Leseprobe

 

Neugierig auf unsere kommende Veröffentlichung? Dann hol dir hier schon einmal einen Appetithappen. Erscheinungsdatum und Cover geben wir noch bekannt.


Blackstone Security: Dillon

Lizzy Jacobs


 

 

 

Kapitel 1 - Dillon

 

 

 

Die zum Firmengebäude des Sicherheitsunternehmens, für das ich tätig bin, gehörende Sporthalle, in der ich jeden Tag mehrere Stunden trainiere, ist aktuell der einzige Ort, wo man mir nicht das Gefühl gibt, ein Loser zu sein. Obwohl ich mit den meisten aus dem Team klarkomme, spüre ich ihre Skepsis wie eine unterschwellige Warnung, sobald ich den Stützpunkt betrete.

 

Eigentlich ist es ein altes Fabrikgebäude, das mein Boss vor einigen Jahren zur Blackstone Security Kommandozentrale umfunktioniert hat. Wir arbeiten im privaten Sicherheitssektor, beschützen in erster Linie Politiker, Profisportler, Schauspieler und andere Berühmtheiten. Unser erstklassiger Ruf eilt uns meilenweit voraus. Zumindest allen, außer mir, denn ich habe vor ein paar Monaten einen riesigen Fehler begangen und muss dafür jeden Tag den Preis zahlen.

 

„Turner, halte deine Deckung hoch und konzentriere dich“, brüllt mich mein Gegenüber an. Schnell schiebe ich den Mist, der mich Tag und Nacht beschäftigt, zur Seite und werfe meinem Cousin Taylor einen grimmigen Blick zu. Er hebt lediglich eine Augenbraue und tänzelt im Boxring auf und ab.

 

„Geh mir nicht auf den Sack und lass uns kämpfen“, gebe ich angepisst zurück, ehe ich mich auf ihn stürze. Wir tragen beide Bandagen, aber keinen Mundschutz. Wir trainieren hart, doch mir reicht das nicht aus.

 

Seit einer Stunde verausgaben wir uns, schenken uns nichts, dennoch habe ich das Bedürfnis, mich mit jedem anzulegen, der in unsere Richtung guckt. Die Tatsache, versagt zu haben, nagt an mir und lässt mich kaum schlafen. So langsam werde ich mürbe und bin es leid, mich wie ein Stück Scheiße zu fühlen.

 

„Denkst du, wenn du mir die Fresse polierst, dass dir das in irgendeiner Art und Weise weiterhelfen wird?“, fragt Taylor mich und ich zucke mit den Schultern. „Es ist genug Zeit vergangen und du musst deinen Kram in den Griff kriegen, sonst findest du dich bald als Security in einem Supermarkt wieder!“

 

Wütend schüttele ich die Arme aus und bin bereit, meinen Cousin ins Nirwana zu kicken, doch er kennt mich wie kein anderer. Statt auf eine Antwort zu warten, dreht er sich um, geht in die Ecke und wirft sich ein Handtuch über.

 

„Gibst du auf, du Weichei? Hast du Schiss, dass ich dich auf die Bretter schicke?“

 

In aller Seelenruhe hebt er seine Wasserflasche vom Boden hoch und trinkt. Dabei lässt er mich nicht aus den Augen, was in mir noch mehr Wut auslöst. Wie ein Dreizehnjähriger mit zu vielen Hummeln im Arsch hüpfe ich auf und ab, in der Hoffnung, die überschüssige Energie endlich loszuwerden.

 

„Egal, was du sagst, du kriegst mich nicht dazu, deinen Sandsack zu spielen“, erwidert Taylor schließlich, bevor er sich durch die Absperrung schiebt. Im Innern weiß ich, dass nur ein anständiger Auftrag mich aus meinem Tief ziehen und mir das Gefühl von Zufriedenheit geben kann. Seit dem Riesenpatzer bei meinem letzten Schützling lässt Cole Davis, Inhaber des Security-Unternehmens, mich nur noch kleine Jobs machen. Er vertraut mir nicht mehr und das macht mich allmählich so fertig, dass ich ernsthaft überlege aufzugeben und mir etwas Neues zu suchen. „Lass uns duschen, dann gehen wir rüber, um zu hören, was der Boss für uns hat.“

 

„Yeah, wie sehr ich mich darauf freue! Was wird es wohl diesmal sein? Wieder ein Hundeturnier, bei denen ich verkackten Pudeln den Arsch nachtragen darf? Oder vielleicht soll ich erneut den Entertainer für eine alte Schachtel spielen“, brumme ich angefressen, während ich aus dem Ring springe und wir gemeinsam zu den Umkleidekabinen laufen. Jeden Montag gibt es eine Einsatzbesprechung, dort bekommen wir Aufträge zugeteilt, was in meinem Fall mit Sicherheit bedeutet, dass ich zum x-ten Mal für die Waffenkammer eingesetzt werde. Einige von uns befinden sich im Ausland, deswegen ist die Mannschaft nicht vollzählig. Ich hingegen baue meinen Lagerkoller mit jeder verstreichenden Woche, die ich hier versauern muss, weiter aus.

 

Taylor hält mir die Tür auf und klopft mir aufmunternd auf die Schulter, als ich an ihm vorbei stapfe. „Cole wird dir eine Chance geben. Du hast doch mit ihm gesprochen und er weiß, dass du kündigst, wenn er dich weiterhin für deinen Fehler bestraft. Hab ein bisschen Geduld und hör auf, dich selbst zu geißeln. Scheiße passiert, du wirst es kein zweites Mal vergeigen“, meint er in seiner stoischen Art. Taylor und ich sind nicht nur verwandt, sondern auch beste Freunde. Er redet nicht gern über Gefühle, deswegen war das für seine Verhältnisse eine ziemlich lange Ansprache.

