Leseprobe

 

Neugierig? Dann hol dir hier schon einmal einen Appetithappen.

 


Denver Dragons: Annie & Maddox

Ava Cross



 

Kapitel 1

 

Maddox

 

 

 

 

 

Die drei Wochen Urlaub sind wie im Flug vergangen und obwohl die Zeit auf Hawaii erholsam war, freue ich mich auf den offiziellen Trainingsbeginn nächsten Montag. American Football ist mein Leben und mit der Ernennung zum Stammspieler auf der Position des Tight End der Denver Dragons vor zweieinhalb Jahren ist ein Traum für mich wahrgeworden. Seit der letzten Saison bin ich einer der vier Teamcaptains, wodurch ich noch mehr in den Fokus der Öffentlichkeit geraten bin, was mich aber nicht stört. Meine Teamkameraden bezeichnen mich als Rampensau, was dem Umstand geschuldet ist, dass ich bei Interviews oder Pressekonferenzen für meine Späße bekannt bin.

 

Ich lenke meinen Mercedes GLE auf die Einfahrt des Hilton Hotels, wo heute das fünfzigjährige Bestehen der Denver Dragons groß gefeiert werden soll. Sämtliche Funktionäre, das komplette Team, sowie einige ausgesuchte Medienvertreter werden anwesend sein und es ordentlich krachen lassen. Da ich etwas außerhalb in Littleton wohne, habe ich in weiser Voraussicht von Wanda, unserer Teambetreuerin, die von allen liebevoll Bumblebee genannt wird, für die Nacht ein Zimmer buchen lassen.

 

Der Parkboy nimmt den Schlüssel für mein Auto entgegen und ich begebe mich zum Eingang, wo engagiertes Security-Personal versucht, eine Traube begeisterter Fans in Schach zu halten. Als sie mich erkennen, wird das wilde Kreischen der vorwiegend weiblichen Groupies lauter. Ich gehe selbstsicher auf sie zu, während ich ihnen ein charmantes Lächeln schenke. Die nächste halbe Stunde bin ich damit beschäftigt, Selfies mit ihnen zu machen, Autogrammwünsche zu erfüllen und eindeutige Angebote freundlich aber bestimmt abzulehnen.

 

Nach einer Weile gebe ich den Sicherheitsleuten ein Zeichen und sie sorgen augenblicklich dafür, dass sich die Menge etwas zurückzieht, sodass ich die Lobby betreten kann.

 

„Hey Mad Max“, begrüßt mich Chandler Wood, unser Quarterback, der von allen Woody genannt wird.

 

„Hast du dich mal wieder über den Seiteneingang reingeschlichen?“, frage ich amüsiert. Im Gegensatz zu mir ist er eher medienscheu und meidet die Meute so gut wie möglich.

 

Aufgrund seiner Position im Team bleibt es natürlich nicht aus, dass er an offiziellen Presseterminen teilnimmt, aber darüber hinaus mag er es still und zurückgezogen.

 

„Ich wollte dir die Show nicht stehlen, Mann. Außerdem liebst du doch das Bad in der Menge.“

 

Grinsend schlage ich ihm kumpelhaft auf die Schulter. Wie ich trägt auch er dem Anlass angemessen, einen schwarzen Smoking und darunter ein blütenweißes Hemd. Auf eine Krawatte haben wir beide verzichtet. Gemeinsam machen wir uns auf den Weg zum großen Konferenzsaal, an dessen Eingang eine Angestellte des Hotels pflichtbewusst nach den Einladungskarten fragt, obwohl sie uns mit unseren Namen anspricht.

 

Als wir den riesigen Saal betreten, staune ich, wie voll es bereits ist. Im Hintergrund läuft nichtssagende Musik, das wird sich hoffentlich ändern, sobald der DJ beginnt aufzulegen. Auf der Suche nach unseren Mannschaftskameraden müssen Chandler und ich zahlreiche Hände schütteln und mit wichtigen Personen der Vereinsführung Smalltalk halten. Während mir diese Gespräche leichtfallen, macht mein Teamkollege neben mir einen zunehmend gequälten Gesichtsausdruck.

