Leseprobe

 

Neugierig auf unsere Veröffentlichung? Dann hol dir hier einen Appetithappen. Das Werk ist am 12.02.2021 erschienen.



 

Kapitel 1

 

Tom

 

Samstag, 29. August, 2.30 Uhr,

 

Joy’n Dance-Club

 

 

 

Langsam komme ich wieder zu mir, fühle die dünne Trennwand der Toilettenkabine in meinem Rücken und öffne schwer atmend die Augen. Dabei fällt mein Blick auf die langen und bereits dunkel gefärbten Spinnenfäden, die an der schmuddeligen Decke hängen und von dem verstaubten Belüfter leicht hin und her bewegt werden. An mehreren Stellen platzt die Farbe von den Wänden und legt die dahinter liegenden Schimmelflecken frei. Angewidert schließe ich die Lider.

 

Bilder zucken durch meinen Kopf: ihr Gesicht, ihre Wangen mit den Sommersprossen und ihre Augen. Verflucht, diese Augen! Was soll ich bloß dagegen tun?

 

„Geht es dir jetzt besser?“

 

Die junge Frau, die mir gegenüber an der Trennwand zur nächsten Kabine lehnt, hat wirklich alles gegeben, um mich vergessen zu lassen. Es hat nicht funktioniert. Doch sie scheint sich dessen nicht bewusst zu sein und leckt sich lächelnd über die Lippen. Ihr Lippenstift befindet sich nicht mehr dort, wo er ursprünglich sein sollte, sodass ich mir unweigerlich die Frage stelle, wie ich jetzt wohl aussehen mag. Eigentlich ist es mir egal.

 

„Klar“, lüge ich. Vom Alkohol schwirrt mir der Kopf, weshalb ich ihn gegen die Trennwand sinken lasse.

 

Die Unbekannte kramt in ihrer Handtasche und fördert eine Schachtel Zigaretten zutage. Ich habe sie nicht einmal nach ihrem Namen gefragt. Sie meinte, sie kenne mich vom Campus, wir würden beide an der University of Kent studieren. Keine Ahnung, ob es stimmt oder nur eine billige Anmache war, jedenfalls ist sie mir nie zuvor aufgefallen, doch das kann verschiedene Gründe haben.

 

Wortlos ziehe ich meine Hose wieder hoch und schließe die Knöpfe. Heute ist der beschissenste Tag in meinem Leben, daran wird auch ein bisschen Rumgemache auf einem schmuddeligen Kneipenklo nichts ändern.

 

„Du wirst dich nicht revanchieren, habe ich recht?“ Das Lächeln ist aus ihrem Gesicht verschwunden, allerdings klingt sie nicht vorwurfsvoll oder so. Zum Glück.

 

Mich revanchieren? Ich kann es nicht … ich will es nicht. Darüber hinaus begreife ich nicht, wie ich überhaupt mit ihr in dieser Toilettenkabine landen konnte. Was heute Abend gelaufen ist, kann ich nicht auf meinen erhöhten Alkoholpegel schieben. Nichts rechtfertigt, was ich getan habe.

 

Ich fühle mich wie der letzte Arsch und da dies nicht zu steigern ist, habe ich auch keine Skrupel, den Kopf zu schütteln.

 

„Nein, werde ich nicht.“

 

Das Feuerzeug klickt, sie nimmt einen langen Zug und bläst mir den Rauch ins Gesicht, wobei sich schon wieder ein schiefes Lächeln um ihre Lippen kräuselt. „Na ja, es ist ja nicht so, dass ich nicht auf meine Kosten gekommen wäre. Einen hübschen Kerl wie dich auszuziehen und zu beglücken, macht Spaß.“

 

Ich bin erleichtert, dass sie es so entspannt sieht, schließe den Gürtel und mache mich daran, mein Hemd zuzuknöpfen, als sie unerwartet die kurze Distanz zwischen uns überbrückt und ihre Hand auf meine nackte Brust legt.

