Leseprobe

 

Neugierig? Dann hol dir hier schon einmal einen Appetithappen.

 


Come2Kiss: Liam & Adele

C. C. Wilder



 

Prolog

 

Liam

 

 

 

„Sie ist tot, Liam.“

 

Völlig fertig sitze ich auf dem Krankenhausflur und versuche, die Worte zu begreifen, die unser Manager Phil sagt, aber es will mir nicht gelingen.

 

„Was soll das heißen, sie ist tot?“ Mit einem Gefühl von Leere, das ich in dieser Form noch nie zuvor verspürt habe, sehe ich zu ihm auf, in seinen Augen kann ich Tränen erkennen.

 

„Sarah ist tot, sie hat es nicht geschafft.“ Wie ein nasser Sack fällt er neben mir auf dem Stuhl in sich zusammen. Das Gesicht in seinen Händen vergraben ringt er um Fassung, während ich mich noch immer vergeblich bemühe, die Bedeutung seiner Sätze zu verstehen.

 

Meine Augen brennen stark, denn mein Herz begreift es längst, es ist der Kopf, der sich weigert, die Realität zu akzeptieren. Sarah ist tot. Seine Nichte, meine beste Freundin, Weggefährtin und große Liebe, hat diesen Unfall nicht überlebt.

 

Wie aus weiter Ferne vernehme ich das Geräusch des ankommenden Fahrstuhls. Die Türen öffnen sich und ich erblicke unseren Drummer TJ und Joshua, den Gitarristen der Band, mit ihren Bodyguards. Ihre Mienen sind besorgt, als sie auf uns zu eilen. Josh hockt sich vor mich, legt eine Hand auf mein Knie und schaut mir ins Gesicht.

 

„Was ist passiert?“, will er wissen. Ich starre ihn an, unfähig, die Worte auszusprechen, die er hören möchte. Phil neben mir erhebt sich von seinem Stuhl. Auch Joshua richtet sich wieder auf und wendet sich unserem Manager zu.

 

„Es gab einen Unfall. Irgendwie ist sein Wagen von der Straße abgekommen und hat sich überschlagen. Liam ist wie durch ein Wunder beinahe unverletzt.“

 

Meine Freunde und Bandkollegen sehen mich an. In ihren Gesichtsausdrücken kann ich die Erleichterung erkennen, die sie empfinden, weil ich unversehrt bin. Eine harmlose Platzwunde am rechten Auge, ein paar Prellungen, mehr habe ich nicht abbekommen. Völlig abwesend starre ich aus dem Fenster mir gegenüber.

 

„Was ist mit Sarah?“, höre ich TJ fragen. Unendliche Sekunden des Schweigens breiten sich in diesem grauen, kalten Klinikflur aus, dann spricht Phil erneut diese Worte aus, die einfach nicht wahr sein können.

 

„Sarah ist tot. Sie hatte keine Chance.“

 

Jetzt reicht es mir, ich springe auf.

 

„Du lügst!“, schreie ich und bohre meinen wütenden Blick in den unseres Managers. „Sie lebt! Sarah hat mit mir geredet, nachdem sie aus dem Auto gezerrt wurde. Sie ist nicht tot!“

 

Schweigend taxieren mich die drei, Phil schafft es allerdings nicht, mich direkt anzusehen.

 

„Liam, du musst den Tatsachen ins Auge blicken. Ihre Kopfverletzungen waren zu schwer.“ Der Mann hat gerade seine Nichte verloren und versucht dennoch, mir ruhig und besonnen die Fakten zu erläutern. Was für ein wahnsinniger Kraftakt das sein muss, ist mir zwar irgendwie klar, richtig verstehen kann ich es in diesem Augenblick jedoch nicht. Mit ausgestreckter Hand berührt er mich sacht am Oberarm, ich weiche zurück.

 

Joshua ist es, der sich zuerst aus der Schockstarre löst, sich mir nähert und mich in die Arme nimmt. Er zieht meinen starren Körper an sich, obwohl sich alles in mir dagegen sträubt.

 

„Sarah ist tot, Liam. Sie ist tot! Es tut mir so leid.“ Seine Stimme ist nur ein leiser Flüsterton, aber seine Worte dringen endlich zu mir durch. Mein Herz fühlt sich unendlich schwer an und gleichzeitig so leer. Mit letzter Kraft umklammere ich ihn, aus Angst, dass meine Beine nicht länger fähig sind, mich und den Schmerz zu tragen.