 

„Da seid ihr ja endlich“, begrüßt uns Bradley, alias Bear, unser Runningback. „Habt ihr gesehen? Die Kleine von CBS 4 ist auch hier. Sie ist absolut heiß.“

 

„Er begreift einfach nicht, dass die Frau in einer ganz anderen Liga spielt“, erklärt Cole kopfschüttelnd. Der Wide Receiver grinst dreckig und fängt sich von Brad einen Schlag auf den Hinterkopf ein.

 

„Wo sind die anderen?“, frage ich und versuche, in der Menge ein paar der Jungs auszumachen.

 

„Sitzen mit ihren Frauen wie Spießer am Tisch“, lästert Bradley und nickt in die Richtung des Saales, wo Sitzgruppen aufgestellt worden sind.

 

Ich entdecke Maverick, Scott und Mason, die tatsächlich in weiblicher Begleitung sind, und sich angeregt unterhalten.

 

„Kommt, wir besorgen uns erst mal was zu trinken, sonst überlebe ich die garantiert todlangweilige Rede vom Big Boss nicht“, schlägt Chandler vor und wir folgen ihm zum beeindruckenden Buffet, das die gesamte Breite des Festsaals einnimmt.

 

„Ich wäre auch dafür gewesen, dass Maddox die hält“, scherzt Cole hinter mir.

 

„Der hatte heute bereits seinen Spaß“, lässt Chandler verlauten. „Ihr hättet ihn mal sehen müssen, er bekam das zufriedene Grinsen gar nicht mehr aus dem Gesicht.“

 

„Hey, das ist Arbeit, ihr unterschätzt das total“, kontere ich, doch die drei lachen nur.

 

Als wir am Tresen, wo die Getränke ausgegeben werden, ankommen, gibt Chandler unsere übliche Bestellung auf: vier Bier, einen Scotch, einen Wodka, einen Rum und einen goldenen Tequila. Wir haben schon so viele Partys zusammen gefeiert, dass er gar nicht erst nachfragen muss, was wir trinken wollen.

 

Der Bursche auf der anderen Seite des Bartresens wirkt leicht überfordert und sieht sich hektisch um. „Annie, beweg dich, ich brauche hier Hilfe“, schnauzt er seine Kollegin an.

 

Ich folge seinem Blick und eine junge Frau, deren braunes Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden ist, schaut von den Häppchen, die sie gerade auf einem Tablett angerichtet hat, auf. Sie ist hübsch, sehr hübsch sogar. Das Lächeln, das sie sich ins Gesicht zimmert, als sie Chandler seine Bestellung wiederholen lässt, erreicht ihre Augen allerdings nicht, in denen ein trauriger Ausdruck liegt.

 

Sie greift nach den Flaschen, ehe sie Eis aus dem Tiefkühler unter dem Tisch holt, was mir eine hervorragende Sicht in ihr Dekolleté erlaubt. Cole stößt mich unsanft in die Seite und ich sehe ihn fragend an.

 

„Als hättest du nicht hingesehen“, motze ich ihn an.

 

„Jedenfalls nicht so lange wie du, Spanner“, kontert er, ehe er mit einem äußerst charmanten Lächeln seinen Wodka von ihr entgegennimmt.

 

Chandler und Bradley haben nichts mitbekommen und nehmen sich ihre Shots, während sie eine Orange hervorholt, sie in Scheiben schneidet und den goldenen Tequila, der laut Etikett von hervorragender Qualität ist, eingießt.

 

„Bitte“, sagt sie knapp und ohne mich dabei anzusehen, ehe sie mir das Glas mit der Orangenscheibe reicht.

 

„Haben Sie nicht etwas vergessen?“, frage ich freundlich und ihr Kopf ruckt hoch. Ihre Augen sind von einem faszinierenden Haselnussbraun und unsere Blicke verhaken sich regelrecht ineinander. Sie erwidert irgendetwas, was meine Aufmerksamkeit automatisch auf ihre rot geschminkten Lippen lenkt.

 

„Hm?“, gebe ich wenig eloquent von mir.

