Leseprobe

 

Neugierig? Dann hol dir hier schon einmal einen Appetithappen.

 


A Hundred Bad Reasons

Alex May



 

Kapitel 1

 

 

 

»Und so frage ich Sie, Felix Schreiber, möchten Sie die hier anwesende Emma Herzberger zu Ihrer rechtmäßig angetrauten Ehefrau nehmen? Sie lieben, achten und ehren, in guten wie in schlechten Zeiten, in Armut und Reichtum, in Krankheit und Gesundheit, bis dass der Tod sie scheidet?«

 

Das war der Moment, auf den ich so lange gewartet hatte. Meine Wangen glühten und mein Herz pochte so sehr, dass ich schon dachte, sämtliche Gäste mussten es hören. Voller Liebe lächelte ich meinen zukünftigen Ehemann an und er schenkte mir ebenfalls ein strahlendes Lächeln. Ich war die glücklichste Frau der Welt.

 

»Ja, ich will«, erklärte er stolz und seine Augen leuchteten bei diesen Worten. Alles war perfekt. Genau so, wie es sein sollte.

 

»Und ich frage auch Sie, Emma Herzberger, möchten Sie den hier anwesenden Felix Schreiber zu Ihrem rechtmäßig angetrauten Ehemann nehmen? Ihn lieben, achten und ehren, in guten wie in schlechten Zeiten, in Armut und Reichtum, in Krankheit und Gesundheit, bis dass der Tod sie scheidet?«

 

Am liebsten hätte ich dem Pfarrer sofort ein lautes und klares Ja entgegengeschleudert, aber ich bemühte mich um Ruhe. Schließlich war ich eine Lady und heute hatte ich sogar das Privileg, mich wie eine Prinzessin zu kleiden.

 

Ich atmete tief durch und erhaschte einen Blick auf die Gäste in den ersten Reihen der Kirche: Alle saßen sie da und lächelten mich an. Meine Eltern, neben ihnen mein Bruder Julian, meine beste Freundin Caro und meine Paten Andrea und Kai, die ich nicht weniger liebte, als meine eigenen Eltern. Sämtliche Freunde waren da, alle Menschen, die ich gern hatte. Und doch schweifte mein Blick über die Gäste und ich wurde einen Moment lang panisch. Jemand fehlte!

 

Ich sah hektisch zwischen den Bankreihen hin und her, schielte zurück zu dem Pfarrer, der nach wie vor auf eine Antwort zu seiner Frage wartete. Aber ich konnte ihm diese nicht beantworten. Nicht, wenn noch jemand fehlte, der mir in all den Jahren wie ein zweiter Bruder geworden war.

 

»Ben ist nicht da!«, stellte ich fest, als würde das für einen Außenstehenden sofort alles erklären, und fragte mich, wie diese Tatsache den anderen Anwesenden entgangen sein konnte. Plötzlich lachte die ganze Kirche, als hätte ich den Witz des Jahrhunderts gerissen.

 

Der Trauzeuge meines zukünftigen Mannes wollte mich beruhigen, aber es gelang ihm kein Bisschen. Die warmen Hände auf meinen Schultern sorgten leider nicht dafür, dass ich mich entspannte. Als ich mich zu ihm umdrehte, um ihm die Leviten zu lesen, sah ich jedoch direkt in die Augen meines Bruders.

 

»Warum sitzt du nicht bei den Gästen, Julian? Du musst Ben suchen, ich kann ohne ihn nicht heiraten«, stammelte ich und hörte mich genauso verwirrt an, wie ich mich fühlte.

 

Julian grinste mich an, sagte aber kein Wort und im nächsten Moment stand meine Mutter neben uns.

 

»Was ist los, Schatz?«, fragte sie mit ihrem gutmütigen Lächeln, das ich sonst so an ihr liebte. Heute machte es mich wahnsinnig. Was war denn nur los mit ihnen?

 

»Mama, Ben ist nicht hier. Ich kann doch nicht heiraten, wenn er nicht dabei ist!«

 

Erneut lachten alle und so langsam zweifelte ich wirklich an meinem Verstand.

 

»Emma, Liebes. Er ist hier. Alles ist gut. Und jetzt sag endlich Ja

 

Ich schüttelte den Kopf und wollte mich schon weigern, als mir wieder einfiel, dass ich nicht allein vor dem Altar stand. Ich musste Felix zumindest erklären, warum ich hier so einen Wind machte, obwohl es doch der glücklichste Tag in meinem Leben sein sollte. Aber wie könnte ich diesen Tag genießen, wenn einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben nicht dabei war? Als ich mich jedoch Felix zuwendete, stockte mir der Atem.

