Leseprobe

 

Neugierig auf unsere Veröffentlichung? Dann hol dir hier einen Appetithappen. Das Werk ist am 28.02.2021 erschienen.



 

Kapitel 1 – Cole

 

 

 

„Wir müssen hier weg, sofort! Sie haben uns entdeckt, Cole! Lass uns verschwinden, bevor …“

 

Ein heftiger Knall lässt mich zusammenfahren, danach folgt ein Meer aus Schmerzen und die Erkenntnis, dass alles vorbei ist. Neben mir liegt Tanner, mein langjähriger Freund, und rührt sich nicht mehr. Sein Gesicht ist blutüberströmt und ich versuche, mich zu bewegen, doch es geht nicht.

 

„Tanner, sag mir, dass du okay bist“, schreie ich über die lauten Geräusche in meinem Kopf hinweg, dann wird alles schwarz.

 

Schweißgebadet wache ich auf und weiß für einen kurzen Augenblick nicht, wo ich bin. Orientierungslos schaue ich mich um und mein Blick fällt auf den Wecker. Langsam begreife ich, dass ich nicht länger in Afghanistan bin. Neben mir liegt auch nicht mein bester Kumpel und bewegt sich nicht. Ich befinde mich in meinem Strandhaus in Santa Monica, wo den Leuten die Sonne aus dem Arsch scheint, während ich jeden Morgen aus meinem persönlichen Armageddon aufwache. Den Hinterhalt, in den wir damals geraten sind, werde ich wohl nie aus meinem Kopf bekommen.

 

„Verfluchter Mist“, knurre ich in das Kissen und würde am liebsten schreien. Doch das wird nichts ändern, also lasse ich es und lehne mich an die Kopfseite des Bettes. Das Pillendöschen, das neben mir auf dem Nachttisch steht, verhöhnt mich, gibt mir das Gefühl, nicht richtig zu ticken, seit ich wieder zurück bin.

 

Man möchte meinen, dass sieben Jahre genug Zeit wären, die Vergangenheit loszulassen. Dass die Schatten sich verziehen und man einfach weitermachen kann. Am Tag funktioniert es auch. Aber in der Nacht erlebe ich diesen Augenblick des Scheiterns wieder und wieder. Meine Psychologin Penelope Harper ist der Ansicht, die Tabletten würden mir helfen, ein wenig Ruhe zu finden, doch so sehr es mich reizt, mal durchschlafen zu können, ich will nicht vergessen.

 

Vergessen bedeutet für mich, meine Kameraden, die nicht so viel Glück hatten wie ich, nicht zu ehren. Einige aus unserer Einheit haben es nicht nach Hause geschafft, also sollte ich mich glücklich schätzen, hier und am Leben zu sein. Doch ich trage eine gewisse Mitschuld an dem Unglück, die mich nicht zur Ruhe kommen lässt. Diese Scheißpillen nehme ich nur, wenn ich kurz davor bin, durchzudrehen, was in den letzten Jahren immer weniger vorkommt. Dennoch gehe ich alle vierzehn Tage zum Seelenklempner und kaue denselben Kram durch. Sie meint, ich mache Fortschritte, ich denke, dass ich seit einiger Zeit auf der Stelle trete.

 

Etwas zieht an der Decke und als ich über den Rand schaue, sehe ich in das rosige Gesicht meiner Herzdame.

 

„Molly, wie oft habe ich dir gesagt, dass mein Schlafzimmer für dich tabu ist?“, frage ich sie, doch sie legt nur den Kopf schräg und grunzt.

 

Meine Mitbewohnerin ist ein Hausschwein, was mir schon einige seltsame Blicke meiner Kollegen eingehandelt hat, aber es ist mir egal. Molly ist stubenrein und so klein wie ein Pinscher, ohne dessen nerviges Gekläffe. Tatsächlich ist sie das entspannteste Haustier, das mir je über den Weg gelaufen ist. Sie liebt es, ihren Bauch gekrault zu bekommen, und ist nicht beleidigt, wenn ich mal später nach Hause komme. Im Grunde ist sie die perfekte Partnerin.

 

Ms. Harper gab mir den Rat, mich mal mit anderen Veteranen zu treffen. Sie riet mir außerdem, Nähe zu einer Frau aufzubauen, mich sogar auf etwas Festes einzulassen, was mir ehrlich gesagt total gegen den Strich geht. Krieg verändert einen, was in meinem Fall heißt, dass ich Beziehungen jeglicher Art aus dem Weg gehe. Es ist nicht fair, einer Partnerin das Glück vorzuspielen, während man insgeheim damit beschäftigt ist, seine inneren Dämonen in Schach zu halten. Für meine Therapeutin ist es trotzdem kein Grund, nicht jede Sitzung davon anzufangen. Da ich mich ungern mit Frauen streite und nicht will, dass es ewig ein Gesprächsthema zwischen uns bleibt, habe ich irgendwann nachgegeben.

 

Nach einer unserer Therapiesitzungen bin ich ins nächstgelegene Tierheim gefahren, dort saß Molly ganz einsam und allein in einem Käfig und kurzerhand entschloss ich mich, sie mitzunehmen. Seitdem sind sechs Monate vergangen und wir sind ein klasse Team.

 

Molly grunzt erneut, ehe sie sich umdreht und aus dem Raum läuft. Die düsteren Träume verblassen langsam und ich stehe auf. Der Wecker zeigt mir, dass ich noch zwei Stunden habe, ehe ich in die Firma muss, deswegen gehe ich kurz ins Bad, putze mir die Zähne und wasche mir das Gesicht mit kaltem Wasser. Als ich aufsehe, erkenne ich im Spiegel einen dreißigjährigen Mann, dessen Augen denen eines Toten gleichen.