 

„Was habe ich Ihrer Meinung nach vergessen, Sir?“

 

„Bitte nennen Sie mich Maddox“, raune ich und zwinkere ihr zu.

 

„Schön, Mr. Maddox“, beginnt sie, doch ich schüttele den Kopf, was sie irritiert schweigen lässt.

 

„Nur Maddox.“

 

„Also gut, nur Maddox. Was habe ich vergessen?“, hakt sie nach und wirkt nun leicht genervt, was mich zugegebenermaßen aus dem Konzept bringt, denn normalerweise können die Frauen ihr Glück kaum fassen, wenn ich ihnen mehr Aufmerksamkeit als nur ein höfliches Bitte oder Danke zukommen lasse.

 

„Goldenen Tequila trinkt man mit Orange und …“, ich mache eine bedeutungsvolle Pause, „Zimt.“

 

„O verflucht, es tut mir leid.“ Sie bückt sich erneut und diesmal versuche ich gar nicht erst, den Blick abzuwenden. Nachdem sie mit dem Zimtstreuer wiederaufgetaucht ist, will sie eine weitere Orangenscheibe abschneiden, doch ich halte sie auf.

 

„Sie können mir den Zimt auch direkt auf den Handrücken streuen“, schlage ich vor, obwohl ich weiß, dass er bei solchen Anlässen immer auf der Zitrusfrucht serviert wird.

 

„Ähm, na gut“, willigt sie ein und ich reiche ihr meine Hand, auf der sie etwas von dem Gewürz verteilt.

 

„Das haben Sie hervorragend gemacht. Den Rest des Abends werde ich meinen Tequila nur noch bei Ihnen bestellen“, erkläre ich in einem anzüglichen Tonfall.

 

„Ich helfe hier nur aus. Normalerweise bin ich für die Horsd’œuvres zuständig.“ Sie lässt es eindeutig wie eine Abfuhr klingen.

 

„Umso besser, denn ich bin mir sicher, dass ich nachher sehr hungrig sein werde.“ Mit diesen Worten lasse ich sie etwas verunsichert zurück und gehe zu den Jungs, die sich ein wenig abseits gestellt haben.

 

„Das haben Sie hervorragend gemacht. Ich werde nachher sehr hungrig sein“, äfft mich Bradley nach und die anderen fangen lauthals an zu lachen.

 

„Fehlt nur noch, er hätte gesagt, dass sie all seine Bedürfnisse befriedigen darf“, wirft Cole ein und wieder johlen die Idioten los.

 

„Das wollte ich mir für später aufheben“, murre ich.

 

„Wie kann jemand, der die Öffentlichkeit so liebt wie du und mit den Fans dermaßen geschickt flirtet, so auf den Mund gefallen sein, wenn es darum geht, eine Frau stilvoll anzusprechen?“, will Chandler wissen.

 

„Leck mich“, brumme ich und werfe einen Blick zurück auf Annie, die jedoch bereits die nächsten Gäste bedient.

 

„Auf die Frauen“, ruft Cole und hält sein Glas hoch.

 

„Auf die Frauen“, wiederholen wir, ehe wir mit ihm anstoßen und den Alkohol herunterschütten.

 

„Entschuldigt mich, aber die Kleine von CBS 4 sieht aus, als könnte sie Hilfe brauchen“, erklärt Bradley und wir sehen ihm kopfschüttelnd nach.

 

„Kennt er überhaupt ihren Namen?“, scherzt Chandler, während wir gespannt beobachten, wie sich unser Kumpel der attraktiven Reporterin nähert. Bis auf den Umstand, dass sie im Moment allein in der Nähe der Bühne steht, macht sie auf mich keinen hilfsbedürftigen Eindruck.

 

„Ich wette, er schafft es nicht mal, sich zwei Minuten mit ihr zu unterhalten“, sagt Cole und zieht einen zehn Dollar Schein hervor, den er vor sich auf den Tisch legt.

 

„Bin dabei und sage, sie gibt ihm drei Minuten.“ Ich lege die gleiche Summe dazu.

 

„Haltet mich für verrückt, aber ich glaube, aus den beiden wird noch was“, behauptet unser Quarterback Chandler und wir starren ihn ungläubig an.