 

»Emma?« Mein Bruder rüttelte sanft an meiner Schulter, um mich aus meiner Schockstarre zu erlösen, scheiterte allerdings kläglich. »Emma!«

 

Ich zwinkerte heftig, kniff die Augen zusammen und öffnete sie wieder, doch jedes Mal bot sich mir das gleiche Bild.

 

»Emma!«

 

Ich ignorierte die Rufe und wäre am liebsten einfach davongerannt.

 

»Emma!« Emma, Emma, Emma …

 

Das letzte, was ich sah, waren leuchtend grüne Augen, die mich verliebt anstrahlten. Aber sie gehörten nicht dem Mann, mit dem ich eigentlich vor dem Altar stehen sollte, sondern dem besten Freund meines Bruders.

 

Und dann wachte ich auf.

 

 

 

»Emma! Emma, wach auf! Hey, Emma!« Noch immer völlig verwirrt von meinem Traum öffne ich die Lider. Julian sitzt auf der Bettkante, eine Hand auf meiner Schulter, und mustert mich seltsam. Seine blonden Haare stehen in alle Himmelsrichtungen ab und seine sonst strahlenden blauen Augen sind knallrot. Hat er geweint?

 

»Wie spät ist es?«, frage ich schläfrig, als ich mich ein wenig aufsetze. Ich sehe ihn genauer an und mir fällt auf, dass er komplett angezogen ist. Es ist mitten in der Nacht und schlagartig wird mir bewusst, dass etwas passiert sein muss. »Was ist los?«

 

Ju zieht die Nase hoch und wischt sich mit einer hektischen Bewegung über die Augen, ehe er mich fest und unnachgiebig umarmt. Kaum haben mich seine Arme umschlungen, schluchzt er wie ein kleines Kind, während ich weiter im Dunkeln tappe.

 

»Ju, sag mir, was passiert ist!«

 

Ein paar Mal muss er noch schluchzen, ehe er sich wieder so weit im Griff hat, dass er sprechen kann. »Andrea … und … Kai«, sagt er leise, aber das reicht, um die Tragweite seiner Worte augenblicklich zu erfassen. Verzweifelt stoße ich ihn von mir und mache mir gar nicht erst die Mühe, mir etwas anderes anzuziehen. Im Pyjama stürze ich aus dem Bett und aus meinem Zimmer nach unten. Meine Eltern sitzen auf dem Sofa und halten sich in den Armen, während beide genauso schluchzen, wie Julian noch vor ein paar Sekunden.

 

»Was ist passiert?«, schreie ich.

 

Sofort heben meine Eltern ihre Blicke und sehen mich erschrocken an. Mein Vater ist der Erste, der reagiert. Er steht auf und ist mit wenigen Schritten bei mir. Auch er zieht mich in seine Arme und vor lauter Umarmungen wird mir ganz schwindelig, obwohl ich nach wie vor nicht weiß, was überhaupt geschehen ist.

 

»Andrea und Kai hatten einen schweren Autounfall.« Papas Stimme klingt sachlich, dabei ist ihm wahrscheinlich völlig anders zumute. Aber wie immer ist er stark für uns, wenn wir es nicht können. Er beschützt uns vor allem. Nur gibt es heute nichts, was er tun kann, außer für uns alle da zu sein. »Sie sind im Krankenhaus und werden gerade operiert.«

 

Da wird mir plötzlich klar, was das eigentlich bedeutet und sofort werde ich noch panischer, als ich es ohnehin schon bin. »Was ist mit Ben? Ist er auch …?«

 

»Nein, nein, nein. Ben ist wie durch ein Wunder nicht schwer verletzt worden.«

 

»Wir müssen zu ihnen!«, schreie ich erneut und erkenne meine eigene Stimme kaum wieder. Heiße Tränen rollen mir nun unaufhaltsam die Wangen herunter und nur gedämpft höre ich Papas Stimme und das Schluchzen meiner Mutter.

 

Ich weiß nicht, wie mein Vater so ruhig Autofahren kann. Obwohl ich meinen Führerschein noch gar nicht habe, ist mir trotzdem irgendwie klar, dass ich in einer Nacht wie dieser keinen Fuß hinter das Steuer gesetzt hätte. Meine Mutter auf dem Beifahrersitz weint leise, Julian und ich sitzen stumm auf der Rückbank und halten uns an den Händen, während wir durch die menschenleeren Straßen zum Krankenhaus fahren.