 

„Du siehst scheiße aus“, mache ich meinem Spiegelbild ein Kompliment, bevor ich mir Laufklamotten und Sportschuhe anziehe. Mein rechtes Bein schmerzt, doch ich achte nicht weiter darauf. Die Verletzung, die dazu geführt hat, dass ich meinen Job als Scharfschütze nicht mehr ausüben kann, fordert jeden Tag ein paar Dehnübungen, bis ich die Unbeweglichkeit überwinde und mich normal bewegen kann. Die Narben sind dick, die Sehnen zusammengeflickt. Ein weiteres Mahnmal, das mich daran erinnert, was passiert ist.

 

Im offenen Wohnbereich angekommen, ziehe ich die Vorhänge beiseite und blicke direkt auf den Strand. Für mich die beste Motivation, laufen zu gehen, denn die Sonne ist noch nicht ganz aufgegangen, alles ist friedlich und still.

 

„Dann komm, Babe, lass uns die Welt erobern!“ Den Satz sage ich jeden Morgen zu ihr. Mir ist bewusst, dass sie kein Wort von dem versteht, was ich von mir gebe, aber so fühle ich mich weniger allein.

 

Molly quiekt begeistert, als ich ihr die Leine umbinde und die Tür öffne. Sanft nehme ich sie auf den Arm, küsse sie auf den Kopf und hebe sie die paar Stufen hinunter. Danach beginnen wir unseren morgendlichen Spaziergang, der mich zu Ruhe kommen lässt, genau wie am Abend, wenn wir das Ganze wiederholen.

 

Sie macht ihr Geschäft wie antrainiert auf dem Dünengras, wo ich es, so wie jeder Hundebesitzer, in eine Tüte packe, nur dass mein Hund halt ein Schwein ist. Zum Grundstück gehört ein Teil vom Strand, so bin ich für mich, was ich sehr zu schätzen weiß.

 

Nach zehn Minuten bringe ich sie ins Haus, fülle ihre Futterschüssel auf und marschiere anschließend wieder hinaus, um meine eigentliche Runde zu drehen. Im Laufschritt renne ich los, nehme den Schmerz an und mache ihn mir zu eigen. Mir ist bewusst, dass ich mich absichtlich isoliere, um jeglichem Verlust aus dem Weg zu gehen. In der Therapie habe ich gelernt, mit allem fertig zu werden, wenn man nicht aufgibt. Es ist ein langer Weg, vielleicht wird er niemals vorbei sein, aber ich bin bereit, mich meinen Dämonen zu stellen, das war ich schon immer. Die Frage ist nur, ob ich den Kampf jemals gewinnen werde oder ob ich am Ende begreife, dass ich in Wahrheit vor sieben Jahren gestorben bin.

 

 

 

Als ich mit meinem Dodge auf das Grundstück fahre, auf dem sich der Firmensitz von Blackstone Security befindet, empfinde ich sowas wie ein Gefühl von nach Hause kommen. Es ist ein früheres Fabrikgelände am Rande von Los Angeles, das ich zu einer hochmodernen Sicherheitsfirma umgebaut habe. Mit viel Schweiß, noch mehr Wut auf die Welt und einem Kredit von der Bank konnte ich Leuten wie mir einen Ort geben, wo sie gebraucht werden.

 

Ehemalige Soldaten oder Kriegsveteranen haben oft nicht die Chance, wieder Teil der Gesellschaft zu sein. Viele Opfer des Krieges befinden sich nicht auf einem Friedhof, sondern leben unter Brücken, weil niemand sie einstellen will.

 

Ein Held bist du nur so lange, wie du die Uniform trägst. Danach bekommst du einen Handschlag und bist auf dich allein gestellt. Das alles wusste ich, als ich mich für den militärischen Dienst bewarb. Allerdings habe ich mich in keinem dieser Szenarien gesehen. Du stehst auf und reißt dich zusammen. Den meisten von uns mag das gelingen, doch manchmal zwingt dich die Welt in die Knie.

 

Neben dem Hauptgebäude befindet sich eine Trainingshalle, die jedem Fitnessfreak vor Freude die Tränen in die Augen steigen lässt. Es sind sämtliche Trainingsmöglichkeiten vorhanden, vom Boxring bis zum Kardiotraining. Alles, was uns fit hält und für den Einsatz vorbereitet. Hier herrscht ein straffes Trainingsprogramm, denn wenn wir die Elite der High Society beschützen, müssen wir topfit sein. Das Gleiche gilt auch für den Umgang mit Waffen. Am Schießstand werden einmal die Woche die Leistungen meiner Männer sowie meine eigenen abgerufen. Fast alle kommen aus dem militärischen Bereich und sind mit einer Waffe groß geworden. Dennoch gehe ich auf Nummer sicher, das Leben unserer Klienten hängt davon ab, Ausrutscher können wir uns nicht erlauben.

 

„Keinen so beschissenen Fehler, wie Dillon ihn begangen hat“, knurre ich leise vor mich hin. Er war als Bodyguard für die Freundin eines Baseballstars zuständig, die von einem Stalker bedroht wurde. Weil der Idiot sich von ihr hat einlullen lassen und nicht ausreichend die Umgebung gesichert hat, wäre sie beinahe draufgegangen.

 

In diesem Augenblick kommt der Übeltäter gerade aus der Trainingshalle und direkt auf mich zu. Mir ist klar, dass er seine Aktion bereut. Das ändert aber nichts daran, dass er die Regeln missachtet hat. Wir alle haben einen Eid abgelegt, Menschenleben zu retten. Ob in der Army oder hier, das Gebot steht über allen anderen und er hat es gründlich verkackt.

 

Sobald ich aus dem Wagen steige, die Fahrertür zuschlage und mich umdrehe, sehe ich in sein zerknirschtes Gesicht.

 

„Boss, wir müssen reden. Ich kann unmöglich noch länger Innendienst schieben“, begrüßt er mich und meine Laune sinkt von null auf unterirdisch.