 

„Wie geht es dir wirklich? Da drin?“

 

Verwirrt hebe ich den Blick. Auf einmal sind ihre Augen groß und ernst. „Was meinst du?“

 

„Du hast vielleicht gerade mit mir rumgemacht, aber in deinen Gedanken war ich eine ganz andere.“

 

Beschämt drehe ich den Kopf zur Seite und schlucke schwer. Es ist schier unmöglich, nicht permanent an sie zu denken, und dass mich nun auch noch eine wildfremde Frau darauf anspricht, macht mich fertig. Sind meine Gefühle auf meiner Stirn eingraviert?

 

Sie stößt sich von mir ab und lehnt sich wieder an die gegenüberliegende Trennwand. „Erzähl mir von ihr.“

 

„Nein“, zische ich zwischen zusammengepressten Zähnen hervor.

 

„Komm schon. Hab dich nicht so. Ich kann gut zuhören und weiß, wie sich das anfühlt. Dieser Quatsch mit Die Zeit heilt alle Wunden, den kannst du in die Tonne treten. Ich habe mich vor zwei Monaten von meinem Freund getrennt und obwohl ich diejenige war, die Schluss gemacht hat, tut es immer noch verdammt weh. Vielleicht habe ich eben auch ein klein wenig an ihn gedacht.“

 

Zum ersten Mal an diesem Abend muss ich grinsen.

 

„Mein Name ist übrigens Carina“, sagt sie und reicht mir ihre Zigarette. Ich rauche nicht, aber da wir gerade eine Art Pakt geschlossen haben, fühlt es sich richtig an, auf ihr Angebot einzugehen. Nach einem tiefen Zug gebe ich ihr die Zigarette zurück. „Habt ihr euch getrennt?“, hakt sie nach.

 

Kopfschüttelnd blase ich den Rauch aus und schiebe mit der Fußspitze eine alte Kippe über die braunen Fliesen. „Nein. Wir waren nie ein Paar. Sie ist mit einem anderen zusammen.“

 

„Hm.“ Carina zieht an ihrer Zigarette und reicht sie mir erneut. „Das ist zwar eine blöde Ausgangssituation, aber prinzipiell nicht hoffnungslos.“

 

Trotz der Aussichtslosigkeit meiner Lage muss ich lachen.

 

„Liebt sie diesen anderen denn?“, bohrt sie weiter.

 

„Ich denke schon.“ Allerdings ist das nicht einmal das Hauptproblem.

 

Die Tür zur Toilette wird geöffnet und kurz darauf hören wir entrüstetes Husten.

 

„Boah, das ist ja widerlich! Noch nie was von Rauchverbot gehört, oder was?“

 

Wir kichern albern. In Carinas Augen erkenne ich den gleichen Gedanken, der auch mir durch den Kopf schwirrt: Die Zigarette war nicht das schlimmste Verbot, das wir gebrochen haben.

 

In der Nachbarkabine wird unter lautstarken Protesten die Spülung bedient. Die Tür klappert und lässt die Trennwand in meinem Rücken erzittern. Nach dem lauten Dröhnen des Handtrockners wird es wieder ruhig. Während all der Zeit hat Carina mich stillschweigend und lächelnd gemustert. Sie ist hübsch, eigentlich seltsam, dass sie mir auf dem Campus nie aufgefallen ist. Obwohl, nein, mein Gehirn war zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt. Mit einer anderen Person, um genau zu sein.

 

„Was macht sie so besonders?“, fragt Carina. „Warum liebst du sie?“

 

Erschrocken puste ich die Luft aus und senke den Kopf, weil ich spüre, wie mir das Blut in die Wangen schießt. „Ich weiß nicht einmal, ob ich sie liebe.“

 

„Doch, das tust du. Man sieht es dir an.“

 

Wieder schauen wir uns an, ohne ein Wort zu sagen. Es ist kein unangenehmes Schweigen. Schließlich lasse ich die Schultern hängen, seufze laut und verhake die Daumen in den Gürtelschlaufen. Scheiß drauf. In zwei Stunden sitze ich in meinem Flieger nach Stockholm. Vielleicht tut es sogar gut, ein wenig Ballast hier zurückzulassen.

 

„Sie … sie ist …“ Lange suche ich nach den richtigen Worten, doch es ist schlichtweg unmöglich, ihr gerecht zu werden. „Sie ist unbeschreiblich.“

 

Carinas Grinsen wird breiter, aber auch wärmer, was mich ermutigt, weiterzusprechen.

