt manikürten Fingernägel über meine Brust wandern, was ich mit einem falschen Lächeln quittierte. Genau das war es, was mich abhielt, mich öfter als einmal mit einer Frau zu treffen. Diese Geste mochte harmlos wirken, doch in Wirklichkeit meldete sie einen gewissen Besitzanspruch an.

 

Als wir die Tiefgarage betraten, warf ich meinem, zum Wohnmobil umgebauten, alten GMC Vandura einen kurzen bedauernden Blick zu. Ich hatte mir den Van, der aus der Serie Das A-Team bekannt war, während des Studiums gekauft und war damit regelmäßig an den Wochenenden unterwegs gewesen. Seit ich für die Johnson Corp. arbeitete, war ich nur noch selten mit ihm gefahren. Um damit zur Arbeit zu fahren, war er aufgrund seiner Größe denkbar ungeeignet, trotzdem wollte ich ihn nicht verkaufen.

 

Ich steuerte auf mein Zweitauto zu und war auf ihre Reaktion gespannt.

 

„Der gehört dir?“ Shannon betrachtete enttäuscht den Wagen. „Nachdem ich dein schickes Appartement gesehen habe, hatte ich mit etwas Modernerem gerechnet.“

 

Wie die meisten Frauen erkannte sie nicht, dass es sich um einen echten DeLorean DMC-12 von 1981 handelte.

 

„Unterschätz den Kleinen nicht.“ Ich schloss den Oldtimer auf und öffnete ihr die Flügeltür auf der Beifahrerseite.

 

Sie nahm kommentarlos Platz und musterte das Interieur mit einem abschätzigen Blick. Ich seufzte, griff ihren Trolley und verfrachtete ihn in den Kofferraum, ehe ich zur Fahrerseite ging, mich hinter das Lenkrad sinken ließ und den Motor startete. Natürlich war das Auto nicht mit Noahs Porsche oder Ethans Corvette zu vergleichen, aber ich liebte das Kultfahrzeug trotzdem.

 

Der Verkehr in New York war um diese Uhrzeit die Hölle und wir kamen nur langsam voran. Als ich endlich auf dem Parkplatz vor dem Terminal hielt, sprang Shannon aus dem Wagen. Ich stieg ebenfalls aus, um ihr den kompakten Rollkoffer zu überreichen.

 

„Es war wirklich schön mit dir. Ich bin nächste Woche wieder hier, mein Flieger landet Viertel nach eins. Vielleicht sehen wir uns.“ Sie zwinkerte mir zu, dann wandte sie sich ab und rannte, so schnell wie ihre High Heels es zuließen, in das Flughafengebäude.

 

Erst jetzt bemerkte ich den Zettel mit ihrer Telefonnummer auf dem Beifahrersitz. Seufzend verbannte ich ihn ins Handschuhfach, wo er zwischen ähnlichen Papieren und ein paar Strafzetteln verschwand. Ich drehte die Musik auf und folgte den Hinweisschildern Richtung Innenstadt. Unterwegs fuhr ich in einen Drive-In und besorgte mir meine dringend benötigte Dosis Koffein, wobei ich mit der Bedienung so heftig flirtete, dass sie fast vergaß zu kassieren.

 

Eine knappe Stunde später lief ich durch die Lobby des Wolkenkratzers, in dem sich in den oberen beiden Etagen die Filiale der Johnson Corporation befand. Mein Büro lag auf dem gleichen Flur wie Liams, weshalb ich beschloss, zuerst bei ihm vorbeizuschauen. Normalerweise empfing mich dort immer Megan, seine Lebensgefährtin und persönliche Assistentin, doch heute war ihr Platz leer, was mich wunderte. Sie war zwar schwanger, hatte es sich allerdings trotzdem nicht nehmen lassen, jeden Tag ihrer Arbeit nachzugehen, obwohl unser Boss das nicht gern sah. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er sie am liebsten in Watte gepackt und zuhause eingesperrt. Er war ein dominanter Mistkerl, sie hatte ihn jedoch verdammt gut im Griff, wofür ich sie bewunderte.