 

Seine Umarmung ist tröstlich und erlaubt mir, den unsagbaren Verlust zu betrauern. Tränen strömen über mein Gesicht, ohne, dass ich das irgendwie verhindern könnte. Sarah ist tot. Die Person, die ich mehr als alles andere auf der Welt geliebt habe, ist von uns gegangen. Wie sollte ich denn jetzt weiterleben?

 

Zahlreiche Erinnerungen an sie schießen mir durch den Kopf, projizieren Bilder des Glücks vor mein inneres Auge. Es ist kaum zu ertragen. Ein heftiger Weinkrampf schüttelt mich, während Joshua versucht, mir eine Stütze zu sein.

 

„Sind Sie die Angehörigen von Sarah Montgomery?“, höre ich hinter mir eine weibliche Stimme, ich vermute, es ist eine Krankenschwester.

 

„Phil Montgomery. Ich bin ihr Onkel.“

 

„Mein Beileid, Mr. Montgomery. Wenn Sie sich von Ms. Montgomery verabschieden möchten, wir sind so weit.“ Obwohl ich die Frau nicht sehen kann, weil ich mit dem Rücken zu ihr stehe, erkenne ich echtes Mitgefühl in ihren Worten. Irgendwie empfinde ich das als großen Trost.

 

Unser Manager bedankt sich bei der Schwester, dann nehme ich das Geräusch von beinahe lautlosen Schritten wahr, die sich entfernen. Als ich mich aus Joshuas Umarmung löse, reicht mir TJ ein Taschentuch. Nachdem ich mir die Nase geputzt habe, spüre ich Phils Blick auf mir.

 

„Bist du bereit, mein Junge?“

 

Wie kann man für so etwas bereit sein?, denke ich still und nicke trotzdem.

 

Aufmunternd klopft er mir auf die Oberarme und geht voraus. Kurz zögere ich, weil ich mich dem so gar nicht gewachsen fühle.

 

Joshua legt mir seinen Arm um die Schultern und zieht mich vorsichtig mit. „Komm, Liam. Gehen wir zu Sarah und sagen ihr Lebewohl!“


 

 

Kapitel 1

 

Liam

 

 

 

Die eisige Kälte Norwegens ist unangenehm schneidend und zugleich faszinierend. Die Luft erscheint mir besonders sauber, die Natur ist einzigartig. In zehn Tagen ist Weihnachten.

 

In diesem Jahr habe ich beschlossen, die Feiertage nicht, wie sonst, mit Familie und Freunden zu verbringen. Heuer möchte ich in der besinnlichen Zeit, die auch drei Jahre nach Sarahs Tod noch schwer für mich ist, allein in aller Abgeschiedenheit sein. Endlich einen Schlussstrich unter diesen schmerzhaften Teil der Vergangenheit ziehen zu können, das verspreche ich mir davon. Kopf und Herz will ich wieder öffnen können für all die schönen Dinge, die das Leben für mich bereit hält.

 

Nach dem Verkehrsunfall, bei dem meine geliebte Sarah umkam, war ich geplagt von Schuldgefühlen. Obwohl ich nicht zu schnell gefahren bin und weder Alkohol noch Drogen konsumiert hatte, fühlte ich mich verantwortlich für die tragischen Ereignisse jenes Tages. Und ganz gleich, wie oft man mir sagte, dass alles ein schrecklicher Unfall war, egal, wie viele Gerichtsurteile meine Unschuld bestätigten, tief im Inneren war ich von Schuld zerfressen. Es zählte nicht, dass Sarahs Familie mir längst vergeben hatte, solange ich mir nicht selbst verzeihen konnte, würde sich nichts ändern.

 

Die Monate danach machten wir alle, auch Familie, Freunde und Bandkollegen, eine harte Zeit durch. Mit unserer Band Come2Kiss waren wir auf dem Karrieregipfel angelangt. Wir tourten durch das Land, ein Album folgte dem nächsten und wir verdienten uns eine Menge Kohle und Anerkennung. Doch was bedeuten Geld und Ruhm, ohne einen richtigen Sinn im Leben? Mit Sarah an der Seite war ich voll innerer Zufriedenheit. Sie war mein Antrieb, der Grund, warum ich morgens aufstand.