 

„Glaub mir, ich werde nie wieder auf eine Frau hören, geschweige denn, mich mit einer Klientin anfreunden“, erwidere ich genervt und zerre mir die durchgeschwitzten Klamotten vom Körper. „Auf Tessas Argumente einzugehen war so dämlich, dass ich im Nachhinein nicht mehr kapiere, wie ich so bescheuert sein konnte. Fuck, sie hätte sterben können.“ Mein letzter normaler Auftrag war es, die Freundin des für die New Yorker Silver Falcons spielenden Baseball-Profis Brian Walters zu beschützen. Statt meinen verfluchten Job zu machen, habe ich mich von ihr bequatschen lassen, was letztlich fast zu einer Katastrophe geführt hätte.

 

Nachdem wir die Bandagen von den Händen entfernt haben, gehen wir unter die Dusche und ich genieße das kalte Wasser auf meiner erhitzten Haut. Wenn ich die Augen schließe, erscheint jedes Mal das Bild der verängstigten Frau, die durch mich beinahe umgekommen wäre.

 

„Fakt ist, Tessa hat überlebt und weder sie noch Mr. Walters haben auf deine Entlassung bestanden“, höre ich ihn neben mir sagen, doch das macht meine Schuldgefühle nicht kleiner.

 

„Warum, Taylor? Wieso konnte ich nicht wie immer nach Vorschrift handeln?“

 

Diese Frage stelle ich mir täglich und ich habe nur eine Antwort darauf, die in mir den Wunsch auslöst, meine Kündigung einzureichen, wenn der Job hier nicht alles wäre, was ich hätte. Eigentlich hatte ich nach dem Vorfall erwartet, sofort gefeuert zu werden, aber Cole zieht es seitdem vor, mich auf anderem Wege leiden zu lassen. Bis vor ein paar Tagen habe ich den Mist brav geschluckt, doch ich kann und will nicht weiter den Waterboy für meine Kollegen spielen. Daran gehe ich zugrunde und sollte ich diese Woche nicht wieder voll eingesetzt werden, war es das für mich, gleichgültig, ob meine Tätigkeit als Personenschützer für Blackstone Security quasi mein Leben ist oder nicht!

 

 

 

Nachdem wir uns umgezogen haben, laufen wir über den Parkplatz Richtung Büroräume. In Santa Monica scheint so gut wie immer die Sonne und wenn ich nicht so mies drauf wäre, würde ich zu schätzen wissen, hier zu Hause zu sein. Für kurze Zeit in einer anderen Stadt zu arbeiten, ist immer wieder eine tolle Erfahrung, aber kein Grund, über einen Ortswechsel nachzudenken. Resultierend aus dem, was passiert ist, hat mir mein kleiner Trip nach New York nur gezeigt, warum ich in Los Angeles besser aufgehoben bin. Hier läuft es entspannter ab. Vorausgesetzt, du hast es dir nicht mit dem Boss verscherzt.

 

Vom offenen Eingangsbereich aus hat man einen guten Blick auf alles, und ich erkenne, dass einige meiner Teamkollegen schon im Konferenzraum sitzen. Taylor und ich laufen durch das Foyer und machen einen kurzen Abstecher zur Schaltzentrale. Dort begrüßt uns unser Computergenie Tanner mit einem schiefen Grinsen und einem High Five. Der farbige Hüne wirkt an seinem Schreibtisch ein wenig fehl am Platz, rein optisch erweckt er eher den Eindruck, auf einem Außeneinsatz besser aufgehoben zu sein. Er ist knapp zwei Meter groß und ich warte täglich darauf, dass der Bürostuhl unter seiner Muskelmasse nachgibt.

 

„Was geht, Taylor? Hast du das Wochenende wieder auf den Wellen reitend verbracht?“, fragt unser Kumpel ihn und macht dabei eine komische Surfbewegung, die bei ihm einfach bloß schräg aussieht.

 

Mein Cousin verdreht die Augen und schaut über Tanners Schulter, um einen Blick auf die Monitore zu werfen. Er ist, seit wir Kinder waren, jede freie Minute auf oder im Wasser. Sei es zum Surfen, Tauchen oder Angeln, Hauptsache, er kann allein sein und das Wichtigste, es gibt keine störende Menschen, die ihn vollquatschen. Nach all den Jahren kann ich nach wie vor an einer Hand abzählen, wann er mich mal gefragt hat, ob ich mitkommen will. Er ist ein Eigenbrötler, genau wie unser Boss. Zumindest war Cole das, bevor er sich in eine hübsche Blondine verknallt hat. Seitdem ist er entspannter und ich hoffe, das hilft mir, endlich wieder Fuß zu fassen.

 

„Dort herrscht absolute Stille, ich mag das“, entgegnet mein Cousin und zuckt mit den Schultern.

 

„Vielleicht sollte ich mal vorbeischauen“, überlegt Tanner und ich erkenne, wie mein bester Freund im Geiste seine Abwehroptionen durchgeht. „Jessie ist mittlerweile so schwanger, dass ich ihre Launen nur mit ganz viel Geduld ertrage.“

 

„Du hast dich doch aufs Vatersein gefreut“, wundere ich mich.

 

„Irgendwie läuft es nicht so gut zwischen uns. Aber egal, der Boss wird jeden Moment kommen, also würde ich dir raten, nicht nach ihm an deinem Platz zu sein.“

 

Er hat recht, ich darf ihm keinen Anlass liefern, um mich wieder zu einem Babysitter-Job einzutragen. Allerdings ist Tanner mein Freund und ich möchte mit ihm unter vier Augen reden. Deswegen gebe ich Taylor ein Zeichen, woraufhin er schon mal vorausgeht.