 

Ich klopfte an die Tür, auf der in goldenen Lettern CEO stand, und trat ein, ohne eine Antwort abzuwarten. Liam telefonierte gerade und verdrehte die Augen, was aber offenbar dem Menschen am anderen Ende der Leitung galt, denn er bedeutete mir, vor dem Schreibtisch Platz zu nehmen.

 

„Es kann doch nicht so schwer sein, eine Assistentin zu finden“, schnauzte er in den Hörer, ehe er den Erklärungen seines Gesprächspartners lauschte. „Das interessiert mich einen Scheiß. Spätestens morgen früh will ich eine halbwegs fähige Person in meinem Vorzimmer sehen.“

 

Mit diesen Worten legte er auf und seine Miene verriet, dass er heute mit Vorsicht zu genießen war. Ich kannte ihn schon lange. Wir hatten zusammen studiert, uns dann jedoch aus den Augen verloren. Erst, als ich mich bei der Johnson Corporation um den Posten des Leiters der IT-Abteilung bewarb, standen wir uns plötzlich wieder gegenüber.

 

„Guten Morgen! Ist mit Megan alles in Ordnung?“, fragte ich besorgt.

 

„An diesem Morgen ist nichts gut“, brummte er mürrisch und nippte an seinem Kaffee. „Diese Frau ist mein Tod.“

 

Ich musste lachen, denn sie schaffte es wie keine andere, den großen Liam Coltrane zur Weißglut zu bringen. „Was hat sie getan?“

 

„Ihr ist schwindelig gewesen! Verstehst du? Ihr geht es nicht gut! Anstatt ins Krankenhaus zu fahren, wollte sie doch tatsächlich zur Arbeit. Kannst du dir das vorstellen?“

 

„Bis zum Geburtstermin sind es aber noch ein paar Wochen, oder?“, hakte ich vorsichtig nach, da ich nicht glaubte, dass sie die Gesundheit des Babys für ihren Job aufs Spiel setzte.

 

„Zwölf, um genau zu sein. Sie behauptet, die Ärztin hätte erklärt, dass das vorkommen kann und sie nur darauf achten soll, genug zu trinken und regelmäßig zu essen. Ich habe ihr trotzdem verboten, arbeiten zu gehen.“

 

„Und das hat sie einfach so hingenommen?“, erkundigte ich mich erstaunt.

 

„Pfft, von wegen. Ich habe ihr angedroht, sie an das Andreaskreuz zu ketten.“ Er machte ein entschlossenes Gesicht und ich kaufte ihm diese Aussage sofort ab. Schmunzelnd beobachtete ich meinen Kumpel, der soeben einen prüfenden Blick auf sein Handy warf und es dann frustriert zurück auf den Tisch legte. „Sie schmollt immer noch“, brummte er missmutig und ich lachte auf.

 

„Ich wäre auch sauer, wenn du mir androhen würdest, mich anzuketten.“

 

„Meinst du, ich war zu hart zu ihr?“ Er wirkte unsicher, was ich nicht von ihm kannte. Normalerweise strotzte er nur so vor Selbstbewusstsein.

 

Ich schüttelte den Kopf. „Mach dir keine Sorgen. Sie kennt dich und liebt dich so, wie du bist.“

 

Er murmelte etwas Unverständliches, dann räusperte er sich und setzte eine verschlossene Miene auf, die deutlich machte, dass er zum Geschäftlichen übergehen wollte. Wir besprachen die Schwachpunkte der neuen Software, die vor allem in der Filiale in San Francisco aufgetaucht waren, weshalb ich in den letzten Monaten immer wieder an die Westküste geflogen war. Als wir uns darauf verständigt hatten, an welchen Stellen wir nachbessern mussten und dass wahrscheinlich weitere Schulungen der Mitarbeiter nötig waren, klingelte sein Handy. Wenn ich seinen erfreuten Gesichtsausdruck richtig deutete, handelte es sich bei der Anruferin um Megan. Daher stand ich auf und verabschiedete mich lautlos.