 

Ohne ihn weiter zu beachten, hole ich meine Sporttasche vom Rücksitz und gehe schnellen Schrittes Richtung Bürokomplex.

 

„Turner, du solltest froh sein, dass ich dich nicht rauswerfe“, erwidere ich schließlich, weil er neben mir herläuft und offenbar eine Antwort erwartet.

 

„Denkst du, ich weiß nicht, wie falsch das war? Mich macht es fertig und ich kann nicht mehr, als mich zu entschuldigen.“

 

Ruckartig bleibe ich stehen und trete dicht an ihn heran. „Es ist mir scheißegal, wie oft du mit Ausflüchten um die Ecke kommst, du musst mir erst beweisen, dass du zum Team gehörst“, sage ich mit kalter Stimme und mache keinen Hehl daraus, wie enttäuscht ich von ihm bin. „Dein Schützling wurde aufgrund deines Fehlverhaltens verletzt. Sag mir, wie ich dir wieder vertrauen soll? Ich habe die Regeln nicht aufgestellt, damit du sie brichst, Dillon! Solange ich nicht das Gefühl bekomme, dass du wirklich begreifst, wie dämlich dein Verhalten war, schiebst du weiter Innendienst.“ Dillon öffnet den Mund, doch wenn ich noch ein Wort von ihm höre, schmeiße ich ihn vom Grundstück. „Diskussion beendet“, breche ich das Gespräch ab und reiße die Eingangstür auf. Er ist wenigstens so klug, mir nicht weiterhin auf den Sack zu gehen, sondern sich Richtung Asservatenkammer zu verpissen.

 

In diesem Teil des Gebäudes befinden sich ein paar Büros, ein Konferenzraum, wo wir uns täglich austauschen und uns auf dem Laufenden halten, sowie die Waffenkammer und eine Kommandozentrale, wo sich mein Freund Tanner aufhält, als ich vorbeigehe.

 

„Morgen, Boss, nicht gut geschlafen?“, zieht er mich auf, während er wie jeden Tag damit beschäftigt ist, sämtliche Infos zu unseren Aufträgen einzuholen. Er ist stets vor mir hier und liebt es, die miesen Individuen im Netz aufzuspüren. Tanner King ist ein Computergenie, ein absoluter Crack, was digitale Spuren angeht, und ich bin jeden Morgen erleichtert, ihn hier sitzen zu sehen.

 

„Wie immer beschissen, aber die Therapeutin sagt, es wird irgendwann besser“, antworte ich ausweichend und setze mich kurz zu ihm. „Außerdem hör auf, mich Boss zu nennen. Wir kennen uns seit zwanzig Jahren und waren zusammen im Einsatz. Ich komme mir komisch vor, wenn du mich so ansprichst, obwohl es an sich stimmt.“

 

Tanner lacht und die große Narbe in seinem Gesicht verzerrt seine Gesichtszüge. Auf manche mag das gruselig wirken, ich hingegen bin verdammt froh, dass er gute Laune hat. Im Gegensatz zu mir ist er schneller über die Ereignisse in Afghanistan hinweggekommen. Er ist eine Frohnatur, daran haben seine Verletzungen nichts geändert und während ich nicht loslassen kann, lebt er sein Leben einfach weiter. Dafür bewundere ich meinen besten Freund.

 

„Du warst schon immer ein Teamleader, damals wie heute. Mir macht es nichts aus, ich liebe meinen Job und noch besser finde ich es, am Ende des Tages nach Hause fahren zu können, ohne jemanden erschossen zu haben“, meint er ernst und zuckt mit den Schultern.

 

Seitdem wir beide zurück sind, hat er keine Waffe mehr angerührt, er sagt, dieser Teil ist für ihn vorbei und ich respektiere das. Jeder von uns hat Narben davon getragen, beim einen sind sie sichtbar, beim anderen befinden sie sich so tief in ihm, dass man sie nur schwer verarbeiten kann.

 

„Glaub mir, ich bin ebenfalls froh, wenn ich die Waffe nicht zücken muss, aber es gehört nun mal zu meinem Job“, gebe ich zurück und schaue zum Eingangsbereich, weil das restliche Team langsam eintrudelt. Für mich arbeiten sechs Männer, denen ich mein Leben anvertrauen würde. Okay, zurzeit sind es nur fünf, bei denen ich mir sicher bin.

 

Du hast auch Scheiße gebaut, mahnt mich eine Stimme, die sich verdächtig nach meinem Klugscheißer-Ich anhört. Sie hat recht, was mir tierisch auf den Sack geht, deswegen konzentriere ich mich auf das, was mein Kumpel gerade erzählt.

 

„Jessie flippt eh schon immer aus, wenn ich nur eine halbe Stunde zu spät nach Hause komme.“ Er stöhnt und zeigt auf das Hochzeitsbild der beiden auf seinem Schreibtisch. „Sollte ich jemals wieder eine Waffe anfassen, ist sie weg.“ Tanner reibt sich die Stirn und anschließend über seinen kahlrasierten Schädel. Seine Frau Jessie und er sind bereits seit der Highschool zusammen, doch der Unfall hat ihre Beziehung verändert. Sie ist ängstlicher geworden, genauso wenig wie ich, kann sie den Anblick vergessen, als wir ihn das erste Mal im Krankenhaus besuchen durften.

 

„Jessie liebt dich, mich hasst sie.“

 

„Hör auf, so einen Mist zu erzählen, sie möchte nur, dass du endlich wieder glücklich bist. Und das heißt, dass sie dich verkuppeln will“, verteidigt er seine Ehefrau eher halbherzig.