 

„Wenn du was auf dem Herzen hast oder eine Couch zum Pennen brauchst, du weißt, wo ich wohne“, biete ich ihm an und er seufzt, ehe er die Schultern sacken lässt.

 

„Egal, was ich tue, es ist falsch. Ich dachte, sie würde sich über das Baby freuen, obwohl es nicht geplant war, immerhin meinte sie, es würde uns vielleicht helfen. Mittlerweile ist sie ständig am Heulen und ist das nicht der Fall, schreit sie mich an. Es ist echt anstrengend und ich weiß einfach nicht, was ich machen soll.“

 

Für mich hört sich das nach einem weiteren Grund an, weshalb ich keine feste Freundin suche. Sie krempeln dein Leben um, bringen alles durcheinander und am Ende bist du doch nur der Arsch! Das ist nicht meine Definition von Glück, aber bei meinem Kumpel sieht es anders aus. Es ist hart, ihn jetzt so verzweifelt zu sehen.

 

„Sagt man nicht immer, dass die Hormone für diese fiesen Stimmungsschwankungen verantwortlich sind?“

 

Tanner lacht, allerdings hört es sich nicht fröhlich an. „Jessie hat sich verändert und gleichgültig, wie oft ich sie frage, sie schwört, es ist nichts. Vielleicht hat sie auch einfach Angst, dass dem Baby etwas passieren könnte! Seit meiner Verletzung ist sie überempfindlich und macht sich um alles Sorgen.“

 

„Ihr bekommt das wieder hin und solltest du mal eine Auszeit brauchen, mein Haus steht dir zur Verfügung.“

 

„Danke, Alter! Dein Angebot ist verlockend, aber ich bin nicht der Typ, der wegläuft, sobald es schwierig wird. Wir waren an der Front, da wird mich eine Frau mit Stimmungsschwankungen nicht in die Knie zwingen“, antwortet er und das soeben klingelnde Telefon rettet mich vor einer sarkastischen Erwiderung. Meine Sicht ist eine vollkommen andere, denn ich denke, Männer können gegen das weibliche Geschlecht bloß verlieren.

 

Während Tanner den Hörer abnimmt, gehe ich in den Raum, wo der Rest von uns sich gerade übers Wochenende unterhält. Als ich mich hinsetze, hebt Taylor fragend eine Augenbraue und zeigt verstohlen auf unseren Freund, doch ich schüttele lediglich kurz mit dem Kopf, es ist nicht der richtige Zeitpunkt für ein Krisengespräch.

 

„Wir reden später darüber“, beharrt mein Cousin, ich fasse es nicht, wie viele Worte seinen Mund heute schon verlassen haben.

 

„Alter Labersack“, ziehe ich ihn auf und ernte dafür einen fiesen Schlag auf den Oberarm.

 

Ehe ich zum Gegenschlag ausholen kann, betritt Cole den Raum und alle setzen sich gerade hin. Er hat eine Ausstrahlung, die dir nicht den geringsten Bullshit durchgehen lässt und sein scharfer Blick bringt dich dazu, ihn nicht enttäuschen zu wollen. Jedenfalls versuche ich, es kein zweites Mal zu tun.

 

„Guten Morgen“, begrüßt er uns und erst jetzt registriere ich, dass er sich auf eine Krücke lehnt. Wir wissen, wie schwer Tanner und er bei einem Einsatz verwundet wurden, aber ich habe angenommen, dass die Jahre der Physiotherapie geholfen haben.

 

„Alles okay, Boss?“, fragt Derek und steht auf, um ihm den Stuhl zur Seite zu ziehen, was dieser mit einem lauten Knurren kommentiert.

 

„Nur zur Info: Ich bin kein Invalide oder Pflegefall! Allerdings bin ich gezwungen, einige Zeit zu pausieren“, erklärt er uns mürrisch und lässt sich auf seinen Platz nieder. Sein schmerzverzerrtes Gesicht sagt alles, doch wir sind nicht lebensmüde genug, um ihm Fragen zu stellen. Darum kann man vor Stille eine Stecknadel fallen hören, bis unser Chef endlich weiter spricht. „Wie ihr wisst, ist mein Knie ab und zu zickig, aber jetzt tut es dermaßen scheiße weh, dass ich mich entschlossen habe, eine erneute Operation über mich ergehen zu lassen. In einer Woche geht es los und in der Zwischenzeit übernimmt Tanner das Kommando. Während meiner Abwesenheit läuft es hier wie gewohnt und sobald ich aus New York wiederkomme, muss ich einige Zeit den Schreibtischhengst spielen.“

 

Seine Haltung drückt klar aus, was er von der OP hält. Cole ist immer im Einsatz, das ist in seiner DNA verankert und ich kann mir nur zu gut vorstellen, wie sehr ihn das ankotzt. Er hat die Firma gegründet, weil sein Bein ihm weitere Jahre als Scharfschütze vermasselt hat und er wollte, dass ehemalige Soldaten oder andere, die in der Gesellschaft nicht akzeptiert werden, ein neues Zuhause finden. Nun muss er die Pille schlucken, die er mir seit mehreren Monaten in den Rachen wirft. Trotzdem empfinde ich keine Schadenfreude, nein, ich leide mit ihm.

 

„Dann bist du bald wieder zurück?“, hake ich vorsichtig nach und hoffe, er interpretiert meine Nachfrage richtig, erkennt die Sorge, die dahintersteckt.