 

Ich lief den Flur entlang und kam am Büro unseres Personalleiters vorbei. Die Tür war offen und er saß stirnrunzelnd am Schreibtisch. Grinsend ging ich zu ihm, denn ich konnte mir denken, was ihm gerade zu schaffen machte.

 

„Hey, Tom, gab es irgendwelche Probleme, während ich die Sonne in Frisco genossen habe?“

 

Er blickte hoch und ich musste über seine angepisste Miene lachen. „Du meinst, noch mehr Probleme, als dem Chef innerhalb von nicht mal vierundzwanzig Stunden eine fähige Assistentin zu organisieren?“

 

„Warum übernimmt nicht Martha den Job? Sie ist seit einer gefühlten Ewigkeit im Betrieb und kennt sich mit den Arbeitsabläufen aus“, schlug ich spontan vor.

 

Tom schüttelte den Kopf. „Sie arbeitet nur noch Teilzeit und außerdem möchte ich ihr nicht mehr zumuten, sich sechs Monate vor ihrer Rente in einen neuen Aufgabenbereich einarbeiten zu müssen.“ Er seufzte schwer. „Im Moment sind alle Arbeitsplätze perfekt besetzt und das Arbeitsklima ist super, da möchte ich nur ungern etwas ändern. Allerdings stellt sich heute Nachmittag eine Neue für den Posten in der Buchhaltung vor. Vielleicht lässt sich da was machen.“ Seine Augen leuchteten auf und er kramte auf seinem Tisch, bis er eine Bewerbungsmappe hervorzog.

 

„Ich wünsche dir viel Glück.“ Mit diesen Worten winkte ich ihm zu und setzte meinen Weg in mein Büro fort.

 

Als ich dort ankam, schloss ich die Tür, ließ mich in den bequemen Sessel hinter meinem Schreibtisch fallen und schaltete den Rechner ein. Während ich darauf wartete, dass er hochfuhr, lehnte ich mich zufrieden zurück. Mein Alltag gefiel mir außerordentlich gut. Der Job machte mir Spaß, ich besaß ein schickes Appartement mit Blick auf den Hudson, einen kultigen Oldtimer und wenn ich einen wegstecken wollte, musste ich nur in das Handschuhfach greifen und eine Nummer ziehen.

 

Mein Leben war einfach perfekt!


 

 

Kapitel 2

 

Lexie

 

 

 

Mit zitternden Knien saß ich auf einem der beiden Stühle, die vor dem Büro von Mr. Harrison standen. Ich hatte mich tagelang auf das Vorstellungsgespräch bei der Johnson Corporation vorbereitet, aber jetzt fühlte sich mein Kopf wie leergefegt an. Als ich die Einladung in meinem Email-Postfach gesehen hatte, dachte ich zuerst an Spam. Nach genauerem Hinsehen wurde mir jedoch klar, dass ich tatsächlich die Chance bekommen würde, mich in einem großen Unternehmen für den Posten in der Buchhaltung vorzustellen.

 

Auf dem College hatte ich Bestnoten erzielt und auch in der Firma, bei der ich im Anschluss zu arbeiten angefangen hatte, war man sehr zufrieden mit mir gewesen. Ein unangenehmer Schauder lief mir über den Rücken, als meine Gedanken zu dem Moment zurückkehrten, der mir meine Naivität vor Augen geführt hatte.

 

„Ms. Adams?“

 

Erschrocken zuckte ich zusammen. Vor mir stand ein etwas rundlicher Mann, ich schätzte ihn auf Ende vierzig. Er lächelte mir freundlich zu und bedeutete mir, in sein Büro zu gehen.