 

„Bullshit, sie ist regelrecht besessen davon! Ich komme gut allein zurecht, außerdem habe ich Molly.“ Tanner schüttelt grinsend den Kopf, seine Miene verrät mir, dass Jessie bereits eine neue Kandidatin ausgewählt hat. Schnell werfe ich einen Blick auf die Uhr. Ich habe noch fünf Minuten für mich, ehe wir die Tagesplanung besprechen. Darum stehe ich auf, klopfe ihm auf die Schulter und gehe in mein Büro.

 

„Du bist Sonntag zum Essen eingeladen“, ruft er mir nach.

 

Ich halte im Türrahmen an und mustere ihn. „Sag mir, dass es keinen vierten Teller auf dem Tisch gibt, und ich werde da sein.“

 

Er hebt die Arme, lässt seine Muskeln spielen und versucht sich an einem neutralen Tonfall, der ihm reichlich misslingt. „Gegen meine Frau bin ich machtlos, Bro. Da helfen auch diese Prachtpakete nichts, also komm um acht vorbei und zieh dir was Schickes an.“

 

Augenrollend zeige ich ihm den Mittelfinger und lasse die Tür ins Schloss fallen. Es wäre unhöflich, ihrer Einladung nicht nachzukommen, allerdings würde ich lieber stundenlang in der Wüste hocken, als mich einem weiteren Kuppelversuch zu stellen.

 

Nachdem ich meine Tasche auf den Besucherstuhl geworfen und mich hinter den Schreibtisch gesetzt habe, schaue ich ins Mailfach, ob es neue Infos zu meinem bestehenden Auftrag gibt. Danach gehe ich die Anfragen durch, die in den letzten Tagen hereingekommen sind. Wir haben uns einen Namen gemacht und können uns über mangelnde Jobs nicht beklagen. Ob Schauspieler, Musiker, Geschäftsmänner oder hochrangige Politiker, alle wollen uns, weil wir die Besten sind. Deswegen macht es mir zu schaffen, dass Dillon Mist gebaut hat, schlechte Presse kann niemand gebrauchen. Ein weiterer Grund, warum er nicht mehr eingesetzt wird.

 

Bin ich zu hart mit ihm? Mit Sicherheit, aber die Ausbildung durch die Army hat mich eins gelehrt: Zweite Chancen bekommt man so gut wie nie und wenn man sie erhält, muss man sie sich verdienen.

 

Mein Handy klingelt und als ich darauf schaue, erkenne ich das Gesicht meiner Schwester. Helen ist zwei Jahre jünger, trägt das Herz auf der Zunge und treibt mich wie Jessie regelmäßig in den Wahnsinn.

 

„Hey Schwesterherz, was gibt´s?“ Meine Begrüßung geht in lautem Hundegebell unter und ich muss automatisch grinsen. Das würde mir mit Molly nie passieren.

 

„Brüderchen, ich wollte dich nur kurz daran erinnern, dass wir heute verabredet sind.“

 

„Als würde ich jemals unsere Verabredungen vergessen, schließlich kochst du immer für mich. Ich hoffe nur, du hast nicht wieder so viel Knoblauch an die Soße gemacht. Das letzte Mal stank ich zwei Tage wie ein Iltis“, ziehe ich sie mit ihren grundsätzlich guten Kochkünsten auf. Helen ist Köchin in einem Restaurant in der Innenstadt und sie mag es gar nicht, wenn ich sie mit ihrem Hang, alles in Knoblauch zu ertränken, aufziehe.

 

„Sei froh, dass du mal was anderes zu essen bekommst als Dosensuppe und Tiefkühlpizza“, hält sie dagegen.

 

„Mein Körper ist mein Tempel, ich ernähre mich gesund, nichts mit Dosensuppe und Tiefkühlpizza. Was ist da bei dir los, warum hört Rufus nicht auf zu bellen?“, frage ich sie, während sie scheinbar damit beschäftigt ist, ihren Golden Retriever zu bändigen.

 

Sie schimpft den armen Kerl aus, bevor sie seufzend antwortet. „Im Nachbarhaus sind neue Leute eingezogen und die haben eine Katze. Sagen wir einfach, es war nicht gerade Liebe auf den ersten Blick.“

 

„Ist es eigentlich genetisch verankert, dass ihr Frauen ständig alles und jeden verkuppeln wollt?“, hake ich mit einem ironischen Tonfall nach, denn meine Schwester liebt Datingshows, Blind Dates und andere suspekte Arten, einen Partner kennenzulernen. Tanners Frau und sie sind eine Allianz eingegangen. Ziel ist es, mich unter die Haube zu bringen. Als ob ich zu einer Ehe taugen würde!

 

„Nur weil du nicht an das ewige Glück glaubst und lieber eine Beziehung mit deinem Hausschwein führst, heißt das nicht, dass das gesund ist“, kontert sie und seufzt. Es ist nicht irgendein Seufzen, es ist dieser spezielle Ton, den sie macht, wenn es ihr nicht gut geht. „Heute ist der Tag“, murmelt sie und ich muss nicht auf den Kalender schauen, um zu wissen, worauf sie anspielt.

 

„Ich besorge auf dem Weg Blumen, okay?“

 

„Alles klar, hab dich lieb.“ Sie klingt traurig und ich wünschte, ich wäre besser in Umgang mit Worten.

 

Aber das bin ich nicht, deshalb belasse ich es bei einem „Wir sehen uns später“ und lege auf.

 

Das dumpfe Gefühl in mir wird größer und bevor ich mich mitreißen lasse, nehme ich mein iPad in die Hand und erhebe mich. Durch die Glaswand kann ich erkennen, dass sich alle im Konferenzraum versammelt haben.

 

Der Todestag meiner Eltern ist immer ein schlechter Tag, doch durch Helens Traurigkeit wird er zu einem ganz miesen. Sie wird weinen und ich werde daneben stehen und nicht wissen, wie ich damit umgehen soll.

