Leseprobe

 

Neugierig auf unsere kommende Veröffentlichung? Dann hol dir hier schon einmal einen Appetithappen. Cover und Release Date werden erst noch bekanntgegeben.


A Whole Crazy Year

Maja Lorim


 

Kapitel 1

 

Lew

 

 

 

Meine Freiheit zu genießen, hatte ich mir anders vorgestellt.

 

Ich dachte, ich würde haufenweise tolle Frauen kennenlernen, weltbewegenden Sex haben und … tja, so richtig gut drauf sein. Stattdessen hocke ich hier auf dem Sofa und sehe meiner Ex Izzy beim Glücklichsein zu. Sie lacht, dieses typische Lachen, bei dem ihre Augen leuchten und jede einzelne Sommersprosse in ihrem Gesicht zu tanzen scheint. Dieses Lachen, das ich, wenn ich ehrlich bin, im letzten Jahr kaum noch gesehen habe, weil ich nun einmal nicht der Mann bin, der sie glücklich machen kann.

 

Dieses Los fällt meinem großen Bruder Tom zu.

 

Da es hinter meiner Stirn zu pochen beginnt, reibe ich mit den Fingerspitzen darüber und schließe die Augen. Ich hätte nicht herkommen sollen. Die Party jetzt schon zu verlassen, ist keine Option, immerhin ist es Toms und Izzys Einweihungsparty, mit der sie eine lange und glückliche Ära einläuten wollen. Warum überspringen sie dieses Gedöns nicht einfach und heiraten direkt? Dann würde ich vielleicht endlich begreifen, dass die Ära Izzy & Lew ein für alle Mal vorbei ist.

 

„Soll ich dir noch einen Punsch mitbringen? Ich gehe zur Bar.“

 

Das Erste, was ich von der Frau wahrnehme, die seit geraumer Zeit neben mir auf dem Sofa sitzen muss, ist ihr Hintern, als sie aufsteht. Ein ziemlich toller Hintern, der in einer von diesen lockeren Stoffhosen steckt, die hoch in der Taille gerafft werden.

 

Sie dreht sich zu mir um, während mein Blick langsam höher wandert. Ihre Kurven haben Klasse und sitzen an genau den richtigen Stellen. Trotzdem löst es nichts in mir aus. In mir ist es taub.

 

Vielleicht dauert es ihr zu lange, bis ich reagiere, denn sie schüttelt auffordernd ihr Glas, in dem die Eiswürfel noch klirren. Offenbar hat sie ihren Punsch so schnell geleert, dass das Eis keine Gelegenheit hatte zu schmelzen. Ich schaue in die milchige Brühe in meinem Glas, leere es und verziehe angewidert das Gesicht. Warm, wässrig, bäh.

 

„Das wäre super“, antworte ich und reiche ihr mein Glas. Dabei schaffe ich es endlich, auch in ihr Gesicht zu sehen, aus dem mich dunkelgraue Augen anblitzen. Im Gegensatz zu Izzys Augen, die immer zu lächeln scheinen, wirken ihre warm und irgendwie … wissend.

 

Wissend? Was sollte sie über mich wissen? Allein der Gedanke nervt mich und so wende ich mich ab, noch bevor meine Finger sich von dem Glas lösen, das ich ihr in die Hand drücke.

 

„Ist mir ein Vergnügen“, säuselt sie und dreht sich um.

 

Der sarkastische Unterton in ihrer Stimme veranlasst mich dazu, ihr hinterherzusehen, wie sie zum Buffet schlendert. Das enge, weiße Top reicht nur bis zum Rippenansatz und lässt einen Streifen Haut frei. Schon irgendwie sexy. Ihre welligen, kastanienbraunen Haare, die bis knapp über die Schultern reichen, wippen bei jedem Schritt. Am Buffet füllt Cosmo unsere Gläser auf und verwickelt sie sofort in ein Gespräch. Sie lacht, ein herzliches und vereinnahmendes Lachen. Trotzdem drehe ich den Kopf und lande wieder bei Izzy, die vor sich hin kichert, weil Tom ihr etwas ins Ohr flüstert und sie auf den Hals küsst.