 

„Guten Tag, Mr. Harrison“, begrüßte ich ihn und ging an ihm vorbei.

 

„Setzen Sie sich“, bat er und zeigte auf einen der beiden Freischwinger vor dem Schreibtisch, wohingegen er dahinter in seinen Bürostuhl Platz nahm.

 

Ich kam der Aufforderung nach und wartete angespannt auf seine Fragen. Vor ihm auf dem Tisch lagen meine Bewerbungsunterlagen und er warf einen raschen Blick hinein, ehe er mir fest in die Augen sah.

 

„Ms. Adams, Ihren Unterlagen entnehme ich, dass Sie während eines Praktikums in Ihrer Zeit am College, Erfahrungen in der Assistenz der Geschäftsführung sammeln konnten.“

 

Häh? Wie kam er denn jetzt darauf? Das Praktikum ging über einen Zeitraum von gerade mal drei Wochen. Da er es als Feststellung formuliert hatte, nickte ich lediglich.

 

„Sehr schön. Eine Sache lässt mich jedoch stutzen. Sie hatten eine unbefristete Anstellung bei Miller and Sons. Warum haben Sie dort nach nur vier Monaten gekündigt?“

 

Ich hatte gewusst, dass er diese Frage stellen würde und mir eine entsprechende Antwort zurechtgelegt. Sie entsprach nicht komplett der Wahrheit, doch ich ersparte mir peinliche Erklärungen.

 

„Meine Mutter litt an Krebs und ich habe meinen Job gekündigt, um ihr bis zu ihrem Tod beizustehen.“

 

„Mein herzliches Beileid“, murmelte er und machte sich eine kurze Notiz, die ich jedoch, von meiner Position aus, nicht lesen konnte.

 

„Danke“, antwortete ich automatisch. Ich empfand diese nichtssagenden Beileidsbekundungen als Floskeln, die mehr mit Anstand als mit Gefühlen zu tun hatten.

 

„Es ist so, Ms. Adams“, begann er und lehnte sich in seinem Stuhl zurück, wobei er mich freundlich betrachtete. „Es ist kurzfristig die Stelle der Assistentin der Geschäftsführung vorübergehend freigeworden. Sie bringen gute Voraussetzungen mit, den Posten zu übernehmen. Allerdings muss ich Ihnen sagen, dass es sich lediglich um eine Schwangerschaftsvertretung handelt. Wie ich Ms. Clark einschätze, wird sie sich nicht allzu lange von der Arbeit fernhalten lassen. Im Anschluss werden wir Sie anderweitig im Unternehmen unterbringen.“

 

Das musste ich erst mal sacken lassen. Er wollte mich tatsächlich als Assistentin des CEOs einstellen? Dafür war ich, bis auf dieses lächerlich kurze Praktikum, nicht qualifiziert. Das konnte eigentlich nur in einer Katastrophe enden. Andererseits war es eine unglaubliche Chance, die sich nicht so schnell wieder bieten würde. Falls ich es schaffen sollte, mich zu beweisen, hätte ich anschließend völlig neue Möglichkeiten.

 

„Mir ist bewusst, dass das jetzt etwas plötzlich kommt“, warf Mr. Harrison ein, doch ich unterbrach ihn.

 

„Ich mache es“, platzte ich heraus und die Miene des Personalchefs hellte sich sichtbar auf.

 

„Natürlich werden Sie Einarbeitungszeit benötigen, aber darüber ist sich Mr. Coltrane im Klaren.“

 

Bei der Erwähnung des CEOs schob sich sofort ein Bild vor mein inneres Auge. Er war ein sehr attraktiver Mann mit einer extrem dominanten Ausstrahlung. Als ich sein Foto im Internet betrachtet hatte, war mir mulmig geworden, denn in gewisser Weise erinnerte er mich an meinen ehemaligen Chef. Ich hatte diese Gefühle beiseitegeschoben, weil ich mir sicher gewesen war, in der Buchhaltung nicht oft mit ihm zusammenzutreffen. Jetzt sah die Situation vollkommen anders aus.