 

Als Nichte des Managers konnte sie oft dabei sein, wenn wir durch Amerika reisten. Trotz aller Widrigkeiten blieb sie bei mir, selbst, als unser Bekanntheitsgrad ungeahnte Ausmaße annahm. Kennengelernt habe ich sie während der After-Show Party nach einer Preisverleihung. Sie war mit ihrem Onkel gekommen und mir gleich aufgefallen. An diesem Abend haben wir unseren ersten Musikpreis gebührend gefeiert und auch sämtliche Preise danach. Zwei Jahre waren wir ein Paar und von Beginn an war es, als würden wir einander ewig kennen. Sie war Teil meiner Familie, so, wie ich zu ihrer gehörte.

 

Und plötzlich war Sarah weg. Von einem Moment auf den anderen war sie kein Bestandteil meines Lebens mehr. Nie wieder konnte ich ihr Lachen hören, zu keiner Zeit in ihre strahlend blauen Augen sehen. Sie würde mir nicht um den Hals fallen, wenn wir uns länger nicht gesehen hatten und niemals wieder kam eine SMS von ihr, bevor sie zu Bett ging. Viele Nächte weinte ich mich in den Schlaf, weil ich ihre Wärme vermisste. Mir fehlten ihre Nähe und die Art, wie sie küsste. Nur Sarah konnte so küssen, dass mein Puls zu rasen begann wie verrückt. Wenn wir uns liebten, war es nicht bloß Sex. Wir berührten unsere Körper und gleichzeitig streichelten wir unsere Seelen. Und dann, von jetzt auf gleich blieb ihre Seite des Bettes leer. Das Laken war so kalt, wie sich mein Herz innen anfühlte.

 

Nun bin ich hier in Norwegen gelandet, tausende Meilen entfernt von Amerika, so, wie ich es mir gewünscht habe, um zur Ruhe zu kommen. Das geht am besten in einem Land, in dem wir als Musiker nicht bekannt sind. Via Internet habe ich mir ein winziges Ferienhaus direkt an einem Fjord gemietet. Der Vermieter hat versprochen, dass es hier im näheren Umfeld lediglich eine weitere Hütte gibt, die vermietet wird. Die zahlreichen Fotos von der atemberaubenden Landschaft und dem Haus mit skandinavischem Charme sowie die Aussicht auf Einsamkeit haben schließlich dafür gesorgt, dass ich mich auf dieses Abenteuer eingelassen habe.

 

Von dieser Idee war meine Familie natürlich nicht angetan, und die Bandkollegen haben ihre Nasen gerümpft, doch nach einigen intensiven Gesprächen, vor allem mit meiner Mom, haben sie verstanden, dass ich diese Auszeit, fernab jeglichen Trubels, ganz dringend brauche.

 

Den Mietwagen parke ich vor dem Haus neben einem weiteren Auto, von dem ich vermute, dass es der Wagen des Vermieters ist. Als ich aussteige, sehe ich ihn aus der Tür kommen. Er ist groß, blond und irgendwie gar nicht so hünenhaft, wie ich mir einen Norweger vorgestellt habe. Er stellt sich mir als Mr. Baardsson vor und bittet mich hinein. Er spricht gutes Englisch, wenn auch mit einem starken Akzent. Nach einer kurzen Führung durch das Haus überreicht er mir die Schlüssel.

 

„Genießen Sie die Ruhe, Mr. Bennett. Sie werden hier so gut wie keine Menschenseele treffen“, erklärt er. „Außer vielleicht Ms. Parker.“

 

Erstaunt sehe ich ihn an, hatte ich doch gehofft, dass hier wirklich niemand sein wird.

 

„Sie kommt jedes Jahr um diese Zeit hierher und mietet die kleine Hütte am Gebirgspass. Aber keine Angst, sie ist ebenfalls lieber für sich.“

 

Damit ist für Mr. Baardsson alles gesagt. Mir soll es egal sein, ob irgendwo entlang der Berge eine Frau in einer Hütte lebt. Auf Bekanntschaften bin ich ohnehin nicht aus, ich will zur Ruhe kommen. Tief im Inneren bin ich auf der Suche nach Vergebung, um Sarah endgültig Lebwohl zu sagen. Dieser Ort hier erscheint mir für dieses Vorhaben genau richtig.