 

Im Nebenraum höre ich die anderen lachen. Der kurze Anfall von Nostalgie verschwindet und ich besinne mich auf den Job. Den kann ich kontrollieren, dafür brauche ich kein Herz, sondern nur meinen Verstand.

 

Als ich den Raum betrete, verstummen die Gespräche und jeder setzt sich hin. Ich reiße mich zusammen, denke nicht mehr an meine Eltern, die etwas völlig anderes für mich gewollt haben und mache das, was ich am besten kann.

 

Menschen beschützen und mein eigenes Leben für sie riskieren!


 

 

Kapitel 2 – Grace

 

 

 

Ich sitze wie jeden Montag auf der Terrasse meiner Eltern und stelle mich ihren Fragen. Viel eher gleichen sie einem Verhör, jedenfalls fühlt es sich für mich so an. Sie meinen es nur gut und es sollte mich nicht verwundern, dass es immer nach demselben Schema abläuft. Natürlich könnte ich ihnen die Stirn bieten oder nicht mehr herkommen, aber aus irgendeinem Grund tue ich es nicht. Zum einen fehlt mir der Mut und zum anderen habe ich niemanden außer ihnen. Darum versuche ich, nicht bei jeder Frage zusammenzuzucken.

 

„Wie geht es dir?“

 

„Hast du mal was von Tom gehört?“

 

„Isst du auch genug?“

 

„Warst du wieder bei einem Treffen? War vielleicht jemand Nettes dabei?“

 

„Weißt du mittlerweile, was du mit deinem Leben anstellen wirst?“

 

Dieser Fragenkatalog variiert kaum und nach zwei Jahren kann ich ihn bereits mitsprechen. Tapfer sehe ich auf und zeige ihnen mein einstudiertes Lächeln. Die monatelange Übung hat sich ausgezahlt, ihr Blick fällt nicht mehr ganz so mitleidig aus. Dafür ist ihre Sorge weiterhin mit Händen greifbar und ich ersticke fast daran. Meine Eltern haben mich sehr christlich erzogen, mir die Werte der Ehe mitgegeben und dadurch hatte ich eine ganz gewisse Vorstellung von meinem zukünftigen Leben. Die True Love Waits Veranstaltungen der Gemeinschaft habe ich seit der Trennung von Tom nicht mehr besucht. Es kam mir nicht richtig vor, denn den Glauben, den sie praktizieren, kann ich nicht mehr fühlen.

 

„Mir geht es gut, natürlich habe ich nichts von ihm gehört, es ist schließlich schon zwei Jahre her und ich will auch nicht wissen, was er macht oder mit wem“, erwidere ich angespannt. „Mein Gewicht ist dasselbe wie immer und ich liebe meinen Job beim Tierarzt.“

 

„Tom war nicht gut genug für dich“, verkündet mein Vater über den Rand seiner Zeitung hinweg. Endlich sind wir uns mal einig. Wenn ich darüber nachdenke, dass ich den Mistkerl fast geheiratet hätte, könnte ich ausflippen. Mein Ex-Verlobter hat mir die Treue geschworen, doch kurz vor der Hochzeit platzte mein Traum, weil er mich betrogen hat. Wir waren durch unseren Glauben so eng miteinander verbunden, teilten die gleichen christlichen Werte und dann passierte das Unvorstellbare. Nicht nur sein Betrug hat mich zerstört, sondern dass er sein Verhalten damit rechtfertigte, er hätte sich erst ausprobieren und mich und meine Einstellung schützen wollen. Es war der blanke Hohn, jede andere Frau hätte ihm vermutlich eine Ohrfeige verpasst. Ich hingegen ging einfach aus der Tür und machte dicht. Meine Gefühle verkümmerten, bis nichts mehr übrig blieb. Jetzt sitze ich hier und weiß nicht, wie ich jemals wieder Vertrauen fassen soll. Wie soll das gehen, wenn der Mensch, den du geliebt hast, dir das Herz herausreißt?

 

„Meinst du nicht, ihr hättet vielleicht trotzdem noch eine Chance gehabt?“ Die Worte meiner Mom schmerzen wie jedes Mal, wenn sie für ihn Partei ergreift.

 

„Nein, das denke ich nicht und ich wünschte, du würdest erkennen, dass ich nicht schuld an der Trennung war“, halte ich dagegen.

 

Meine Mom verzieht das Gesicht und legt mir eine Hand auf den Arm. „Das ist mir schon klar, doch für Jungs ist es was anderes. Sie wollen sich ausprobieren. Jeder macht mal Fehler, man muss verzeihen können oder willst du dein Leben allein verbringen?“

 

Für einen Moment schließe ich die Augen, zähle bis zehn und atme tief durch. Ich bin ein ruhiger Mensch, einige sagen sogar über mich, dass ich schüchtern sei. Aber ich bin in einem Haus aufgewachsen, in dem man sich gegenseitig respektiert, Werte einen hohen Stellenwert haben und man nie die Stimme erhebt. Doch seit der Sache mit Tom fühlt es sich so an, als sei ich beschädigte Ware, zumindest gibt meine Mutter mir das Gefühl.

 

„Er hat mich betrogen und mir das Herz gebrochen, verstehst du das denn nicht?“, frage ich sie mit bebender Stimme, da der Schmerz durch diesen Verrat nach wie vor tief sitzt.

 

„Es tut mir leid, ich weiß sehr wohl, dass er nicht der Richtige war. Aber ich will nicht jede Woche sehen, dass meine Tochter nur noch ein Schatten ihrer selbst ist“, antwortet sie seufzend und sieht zu meinem Dad. „Richard, sag doch auch mal was dazu.“

 

Nur mit Mühe verkneife ich mir ein Lachen, denn die stoische Art meines Dads ist eins der Dinge, die ich so an ihm liebe. Er lässt sich niemals zu unnötigen Kommentaren hinreißen, sondern wägt genau ab, was er sagt. So auch dieses Mal. In aller Ruhe faltet er seine Zeitung zusammen, legt sie auf den Gartentisch und verschränkt seine Hände ineinander. Er schaut sich im Garten um, scheint sich zu überlegen, wie er meiner Mom nicht in den Rücken fällt und gleichzeitig meine Gefühle nicht verletzt.