 

Wie ich ihn hasse!

 

Nein, das stimmt natürlich nicht. Ich liebe meinen Bruder abgöttisch und das macht das Ganze nur noch schlimmer, denn ich sollte den beiden ihr Glück aus tiefstem Herzen gönnen, schaffe es allerdings nicht.

 

Reflexartig will ich mein Glas heben, dabei halte ich ja gar nichts mehr in der Hand. Verdammt, meine Hirnfunktionen sind lahmgelegt. Zwar habe ich meinen Punsch nicht so schnell heruntergestürzt wie meine Sofa-Nachbarin, das lag aber nur daran, dass ich diesen Fusel nicht mag und vor der Party schon einiges intus hatte, um es überhaupt hierher zu schaffen. Ich wollte nicht herkommen. Doch ich wollte auch nicht, dass irgendjemand denkt, diese Party würde mir etwas ausmachen.

 

„Et voilà.“

 

Etwas Rotes taucht direkt vor meiner Nase auf und ich ziehe den Kopf zurück, um das Bild scharf stellen und es als mein gefülltes Glas erkennen zu können. Die Punschfrau lässt sich wieder neben mir aufs Sofa sinken. Mit einem „Prost“ klackert sie ihr Glas gegen meins, wobei es sie nicht zu stören scheint, dass ich meinen Blick weiterhin auf Izzy hefte.

 

„Trauerst du deiner Ex nach?“ Nun drehe ich mich doch zu ihr. „Du bist Lew, oder? Toms Bruder“, will sie wissen.

 

Shit. Wahrscheinlich ist sie eine von Toms Bettgeschichten, von denen er so einige hatte, bevor er ausgerechnet bei meiner Freundin beschlossen hat, eine feste Beziehung einzugehen. Wenn die Punsch-Diva denkt, dass ich als Lückenbüßer fungiere, weil sie bei Tom nicht mehr landen kann, dann ist sie schiefgewickelt. Ohne zu antworten, wende ich mich wieder ab.

 

„Er hat sehr lange gegen seine Gefühle angekämpft. Das weißt du hoffentlich.“ Ihre Hand landet tröstend auf meinem Unterarm. Im ersten Moment will ich sie abschütteln, weil ich es hasse, wenn Frauen mich unaufgefordert berühren. Doch bevor ich mich regen könnte, was wegen meines nicht zu vernachlässigenden Alkoholpegels etwas länger dauert, stelle ich fest, wie angenehm ihre warme Haut sich auf meiner anfühlt. Außerdem ist da etwas in ihrer Stimme, das mich aufmerken lässt.

 

„Was weißt du denn schon davon?“, pampe ich trotz ihrer freundlichen Geste und weil ich ahne, dass sie recht hat. Tief in mir weiß ich, dass Tom Izzy nicht einfach verführt hat, denn so ein Dreckskerl ist er nicht. Das Ding ist nur, dass ich jetzt eben allein bin, während er Izzy hat. Obwohl ich mir Mühe gebe, mich für die beiden zu freuen, bin ich doch zutiefst verbittert.

 

„So einiges“, haucht die Granate neben mir und genehmigt sich einen tiefen Schluck ihres Himbeerpunsches. „Tom und ich haben uns im letzten Jahr sehr oft unser Herz ausgeschüttet. Tom war unglücklich, weil er seine Gefühle für Izzy nicht in den Griff bekam und meinte, euch im Stich gelassen zu haben, als er nach Stockholm ging. Ich war unglücklich, weil ich mich vor nun fast eineinhalb Jahren von meinem Freund getrennt habe, aber nicht von ihm loskomme. Du siehst also, ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man einer verlorenen Liebe hinterhertrauert.“ Erneut stößt sie ihr Glas gegen meins und trinkt.