 

Um diese Uhrzeit finden wir zum Glück direkt vor dem Klinikum einen Parkplatz und stürmen sofort nach drinnen. Am Empfang übernimmt mein Vater das Reden, weil der Rest von uns den eigenen Stimmen nicht traut. Die etwas rundliche und sehr freundliche Nachtschwester erklärt ihm, was passiert ist, und wie wir in den Wartebereich kommen. Andrea und Kai werden immer noch operiert und Bens Wunden versorgt. Also werden wir warten …

 

Mein Vater sitzt neben Mama und streichelt ihr beruhigend über den Rücken, seit sie vor einer halben Stunde auf einem der unbequemen Plastiksitze vor der Ambulanz in sich zusammengesunken ist. Julian und ich stehen dicht bei der Tür, unsere Hände fest ineinander verschlungen, um auf keinen Fall einen der Ärzte zu verpassen, die ständig rein und raus gehen, als wäre es eine Drehtür im Shoppingcenter. Jedes Mal, wenn die Tür aufgeht, wird der Druck auf die Hand des anderen stärker. Aber immer wieder bekommen wir zu hören, dass er oder sie nicht der behandelnde Arzt ist und wir uns noch ein bisschen gedulden müssen.

 

Nach etwa einer Stunde sind wir geduldig genug gewesen. Die Tür öffnet sich ein weiteres Mal und heraus kommt eine junge Frau, die ich unter anderen Umständen nie für eine Ärztin gehalten hätte.

 

»Sind Sie Familie Herzberger?«, fragt sie und sieht erst Julian und mich an, ehe ihr Blick zu meinen Eltern schweift. Sofort stehen die beiden auf und kommen zu uns. Mein Vater reicht ihr die Hand und sie erwidert seinen Händedruck. »Sie wurden für Familie Vogt als Notfallkontakte in den Patientenverfügungen angegeben. Ich bin Dr. Freytag.« Ja, das steht auch auf ihrem Namensschild. Dr. Melanie Freytag. Ein schöner Name.

 

»Matthias Herzberger, meine Frau Heike und das sind unsere Kinder Emma und Julian«, stellt er uns vor und deutet dann nach und nach auf jeden von uns. »Wie geht es den beiden? Und wie geht es Ben?«

 

Die Ärztin nickt ernst. »Herr und Frau Vogt wurden schwer verletzt. Sie werden derzeit noch operiert. Wir müssen abwarten.« Dr. Freytag sieht kurz zu Julian und mir, ehe sie sich wieder meinen Eltern zuwendet. »Ben hat zum Glück nur oberflächliche Verletzungen. Sein rechtes Handgelenk ist gestaucht, er hat mehrere Prellungen sowie eine Wunde am Kopf, aber nichts, was nicht bald verheilen wird.«

 

Während Frau Dr. Freytag spricht, nicken meine Eltern, als würden ihnen mit jedem Wort der Ärztin tausende Steine vom Herzen fallen. Ich weiß, wie sich das anfühlt, weil es bei mir ganz genauso ist.

 

Julians Hand in meiner fängt an zu schwitzen und irgendwann lässt er mich kurz los, um sie an seiner Hose abzuwischen. Dann greift er sofort wieder nach mir und ich lasse es stumm geschehen. Heute haben wir jedes Recht dazu, uns aneinanderzuklammern. Dabei würde er sonst einen Teufel tun, meine Hand in aller Öffentlichkeit zu halten.

 

»Können wir zu ihm?«, will meine Mutter wissen, während sie sich hilfesuchend an Papas Arm klammert.

 

Ein leichtes Lächeln legt sich auf das Gesicht der Ärztin und sie nickt. »Ich würde ihn gern noch zur Beobachtung hierbehalten. Aber Sie können selbstverständlich sofort zu ihm.« Dann wird ihre Miene plötzlich ernst und ich weiß, dass das noch nicht alles war, was sie uns zu sagen hat. »Er steht natürlich unter Schock und ich möchte nicht riskieren, dass die Schmerz- und Beruhigungsmittel über Nacht aufhören zu wirken. Er wird also nicht bei Bewusstsein sein, wenn Sie zu ihm gehen. Morgen früh wird eine unserer Psychologinnen mit ihm sprechen und anschließend wird entschieden, wann er entlassen wird.«

 

Mittlerweile haben Julian und ich uns dem Nicken unserer Eltern angeschlossen und so stehen wir hier, nicken wie die Irren und sind froh, dass Ben nicht schwer verletzt ist. Gleichzeitig sind wir aber zu Tode erschrocken darüber, dass seine Eltern nicht so viel Glück hatten.