 

„Am Wochenende findet ein Treffen der Gemeinde statt, ich finde, du solltest hingehen“, schlägt er mir vor. „Da triffst du Leute in deinem Alter, mit gleichen Interessen. Womöglich auch einen jungen, netten Mann, der dich wieder lächeln lässt.“

 

„Vielleicht hast du recht.“ Das ist nicht das, was ich eigentlich sagen möchte. Doch ich will nicht noch eine weitere Diskussion über mein Singleleben führen. Die Gemeinschaft ist der Ort, an dem ich Tom kennengelernt habe, deswegen glaube ich kaum, dort meinem Seelenverwandten zu begegnen. Alles in mir sträubt sich dagegen, je wieder dorthin zu gehen. Vielmehr bin ich davon überzeugt, dass kein geeigneter Ort oder Mann existiert, um mich wieder ins Leben zurück zu katapultieren.

 

„Meine Nachbarin Martha hat einen Sohn in deinem …“

 

„Auf keinen Fall, Mom“, unterbreche ich sie ungehalten. Meine Stimme klingt unnatürlich laut, was sie die Stirn runzeln lässt, doch das geht jetzt zu weit.

 

„Aber er ist Anwalt in einer der größten Kanzleien in Kalifornien. Und er sieht gut aus.“

 

„Ich sagte Nein und ich bitte dich, das zu akzeptieren. Du tust fast so, als würde ich keinen Mann mehr abbekommen, dabei bin ich erst dreiundzwanzig. Der Richtige wird schon kommen“, versuche ich, sie zu besänftigen, obwohl es wieder nicht das ist, was ich meine. Für mich hat sich die Sache mit der großen Liebe erledigt. Doch um ihre Hoffnungen nicht zu zerstören, spiele ich weiterhin die brave Tochter, die sich nochmal auf den Sattel schwingt. Dads Worte, nicht meine.

 

Mein Handy gibt einen Alarm von sich und ich bin sehr froh darüber. Das ist meine Chance, diesem Gespräch ein Ende zu bereiten. Dabei bin ich bemüht, einen geknirschten Gesichtsausdruck hinzubekommen, obwohl ich nichts lieber möchte, als zu verschwinden!

 

„Die Arbeit ruft“, sage ich zu den beiden und stelle den Erinnerungston aus.

 

„Heute ist Montag und die Praxis ist zu.“ Mein Dad wirkt neugierig und ich ärgere mich über mich selbst, keine Ausrede erfunden zu haben. Nun muss ich ihnen gerade so viel erzählen, dass sie nicht misstrauisch werden. Lügen kommt für mich nicht infrage, deswegen biege ich mir meine Antwort so zurecht, dass ich kein schlechtes Gewissen bekomme.

 

„Ihr wisst ja, die Schwestern der Glückseligkeit suchen immer nach freiwilligen Helfern und wenn ich frei habe, packe ich dort manchmal mit an.“

 

Die zwei könnten nicht unterschiedlicher auf meine Aussage reagieren. Meine Mom wirkt zufrieden, mein Dad hingegen lässt sich nichts anmerken, sondern liest zwischen den Zeilen. Er scheint zu ahnen, dass es nur die halbe Wahrheit ist. Das mag daran liegen, dass ich ein Papakind bin. Ihm habe ich mich vor Tom stets anvertraut, allerdings hat sich danach alles verändert und ich muss allein mit meinen Gedanken fertig werden.

 

Weil mich das traurig macht, stehe ich hastig auf, gebe beiden zum Abschied einen Kuss auf die Wange und beeile mich, von hier wegzukommen.

 

„Wir sehen uns nächsten Montag, hab euch lieb.“ Ich höre, wie sie meine Worte wiederholen, obwohl ich praktisch rennend das Grundstück meiner Eltern verlasse. Erschöpft durch die emotionale Folter lehne ich mich an meinen Wagen. Diese Besuche verlangen mir einiges ab und ich kann es kaum erwarten, im Garten des Konvents zu sein. An jenem Ort gibt es keinerlei Druck, keine Halbwahrheiten und kein Verstellen. Während ich ins Auto steige und den Motor starte, fällt mir auf, wie trostlos mein Leben doch ist.

 

Meine Wahrheit sieht so aus: Ich bin zwar erst dreiundzwanzig Jahre alt, aber in meinem Innern fühle ich mich wie achtzig. Leere herrscht dort, wo mein Herz vor Freude hüpfen sollte und das Mädchen von damals ist längst nicht mehr vorhanden. Zwei Jahre, in denen ich alles versucht habe, wieder nach vorne zu sehen und doch bin ich daran gescheitert. Stattdessen überlege ich, mein Leben voll und ganz dem Orden zu widmen, eine von ihnen zu werden. Dann hätte mein Dasein einen Sinn und die ewige Frage, warum Tom mich nicht genug geliebt hat, um zu warten, würde endlich verschwinden.

 

Als ich bei der Ordensgemeinschaft ankomme, habe ich mich wieder beruhigt und mir vorgenommen, meinen Eltern beim nächsten Treffen die Wahrheit zu erzählen. Als Einzelkind wurde ich von ihnen immer wie eine Prinzessin behandelt, deshalb glaubte ich auch eine Zeitlang, dass dem so sei. Fakt ist allerdings, dass mein Exfreund nicht mit einer Prinzessin zusammen sein wollte, sondern sich viel lieber mit einer rassigen Rothaarigen vergnügt und alles weggeworfen hat, was wir uns gemeinsam an Zukunftsplänen zurecht gesponnen hatten.