 

„Hey, es geht los. Die Zeit läuft ab jetzt.“ Cole schaltet die Stoppuhr in seinem Handy ein.

 

Wir beobachten, wie unser Mannschaftskamerad das Objekt seiner Begierde anspricht. Nach etwa vierzig Sekunden runzelt die Reporterin die Stirn und nur einen Moment später wirft sie ihr langes Haar zurück, macht auf dem Absatz kehrt und rauscht davon.

 

„Und stopp.“ Ich schaue neugierig auf das Display. „Eine Minute und neun Sekunden.“

 

Unser Wide Receiver Cole grinst breit, als er die Scheine einsammelt und in sein Portemonnaie steckt.

 

„Freu dich nicht zu früh“, mault Chandler.

 

„Du bist ein schlechter Verlierer“, behaupte ich und stoße mit ihm an, während Bradley wieder zu uns stößt und dabei überraschend zufrieden aussieht.

 

„Wollte sie deine Hilfe etwa nicht?“ Ich kann mir diese kleine Provokation nicht verkneifen, nachdem er mich vorhin mit meiner vermeintlich miesen Anmache aufgezogen hat.

 

„Na, wie viel Kohle haben wir gewonnen?“, fragt er Cole, und Chandler und ich begreifen, dass das eben ein abgekartetes Spiel war.

 

„Macht einen Zehner für dich und einen für mich. Chandler hat sogar darauf gewettet, dass du sie rumbekommst.“ Unser Wide Receiver lacht dreckig, während Chandler und ich ihm gleichzeitig den Stinkefinger zeigen.

 

„Warum nur ein Zehner? Wir hatten ausgemacht, dass du mindestens fünfzig Dollar einsetzt“, motzt Bradley, als er das Geld von Cole annimmt und in seine Geldbörse wandern lässt.

 

„Ich war mir nicht sicher, ob du es hinbekommst, Bro, schließlich liegen dir die Frauen normalerweise zu Füßen“, erwidert Cole zerknirscht. „Was hast du bitte zu ihr gesagt, dass sie so schnell abgedampft ist und dir trotzdem nicht jede Chance verbaut, doch noch bei ihr zu landen?“

 

Bradley ist der Player von uns, sein Frauenverschleiß ist beachtlich. Er hat den perfekten Körperbau für einen Runningback, ein einmeterfünfundachtzig großes Muskelpaket, was wie ein Magnet auf das weibliche Geschlecht wirkt. Coles Frage ist durchaus berechtigt.

 

„Ich habe ihr gesagt, dass sie eine besondere Ausstrahlung hat und ich sie deshalb wahnsinnig anziehend finde.“ Er zuckt mit den Schultern und lächelt in sich hinein.

 

„Jetzt mach es nicht so spannend, Alter“, fordere ich, denn aufgrund dieser Worte wird sie nicht so wütend gewesen sein.

 

„Anschließend habe ich ihr prophezeit, dass ich sie ficken werde und sie meinen Namen schreiend unter mir kommen wird. Da sie daraufhin nicht die Reißleine gezogen hat, habe ich ihr auf den Kopf zugesagt, dass ich in ihren Augen erkennen kann, wie sehr sie sich genau das wünscht.“

 

Einen Moment sind wir sprachlos, dann müssen wir loslachen.

 

„Du bist unmöglich, Bear.“ Chandler klopft ihm freundschaftlich auf die Schulter. Weder er noch ich nehmen den beiden dieses abgekartete Spiel ernsthaft übel.

 

„Wie wäre es mit einer weiteren Wette?“, schlägt Cole plötzlich vor und wir sehen ihn gespannt an. „Ich wette zehn Dollar, dass Maddox es nicht schafft, die Kleine hinter dem Tresen heute Nacht flachzulegen.“

 

Grinsend legen Chandler und Bradley die Scheine auf den Tisch und schauen mich erwartungsvoll an.

 

„Danke für euer Vertrauen, Jungs“, entgegne ich mit vor Sarkasmus triefender Stimme.