 

„Ja, und ihr braucht nicht zu denken, dass ich die Zügel schleifen lasse, nur, weil ich gehandicapt bin.“

 

Derek lacht und zeigt auf den Rest von uns. „Ehrlich, Boss, wir werden deine fröhliche Art vermissen.“ Wir grinsen und Cole kommentiert das mit einem ausgestreckten Mittelfinger. Wir sind nicht bloß Kollegen, sondern uns verbindet mehr. Manchmal ist es nicht einfach, ab und zu schlagen wir uns die Köpfe ein, aber wenn es drauf ankommt, würde sich jeder für den anderen eine Kugel einfangen.

 

„Wir gehen die neuen Aufträge durch, ihr bekommt alle nötigen Infos und nebenbei hoffe ich, dass wir bald eine Assistentin finden, die mich von dem lästigen Papierkram befreit.“

 

„Du hast in der ganzen Zeit niemand Hübsches für den Job gefunden? Es gibt bestimmt ne Menge Ladys, die hier arbeiten wollen“, scherzt Nash und Coles Gesicht verfinstert sich.

 

„Exakt das ist der Grund, warum wir hier keine heißen Frauen einstellen, du Komiker. Dann lungert ihr nur noch hier herum und das ist das Letzte, was ich gebrauchen kann“, feuert unser Boss zurück, doch seine Mundwinkel zucken, als er sich zurücklehnt. „Ich habe die Agentur gebeten, mich in Kenntnis zu setzen, sobald sie eine passende Dame über fünfzig findet.“

 

Ein dramatisches Stöhnen ist zu hören, denn wir alle hatten darauf spekuliert, endlich etwas fürs Auge in unseren Hallen begrüßen zu dürfen.

 

In den nächsten zwei Stunden geht Cole mit uns die Fälle durch, gibt uns Anweisungen und das nötige Material, um uns auf die Aufträge vorzubereiten. Am Ende hat jeder einen Job zugeteilt bekommen, nur ich scheine wieder leer auszugehen. Innerlich schlage ich auf einen Sandsack ein und bemühe mich, mir nichts anmerken zu lassen. Meine Frustration ist so groß, dass ich kotzen könnte.

 

„Das wäre dann alles“, sagt er zum Schluss und meine Kumpels stehen auf, um sich an die Arbeit zu machen. Langsam erhebe ich mich und vermeide dabei jeglichen Augenkontakt. Die mitleidigen Blicke ertrage ich gerade nicht, deswegen halte ich den Kopf gesenkt, als sie nacheinander den Raum verlassen, und bilde das Schlusslicht. „Dillon, du bleibst hier.“

 

Wie erstarrt stoppe ich im Türrahmen und drehe mich zu meinem Boss um. „Was gibt es denn noch?“ Mein Tonfall ist gereizt, aber ich kann nichts dagegen tun.

 

Cole zeigt auf den leeren Platz ihm gegenüber und wartet, bis meine Kameraden verschwunden sind.

 

„Setz dich, ich habe einen Job für dich.“ Die Art, wie er das sagt, hätte mich hellhörig werden lassen müssen. Doch die Freude darüber, endlich wieder arbeiten zu können, macht mich für alles andere taub.

 

Das ändert sich jedoch schnell, als ich sein diabolisches Grinsen bemerke und mir langsam dämmert, dass ich vielleicht vorsichtig mit dem sein sollte, was ich mir wünsche.


 

 

Kapitel 2 – Kate

 

 

 

„Aufstehen, Kate. Es ist schon nach elf Uhr. Deine Mutter wird in einer Stunde vorbeikommen und du willst doch nicht, dass sie sich aufregt, oder?“ Dieser nette, wenn auch wirklich nervige Weckruf kommt von meinem ehemaligen Kindermädchen Margret. Seit mir vor drei Jahren endlich die Flucht aus meinem Elternhaus gelungen ist, habe ich ihr einen Schlüssel zu meinem Haus gegeben. Der Grund ist ganz einfach: Margret gibt mir das Gefühl von Geborgenheit und Verständnis. Jene Dinge, die ich von meiner Familie gewollt hätte, aber nie bekommen habe.

 

Wieso hat eine Vierundzwanzigjährige es nötig, von ihrer Nanny geweckt zu werden? Die Frage stelle ich mir mindestens zweimal die Woche und wie immer gibt es nur eine Antwort darauf: Weil ich ohne sie meinen Arsch im Bett parken würde, bis ich Schimmel ansetze!

 

„Tue einfach so, als wäre ich tot und lass mich hier liegen“, gebe ich verkatert zurück und ziehe mir das Kissen über den Kopf. Verschwommene Bilder der letzten Nacht steigen an die Oberfläche. Soweit ich noch weiß, war ich gestern Abend in einem Club, habe Unmengen an Cocktails getrunken und getanzt. Danach herrscht tiefste Finsternis. So geht es mir an sieben Tagen die Woche, denn nicht auszugehen und mich mit meinem Leben auseinanderzusetzen, ist keine Option.

 

Mein klägliches Bemühen, wieder einschlafen zu wollen, um die Trolle hinter der Stirn zu besänftigen, wird von Margret im Keim erstickt.

 

„Dummerchen, du solltest sowas nicht sagen. Es wäre ein Jammer, wenn du bei dem schönen Wetter im Bett bleibst“, antwortet sie, während ich mich schlafend stelle. Sie meint es nur gut und wäre ich nicht so müde, würde ich mich über ihre Fürsorge freuen. Immerhin ist sie die Einzige, die sich um mich kümmert, was genauso erbärmlich ist, wie es klingt.