 

Als wir kurz darauf zu Ben dürfen, sind wir natürlich unendlich erleichtert. Mama und Papa gehen zu ihm ins Zimmer, Julian und ich hingegen warten ungeduldig auf dem Flur. Die sterile Umgebung gefällt mir gar nicht und während uns die weißen Wände förmlich auslachen, fällt mir wieder auf, wie sehr ich Krankenhäuser verabscheue. Ich rücke ein wenig dichter zu meinem Bruder, in der Hoffnung, mich dadurch sicherer zu fühlen, und bin froh, dass wir zusammen hier sind.

 

Nach etwa zehn Minuten öffnet sich die Zimmertür und mein Vater kommt zu uns auf den Flur. »Wir sollten nach Hause fahren und ein bisschen schlafen«, erklärt er sachlich und ignoriert unsere Proteste. »Ben hat für heute genug durchgemacht und es hilft niemandem, wenn wir uns die Nacht um die Ohren schlagen. Wir müssen morgen fit und ausgeruht sein, damit wir ihm Kraft geben können. Versteht ihr das?«

 

Ein wenig fühle ich mich durch seine Wortwahl in eine Zeit zurückversetzt, in der er jede noch so winzige Kleinigkeit ausführlich erklären musste, weil Julian und ich einfach zu klein waren, um die Welt zu verstehen. Trotzdem nicke ich und folge ihm sowie meinem Bruder nach draußen.

 

Mama hat sich geweigert, uns zu begleiten, und stattdessen beschlossen, die ganze Nacht an Bens Bett zu wachen, als wäre er ihr eigener Sohn.

 

Kapitel 2

 

 

 

Erneut werfe ich einen hektischen Blick auf meine Uhr. Ohne zu übertreiben, kann ich mit Sicherheit sagen, dass es das achte Mal innerhalb der vergangenen drei Minuten sein muss.

 

Ich sitze in der ersten Bankreihe, zwischen meinem Vater und Julian. Wie selbstverständlich hat sich Julian sofort neben Mama gesetzt, hält seitdem ihre Hand und reicht ihr frische Taschentücher. Papa hat den Arm um meine Schultern gelegt und streichelt immer wieder mit dem Daumen über meinen Oberarm. Schon von jeher habe ich ihn für die Stärke bewundert, die er ausstrahlt. Aber heute ist er ganz besonders stark, wenn auch nicht unbedingt für sich selbst. Heute ist er für mich stark, für meinen Bruder, seine Frau und für Ben. Papa ist für so viele Menschen da, ohne dabei auch nur eine Sekunde lang an sich selbst zu denken. So wie immer. Dabei sind unsere Eltern diejenigen, die heute ein bisschen Unterstützung gebrauchen könnten. Schließlich werden ihre besten Freunde beerdigt.

 

Drei Wochen sind inzwischen seit dieser fürchterlichen Nacht vergangen, in der die Ärzte alles versucht haben, um Kai und Andrea zu retten. Letztlich hatte Kai jedoch einfach zu viel Blut verloren und die OP nicht überlebt.

 

Ben hat sich geweigert, das Krankenhaus zu verlassen, und saß pausenlos am Bett seiner Mutter auf der Intensivstation.  Eine Woche lang hat sie gekämpft, während wir gehofft und gebangt haben. Schließlich waren Andreas Verletzungen aber zu schwer. Sie hat es nicht geschafft und seitdem ist nichts mehr wie vorher.

 

Nach der fürchterlichen Nachricht ihres Todes ist Ben ausgerastet. Er hat die halbe Zimmereinrichtung demoliert und ist danach einfach abgehauen. Mama hat Julian gebeten, in Andreas und Kais Haus zu warten, falls Ben heimkommt. Tag für Tag war Julian dort und hat auf seinen besten Freund gewartet. Hin und wieder ist er dort aufgetaucht. Natürlich völlig fertig, betrunken und zugedröhnt bis über beide Ohren. Doch immerhin wussten wir dadurch, dass er sich nichts angetan hat.

 

Heute Nacht soll die Erste sein, in der er ganz offiziell bei uns wohnt. Aber selbstverständlich erst, wenn wir diese Trauerfeier hinter uns gebracht haben.

 

»Wo ist er?«, raune ich so leise wie möglich und lasse meinen Blick über die Bankreihen schweifen. Schon wieder.