 

Mein Blick wandert automatisch zum Buffet und ich entdecke ein wenig abseits Annie, die sich soeben mit einem Tablett mit Appetithappen unter die Leute mischt.

 

„Ich glaube, es wird Zeit, meinen Hunger zu stillen“, knurre ich, lasse meine Teamkameraden stehen und bewege mich zielstrebig durch die Menge auf meine Zielperson zu.

 

Irgendetwas fasziniert mich an dieser Frau und ich bin gewillt, meine Neugier zu befriedigen, im besten Fall nicht nur die.


 

 

 

 

Kapitel 2

 

Annie

 

 

 

 

 

Der Abend ist die Hölle. Normalerweise liebe ich meinen Job, zurzeit fällt es mir jedoch schwer, mich überhaupt auf etwas zu konzentrieren. Seit ich mich vor einer Woche von meiner ehemals großen Highschoolliebe Timothy getrennt habe, steht meine Welt vollkommen kopf. Obwohl es meine Entscheidung war, die ich nach wie vor für richtig halte, ist mir dieser Schritt unglaublich schwergefallen. Eine Knieverletzung hat seine Footballerkarriere von einem Tag auf den anderen zerstört, einen Plan B hat er nicht. Ich habe es einfach nicht mehr ertragen, zusehen zu müssen, wie er sich immer weiter in Selbstmitleid suhlte und dass ich als sein persönlicher Fußabtreter herhalten musste. Dennoch schmerzt die Trennung und die damit anfallenden Probleme wie Wohnungssuche und die Auflösung des gemeinsamen Haushalts, lassen mich nachts kaum schlafen.

 

Ich schüttele den Kopf und versuche, mich wieder auf meinen Job zu konzentrieren. All die fröhlichen und feiernden Menschen um mich herum sind dabei leider nicht besonders hilfreich.

 

„Annie, richtig?“, spricht mich plötzlich jemand an und als ich mich umdrehe, steht Maddox Donovan vor mir. Natürlich habe ich den Tight End vorhin bereits erkannt, als er den Tequila bei mir bestellt hat.

 

Aufgrund Timothys Leidenschaft für American Football gehörten die Spiele der Denver Dragons zum Pflichtprogramm am Wochenende. Sein Traum ist es gewesen, irgendwann für diesen Verein auf dem Platz zu stehen.

 

„Geht es Ihnen gut?“ Er mustert mich intensiv und ich stelle fest, dass seine Augen von einem Dunkelblau sind, das an den Nachthimmel erinnert.

 

„Ja, danke.“ Ich zwinge mich zu einem unverbindlichen Lächeln und halte ihm das Tablett mit dem Fingerfood unter die Nase.

 

„Ihr Lächeln ist hübsch, aber Sie sehen sicherlich bezaubernd aus, wenn es von Herzen kommt“, behauptet er und zwinkert mir zu.

 

Spinnt der? Soll das etwa ein Vorwurf sein? Im Gegensatz zu ihm bedeutet dieser Abend für mich vor allem viel Arbeit und Stress. Ich beiße mir auf die Innenseite meiner Wange, um ihm keine patzige Antwort zu geben.

 

Sein Blick ist immer noch auf mich gerichtet und ich gönne es mir, sein äußerst attraktives Gesicht einen Augenblick genauer zu betrachten. Seine dunkelbraunen, fast schwarzen Haare sind modisch geschnitten, liegen perfekt und ich überlege automatisch, wie sie wohl aussehen, nachdem er intensiven Sex hatte. Der dunkle Bartschatten unterstreicht sein markantes Kinn und als sich seine Lippen jetzt zu einem wissenden Grinsen verziehen, entblößen sie eine Reihe ebenmäßiger weißer Zähne.

 

„Wenn du mit deiner ausgiebigen Musterung fertig bist, bekomme ich dann eine Antwort auf meine Frage?“ Er zieht eine Augenbraue in die Stirn und wirkt belustigt.

 

Ich räuspere mich ertappt und reiße mich zusammen. Sollte meine Chefin mitbekommen, wie unmöglich ich mich den Gästen gegenüber verhalte, würde ich auch noch meinen Job verlieren.