 

Erst höre ich, wie sie murmelnd um mich herumläuft, und im Geiste sehe ich sie, wie sie meine Klamotten vom Boden aufräumt, als sei ich immer noch vier Jahre alt. Danach folgt ein lautes Rascheln, was mir ankündigt, dass sie tatsächlich die Vorhänge zurückgezogen hat. Und schließlich spüre ich einen Windstoß, der mich eindeutig an frische Luft erinnert. Bevor meine trägen Synapsen überhaupt reagieren können, reißt sie mir das Kissen aus den Fingern und klatscht in die Hände.

 

„Auf, auf! Es wird Zeit für eine kalte Dusche. Du riechst nach Alkohol und Dingen, die ich nicht näher erläutern möchte.“

 

Ihre Missbilligung trifft mich hart, es ist ein Dorn, der ständig sticht, doch ich bin trotzdem nicht gewillt, etwas daran zu ändern. Sie ist für mich wie Familie. Margret kennt mich, seit ich ein kleines Baby war, und ich liebe sie. Allerdings ist sie mittlerweile fünfundsechzig Jahre alt und hat sich offiziell längst zur Ruhe gesetzt. Zu mir kommt sie nur, weil sie denkt, ohne sie würde ich diesen gemütlichen und sicheren Ort niemals verlassen. Jedes Mal, wenn mir bewusst wird, dass sie nicht für immer bei mir sein kann, könnte ich anfangen zu flennen.

 

Aber ich bin von der vergangenen Nacht zu dehydriert, um jetzt hier herum zu heulen, außerdem wurde mir beigebracht, dass Tränen nichts anderes als Schwäche bedeuten. Wann ich das letzte Mal geweint habe … ich erinnere mich nicht, wahrscheinlich als Kleinkind.

 

Gähnend strecke ich die Arme über den Kopf, ehe ich vorsichtig versuche, gegen das Sonnenlicht anzublinzeln. Die Luft verführt meine Gehirnzellen dazu, aufzuwachen, um sich dem Elend zu stellen. Der Geschmack auf meiner Zunge, als hätte ich an einem Frettchen geleckt, lässt Übelkeit in mir hochsteigen.

 

„Könntest du bitte die Vorhänge schließen?“, flehe ich sie an und drehe das Gesicht schützend zur Seite. „Warum wohne ich eigentlich da, wo ständig die scheiß Sonne scheint?“

 

Margret schnaubt und setzt sich auf die Bettkante. „Du benimmst dich wie ein Vampir bei Tageslicht. Trink das, dann wird es dir besser gehen.“

 

Es kitzelt unter meiner Nase, deswegen bleibt mir nichts anderes übrig, als die Augen ein wenig zu öffnen, um das Glas Wasser plus Aspirin in Empfang zu nehmen. Wortlos kippe ich es in einem Zug runter und fühle mich scheußlich.

 

„Wieso muss sie heute hier antanzen?“ Einen Besuch meiner Mutter ertrage ich in der Regel nur in dem Zustand, den ich gestern Nacht erreicht habe. Völlig benebelt und dadurch geschützt vor ihren verbalen Spitzen.

 

„Mrs. Ashcroft klang ziemlich aufgewühlt am Telefon. Gibt es etwas, womit du ihre Aufmerksamkeit erregt hast?“ Mein Ex-Kindermädchen legt ihren Kopf zur Seite und mustert mich kritisch. „Du musst besser auf dich aufpassen. Es wird höchste Zeit, dass du Verantwortung für dein Handeln übernimmst.“ Ihre Sorge um mich wärmt mein trauriges Herz und ich lege ihr die Hand auf den Arm.

 

„Wieso willst du mich nicht adoptieren, Margret? Mein Leben wäre um einiges leichter“, jammere ich, denn ich meine jedes Wort davon ernst. Ihre Erscheinung strahlt Zuversicht und Güte aus, ich sauge ihre Wärme wie ein Schwamm auf.

 

Sie nimmt mir das Glas ab und tätschelt mir mit der anderen Hand die Wange. „Familie kann man sich nicht aussuchen, mein Kind. Aber ich werde immer zu dir stehen, bis du dir eine Eigene aufgebaut hast“, erwidert sie und steht auf. Wenn es doch so einfach wäre. Bei meiner Vergangenheit hört sich das nach reinem Wunschdenken an.

 

„Mal angenommen, ich bin dazu gar nicht in der Lage? Wie soll jemand wie ich den Einen finden, der es überhaupt mit mir aushält?“

 

Mein Kindermädchen lacht, als hätte ich einen Witz gemacht, dabei ist es mir bitterernst. Obwohl ich mich in ihrer Gegenwart meistens nett verhalte, kennt der Rest der Welt mich nicht so. Niemand weiß, wie es in mir aussieht und das soll auch so bleiben.

 

Sie geht durch mein Schlafzimmer und wirft mir an der Tür über die Schulter einen Blick zu. Jetzt hat sich zu der Sorge eine Portion Mitleid hinzugemischt. Innerlich krümme ich mich unter ihrer guten Beobachtungsgabe, es fühlt sich an, als würde sie mich sezieren und sie kauft mir den Bullshit, den ich labere, keine Sekunde ab.

 

„Vielleicht sollte man erstmal anfangen, sich selbst zu lieben, bevor man nach der Liebe sucht.“

 

Ohne meine Antwort abzuwarten, verlässt sie mein Schlafzimmer und lässt mich mit ihren Worten allein.

 

Jetzt bin ich diejenige, die frustriert zu schnauben beginnt. Dieses Gespräch trägt nicht dazu bei, dass sich meine Kopfschmerzen verziehen wollen. Vielmehr möchte ich zu der Hausbar im Wohnzimmer wanken, um sie mit Wodka zu vertreiben. Das Handy auf meinem Nachttisch fängt zu brummen an, woraufhin ich mich trotz des Katers aufraffe, mich zur Seite beuge und es mit zitternden Fingern an mich nehme. Mein Gehirn funktioniert noch nicht richtig, trotzdem erkenne ich sofort, welche Schlagzeile mir entgegen prangt, sobald ich meine Timeline öffne.