 

Zum Abschied schüttle ich Mr. Baardsson die Hand und sehe ihm nach, als er mit seinem Wagen den Weg zurück Richtung Utvik fährt, dem nächstgelegenen Dorf im norwegischen Landkreis Vestland. Mein Blick streift über den Fjord, die Sonne glitzert in der eiskalten Wasseroberfläche. Die Wiesen rund um den See sind schneebedeckt, genauso die Berge, die sich majestätisch im Hintergrund erheben. Mit geschlossenen Augen atme ich die eisige, klare Luft ein. Die kommenden vier Wochen werden heilend sein, da bin ich sicher. Wenn ich im Anschluss an diesen Urlaub in die Staaten zurückkehre, wird es für mich nur noch eine Blickrichtung geben:

 

Nach vorne!


 

 

Kapitel 2

 

Adele

 

 

 

Soeben habe ich Mr. Baardsson wegfahren sehen. Vermutlich ist heute der neue Mieter für das Haus am Fjord angereist. Meine Hütte liegt ein paar hundert Meter entfernt entlang des Gebirgspasses. Jeden Dezember komme ich hierher und meist ist das winzige Häuschen am See ebenfalls vermietet.

 

Es bleibt spannend, wer sich dieses Mal dort einquartiert hat. In den letzten Jahren habe ich wirklich so einiges erlebt. Vom blockierten Schriftsteller über meditierende Yoga-Lehrer bis hin zu reichen Herren mit ihren Geliebten war schon alles dabei. Im Grunde ist es mir egal, wer da wohnt, denn ich wähle diesen Ort hier, weil ich die Abgeschiedenheit schätze und nicht, um neue Kontakte zu knüpfen.

 

Normalerweise lebe ich in New York und arbeite als Köchin in einem gehobenen Restaurant in Manhattan. Der Job verlangt mir sehr viel ab. Nach Norwegen reise ich, um meine Akkus aufzuladen. Hier ist es wunderbar ruhig. Keine Hektik! Null Stress! Ein perfekter Ort, um im Einklang mit mir und der Natur zu sein. Dieses Fleckchen Erde ist das genaue Gegenteil des lauten und schnelllebigen Alltags in New York.

 

Mein täglicher Spaziergang führt mich auch heute wieder die Straße hinunter Richtung See. Gerne schlendere ich am Ufer entlang und genieße den Klang der Stille. So lange das Haus nicht vermietet war, war das problemlos möglich, doch jetzt, wo dort jemand wohnt, werde ich nachfragen müssen, ob es demjenigen recht ist, schließlich gehört das Gewässer zu seinem Grundstück.

 

Von weitem sehe ich einen jungen Mann in die Kälte treten. Er ist groß, hat blondes, kurzes Haar und trägt Jeans sowie eine dicke dunkelblaue Steppjacke. Mehr kann ich erst einmal nicht erkennen, er steht mit dem Rücken zu mir am Rande des Sees und starrt in die Ferne. Das kann ich sehr gut nachvollziehen, denn die Aussicht hier unten mit Blick auf die Berge ist atemberaubend schön.

 

Selbst, als ich näher komme, scheint er mich nicht wahrzunehmen, deshalb bleibe ich an seiner Grundstücksgrenze stehen.

 

„Hi“, rufe ich und hoffe, dass er Englisch spricht, ich spreche nämlich weder Norwegisch noch Schwedisch. Der Mann dreht sich um und sieht mich an, ich kann mir nicht helfen, aber er kommt mir bekannt vor. Er nimmt eine Hand aus der Jackentasche und winkt mir zu.

 

„Hi!“

 

Davon ermutigt, gehe ich weiter. Als ich in Reichweite bin, strecke ich die Hand aus. Er ergreift sie und schüttelt sie mit einem festen Händedruck.

 

„Hallo, ich bin Adele. Dort oben ist meine Hütte“, stelle ich mich vor und zeige auf die Straße, die bergaufwärts führt.

 

„Liam“, sagt er, „freut mich.“ Erleichtert atme ich auf. Gut, ein Amerikaner, sein Akzent ist unverkennbar. Die Verständigung dürfte also kein Problem sein. Unauffällig betrachte ich ihn. Er hat blaue Augen und markante Gesichtszüge, alles an ihm wirkt ernst.

