Leseprobe

 

Kapitel 1

Anna

 

Lancaster-Corporation. Der Firmenname steht in edlen, silberfarbenen Lettern über den großen, mehrtürigen Glastüren geschrieben, die in den hochmodernen Wolkenkratzer in Londons Financial District führen.

So recht kann ich nach wie vor nicht fassen, dass ich ab heute tatsächlich ein Teil der Lancaster-Corporation bin und in ihrem Hauptfirmensitz arbeiten werde. Das Unternehmen hat überall auf der Welt Zweigstellen, gesteuert werden sämtliche Geschäfte jedoch von hier.

Nach England zu gehen, war immer mein Traum, gleichgültig, dass meine Familie es gar nicht gern sieht, dass ich so weit weg von ihnen bin. Wir haben ein sehr inniges und herzliches Verhältnis, auch mir ist der Abschied dementsprechend alles andere als leicht gefallen. Aber ich möchte Karriere machen und dieser Job ist nach meinem abgeschlossenen Studium in Marketing und Wirtschaftswissenschaften für mich praktisch der Hauptgewinn.

Mit einem Hauch von Ehrfurcht schaue ich an dem eindrucksvollen Gebäude empor. Um mich als Beste meines Studienjahrgangs hat sich nicht nur dieses Unternehmen gerissen, doch auf meiner persönlichen Hitliste ist es von Anfang an auf Platz eins gewesen. Damit ich es am Ende in das prestigeträchtigste Trainee-Programm in ganz London schaffe, habe ich mir buchstäblich die gesamte Studienzeit über den Arsch aufgerissen.

Aber der richtige Stress geht erst jetzt los.

Wenn ich es nicht hinbekomme, mich in den kommenden Monaten zu beweisen, bin ich schneller draußen, als ich meinen Namen sagen kann. Der nächste Jahrgang, die nächsten Absolventen, werden schon bald auf den Markt geschwemmt.

Tief durchatmend straffe ich die Schultern, strecke den Rücken durch und halte auf das verglaste Hochhaus zu. Kurz checke ich unauffällig mein Spiegelbild in den blitzblank geputzten Scheiben, prüfe, ob mir keine Haarsträhne aus der Hochsteckfrisur gerutscht ist und der anthrazitfarbene Blazer sowie der Rock meines Businesskostüms unter meinem offenstehenden Mantel noch richtig sitzen. Mir hämmert das Herz bis zum Hals, so aufgeregt bin ich, aber nach außen hin versuche ich, einen entspannten und seriösen Eindruck zu machen.

An der Tür angekommen wird mir diese von einem Mann mittleren Alters aufgehalten. »Nach Ihnen, Miss«, fordert er mich mit sonorer Stimme auf und ich bedanke mich mit einem Lächeln, als ich an ihm vorbei eintrete.

Als wir beide die Sicherheitsschleuse passiert haben, geht er direkt auf einen der Aufzüge am gegenüberliegenden Ende der Empfangshalle zu, während ich mich Richtung Empfangstresen bewege. Hinter ihm sitzt eine Afroamerikanerin, die ich auf etwa Mitte vierzig schätzen würde. Fragend schaut sie zu mir auf, nachdem ich mich geräuspert habe.

»Anna St. James, ich bin eine der neuen Trainees und laut der mir zugesandten E-Mail Mrs Davidson in der Finanzabteilung zugeteilt worden.«

Die Frau mir gegenüber hebt eine Augenbraue, tippt auf ihrer Tastatur herum und sieht plötzlich mit einem breiten, aber irgendwie auch unheilbringenden Lächeln zu mir auf. »Winzige Planänderung, Honey, Sie möchten sich bitte im obersten Stock melden.«

Mein Puls setzt für einen Moment aus, um dann aus dem Stand in den Galopp zu wechseln, als ich die Bedeutung ihrer Worte mit leichter Verspätung realisiere. »Im obersten Stock?!«, quietsche ich so laut, dass ich das Gefühl habe, jeder im Umkreis von mehreren Metern dreht sich zu uns um. »Sitzt dort nicht üblicherweise der Vorstand?«, hake ich leiser nach, als ich überzeugt bin, meine Stimme wieder unter Kontrolle zu haben.

»Die High Potentials werden auch immer schlauer … Sherlock«, kommt es daraufhin trocken von der Empfangsdame.

»Aber … ich … in der E-Mail steht, dass ich …«, stammele ich und wühle in meiner Handtasche nach dem Dokument, das ich extra gestern Abend noch ausgedruckt habe.

»Willkommen in der echten Welt. Hier ist man nur laut Verfassung ein freier Mensch, allerdings nicht nach Auffassung von Mr Lancaster. Was er will, wird so gemacht. Und aus irgendeinem Grund wollte er Sie. Mein Beileid, Honey.«

Meine Kehle ist staubtrocken.

Callum Lancaster hat mich angefordert?!