 

„Sie ist taff und hat einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit … sie ist so jemand, der einen gefundenen Fünfzig-Pfund-Schein zum Fundbüro bringt und einer maunzenden Katze Milch vorsetzt. Außerdem ist sie klug und witzig und wunderschön. Weißt du … ihre Augen … es ist, als würden sie immer lächeln. Sie sieht dich an und du musst einfach zurücklächeln. Und ihre Stimme … Gott!“

 

Ich muss mich räuspern, bevor ich fortfahren kann, weil ich spüre, dass ich sonst keinen Ton mehr hervorbringe. „Sie ist die Frontfrau einer Band und hat die absolut phantastischste Stimme, die du dir vorstellen kannst.“

 

Bei der Erinnerung daran, wie sie meine Songs gesungen hat, meine Gefühle durch ihren Gesang verstanden und ausgedrückt hat, schnürt sich mir die Kehle zu.

 

Ich sehe auf und begegne Carinas Blick. Sie lächelt verzückt. Klar, für sie hört sich das nach einer rosaroten Liebesgeschichte an. Nur leider ist es das nicht, ganz im Gegenteil. Ich weiß, dass mein nächster Satz dieses Lächeln schlagartig aus ihrem hübschen Gesicht vertreiben wird, denn er bringt meine Krux, meinen Schmerz, meinen beschissenen persönlichen Alptraum auf eine einfache, kurze Formel.

 

„Sie ist die Freundin meines Bruders.“

 

 


 

 

Kapitel 2

 

Izzy

 

Samstag, 29. August, 9 Uhr,

 

Ashford, Kent

 

 

 

Ich überlege ernsthaft, die Vögel zu bitten, ihr Gezwitscher einzustellen, doch leider beherrsche ich die Vogelsprache nicht und ziehe mir deshalb stöhnend die Decke über den Kopf.

 

Normalerweise liebe ich es, morgens vom Gesang der Vögel geweckt zu werden und von den ersten Sonnenstrahlen, die sich ihren Weg durch die Lücken der Jalousien bahnen und helle Tupfen ins Zimmer malen.

 

Aber heute verursacht es mir Kopfschmerzen.

 

Eigentlich war gerade alles perfekt. Ich habe meine A-Levels frisch in der Tasche und nicht nur gut, sondern als eine der fünf Besten abgeschlossen. Meine Wunsch-Uni hat mir einen Studienplatz zugesichert und außerdem habe ich ein Zimmer in einer supernetten WG in Aussicht. Also eigentlich ist alles geritzt. Wenn gestern nur nicht der seltsamste Tag in meinem Leben gewesen wäre, der alles ins schlimmste Chaos gestürzt hat.

 

Seufzend reibe ich über meine brennenden Augen, schiebe die Decke wieder zurück, weil mir sonst zu heiß wird, und wende den Kopf zur Seite. Neben mir schläft Lew noch immer tief und fest. Sein Arm auf meinem Bauch fühlt sich schwerer an als üblich.

 

Ich will mich auf die Seite drehen, doch bei der kleinsten Bewegung seufzt er im Schlaf und schlingt seinen Arm enger um mich. Bei dieser rührenden Geste muss ich lächeln, gleichzeitig bildet sich ein Knoten in meinem Magen, der mich an gestern denken lässt, was wiederum das wüste Pochen in meinem Kopf befeuert.

 

Was habe ich mir bloß dabei gedacht!

 

Die ganze Nacht habe ich kein Auge zugetan, mich hin und her gewälzt und versucht, eine Lösung für diese vertrackte Situation zu finden, in die ich mich irgendwie selbst manövriert habe. Erfolglos.

 

Spät in der Nacht habe ich Toms Schritte auf dem Flur und kurz danach die Haustür gehört. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass er zurückgekommen ist, also muss ich wohl doch eingeschlafen sein. Allerdings fühlt es sich nicht so an, als hätte ich auch nur fünf Minuten Schlaf gefunden.

 

Wehmütig gleite ich mit den Fingern in Lews dickes, hellbraunes Haar. Vom Schlafen ist es ganz zerzaust, aber so sieht es eigentlich immer aus. Die paar Strähnen, die ihm in die Stirn fallen, schiebe ich zärtlich zur Seite, um über seine geraden Augenbrauen zu streichen. Dann fahre ich über den glatten Nasenrücken hinab bis zu seinen Lippen, die sich zu einem Lächeln verziehen, als ich sanft über sie streife.