 

Blödarsch, denke ich voller Wut an Tom.

 

Jemand klopft an die Scheibe meines klapprigen Fords und als ich aufsehe, lächelt mich ein altes, freundliches Gesicht an. Schnell schalte ich den Motor ab und steige aus, um nicht unhöflich zu sein.

 

„Grace, Liebes, ich wollte Sie nicht stören, aber Sie sahen so aus, als müssten Sie aus Ihren dunklen Gedanken befreit werden.“

 

Schwester Agnes ist mindestens siebzig, trägt die charakteristische Kleidung des Ordens, bestehend aus Bluse, Strickjacke und einem langen Rock. Ihr weißes Haar wird von einem grauen Tuch zusammengehalten. Als ich sie vor einem Jahr zum ersten Mal traf, erzählte sie mir, dass dieser Orden keine typische Kluft mehr hat, um der Gemeinde ein Stück näher zu sein. Sie wirkt wie eine Grandma, lediglich das Tuch und das kleine Abzeichen ihrer Kirche weisen darauf hin, dass sie Nonne ist.

 

„Hallo, Schwester Agnes. Heute ist einfach kein guter Tag“, vertraue ich ihr an und gehe neben ihr die Stufen zum Eingang hinauf. Statt nachzuhaken, bleibt sie still und wartet, dass ich weiterrede. „Meine Eltern wissen nichts von meinem Vorhaben, Nonne zu werden. Vielmehr drängt meine Mom mich dazu, Dates zu haben, um Männer kennenzulernen und irgendwann eine Familie zu gründen.“

 

Wir biegen rechts ab und gelangen so in den Rosengarten, den die Ordensschwestern mit Hingabe pflegen. Einige von ihnen sind damit beschäftigt, neue Samen zu säen, andere zupfen Unkraut, während die restlichen Schwestern in dem großen Gemüsebeet die Ernte einholen. Die Ruhe hier ist allumfassend, erdet mich und zeigt mir wieder einmal, dass ich das Richtige tue. Hier herrscht Akzeptanz, niemanden interessiert es, ob du im Leben gescheitert bist oder schlechte Entscheidungen getroffen hast.

 

Im Vorbeigehen nicke ich ihnen zu und laufe mit Schwester Agnes den Steinweg entlang. Mir ist kalt, obwohl wir sicherlich dreiundzwanzig Grad haben. Diese Kälte verschwindet nie, sie wird nur weniger, wenn ich eine Weile hier bin.

 

„Eltern wurden von Gott erschaffen, damit sie sich um ihre Kinder kümmern und dafür sorgen, dass es ihnen gutgeht, Grace“, sagt sie schließlich und zeigt auf ein paar Kleinkinder, die sich hier in Obhut befinden. „Einigen von unseren Schützlingen ist dieses Glück nicht zuteilgeworden, darum urteilen Sie nicht allzu streng mit Ihren.“

 

„Sie haben recht, dennoch denke ich, dass ich in der Kirche besser aufgehoben bin. Hier kann ich etwas bewirken, mich um andere Menschen kümmern und meinen Glauben festigen.“

 

„In Ihrem Alter sollten Sie nicht vorschnell handeln. Sie müssen sich genau überlegen, ob Sie diesen Schritt gehen wollen. Dem Orden beizutreten heißt Verzicht, auch wenn wir viel zurückbekommen. Ihre Generation mag schnelllebig sein, doch im Grunde möchten wir alle geliebt werden. Ob es nun die Liebe Gottes oder die eines anderen Menschen ist, muss jeder für sich selbst herausfinden.“

 

Womöglich stimmt es, was sie sagt. Aber wie lange kann ein Mensch mit dieser Dunkelheit in seinem Herzen leben? Mir kommt es vor, als würde ich alles nur in Schwarz-Weiß sehen. Die Farben, die mich stets begleitet haben, sind fort und egal, wie sehr ich auch danach suche, sie bleiben verschwunden.

 

Wir setzen uns auf eine Steinbank neben ein paar Kirschbäumen, die genug Schatten spenden, da es um die Mittagszeit ziemlich heiß wird und die kalifornische Sonne auf uns nieder brennt. Weil ich mit meinen blonden Haaren und der hellen Haut zu Sonnenbrand neige, ist mir das nur recht.

 

„Waren Sie schon einmal verliebt?“ Diese Frage platzt aus mir heraus, ehe ich sie aufhalten kann. „Verzeihung, das war unangemessen. Ich weiß nicht, was heute mit mir los ist“, ringe ich nach Worten, um mich für mein Benehmen zu entschuldigen, doch die Nonne schmunzelt bloß leicht.

 

Schwester Agnes neigt den Kopf zur Seite und sieht mich eindringlich an. „Zu meiner Zeit zählte eine Frau nur etwas, wenn sie verheiratet war. Als ich sechszehn wurde, verliebte ich mich in Edmund, den Nachbarsjungen. Wir wollten heiraten und eine Familie gründen. Aber er wurde eingezogen, ist nach Vietnam gegangen und kehrte nicht zurück. Kriege sind und bleiben für mich etwas, das ich nie verstehen werde“, erklärt sie mir mit Traurigkeit in der Stimme. „Meine Mutter hatte es schwer, meine vier Geschwister und mich großzuziehen. Später dann, als mein Vater von der Front zurückkam, beschloss ich, ins Kloster zu gehen und dem Herrn zu dienen. Es war die richtige Entscheidung, ich habe es nie bereut, denn Gottes Liebe ist allumfassend. Genau wie Sie habe ich mir sehr viele Gedanken darüber gemacht, was meine Familie davon hält, aber im Grunde zählt nur, was Sie im Herzen spüren.“

 

Das Gesagte gibt mir zu denken und so sitzen wir eine Weile auf der Bank, die warme Sommerluft weht mir um die Nase und ich lasse meine Gedanken treiben. Mein Blick fällt auf den Friedhof, der sich neben dem Konvent befindet. Es ist eine alte Begräbnisstätte, die von der Stadt und den Nonnen gepflegt wird. Hier liegen viele gefallene Soldaten und ich frage mich, ob ihr Edmund ebenfalls dort begraben liegt. Wie sehr sie wohl gelitten haben muss und wie lächerlich dagegen meine Probleme erscheinen. Andererseits existieren mehrere Arten des Verlustes. Meine Liebe ist zwar nicht gestorben, dafür aber mein Herz.