 

Mein Blick huscht zu Izzy, die eng umschlungen mit Tom zu einem jazzigen Slow tanzt. In mir kribbelt es unangenehm und ich balle die Hand zur Faust. Dabei bin ich mir gar nicht so sicher, ob ich wirklich Izzy hinterhertrauere. In den vergangenen Monaten haben wir uns zusehends auseinandergelebt, da sie schon in Tom verliebt war. Nachdem wir jahrelang alles miteinander geteilt hatten und unzertrennlich waren, vergrößerte sich die Distanz zwischen uns von Tag zu Tag, von Woche zu Woche. Zuerst dachte ich, es würde daran liegen, dass sie bereits an der Uni und mit ihren Gedanken woanders war. Neue Wohnung, neues Umfeld, neue Freunde, während bei mir alles dem gewohnten Trott nachging. Ich wollte ihr Raum geben, sich in ihr neues Leben einzufinden, dabei habe ich sie Stück für Stück aus meinem entlassen, ohne es zu begreifen. Erst im Nachhinein habe ich kapiert, dass ich ihr nicht mehr reichte, und das hat sich beschissen angefühlt.

 

Ach verdammt. In mir herrscht selbst Monate nach unserer Trennung noch immer Chaos. Nie wieder möchte ich nur ein Platzhalter sein oder dass jemand aus Mitleid mit mir zusammen ist. Eigentlich möchte ich auch nicht Izzy zurückhaben, denke ich, sondern das, was mir miteinander hatten. Diese Vertrautheit, wir waren die dicksten Freunde, haben uns hundertprozentig aufeinander verlassen. Das hat den Sex mit ihr so schön gemacht und es ist genau das, was mir bei meinen Affären seit unserem Aus fehlt. Ich bin einfach nicht der Typ für eine schnelle Nummer, dabei habe ich mich während unserer Beziehung oft danach gesehnt.

 

Tief hole ich Luft, stoße sie geräuschvoll wieder aus und trinke einen großen Schluck von dem zuckersüßen Fusel. „Woher kennst du Tom? Warst du auch in Stockholm?“

 

Nachdem mein Bruder mit meiner Freundin im Bett war, hat er Panik bekommen und ist für ein Jahr nach Schweden ausgewandert, was allerdings weder seine noch Izzys Gefühle bändigen konnte.

 

„Nein. Wir haben uns ein paar Stunden vor seinem Abflug kennengelernt und sind ins Gespräch über unsere persönlichen Dramen gekommen. Danach haben wir den Kontakt gehalten und viel gemailt oder telefoniert.“

 

„Er hat zu niemandem Kontakt gehalten“, antworte ich gepresst, denn es stößt mir noch immer bitter auf, dass Tom einfach so abgehauen ist und jegliche Beziehung abgebrochen hat, auch wenn seine Gründe im Nachhinein logisch klingen.

 

„Doch, zu mir. Ich heiße übrigens Carina.“ Sie zwinkert mir zu und redet direkt weiter: „Alle Bande zu kappen, war ja gerade der Sinn seiner Flucht. Er wollte Abstand gewinnen. Lange Zeit war ich seine einzige Kontaktperson, weil ich eben weder zu seiner Familie noch zu seinen Freunden gehört habe. Wobei ich mich zu Letzteren jetzt schon dazu zähle, sonst wäre ich ja heute nicht hier.“

 

Ich mustere sie, ihren aufrichtigen und offenen Blick, und muss zum ersten Mal heute Abend lächeln. Irgendwie bin ich froh, dass Carina keine von Toms Bettgeschichten ist. Außerdem wärmt es mir das Herz zu wissen, dass sie im letzten Jahr für ihn da war, obwohl ich ihn mit jedem zweiten Atemzug für das, was er mir angetan hat, bestrafen möchte. Trotzdem weiß ich, dass es auch ihm beschissen ging.