 

Senatorentochter lässt tief blicken! #BitchbleibtBitch

 

Instagram ist voller Beiträge mit diesem Hashtag und nachdem ich mir den Schlaf aus den Augen gerieben habe, weiß ich auch, warum. Geschockt schaue ich auf das Display. Ein Bild von mir sorgt für jede Menge Wirbel. Es zeigt mich, wie ich total betrunken und wenig elegant vor dem Club in ein Taxi steige. Dabei ist mir wohl der Rock hochgerutscht. Mein Arsch ziert heute bestimmt die Titelseite sämtlicher Klatschzeitschriften in Los Angeles. Die ganze Welt weiß nun, wie meine Pussy unter meinem String aussieht. Zumindest haben sie eine vage Vorstellung davon bekommen, denn der Fotograf hat einen Zoom benutzt.

 

Ein zweites Foto erscheint mit dem Titel: Der tiefe Fall des It-Girls, darauf bin ich erneut abgelichtet, wie ich komatös mit dem Gesicht an der Seitenscheibe des Taxis lehne.

 

Jetzt kenne ich auch den Beweggrund, der mir den Besuch meiner Mutter eingehandelt hat. Früher hätte sie so einiges für die mediale Aufmerksamkeit ihrer Tochter gegeben. Nein, sie hat alles getan, um mich ins Rampenlicht zu zerren.

 

Tja, Mom, das war es wohl nicht, was du dir vorgestellt hast. Ich schäme mich für die Aufnahmen, das tue ich wirklich, aber im Grunde gebe ich der Meute nur das, was sie sehen wollen. Es interessiert dort draußen keinen Menschen, wie es mir geht oder warum ich bin, wie ich eben bin!

 

Diese Erkenntnis wurde mir schon in jungen Jahren bewusst, wieso also soll ich mich überhaupt um gutes Benehmen bemühen? Im Endeffekt wird eh alles gegen mich verwendet. Was hat es für einen Sinn, sich anzustrengen, um jedermanns Liebling zu sein, wenn man sich nicht mal selbst leiden kann?

 

Margret hat Recht, ich werde niemanden finden, der mich liebt, solange jeder Blick in den Spiegel mich würgen lässt.

 

 

 

Ich brauche Ewigkeiten im Bad, um mich wieder halbwegs wie ein Mensch zu fühlen. Mir tun sämtliche Knochen weh und ich spüre, wie sich die restlichen Energiereserven aus meinem Körper verabschieden. Das kommt davon, wenn man die Nacht zum Tag macht, keinen Sport treibt und sich beinahe ausschließlich von Salaten und Alkohol ernährt. Nicht zu vergessen, die Diätpillen, die meine werte Mutter mir regelmäßig zukommen lässt.

 

Der Spiegel präsentiert mir den Mittelfinger und lacht sich den Arsch ab, weil ich aussehe, als wäre ich von der Hölle ausgespuckt worden. Meine Haut ist blass, meine Wangenknochen eingefallen und ich erkenne mich selbst nicht mehr wieder. Nicht, dass ich jemals glücklich gewesen bin, aber der heutige Morgen zeigt mir deutlich, dass ich langsam an meine Grenzen komme.

 

In der Küche erwartet mich ein Obstteller, dazu ein großes Glas Orangensaft und ein deftiges Omelett. Margret bereitet mir, wann immer sie hier ist, das Frühstück zu, obwohl ich nicht mal ein Zehntel davon herunter bekommen werde. Während ich mich auf den Barhocker hieve und die Zähne zusammenbeiße, damit ich nicht auf den Teller kotze, wischt sie über den Küchentresen und meidet meinen Blick.

 

„Spuck es schon aus, Margret. Was willst du mir sagen?“, fordere ich sie auf, denn ich kann es nicht leiden, wenn sie nicht mit mir redet.

 

Mein ehemaliges Kindermädchen ignoriert mich, bis ich mich geschlagen gebe und ein Stück Ananas esse. So macht sie es immer, sie zwingt mich dazu, klein beizugeben. Erst als ich auch noch die Apfelstücke herunterwürge, nimmt sie mir gegenüber Platz.

 

„Du brauchst Hilfe.“

 

Meine Reaktion fällt wie gewohnt aus. „Pfft, was ich brauche, ist ein Drink und ein neues Kleid“, erwidere ich trotzig und schiebe den Teller mit Obst von mir weg.

 

Margret schnalzt missbilligend mit der Zunge, ehe sie auf das Omelett zeigt. „Iss das und hör auf, dich selbst zu ruinieren. Du bist eine Ashcroft, ich dachte, ich hätte dich besser erzogen.“

 

„Als ob es ein Privileg ist, diesen Namen zu tragen. Hat er mir je etwas Gutes eingebracht?!“, gebe ich wütend zurück. „Du warst schließlich dabei und konntest jeden Tag hautnah erleben, wie sie mit mir umgegangen ist.“

 

„Du hast recht, es war grausam, trotzdem begreifst du nicht, dass das Leben jetzt so viel mehr zu bieten hat. Fang wieder an zu tanzen oder finde etwas anderes, das dir Spaß macht, doch bitte hör auf, dich selbst zu demütigen. Denkst du etwa, ich bekomme nicht mit, was die Presse über dich schreibt? Glaubst du, mich macht es nicht fuchsteufelswild, wie sie mit dir umgehen? Aber so ungern ich das sage, du servierst ihnen die Schlagzeilen auf dem Silbertablett.“

 

Das miese Gefühl in mir wird lauter und ich spüre, wie mir die Tränen in die Augen steigen. Um mich davon abzulenken, wie sehr mich ihr Kummer trifft, trinke ich den Orangensaft und schaue an die Decke.