 

Ohne Mama auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen, lehnt sich mein Bruder ein Stückchen zu mir. »Keine Ahnung. Ich habe ihn heute Morgen gefragt, ob wir ihn mitnehmen sollen. Aber er meinte, er würde allein herkommen und seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört.«

 

Ich hoffe, dass Ben die Kraft findet, seinen Eltern die letzte Ehre zu erweisen, und nicht lieber irgendwo herumliegt und seinen Rausch ausschläft. Natürlich habe ich hin und wieder mitbekommen, dass Julian und er auf Partys gehen und auch mal einen über den Durst trinken, doch so schlimm wie in den vergangenen Wochen war es noch nie.

 

Einen Moment lang sagt Julian einfach nichts. Stattdessen kaut er auf seiner Unterlippe - ein deutliches Zeichen dafür, dass er nervös ist, sich Sorgen um seinen besten Freund macht und in seinem Kopf alle Eventualitäten durchspielt.

 

Julians Blick fällt auf Mamas Hand, die noch immer sicher in seiner ruht und mir wird klar, dass er gerade darüber nachdenkt, sie für einen Moment allein zu lassen, um nach Ben zu suchen.

 

»Bleib du bei Mama«, flüstere ich und lege meine Hand an seinen Arm. »Ich sehe nach ihm.«

 

Mein Bruder nickt ganz leicht und murmelt ein leises »Danke«.

 

Ich erkläre meinem Vater kurz, was los ist, ehe er seinen Arm von meiner Schulter nimmt und mich aus der Bankreihe klettern lässt. Während ich mir zwischen den Bänken hindurch den schnellsten Weg aus der kleinen Kapelle nach draußen suche, versuche ich, den Blick gesenkt zu halten. Kai und Andrea waren tolle Menschen, aber der plötzliche Tod der beiden hat allen mächtig zugesetzt. Da ich mich nun zum ersten Mal mit dem Tod beschäftigen muss, möchte ich einfach vermeiden, mit so vielen traurigen Gesichtern konfrontiert zu werden. Erst recht, wenn man genau weiß, dass nicht mal die Hälfte der traurigen Mienen wirklich echt sind.

 

Ich kenne Andrea und Kai schon mein ganzes Leben. Natürlich habe ich mit der Zeit auch mit den unsäglichen Nachbarn Bekanntschaft gemacht, die heute hier sitzen, falsche Tränen vergießen und so tun, als hätten sie nicht ständig hinter ihrem Rücken über die Familie Vogt geredet.

 

Dass er das tatsächlich mit sich machen lässt, kann ich nicht glauben. Ich meine, wo gibt es denn sowas? Sie geht arbeiten und er kümmert sich währenddessen zu Hause um Kind und Kegel?

 

Die haben sich doch schon wieder ein neues Auto angeschafft. Woher nehmen die bloß immer das Geld für so etwas?

 

Haben Sie das von dem Sohn gehört?

 

Über manche Leute kann man nur mit dem Kopf schütteln. Was geht sie all das an? Haben sie etwa kein eigenes Leben, mit genügend eigenen Problemen? Scheinbar nicht. Deshalb beschleunige ich meine Schritte auf den letzten Metern nur noch mehr und kann es gar nicht erwarten, die kleine, stickige Kapelle endlich zu verlassen.

 

Kaum draußen angekommen, sauge ich gierig die frische Luft in meine Lungen. Mir ist gar nicht aufgefallen, dass ich sie während meines Marsches hinaus angehalten habe. Ich sehe nach links und rechts, kann jedoch niemanden entdecken. Also beschließe ich, meinen Suchradius noch ein wenig zu erweitern. Ich biege um die kleine Kapelle und schaue immer wieder in alle Richtungen. Er muss doch hier irgendwo sein. Er würde seinen besten Freund, meinen Bruder, nicht anlügen. Aber was noch viel wichtiger ist: Er würde sich niemals nehmen lassen, sich von seinen Eltern zu verabschieden. Vollrausch hin oder her.

 

In der Miniaturausgabe einer Handtasche, die über meiner Schulter baumelt, finde ich mein Handy zum Glück schnell. Als ich über das Display wische, sind da zwei entgangene Anrufe und ein paar Nachrichten von Felix, meinem Freund. Obwohl ich erst beinahe Achtzehn bin, sind wir mittlerweile schon seit drei Jahren zusammen und ich weiß eigentlich gar nicht mehr, wie es ohne ihn ist. Seine Nachrichten und die verpassten Anrufe spenden mir heute unglaublich viel Kraft. In einer kurzen Antwort verspreche ich, mich abends bei ihm zu melden, wenn alles überstanden ist.