 

„Entschuldigung, ich war in Gedanken“, erkläre ich daher höflich.

 

„Das ist mir nicht entgangen.“ Maddox schmunzelt und betrachtet mich nun seinerseits sehr intensiv, so wie ich es eben mit ihm getan habe.

 

Nervös beiße ich mir auf die Unterlippe, denn in seinem Blick erkenne ich deutlich Verlangen. Zum Glück finde ich meine Sprache wieder.

 

„Möchten Sie etwas essen, nur Maddox?“, frage ich und nicke mit dem Kopf in Richtung des Tabletts, das ich in den Händen halte.

 

„Ich bin mir nicht sicher, ob diese Häppchen meinen Hunger stillen können“, raunt er eindeutig zweideutig. Innerlich verdrehe ich die Augen über den Spruch. Im Fernsehen kommt er sehr viel wortgewandter rüber. Vielleicht hat er dort im Hintergrund Leute sitzen, die ihm ins Ohr flüstern, was er sagen soll.

 

„Nehmen Sie sich einfach mehrere, denn etwas anderes kann ich Ihnen nicht anbieten“, gebe ich zurück und hoffe, dass ihm mein Blick klarmacht, dass ich ebenfalls nicht nur das Essen meine.

 

Für einen Augenblick wirkt er verblüfft, ehe er schief grinst. „Guter Konter, Annie, aber das Spiel ist noch nicht vorbei.“ Mit diesen Worten nimmt er sich zwei der Horsd’œuvres, zwinkert mir zu und verschwindet in der Menge.

 

Ich dränge diese kleine Unterhaltung in den Hintergrund, schließlich muss ich mich auf die Arbeit konzentrieren. Trotzdem ertappe ich mich während der kommenden Stunde immer wieder dabei, dass ich nach nachtblauen Augen Ausschau halte, natürlich nur, um ihm aus dem Weg zu gehen. Zumindest gelingt es mir, meine privaten Probleme, für einige Zeit aus meinem Kopf zu verbannen.

 

Die Denver Dragons sind für ausschweifende Partys bekannt und nachdem sich die Geschäftsführung kurz nach Mitternacht offiziell verabschiedet hat, kennen die Mannschaft und das Betreuerteam kein Halten mehr. Der Alkohol fließt in Strömen, es wird ausgelassen getanzt und zu manchen Songs singt die Menge lautstark mit. Der Anblick zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht, denn das Gemeinschaftsgefühl des Teams ist ansteckend.

 

„Wow“, erklingt es plötzlich neben mir. Maddox sieht mich an, als wäre ich die einzige Person in dem riesigen Saal.

 

Weil ich nicht weiß, wie ich darauf reagieren soll, richte ich meinen Blick erneut auf die Tanzenden vor mir.

 

„Was muss ich tun, damit ich dieses Lächeln noch einmal sehe?“, will er wissen und mein Kopf ruckt zu ihm herum.

 

„Ich habe keine Ahnung, wovon Sie sprechen“, gebe ich knapp zurück, bevor ich meine Aufmerksamkeit wieder den Resten des Buffets widme und überlege, ob ich die Häppchen ansprechend genug dekoriert habe.

 

Als er nichts erwidert, drehe ich mich um und stelle überrascht fest, dass er nicht mehr da ist. Ich schaue mich um, doch ich kann ihn nirgends entdecken, bis sich das Johlen und Pfeifen vor der Bühne verstärkt und Mad Max mit einem Mikrofon in der Hand erscheint. Die ersten Töne des Songs Will you be my girl von Jet erklingen und als Maddox einsetzt, fixiert er mich über die Menge hinweg mit seinem Blick. Einige wenden sich neugierig zu mir um und mir schießt das Blut in die Wangen.