 

„Haben Sie noch Fragen?“ Mr. Harrison riss mich aus meinen Gedanken.

 

„Wann soll ich anfangen?“

 

„Gleich morgen früh. Melden Sie sich zuerst bei mir, dann bringe ich Sie zum Big Boss.“

 

Er überreichte mir einen Arbeitsvertrag, den ich bis zu meinem Arbeitsantritt unterschreiben sollte. Ich steckte ihn in meine Tasche, anschließend standen wir auf und er begleitete mich zur Tür.

 

„Bis morgen, Ms. Adams.“ Zum Abschied reichte er mir die Hand.

 

„Ich freue mich.“ Nachdem wir uns die Hände geschüttelt hatten, ging ich über den langen Flur bis zu den Fahrstühlen. Ich konnte nichts gegen das Grinsen tun, das sich auf meinem Gesicht ausbreitete.

 

Als sich die Aufzugtüren öffneten, sah ich in unfassbar grüne Augen, die mich neugierig musterten. Sie gehörten dem attraktivsten Mann, den ich je gesehen hatte. Seine Haare waren blond und er trug sie etwas länger, als es sich für die Chefetage eines Unternehmens, wie der Johnson Corporation, gebührte. Er war ein gutes Stück größer als ich und sein Hemd betonte die breiten Schultern.

 

Für einen Augenblick hatte ich das Gefühl, wir würden uns in einer Art Blase befinden, in der die Zeit stehenblieb, doch in Wirklichkeit dauerte der Moment, in dem sich unsere Blicke ineinander verhakten, nur wenige Sekunden. Während ich wie angewurzelt vor dem Fahrstuhl stand, trat er an mir vorbei und ich nahm den herben Duft seines Aftershaves wahr. Zum Glück konnte ich mich davon abhalten, tief einzuatmen. Ich erwachte erst aus dieser Art Trance, als sich die Fahrstuhltüren schlossen, und ich hielt gerade noch rechtzeitig die Hand dazwischen, sodass sie sich wieder öffneten. Als ich den Aufzug betreten hatte, drehte ich mich um, aber Adonis war verschwunden. Erst, nachdem ich im Erdgeschoss ausgestiegen war, kehrten meine Gedanken zu dem Vorstellungsgespräch und dem damit verbundenen Jobangebot zurück.

 

Emily! Ich musste unbedingt meine beste Freundin anrufen, um ihr die Neuigkeiten mitzuteilen. Während ich das Gebäude verließ, suchte ich in der Handtasche nach meinem Handy.

 

Bereits nach dem zweiten Klingeln hob sie ab. „Los sag schon, wie ist es gelaufen?“, fragte sie ohne eine Begrüßung, worüber ich lächeln musste.

 

„Ich habe den Job, für den ich mich beworben habe, nicht bekommen“, antwortete ich und bemühte mich, wenigstens für einen Moment traurig zu klingen.

 

„O je, das tut mir leid, Süße. Schokoeis und Kekse bei mir?“

 

„Ich hätte eher Lust auf ein Glas Prosecco und zur Feier des Tages eine riesige Portion Sushi“, entgegnete ich und konnte mir das Lachen nicht mehr verkneifen.

 

„Wenn du dich mit mir lieber betrinken willst, ist das auch okay, aber dann würde ich dir zu Wodka raten. Das geht schneller und macht keine Kopfschmerzen“, gab sie zurück.

 

„Nein, du weißt, wie ich zum Thema Alkohol stehe. Außerdem muss ich morgen früh absolut nüchtern sein, wenn ich meinen neuen Job als Assistentin der Geschäftsführung antrete“, ließ ich die Bombe platzen.