 

Ich wische noch ein paar Mal über das Display, habe schnell meine Favoriten aufgerufen und Bens Nummer gewählt. Mittlerweile ist er auch für mich zu einem wahnsinnig guten Freund geworden - wenn nicht sogar zu meinem besten.

 

Es tutet, doch selbst nach mehrmaligem Klingeln meldet sich niemand. Also versuche ich es nochmal. Und nochmal. Und nochmal. Während es klingelt und klingelt, laufe ich weiter über den Friedhof. Als ich das Ende nahezu erreicht habe, vernehme ich eine Melodie. Ich beschleunige meine Schritte und renne beinahe in die Richtung, aus der der Klingelton zu kommen scheint.

 

Erst, als ich vor Ben stehe, fällt mir auf, wie schlecht es ihm wirklich gehen muss. Mit hängenden Schultern sitzt er auf einer Parkbank, hat die Arme auf die Knie gestützt, die Hände ineinander verschränkt und sieht auf seine Füße. Ich will mir gar nicht ausmalen, wie ich mich fühlen würde, müsste ich meine Eltern zu Grabe tragen. Und das auch noch allein, denn im Gegensatz zu ihm hätte ich Julian an meiner Seite. Doch den Jungen leiden zu sehen, der Tag für Tag bei uns zu Hause ein und aus gegangen ist und zur Familie gehört … das ist ein absoluter Schock.

 

»Ben?«, frage ich vorsichtig. Am liebsten hätte ich mich einfach neben ihn auf die Bank gesetzt - ganz egal, ob ich mir das hübsche schwarze Kleid mit Moosflecken versaue -, ihn in eine Umarmung gezogen und ihm versichert, dass alles gut wird. Obwohl ich natürlich nicht weiß, ob das überhaupt möglich ist.

 

Ben ist immer für andere da. Klar, er ist auch der Schwarm sämtlicher Mädchen in der Schule und meint es vermutlich mit keiner von ihnen ernst. Aber wenn es darauf ankommt, kann man sich auf ihn verlassen. Verglichen mit der Art, wie er normalerweise ist, jagt mir das Häufchen Elend, das nun vor mir sitzt, einen ziemlichen Schrecken ein.

 

»Ben?«, frage ich nochmal, weil ich mir plötzlich gar nicht sicher bin, ob er mich beim ersten Mal überhaupt gehört hat. Doch er reagiert nach wie vor nicht. Verzweifelt überlege ich, wie ich bloß zu ihm durchdringen soll.

 

Da habe ich mit einem Mal eine Idee. Ich wähle noch einmal seine Nummer und als der Klingelton auf seinem Handy einsetzt, stemme ich die Hände in die Hüften und räuspere mich empört.

 

»Nur, weil ihr mich immer erfolglos zwingen wolltet, diese komischen Science-Fiction-Filme zu gucken, heißt das nicht, dass ich nicht weiß, wer Darth Vader ist. Also warum zum Teufel ist diese Musik dein Klingelton für mich?«

 

Bens Schultern beben und ich habe keine Ahnung, ob er lacht oder weint. Erst, als er nach einer gefühlten Ewigkeit seinen Blick hebt, sehe ich, dass er scheinbar beides gleichzeitig tut. Obwohl ich Ben immer eher als einen zweiten großen Bruder gesehen habe und normalerweise nie sonderlich auf andere Männer als meinen Freund Felix achte, ist mir natürlich nicht entgangen, wie gut er aussieht. Ich habe schließlich Augen im Kopf. Ben ist groß, hat breite Schultern und seine Muskeln konnte ich mehr als einmal betrachten, wenn wir im Sommer am See waren. Er hat hohe Wangenknochen, dunkelbraune, fast schwarze Haare und seine grünen Augen leuchten wie … ja, wie was eigentlich? Keine Ahnung, sie tun es irgendwie einfach. Nur heute nicht. Heute sind sie traurig und beinahe leer.

 

Nun kann ich gar nicht mehr anders, als mich neben Ben auf die Bank zu setzen. Sein tränenverschleierter Blick folgt mir, als ich meinen Arm um seine Schultern lege.