Reiß dich gefälligst zusammen!, herrsche ich mich gedanklich an. Ich habe nicht mein gesamtes Studium auf das hier hingearbeitet, um jetzt total unprofessionell und kindisch zu reagieren. Es ist durchaus üblich, dass Trainees im letzten Moment in eine andere Abteilung abkommandiert werden.

Nur ist es bei mir nicht einfach eine andere Abteilung, sondern ein Vorstandsmitglied.

Und nicht irgendeines.

Nein, es ist der Enkelsohn des Firmengründers, der das Unternehmen in der dritten Generation führt.

Okay, ich bekomme das hin. Schließlich habe ich schon während des Studiums in diversen, großen Konzernen Praktika absolviert, das hier ist also kein absolutes Neuland für mich. Dem Vorstandsvorsitzenden zu unterstehen, ist allerdings etwas anderes.

»Danke, Ms …« leicht verspätet werfe ich einen Blick auf das Namensschild oberhalb ihrer linken Brust, auf dem in schwarzen Lettern Jada Collins steht. »Collins.«

Sie öffnet den Mund, um noch etwas zu erwidern, doch in diesem Augenblick klingelt das Telefon. »Bis später, Honey«, verabschiedet sie sich von mir, bevor sie das Gespräch annimmt.

Ich nicke, während ich mich frage, warum sie mich andauernd mit einem Kosenamen betitelt, als seien wir in Amerika, wo das ganz typisch ist. Ihr Akzent ist unverkennbar. Sie versucht, ihn etwas zu verdecken, ebenso wie ich, aber ich höre sehr genau, dass sie ebenfalls aus den Staaten kommt. Augenblicklich fühle ich mich ein kleines bisschen heimischer, obwohl ich quasi nichts mit ihr zu tun haben werde. Ich bin erst eine halbe Woche hier, die ich hauptsächlich damit verbracht habe, Umzugskartons auszuräumen und mein überschaubares Anderthalb-Zimmer-Appartement wohnlich einzurichten. Um mir einen Bekanntenkreis aufzubauen, hatte natürlich noch keine Zeit.

Mit weichen Knien mache ich mich auf den Weg Richtung Aufzüge und drücke den Rufknopf. Sogleich gleiten die Türen auseinander und gewähren mir Zutritt zu der verspiegelten Kabine. Rasch betrete ich sie und lehne mich mit dem Rücken gegen die Rückwand, um mein Spiegelbild nicht betrachten zu müssen, nachdem ich den Knopf für die oberste Etage gewählt habe.

Die Aufzugtüren schließen sich und seltsamerweise hält der Fahrstuhl auf meinem Weg in die Vorstandsetage kein einziges Mal. Aufgeregt streiche ich den Stoff meines Mantels glatt, als ich das Ziel erreiche und sich die Türen mit einem Pling öffnen. Wenige Meter vom Aufzug entfernt befindet sich ein Empfangstresen, dem im Erdgeschoss nicht unähnlich. Hinter ihm sitzt eine Blondine, die hochkonzentriert auf den Bildschirm vor sich sieht und deren Finger förmlich über die Tastatur fliegen.

Sie blickt auf, als ich bei ihr angekommen bin. »Ms St. James?«, erkundigt sie sich und ich nicke. »Jada hat Sie mir schon angekündigt«, erklärt sie, ehe sie sich erhebt. Sie ist bestimmt anderthalb Köpfe größer als ich und ich fühle mich winzig neben ihr, trotz meiner High Heels. »Kommen Sie, ich bringe Sie zu Mr Lancaster, er erwartet Sie bereits.«

Sie geht mit so weit ausholenden Schritten voran, dass ich Schwierigkeiten habe, auf gleicher Höhe mit ihr zu bleiben. In meiner Familie bin ich die Kleinste und meine Brüder nennen mich bis heute nicht grundlos Zwerg. Ich verfalle in einen vermutlich ziemlich albern aussehenden Tippel-Galopp, um wieder zu ihr aufzuschließen. Das hektische Klacken meiner Absätze hallt gefühlt ohrenbetäubend von den Wänden wider und ich spüre, wie mir Hitze in die Wangen steigt, als die Empfangsdame sich zu mir umdreht. Mit einem bedauernden Lächeln verringert sie ihr Tempo.

»Entschuldigung, manchmal vergesse ich, mich meinem Umfeld anzupassen.« Sie klingt aufrichtig und nicht herablassend, deswegen winke ich schmunzelnd ab.

»Ich bin Kummer in dieser Hinsicht gewohnt, ich habe drei ältere Brüder, die mich allesamt um anderthalb bis zwei Köpfe überragen.«

»Bei mir ist es umgekehrt, ich bin die Riesin der Familie.«

Wir stoppen vor der massiven Doppeltür am Ende des Flurs, beenden unseren kleinen Smalltalk und meine Aufregung erreicht ein neues Level, als sie an die Tür klopft.

Aus dem Inneren ertönt ein gedämpftes »Herein«, woraufhin sie die Klinke hinunterdrückt und die Bürotür öffnet.

»Mr Lancaster, Ms St. James ist da.« Sie tritt zur Seite und ich gehe an ihr vorbei in den Raum, an dessen gegenüberliegendem Ende ein riesiger Schreibtisch steht.