 

„Kate, ich liebe dich wie mein eigenes Kind.“

 

Ich verschlucke mich und nehme das als Entschuldigung, dass meine Wangen brennen und mit Feuchtigkeit bedeckt sind. Röchelnd versuche ich, mein rasendes Herz zu beruhigen. Liebe ist so ein schrecklich großes Wort, aber es aus ihrem Mund zu hören, bedeutet mir so viel.

 

„Es tut mir leid, wirklich“, schluchze ich und wische mir grob übers Gesicht. Heute ist wohl der Tag der Premieren. Erst präsentiere ich der Welt meine Unterwäsche und jetzt heule ich auch noch. „Sobald ich denke, es wird besser, kommt sie vorbei und macht alles zunichte.“

 

„Dann lass nicht zu, dass sie dich weiterhin wie ein kleines Kind behandelt, und steh für dich ein. Wenn du willst, rede ich …“

 

Es klingelt an der Haustür und Margret verstummt. Wir wissen beide, wer dort draußen steht und nur darauf wartet, ihre Klauen in mich zu rammen.

 

„Wir könnten so tun, als wäre ich nicht zu Hause“, schlage ich betont gutgelaunt vor, springe vom Hocker und schlurfe zur Tür, weil ich weiß, dass meine Mutter nicht weggehen wird. Meine alte Freundin geht neben mir her und nimmt ihre Tasche von der Garderobe, ehe sie mich kurz in die Arme schließt und mich an sich drückt. Den Moment der Ruhe gönne ich mir, sauge jeden winzigen Partikel ihrer Nettigkeit in mich auf, damit ich die folgende Schlacht bestreiten kann.

 

„Lass dir nichts gefallen“, flüstert sie mir zu, dann öffnet sie die Tür und wir stehen der Frau gegenüber, für die Nächstenliebe ein Fremdwort ist. Egoismus steht bei ihr an erster Stelle. In einem Kostüm von Prada und den dazugehörigen Accessoires sieht sie aus, als wäre sie einem Lifestyle-Magazin entsprungen. Sie ist wunderschön, aber in ihrem Innern schwelt der Zorn vertaner Chancen und des Unglücks, mich zur Tochter zu haben.

 

„Margret, ich dachte, ich hätte klar gemacht, dass Sie nicht mehr hinter Kate aufräumen müssen“, sagt sie in abwertendem Ton und ich balle die Hände zu Fäusten. Meine Mutter weiß, wie man anderen Menschen das Gefühl vermittelt, fehlbar zu sein. Doch bei meinem ehemaligen Kindermädchen stößt sie mit solchen Aussagen nur auf Granit. Bereits als Kind sah ich meiner Nanny dabei zu, wie sie bei jeglicher Anweisung brav nickte und zustimmte, aber sobald meine Mom außer Sichtweite war, füllte sie das Anwesen mit Leben.

 

„Es macht mir nichts aus, Mrs. Ashcroft. Einen schönen Tag wünsche ich noch“, verabschiedet sich Margret und verlässt das Haus.

 

Meine Mutter schaut ihr tadelnd hinterher und ich schwöre, ich kann fühlen, wie die Hexe des Nordens ihren Hass über jeden verteilt, der ihr zu nahe kommt.

 

Als sie sich zu mir umdreht, bin ich längst hinter meinem Schutzpanzer verborgen und bereit für den verbalen Schlagabtausch.

 

„Du siehst aus wie eine Obdachlose, Kate. Habe ich dir nicht beigebracht, niemals ohne Make-up vor die Tür zu gehen?“ Sie drängelt sich an mir vorbei und zieht eine Duftwelle von Chanel No. 5 hinter sich her. „O Gott, hier riecht es, als wäre jemand gestorben“, mäkelt sie weiter und ich schließe die Tür.

 

„Ist es hier gerade zwanzig Grad kälter geworden?“

 

Meine Frage scheint sie zu irritieren, denn sie bleibt im Flur stehen und schaut sich zu mir um. Wenn ihr geliftetes und gebotoxtes Gesicht eine Regung zulassen würde, könnte man annehmen, sie runzele die Stirn.

 

„Was meinst du? Es ist viel zu warm hier drinnen“, entgegnet sie und macht sich an der Klimaanlage zu schaffen, die über ein Display bedient werden kann.

 

„Vergiss es! Was verschafft mir das Vergnügen?“

 

Sofort ist die Anlage vergessen und sie tippelt auf ihren High Heels auf mich zu. Wie kaum ein anderer Mensch schafft sie es, ihre Missbilligung mit einem einzigen Wimpernschlag zu demonstrieren.

 

„Die Fotos sind ein Skandal! Dein Vater musste sämtliche Pressesprecher auf diese Kompromittierung ansetzen und seine Beziehungen geltend machen, um Schadensbegrenzung zu betreiben. Kannst du mir mal verraten, warum du es darauf anlegst, unseren Ruf zu ruinieren? Du bist so undankbar, und das nach allem, was wir für dich getan haben.“

 

„Wie du unschwer erkennen konntest, war ich ein wenig neben der Spur“, spiele ich die peinlichen Bilder herunter und stecke die Hände in die Hosentaschen meiner zerrissenen Shorts. Für sie mag ich nicht standesgemäß aussehen, aber ich fühle mich wohl in Jeans und Tanktop. Nur wenn ich ausgehe, verwandele ich mich in das Partygirl ohne Grenzen mit dem Hang zu knappen Outfits. Es ist eine Rebellion gegen sie und alles, was sie mir angetan hat.