 

»Also«, sage ich und rutsche ein wenig näher zu Ben. »Verrätst du mir jetzt, warum du diesen scheußlichen Klingelton für mich ausgesucht hast?«

 

»Sorry, aber die Ähnlichkeit ist einfach verblüffend …« Bens Stimme, die sonst so laut sein kann, dass alle um ihn herum plötzlich stramm stehen, ist heute irgendwie sanfter, beinahe ruhig. Es ist nicht schön, einen Menschen, den man so gut kennt, auf einmal ganz anders erleben zu müssen. Doch das Leben ist bekanntlich nicht fair. Der beste Beweis dafür sitzt gerade neben mir.

 

»Herr Vogt, ich bin schockiert!« Mit der freien Hand knuffe ich Ben gegen die Schulter und freue mich insgeheim ein wenig darüber, dass er auf das Geplänkel mit mir eingeht - wenn auch nur oberflächlich. Aber ich wäre in seiner Situation sicher auch froh über jedes noch so kleine Bisschen Ablenkung. Auch wenn es natürlich nicht von Dauer ist.

 

Eine Weile sitzen wir einfach nebeneinander und schweigen uns an. Immer wieder höre ich sein leises Schniefen oder spüre, wie seine Schultern erneut zu beben anfangen. Aber das ist okay. So wie Ben stets für andere da ist, hat auch er es verdient, dass heute jemand für ihn da ist. Und wenn er nicht sprechen möchte, dann bin ich die Letzte, die diesen Wunsch nicht respektiert. Wenn er bereit dazu ist, wird er sicher irgendetwas sagen. Und bis es so weit ist, bleibe ich einfach neben ihm sitzen, stimme in sein Schweigen ein und lasse meine Hand wie einen Schraubstock um ihn liegen.

 

Irgendwann sinkt Bens Kopf an meine Schulter. Er schlingt seine Arme um mich und während er den Tränen freien Lauf lässt, zittert er am ganzen Körper.

 

»Emma, es tut so verdammt weh.«

 

Wie von selbst wandert meine Hand an seinen Kopf und streicht beruhigend darüber. Ich wünschte, ich könnte irgendetwas tun, um ihm seinen Schmerz zu nehmen oder all das wenigstens erträglicher für ihn zu machen. Doch so eine Macht besitzt niemand. Leider.

 

»Ich weiß …«, murmle ich und fahre weiter durch sein Haar. »Ich weiß …«

 

»Auf keinen Fall kann ich da reingehen … ich dachte, ich könnte es, aber ich habe solche Angst.« Ein bisschen riecht man den Schnaps an ihm noch, den er vermutlich in der letzten Nacht getrunken hat, doch das spielt keine Rolle. Er ist hier, er muss gar nicht an der Trauerfeier teilnehmen. Ich bin trotzdem wahnsinnig stolz auf ihn, weil er es geschafft hat. Und ich wette, seine Eltern wären es ebenfalls.

 

»Niemand kann dich zu etwas zwingen, das du nicht willst. Es ist einzig und allein deine Entscheidung, und wenn du hier sitzen bleiben möchtest, bis alles vorbei ist, dann ist das völlig in Ordnung.«

 

»Weißt du, Em, ich hoffe immer noch, dass ich irgendwann aufwache und alles nur ein böser Traum war. Dass ich aufstehe und in die Küche gehe. Mama hat Frühstück gemacht, Papa sitzt hinter seiner Zeitung, fachsimpelt mit mir über Fußball und sie mischt sich irgendwann ein, als wüsste sie, wovon sie redet.« Ben holt tief Luft und anschließend entweicht seiner Kehle ein Laut, der mir eine Gänsehaut beschert. Sofort ziehe ich ihn noch enger an mich.

 

»Das hat sie so oft getan.« Bei der Erinnerung an meine Patentante lache ich, obwohl mir eigentlich ganz und gar nicht danach zumute ist. »Erinnerst du dich an den Abend, an dem wir bei euch gepokert haben? Alle Männer, einschließlich dir und Julian sind frühzeitig ausgestiegen und sogar Mama hat das Handtuch geworfen. Nur deine Mutter hat weiter steif und fest behauptet, ich würde bluffen. Dabei habt ihr mir beigebracht, dass man niemals bluffen sollte, wenn man schon längst all in ist.«

 

»Wer konnte denn auch ahnen, dass du zwei Asse auf der Hand hast?« Obwohl ich Bens Gesicht nicht sehen kann, weiß ich, dass er bei der Erinnerung an diesen Abend lächelt.