 

„Das kitzelt“, knurrt er und schnappt urplötzlich mit den Zähnen nach meinem Finger.

 

Erschrocken juchze ich auf, ziehe den Finger zurück und muss im nächsten Moment lachen.

 

„Wie spät ist es?“, nuschelt Lew in das Kopfkissen.

 

„Keine Ahnung.“

 

„Das ist viel zu früh.“ Maulend zieht er sich das Kissen über den Kopf.

 

„Schlaf weiter, ich schaue mal, ob schon jemand wach ist und Tee gekocht hat“, schlage ich vor und drücke einen Kuss auf seine Schulter. Normalerweise würde mich sein nackter Oberkörper zu ganz anderen Dingen verleiten, denn Lew hat so einen Rücken, bei dem man als Mädchen schwach wird. Breite Schultern und genau das richtige Maß an Muskeln, die sich bei der kleinsten Bewegung auf faszinierende Weise anspannen.

 

Aber heute ist kein normaler Tag.

 

Weil heute der Tag nach gestern ist.

 

Insgeheim hoffe ich, Tom zu begegnen, bevor Lew aufsteht. Andererseits hoffe ich, dass das nicht passiert. Wenn er letzte Nacht noch aus war, müsste er jetzt eigentlich Schlaf nachholen und das ließe mir genügend Zeit, erstmal in Ruhe einen Tee zu trinken und mir eine Strategie zu überlegen. Bei dem Gedanken, dass ich auf beide Brüder gleichzeitig treffe, ohne vorher die Gelegenheit gehabt zu haben, mit Tom allein zu sprechen, wird mir schlecht.

 

Ach Mist, im Grunde ist mir bei jeder denkbaren Möglichkeit schlecht. Ich sollte meine Autoschlüssel nehmen und nach Hause fahren.

 

Allerdings löse ich das Problem auf diese Art nicht.

 

Gähnend schlurfe ich durch den mit weiß getünchten Dielen ausgelegten Flur. Der unverkennbare Duft von Earl Grey steigt mir vom Erdgeschoss in die Nase und weckt augenblicklich ein paar meiner nicht kleinzukriegenden Lebensgeister.

 

Als ich Ella, Toms und Lews Mutter, am Küchentisch entdecke, Tom aber nirgends zu sehen ist, bin ich erleichtert über die mir gewährte Schonfrist. Beim Anblick der Tränen in ihrem Gesicht schlägt meine Erleichterung jedoch in Sorge um.

 

„Ella? Was ist los?“ Ich lege ihr die Hand auf die Schulter und streiche tröstend über ihren Rücken. Verlegen wischt sie sich die Tränen von den Wangen und reicht mir ein zusammengefaltetes Papier, auf dem sie bereits ein paar nasse Spuren hinterlassen hat. Es steht nur ein Wort darauf, Mum, doch ich erkenne seine Handschrift sofort. Ich kenne sie von den Songs, die er geschrieben hat, und von den Postkarten, die er mir schickte, als wir noch jünger waren und die Sommerferien nicht gemeinsam verbringen konnten. Meine Hände zittern, als ich das Blatt entgegennehme und öffne. Das Datum ist von gestern.

 

 

 

Hey Mum,

 

morgen früh um vier Uhr geht mein Flieger nach Stockholm. Ich habe ein Angebot erhalten, das ich nicht ausschlagen kann, und werde die nächsten zwei Semester dort verbringen. Dad weiß Bescheid und lässt mich bei sich wohnen.

 

Mach dir keine Sorgen, es geht mir gut.

 

Tom

 

 

 

Fassungslos starre ich auf die Buchstaben vor mir. Tom ist weg? Ohne ein Wort, ein klärendes Gespräch, einfach … weg? Zwei Semester. Das ist ein ganzes Jahr!

 

Ein undefinierbares Druckgefühl legt sich auf meine Brust. Es fühlt sich an, als würde jemand meine Lungen zusammenquetschen. Oder ist das mein Herz?