 

Der Tight End zieht eine Riesenshow auf dem Podium ab. Er spielt Luftgitarre, springt in bester Rockermanier hin und her und kreist seine Hüften verdammt sexy, was die weiblichen Gäste wild kreischen lässt. Dabei singt er das Lied so selbstverständlich, als würde er so etwas täglich machen. Die letzten harten Beats verstummen, und er zeigt mit dem Mikro auf mich, ehe er es abgibt und ein neuer Song angespielt wird. Offenbar hat er mit dieser großartigen Einlage einen Stein ins Rollen gebracht, denn nun entert einer seiner Mannschaftskameraden die Bühne und versucht sich ebenfalls im Karaoke-Singen. Lachend beobachte ich, wie zwei Kerle versuchen, dem eher mäßigen Sänger beizustehen, was den Gesang nur wenig aufbessert.

 

„Yeah, Touchdown“, höre ich Maddox sagen, als er breit grinsend auf mich zukommt. „Es hat funktioniert, du lachst.“

 

Tatsächlich fühle ich mich besser und kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen.

 

„Schon mal über eine Karriere als Rockstar nachgedacht?“, will ich wissen und sein dunkles Lachen sorgt für ein merkwürdiges Kribbeln in meinem Bauch.

 

„Natürlich, ich werde nicht ewig Football spielen können“, entgegnet er selbstbewusst und erinnert mich damit unbewusst daran, dass Timothy nie etwas anderes als den Sport für seine Zukunft gesehen hat.

 

„Sehr vernünftig“, lobe ich ihn, als er sich immer weiter nähert, bis er dicht vor mir stehenbleibt.

 

„Wann machst du hier Feierabend?“, fragt er wie beiläufig, während seine dunkelblauen Augen mich fixieren.

 

„Ähm, Mr. Donovan, verstehen Sie mich nicht falsch, aber Sie verschwenden Ihre Zeit.“

 

„Maddox“, bittet er mich erneut, ihn beim Vornamen zu nennen, und ignoriert meine Aussage völlig.

 

„Das ändert nichts, Mad Max. Ich werde mich von Ihnen nicht flachlegen lassen.“ So, jetzt ist es raus, die Fronten sind hoffentlich geklärt.

 

Seine verblüffte Miene hat er ziemlich schnell wieder im Griff, ehe er ein selbstbewusstes Lächeln aufsetzt. „O Annie, es wird mir ein Vergnügen sein, dir das Gegenteil zu beweisen.“

 

Wie bitte?! Während mein Verstand noch versucht, seine Antwort zu verarbeiten, dreht sich Maddox um und kehrt zu seinen Kumpels zurück, die uns aus ein paar Metern Entfernung offenbar beobachtet haben.

 

Als mein Kollege mich bittet, kurz für ihn an der Zapfanlage einzuspringen, klingelt mein Smartphone. Timothys Name erscheint im Display und ich runzle die Stirn. Was möchte er um diese Zeit von mir?

 

„Ja?“, melde ich mich knapp.

 

Einen Moment herrscht Stille in der Leitung, dann räuspert er sich. „Es ist schön, dich zu hören, Sugar.“

 

Gott, früher habe ich es geliebt, wenn er mich so genannt hat.

 

„Was willst du, Tim?“

 

„Ich will dich, uns, das, was wir zusammen hatten.“ Seine Stimme klingt kratzig, als hätte er schon lange nicht mehr gesprochen.

 

In meiner Kehle bildet sich ein Kloß. Wie gern würde ich ihm zustimmen und mich in seine Arme werfen, doch an dem Punkt sind wir nicht zum ersten Mal. Es wird Zeit, dass er begreift, dass wir keine gemeinsame Zukunft haben.

 

„Es tut mir leid, Timothy, aber ich kann das nicht. Leb wohl.“ Hastig wische ich mir die einzelne Träne, die sich gelöst hat, von der Wange und lege auf.

 

Die kommende Stunde funktioniere ich wie ein Roboter und nehme meine Umgebung kaum wahr. Dieser erneute Anruf setzt mir zu und das ärgert mich. Ich möchte einen endgültigen Schlussstrich ziehen können. Offenbar bin ich nicht in der Lage, meine Meinung so zu transportieren, dass sie von anderen akzeptiert wird. Donovan hat meine durchaus klar formulierte Abfuhr auch ignoriert.

 

Verdammt, ich muss unbedingt daran arbeiten, endlich ernst genommen zu werden, sonst kann ich meine Träume vergessen.

 

 

 


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