 

»Tja, deine Mama offenbar nicht.«

 

Eine Weile sitzen wir bloß still auf der alten Holzbank, aber unser Schweigen ist alles andere als unangenehm. Abgesehen davon, bin ich die Letzte, die zu beurteilen hat, was im Moment richtig oder falsch ist. Was auch immer Ben gerade braucht: Es ist genau das Richtige. Wir könnten auf ewig stumm nebeneinandersitzen, uns vor Lachen die Bäuche halten oder einfach nur in Erinnerungen schwelgen und den Tränen freien Lauf lassen. Ich würde wirklich alles tun, um es Ben ein wenig erträglicher zu machen.

 

»Em, ich habe solche Angst davor, morgen aufzuwachen, nur um dann festzustellen, dass das alles tatsächlich passiert ist. Wenn ich da jetzt rein gehen muss, haut mir die Realität so dermaßen in die Fresse, dass ich danach mit Sicherheit nicht mehr aufstehen kann«, beichtet er irgendwann leise.

 

Er klammert sich hilfesuchend an den Saum meines Kleides und so kann ich gar nicht anders, als meine Hand auf seine zu legen. Mit dem Daumen streichle ich immer wieder über seinen Handrücken und murmle ihm beruhigende Worte zu. Für einen Außenstehenden hätten wir vielleicht wie ein Pärchen gewirkt, das einander Kraft spendet, aber für uns sieht die Sache ganz anders aus. Wenn Julian den großen Bruder heraushängen lässt, ist Ben immer auf seiner Seite. Und wenn Julian gerade einmal nicht da ist, um mir bei irgendetwas zu helfen, dann springt Ben ein. Seit ich denken kann, sind wir drei wie Geschwister und deshalb ist es völlig okay, jetzt mit Ben hier zu sitzen und seine Hand zu halten.

 

Erst, als die Glocken der kleinen Kapelle zu läuten beginnen, werden wir aus diesem Augenblick gerissen und alles wird plötzlich ganz fürchterlich real. Das Glockenläuten ist das Zeichen dafür, dass sich die Trauergemeinde aufmacht, um Bens Eltern zu Grabe zu tragen. Der Moment, in dem sich alle Trauer Bahn bricht und man einsieht, dass liebe Menschen tatsächlich von uns gegangen sind und man für immer Abschied nehmen muss.

 

»Kannst du bei mir bleiben?«, fragt Ben, ohne den Blick zu heben. Nach wie vor ruht sein Kopf irgendwo zwischen meiner Schulter und meiner Brust und er hat ihn in der ganzen Zeit keinen Millimeter bewegt.

 

»So lange du willst«, flüstere ich und meine es so. Ich würde ihn niemals allein lassen, weil ich weiß, dass er das gleiche auch für mich tun würde.

 

Und so sitzen wir da. Völlig egal, was gerade in dieser Kapelle oder an einem einsamen Grab irgendwo auf diesem Friedhof passiert. Wir sitzen einfach hier, an einem eigentlich schönen Frühjahrstag, und trauern gemeinsam um zwei wunderbare Menschen. Aber eben auf unsere ganz eigene Art - vollkommen gleichgültig, ob andere das verstehen oder nicht.

 

Erst, als es bereits dämmert, schafft Ben es, sich langsam von mir zu lösen. Mit dem Handrücken wischt er sich die Tränen weg, die ihren Weg noch nicht auf mein Kleid gefunden haben. Er zieht noch einmal die Nase hoch und streckt die Arme in die Luft, bis sein Rücken zwei Mal laut knackt.

 

»O Gott, ich hab dich total vollgeheult«, stellt Ben fest und deutet auf mein Kleid. Ich zucke nur mit den Schultern.  Bevor ich etwas sagen kann, ist er bereits aufgestanden und hält mir seine Hand hin. Kaum, dass ich nach ihr greife, hat er mich auf die Füße gezogen, sodass ich neben ihm stehe. »Danke, Em. Mit Julian könnte ich nicht so reden, wie mit dir.«

 

Fast ist es, als würde er sich ein klein wenig für seine Worte schämen. Aber mir gefällt seine Wortwahl und vielleicht werde ich sogar ein bisschen rot.

 

»Kein Problem. Du weißt doch, dass ich immer für dich da bin.«

 

Während wir uns langsam auf den Weg zum Parkplatz machen, fische ich in meiner Tasche nach meinem Handy, um meinen Bruder anzurufen, damit er uns abholt.

 

»Nein, im Ernst. Ich danke dir. Ohne dich hätte ich diesen Tag heute nicht überlebt.«

 

 

 

 


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