 

Sicherheitshalber hielt ich das Handy einen halben Meter von meinem Ohr weg, sodass Emilys Kreischen meinem Trommelfell nichts anhaben konnte. „Wie hast du das geschafft? Du musst mir unbedingt alles erzählen“, rief sie, außer sich vor Freude.

 

„Ich bin in etwa einer Stunde bei dir.“

 

„Gut, ich besorge inzwischen den Prosecco und bestelle das Sushi. Beeil dich, ich komme um vor Neugierde.“

 

Wir legten auf und ich nahm die Subway nach Brooklyn Windsor Terrace, wo Emily in einer hübschen Mietwohnung lebte, die ich mir bis vor einem knappen Jahr mit ihr geteilt hatte. Früher waren wir Nachbarskinder gewesen, das Haus ihrer Eltern befand sich nur eine Querstraße von unserem entfernt. Ich liebte die Gegend, denn dort war ich aufgewachsen und hatte eine glückliche Kindheit erlebt.

 

Nachdem ich zweimal umgestiegen und ein gutes Stück gelaufen war, stand ich endlich vor Emilys Tür. Ich hatte den Klingelknopf noch nicht berührt, da ertönte bereits der Summer und ich hastete in den dritten Stock. Als ich gerade oben angekommen war, flog die Tür auf und meine beste Freundin stürzte sich lachend auf mich. Wir umarmten uns so fest, dass uns fast die Luft wegblieb, und quietschten dabei vor Freude.

 

„Was ist denn hier los?“, unterbrach eine knurrige Stimme unseren Freudentanz abrupt.

 

„Tut mir leid, Mrs. Allen, doch Lexie hat einen neuen Job und das müssen wir feiern.“ Emily sah ihre betagte Nachbarin entschuldigend an.

 

„Das freut mich für sie, aber jetzt verschwindet aus dem Treppenhaus, das Gejaule tut in meinen Ohren weh“, brummte sie missmutig und verschwand wieder in ihrer Wohnung.

 

Wir gingen in Emilys Appartement und sie schloss die Tür hinter uns, während sie die Augen verdrehte.

 

„Die alte Hexe wird immer unleidlicher“, beschwerte sie sich.

 

„Ach komm, sie hat sonst niemanden, mit dem sie reden kann.“ Obwohl sie es auf eine merkwürdige Art tat, wussten wir, dass Mrs. Allen froh war, wenn sie ein paar Worte mit jemandem wechseln konnte. Emily ließ sich auf die Couch fallen und ich zog rasch die Schuhe aus, ehe ich neben sie plumpste. „Und? Wie viel verdienst du als rechte Hand des unwiderstehlichen Liam Coltrane?“

 

Mir fiel auf, dass ich vor lauter Aufregung noch keinen Blick auf den Vertrag geworfen hatte. „Keine Ahnung“, sagte ich daher und holte den Umschlag aus meiner Tasche.

 

Ehrfürchtig zog ich die Unterlagen hervor, überflog die ersten Zeilen, bis ich die Überschrift Gehalt las. Die Zahl, die dort stand, machte mich fassungslos.

 

„Oh mein Gott“, platzte Emily, die mir über die Schulter gesehen hatte, heraus. „Das ist ja Wahnsinn!“

 

Vor Freude stiegen mir Tränen in die Augen, während meine Freundin uns großzügig Prosecco in die Gläser goss und mir anschließend eines davon reichte.

 

„Ich freue mich riesig für dich, Lexie. Wenn es jemand verdient hat, dann du.“

 

Wir stießen an und ich trank einen kleinen Schluck. Wenig später klingelte der Sushi-Bote und wir stürzten uns auf die Köstlichkeiten. Den Rest des Abends schmiedeten wir Pläne, was ich mir mit dem Geld alles gönnen sollte. Obwohl es Spaß machte, über all die Dinge nachzudenken, mein größter Wunsch würde sich nicht erfüllen. Trotzdem fühlte ich mich heute so gut wie schon lange nicht mehr und hoffte, dass dieser Zustand noch eine Weile anhielt.