 

Carina grinst, was ihre grauen Augen leuchten lässt, und stupst mir gegen den Oberarm. „Na, siehst du? Es geht doch mit dem Lächeln.“

 

Ein lautes „Hallo“ und „Schön, dass ihr da seid“ lenkt mich ab und dirigiert meine Aufmerksamkeit zur Wohnungstür, wo zwei neue Gäste eintrudeln. Den einen Typen kenne ich nicht, den anderen hat mein Bruder gerade in einer freundschaftlichen Umarmung an sich gezogen und klopft ihm auf den Rücken. Als er sich von ihm löst, erkenne ich, um wen es sich handelt, und mir bleibt das Herz stehen. Hastig wende ich mich ab und konzentriere mich auf das Getränk in meinen Händen.

 

„Ich gehe eine rauchen“, sagt Carina neben mir. „Hast du Lust, mit vor die Tür zu kommen?“

 

„Ne, danke, ich rauche nicht“, murmele ich. Erst im Nachhinein fällt mir auf, wie unhöflich und abweisend meine Antwort für sie klingen muss. Doch es ist ausgeschlossen, dass ich jetzt durch die Wohnungstür und somit an Daniel vorbeigehe.

 

„Hmpf“, macht Carina und ich registriere aus dem Augenwinkel, dass sie mit den Schultern zuckt, bevor sie aufsteht. Ihr Fortgehen macht mich noch nervöser, weil ich mich nicht länger hinter ihr verstecken kann. Ohne zur Tür zu sehen, stehe ich vom Sofa auf und gehe zum Buffet, wo ich mir einen Shot auf Ex gönne. Wenn ich gewusst hätte, dass Dan heute hier auftaucht, wäre ich nicht gekommen, egal, ob es die Einweihungsparty meines Bruders ist.

 

Als ich mein Glas noch einmal füllen möchte, spüre ich plötzlich Finger auf meinem Unterarm. „Mach langsam, Lew.“

 

Ihre Stimme, ihre Berührung. Mein ganzer Körper reagiert auf sie. Ich drehe mich zu ihr, sehe ihre unzähligen Sommersprossen und verfange mich in ihrem besorgten Blick. Haufenweise Gefühle wirbeln in mir durcheinander, die ich nicht benennen und nicht erklären kann. Mir wird heiß und kalt und mein Herz pocht wie verrückt. Scheiße, liebe ich Izzy etwa immer noch?! Das kann doch nicht sein. Nicht nach allem, was geschehen ist.

 

Für einen winzigen Augenblick gibt es nur uns zwei, wie in einer Blase, abgeschirmt von allen anderen und von allem, was an unseren Gefühlen zerrt. Ich will etwas sagen, finde aber keine Worte. Sie würden es sowieso nicht an dem Kloß in meinem Hals vorbei schaffen.

 

„Iz, Hilfe! Wir brauchen neues Baguette!“, tönt es aus der Küche.

 

Schon ist der Moment vorüber.

 

„Bin sofort da“, ruft sie über die Schulter, dann lächelt sie mir noch einmal zu und drückt kurz meinen Arm, bevor sie zu meinem Bruder eilt.

 

Ich will nicht, dass sie mich loslässt, dass sie geht, dass sie mich verlässt. Ich will wieder mit ihr lachen, sie berühren, sie in den Arm nehmen. Und ich will, dass sie mich so ansieht, wie sie mich früher angesehen hat. Bevor er dazwischen gefunkt hat. Ich will noch einmal diesen Ausdruck in ihren Augen sehen, den sie nun leider nur noch Tom schenkt.

 

Für ein paar Sekunden schließe ich die Lider. Als ich sie wieder öffne, fällt mein Blick auf die Flasche Tequila direkt vor mir und ich gieße mir mit zittrigen Fingern einen weiteren Shot ein, den ich sofort leere. Der Alkohol brennt in meiner Kehle. Am liebsten würde ich immer so weitermachen. Trinken. Den Schmerz und die Wut in mir betäuben. Aber dann spüre ich jemanden ganz dicht neben mir und stelle die Flasche ab. Ich rechne mit Tom oder Iz und einer erneuten Warnung, dass ich vernünftig sein und nicht so viel trinken soll. Doch sie bleibt aus.

 


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