 

Ein großer Mann in einem schwarzen Anzug geht neben einer Frau den Weg zwischen den Bäumen entlang und fällt mir sofort auf. Sie sind einige Meter von uns entfernt und obwohl es völlig natürlich ist, dass hier Menschen vorbei laufen, kann ich nicht aufhören, sie zu beobachten. Viele Familienangehörige kommen hierher, um ihre Toten zu betrauern oder ihnen einen Besuch abzustatten. Doch etwas ist anders. Ich versuche, sie besser zu erkennen. Vielmehr liegt meine Aufmerksamkeit nur auf dem Mann, der dort entlanggeht. Was mich irritiert, ist der Zwang, ihn nicht aus den Augen lassen zu wollen.

 

„Wie wäre es, wenn ich schon mal vorgehe, und Sie folgen mir gleich? Die Rosenbeete müssen noch gewässert werden“, holt mich Agnes aus meiner Starre und ich fühle Schuld in mir aufsteigen.

 

„Es tut mir leid, ich war kurz abgelenkt“, erwidere ich hastig, kann aber nicht verhindern, erneut zu dem Paar hinüberzuschauen.

 

„Ihre Eltern waren liebenswerte Menschen, die sich immer um andere gekümmert haben.“

 

Erstaunt drehe ich mich zu ihr, doch sie ist schon einige Schritte von mir entfernt. Mir ist peinlich, wie sehr ich gegafft haben muss und dass sie mich dabei erwischt hat. Obwohl es verrückt klingt, liegen mir Fragen auf der Zunge. Zum Beispiel wer er ist und woher sie seine Eltern kannte, aber ich kann sie unmöglich mit meiner Neugier behelligen.

 

Ohne es wirklich zu wollen, erhebe ich mich, laufe in Richtung Zaun, wo ich stehen bleibe, sobald die zwei Besucher vor einem Grab anhalten. Ein Teil von mir wird von der Szenerie angezogen. Es fühlt sich an, als würden sich unsichtbare Fäden um mich schließen und mich näher heranziehen. Aus irgendeinem Grund bin ich nicht in der Lage, mich dagegen zu wehren. Jedenfalls denke ich das, bis ich erkenne, dass die Frau zu weinen beginnt. Der Fremde legt beruhigend den Arm um ihre Schulter und ich empfinde Bedauern.

 

Plötzlich fühle ich mich wie eine Voyeurin, die hier absolut nichts zu suchen hat. Hastig trete ich einen Schritt zurück und komme ins Straucheln. Ein dicker Ast verhindert meinen lautlosen Abgang, ich schreie erschrocken auf und wünschte, ich wäre hingefallen, damit er mich nicht entdeckt. Voller Panik halte ich mir den Mund zu, in der Hoffnung, niemand hätte mich bemerkt, doch ehe ich hinter einem Baum Schutz finde, dreht er sein Gesicht in meine Richtung.

 

Wie erstarrt bleibe ich, wo ich bin.

 

Meine Hände liegen immer noch auf meinem Mund, während ich ihn ansehe, unfähig, mich zu bewegen, weil sich sein Blick durch mich hindurch zu brennen scheint. Es fühlt sich intim an, beinahe brutal, wie er mich anstarrt, als suche er nach etwas. Das ist sicherlich nur Einbildung, dennoch kann ich nichts weiter tun, außer es geschehen zu lassen. Dieser Schmerz, der mir entgegenstrahlt, nimmt es locker mit meinem auf. Es ist fast so, als würden sich zwei Seelen in einem Meer aus Trostlosigkeit finden, sich erkennen und aneinander festhalten.

 

Noch nie in meinem Leben habe ich so eine Verbindung gespürt. Eine Flut an Dunkelheit überschwemmt mich, reißt mich mit und trotzdem entdecke ich einen winzigen Punkt Farbe darin. Eins meiner Lieblingslieder erklingt in meinem Kopf, Fix you von Coldplay, es passt genau zu dem, was ich gerade spüre. Entsetzt über dieses kleine Aufbäumen von Gefühlen, die ich längst für begraben hielt, drehe ich mich um, renne um mein Leben und spüre die Gewissheit, dass es für ein Versteck zu spät ist. Sein wissender Blick hat mich nackt, roh und gebrochen gesehen und ich habe ihn gewähren lassen.

 

Mein Atem geht schnell, ich keuche, als ich im Garten der Schwestern ankomme. Das Trommeln in meiner Brust zeigt mir eindeutig, dass ich nicht tot bin, meine Haut fühlt sich feucht und überhitzt an.

 

Hinter einer Säule lehne ich mich an die kühlen Gemäuer. Ich schließe die Augen, doch sein Anblick hat sich in meine Netzhaut gebrannt. Eine Mischung aus Verzweiflung, dem Mann helfen zu wollen und der Angst, was geschehen würde, falls ich ihm meine Hilfe anbiete, ergreift mich. Was wäre, wenn der Farbklecks für mehr steht?

 

Weil ich nicht weiß, was ich tun soll, bete ich. Für mich, für ihn und fühle mich dabei das erste Mal seit zwei Jahren lebendig!

 


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