 

Zum Schutz vor der bitteren Kälte ziehe ich mir die graue Strickmütze weiter über die Ohren und frage mich im gleichen Augenblick, wie er ohne Mütze hier überleben will.

 

„Bist du zum ersten Mal in Norwegen?“, versuche ich mich in Small-Talk. Leider sind meine Skills in dieser Disziplin nicht besonders gut.

 

„Ja. Hätte ich gewusst, wie unglaublich schön es hier ist, wäre ich schon früher einmal hergekommen.“

 

Das verstehe ich gut, denn so ging es mir ebenfalls, als ich dieses Land zum ersten Mal bereist habe. Wieder habe ich das Gefühl, ihn von irgendwoher zu kennen, doch ich habe keine Idee, wo ich ihn schonmal gesehen haben könnte. Gut möglich, dass ich mich irre, also schiebe ich den Gedanken beiseite und erinnere mich daran, warum ich ursprünglich her gekommen bin.

 

„Eigentlich mache ich täglich einen Spaziergang hier am Fjord und würde gerne wissen, ob das für dich in Ordnung ist. Falls du das nicht willst, sag es ruhig, ich möchte nicht aufdringlich erscheinen“, erkläre ich.

 

Er lächelt. Verdammt, wenn er lacht, sieht er ziemlich gut aus, noch besser, als ohnehin schon. Mir wird auf der Stelle ganz warm, das gefällt mir nicht.

 

„Fühl dich frei!“ Liam macht eine allumfassende Geste mit seinen Armen.

 

„Danke, das ist sehr nett. Du wirst mich überhaupt nicht bemerken, versprochen.“

 

„Schade!“ Sein Blick schweift an mir vorbei, als er das sagt, aber ich erkenne ein schelmisches Lächeln auf seinem Gesicht.

 

Gespielt erbost stemme ich die behandschuhten Hände in die Hüften. „Flirtest du gerade mit mir?“

 

Laut lacht er auf und antwortet: „Ist das in Norwegen verboten?“ Dabei sieht er mir direkt in die Augen. Für einen Moment bin ich wie erstarrt. Einen winzigen Augenblick später erlange ich die Fassung wieder und grinse ihn frech an.

 

„Natürlich nicht. Es hat nur keinen Sinn!“ Betont lässig schiebe ich meine Hände in die Jackentaschen. Es ist eisig hier und mir ein Rätsel, warum Liam ohne Mütze und Handschuhe nicht längst den Kältetod gestorben ist.

 

„Das trifft sich gut. Ich habe nämlich überhaupt keine ernsten Absichten diesbezüglich. Das war bloß ein Test, um herauszufinden, ob ich es noch kann.“

 

Nun bin ich diejenige, die laut auflacht. „Das beruhigt mich ungemein, dann kann ich mich jetzt unbesorgt auf den Heimweg machen“, antworte ich und zeige auf den Berg hinter uns.

 

Er nickt. „Alles klar.“

 

„Falls du irgendwas brauchst, um zu meiner Hütte zu gelangen, musst du einfach nur dem Weg dort folgen.“

 

„Okay, danke, ich glaube, ich werde zurechtkommen.“ Seine Stimme hat einen amüsierten, aber freundlichen Unterton.

 

Um die Situation nicht noch peinlicher zu machen, gehe ich los. An der Straße angekommen, wende ich mich ihm nochmal zu.

 

„Ach Liam“, rufe ich, worauf er sich zu mir umdreht. „Es klingt vielleicht absurd, doch kann es sein, dass wir uns von irgendwoher kennen?“

 

„Das ist überhaupt nicht absurd. Gut möglich, dass du mich kennst“, erwidert er.

 

„Woher?“ Ich habe absolut keine Ahnung, wo wir uns schon einmal über den Weg gelaufen sein könnten. Andererseits: Er ist Amerikaner wie ich. Lebt er ebenfalls in New York und war eventuell mal Gast in dem Restaurant, in dem ich arbeite? Das ist auf Anhieb die einzige Erklärung, die mir einfällt.

 

„Finde es heraus!“ Mit diesen Worten dreht Liam sich um und geht ins Haus.

 

Einen Moment lang bleibe ich stehen und starre ihm hinterher, dann entferne ich mich. Was für ein seltsamer Typ, denke ich, die nächsten Wochen könnten spannend werden.

 


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