 

„Werd bloß nicht frech. Wir sind kurz davor, dir den Geldhahn zuzudrehen.“ Sie stakst ins Wohnzimmer, wischt imaginäre Fusseln von meiner Couch und nimmt mit vollendeter Grazie Platz. „Du solltest wieder bei uns einziehen“, schlägt sie vor und mir wird schlecht. „So könnte ich dich im Auge behalten und dein armer Vater müsste sich nicht für diese desaströsen Auftritte rechtfertigen. Wenn ich gewusst hätte, wie schwer es ist, eine Mutter zu sein, dann …“

 

Theatralisches Seufzen setzt ein, doch ihre scheinbare Überforderung prallt an mir ab. Wie der Satz endet, wissen wir und es durchsticht mich wie ein glühend heißer Pfeil. Patricia Ashcroft war niemals eine Mutterfigur für mich, sie hat keine beschissene Ahnung davon, wie man sich um jemanden kümmert. Sie empfindet nichts für mich, sie will lediglich ihre Stellung in der Gesellschaft behalten.

 

Barfuß und so wütend, dass ich am liebsten schreien möchte, gehe ich Richtung Terrassentür, die ich öffne, um den Kloß in meinem Hals wegzuatmen. Nach all den Jahren sollte mich ihre Kaltherzigkeit nicht mehr verletzen, doch leider schafft sie es immer wieder, dass ich mich wie ein Nichts fühle.

 

Während ich hinausschaue und mir vorstelle, von hier wegziehen zu müssen, krampft mein Magen sich zusammen. Dieses Stück Freiheit darf ich nicht verlieren, es würde mein Ende bedeuten. Mein Vater hat mir das Anwesen in Bel Air zwar gekauft, aber bloß, weil ich buchstäblich auf Knien darum gebettelt habe. Deshalb reiße ich mich am Riemen und versuche mich an einem Lächeln, als ich mich zu ihr umdrehe.

 

„Zum Glück gehört das Haus mir und du kannst es mir nicht wegnehmen. Ich bin gerade auf Jobsuche und verdiene dann mein eigenes Geld.“ Ihr spöttisches Lippenkräuseln warnt mich vor, dass das, was sie jetzt sagen wird, nicht nett ausfällt. Automatisch verschränke ich die Arme vor der Brust und sehe sie herausfordernd an. „Stripperinnen werden gut bezahlt“, provoziere ich sie.

 

Bingo! Ihr Gesichtsausdruck ist Gold wert, nun habe ich sie endlich mal da getroffen, wo es weh tut. Wir liefern uns ein stummes Duell, bei dem ich ihr signalisiere, dass es mein verfluchter Ernst ist. Dies ist mein Zuhause und ich bin nicht bereit, kampflos von hier fortzugehen.

 

„Das würdest du nicht wagen!“, ruft sie aufgebracht und springt von der Couch auf. „Wir wollen nur das Beste für dich.“

 

„Von wegen! Du hast nur Angst, dass du bei der nächsten High-Society-Veranstaltung nicht eingeladen wirst“, behaupte ich, denn ich weiß, wie viel Wert sie auf Dinnerpartys und Bankette legt. „Dad wird mir die finanzielle Unterstützung niemals verweigern. Er liebt mich!“ Im Gegensatz zu dir, füge ich im Stillen hinzu.

 

„Mal sehen, wie sehr du deinen Vater weiterhin auf ein Podest stellst, wenn du erfährst, was er beschlossen hat.“

 

Für gewöhnlich kann ich meine Mutter gut einschätzen. Ich erkenne, wann sie blufft und wie sie sich benimmt, wenn sie einen Krieg gewonnen hat. Genau in diesem Augenblick wird mir klar, dass mir eine entscheidende Info zu fehlen scheint.

 

„Er würde mich niemals verletzen oder zu etwas zwingen, was ich nicht möchte! Vielleicht nimmt er mir erstmal den Porsche weg, aber es gibt ja Uber!“ Meine Stimme klingt nicht so fest, wie ich gern wollte. Sie hat bereits Witterung aufgenommen und ihr hämisches Grinsen kehrt zurück.

 

„Sei heute Abend pünktlich um acht bei uns zum Essen. Und bitte tu uns einen Gefallen und sei nüchtern, du willst doch wissen, wie deine Zukunft aussehen wird, nicht wahr?“ Nun bin ich wirklich besorgt, denn wie sie den letzten Teil betont, macht mich ängstlich.

 

„Du sagst mir jetzt sofort, was hier läuft!“

 

Meine Mutter hält es nicht für nötig, mir zu antworten, sondern spaziert genauso schnell aus meinem Zuhause, wie sie gekommen ist.

 

Das hat sie schon früher getan. Erst fängt sie mit einem wichtigen Thema an, und sobald sie weiß, dass sie dich an der Angel hat, lässt sie dich zappeln. Sie genießt jede Sekunde ihres grausamen Spiels. Wenn mein Bauchgefühl mir nicht zuschreien würde, dass die Lage ernst ist, würde ich vermutlich heute Abend betrunken dort auftauchen. Kurz bin ich versucht, meinen Dad anzurufen, doch er ist wahrscheinlich zu beschäftigt, als dass seine Sekretärin mich überhaupt durchstellt. Als Senator hat man für alle Zeit, nur nicht für sein eigenes Kind.

 

Das ist so nicht ganz richtig, er hat sich bemüht, mir Aufmerksamkeit zu schenken, sobald er zu Hause war. Nur bin ich momentan nicht imstande, fair zu urteilen. Die nächsten Stunden zerbreche ich mir den Kopf darüber, was meine durchgeknallte Mutter mit ihrer unterschwelligen Drohung gemeint haben könnte.

 


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