 

„Ich verstehe das nicht“, schluchzt Ella neben mir. „Was soll denn das für ein Angebot sein? Er hätte mir doch davon erzählt! Was ist das überhaupt für eine Art, einfach nur einen Brief zu hinterlassen und so mir nichts dir nichts mitten in der Nacht zu verschwinden?“

 

„Wer oder was verschwindet?“ Schlaftrunken torkelt Lew in die Küche und steuert die Teekanne auf dem Stövchen an. Nachdem er sich einen Becher genommen, eingefüllt und einen Schluck getrunken hat, dreht er sich zu uns um und hält mit der Tasse auf halber Höhe inne, als er unsere schockierten Gesichter sieht. „Was ist denn mit euch los?“

 

„Tom ist nach Stockholm geflogen. Zu eurem Vater. Heute Morgen“, seufzt seine Mutter.

 

Lew stellt den Becher so abrupt auf der Arbeitsplatte ab, dass der Tee herausschwappt. „Zu Dad? Wieso das denn?“

 

„Keine Ahnung. Hier, lies selbst.“

 

Noch während Lew die Zeilen überfliegt, schüttelt er den Kopf. „Das ergibt überhaupt keinen Sinn! Er hasst Dad. Warum sollte er zu ihm fliegen?“

 

„Wenn ich es doch wüsste! Ist gestern Abend etwas vorgefallen? Habt ihr euch gestritten?“ In Ellas Stimme kämpfen Sorge und Vorwurf miteinander.

 

Lew hebt abwehrend die Hände. „Nein! Alles paletti, wir haben uns nicht gestritten. Du warst den ganzen Abend dabei, Iz“, wendet er sich an mich. „Tom war völlig normal, oder?“

 

Automatisch nicke ich, obwohl es nicht stimmt. Tom war gestern alles andere als normal und Lew als sein Bruder hätte es gewiss bemerkt, wenn er etwas weniger getrunken hätte.

 

Ich kann es noch immer nicht fassen. Tom ist weg. Einfach so. Für mindestens ein Jahr. Es muss eine Laune sein, eine vorübergehende Phase, ein Irrtum. Er hat das nicht so gemeint, er wird wiederkommen und mit mir sprechen. Wir müssen sprechen. Vielleicht nicht morgen, aber in einer Woche? Oder zwei?

 

Unter dem Tisch knete ich meine Hände, bis sie schmerzen. Während Ella und Lew darüber rätseln, was Tom dazu bewogen haben könnte, so überstürzt abzureisen, und sie die wildesten Theorien aufstellen, ob er betrunken war oder entführt worden sein könnte, keimt ein furchtbarer Verdacht in mir auf.

 

Ein leises Pling holt mich aus meinen Gedanken und lässt Ella und Lew verstummen. Alle drei starren wir wie gebannt auf Lews Handy, das er wie immer neben der Brotbox auf der Arbeitsplatte geparkt hat, auch wenn seine Mutter ihm schon tausendmal gesagt hat, dies sei kein Platz für ein Telefon. Lew greift nach dem Smartphone, wischt mit dem Finger über das Display und liest die eingegangene Nachricht. Dann fährt er sich mit der Handfläche über den Mund und schleudert das Handy zurück auf die Arbeitsfläche.

 

„Scheiße“, stößt er aus.

 

„Was denn?“

 

„Das war Tom. Er ist gut gelandet.“

 

Also keine Entführung. Kein im Suff entstandener Brief. Kein Witz.

 

Er ist weg.

 

Lew rauft sich die Haare und beißt sich auf die Lippen. Skeptisch beobachte ich ihn dabei, wie er mit der Faust auf die Arbeitsplatte trommelt und versucht, die Information zu verarbeiten. Ich kenne Toms Angst um seinen Bruder, seine Sorge, dass Lew zu leicht aus dem Gleichgewicht zu bringen sei und so werden könnte wie sein Vater. Und ich ahne, welche Rolle ich in diesem Familiendrama spielen soll.

 

Zwischen den Zeilen hat Tom mir eine Nachricht hinterlassen, einen Wunsch, eine Bitte, obwohl er genau wissen müsste, dass ich das nicht will. Doch ich werde ihr wohl oder übel nachkommen. Nachkommen müssen.

 

Für Lew.

 

Oder für Tom.

 


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