Doch meine Aufmerksamkeit wird gefesselt von dem Mann dahinter, der sich in diesem Augenblick erhebt, hinter dem Tisch hervor- und auf mich zukommt.

Obwohl ich Callum Lancaster schon auf diversen Fotos in Wirtschaftsmagazinen oder in den Klatschspalten gesehen habe, hat mich das nicht auf seine Präsenz vorbereitet.

Er ist bestimmt einen guten Meter neunzig groß und hat breite Schultern, die sich unter dem perfekt sitzenden, definitiv maßgeschneiderten, Anzug abzeichnen. Sein dunkelbraunes Haar trägt er in einem modischen Kurzhaarschnitt, am Oberkopf ein wenig länger als an den Seiten. Mein Blick fällt auf seinen sinnlich geschwungenen Mund, der sich in diesen Sekunden zu einem geschäftsmäßigen Lächeln verzieht. In seinen faszinierend grünen Augen blitzt kurz etwas auf, das mich unruhig macht.

Dieser Mann ist durch und durch ein Alphatier, er strahlt eine natürliche Dominanz aus, auf die jede Zelle meines Körpers zu reagieren scheint.

Jada Collins Worte von vorhin kommen mir in den Sinn.

Was er will, wird gemacht.

Daran habe ich nicht mehr den geringsten Zweifel.

»Danke Cassandra«, wendet er sich an die Empfangsdame der Vorstandsetage, die die Tür danach schließt und mich mit ihm allein lässt. Seine dunkle und leicht raue Stimme mit diesem sexy britischen Akzent sorgt dafür, dass mir ein Schauer über den Rücken rieselt. Ich ermahne mich, mich nicht wie eine Idiotin zu benehmen, die zum ersten Mal einem attraktiven Mann gegenübersteht. »Ms St. James«, begrüßt er mich und streckt mir die Hand entgegen.

»Mr Lancaster, es freut mich, Sie persönlich kennenzulernen«, antworte ich und ergreife seine Finger.

In dem Augenblick, in dem unsere Hände sich berühren, bekomme ich wortwörtlich einen kleinen, elektrischen Schlag.

Entnervt über meine alberne, körperliche Reaktion auf ihn erwidere ich seinen Händedruck besonders energisch.

Das Letzte, was ich jetzt will, ist, dass er mich für eine schmachtende, frischgebackene College-Absolventin hält.

»Machen Sie es sich doch schon einmal bequem, das hier wird einen Moment dauern«, fordert er mich auf und deutet auf die Sitzgruppe zu unserer Rechten, direkt vor der Glasfront, die einen fantastischen Ausblick auf Londons Finanzdistrikt gewährt. »Möchten Sie etwas trinken?« Während ich den Mantel ausziehe, ihn sorgfältig zusammenlege und auf einem der Sessel Platz nehme, geht er auf die unterhalb eines abstrakten Gemäldes befindliche Bar zu.

»Wasser, bitte.« Ich lege den Mantel sowie die Handtasche neben mir auf der Sitzfläche ab und schlage die Beine übereinander.

Kurze Zeit später kehrt mein Boss zu mir zurück, stellt ein Wasserglas auf dem Tisch vor mir ab und setzt sich dann mir gegenüber. Sich selbst hat er nichts mitgebracht und einen Moment lang frage ich mich, ob ich besser auch hätte verneinen sollen.

»Ms St. James«, beginnt er und schon wieder jagt er mir mit seiner Stimmfarbe ein Prickeln die Wirbelsäule entlang. »Wir werden mindestens die nächsten zwölf Monate, vielleicht sogar die vollen zwei Jahre des Trainee-Programms eng miteinander arbeiten. Deswegen möchte ich vorab besprechen, wie genau Ihr Job als meine Assistentin aussieht und was ich von Ihnen erwarte.«

Bedächtig lehnt er sich nach vorne und fixiert mich mit seinem eindringlichen Blick. Irgendwie macht er mich damit so nervös, dass ich die Füße wieder nebeneinanderstelle, bevor ich mich vorbeuge und nach dem Wasserglas greife. Hastig trinke ich einen Schluck und knalle es viel zu laut zurück auf den Tisch.

»Sie werden hier keine nine-to-five-Arbeitszeiten haben. Oft genug arbeite ich nachts, nicht immer werde ich Sie brauchen, aber falls ja, setze ich voraus, dass Sie sich ohne zu murren fügen. Die Lancaster-Corporation stellt Ihnen ein Firmenhandy zur Verfügung, mit dem Sie grundsätzlich privat machen können, was Sie wollen. Sollten Sie allerdings verhindert sein oder auf meine Anrufe nicht reagieren und der Grund dafür kein gewichtiger wie zum Beispiel eine lebensrettende Not-OP sein, sind Sie mit sofortiger Wirkung gefeuert.«

Denkt er, ich habe gedacht, mich erwarte hier ein leichter Bürojob mit geregelten Arbeitszeiten?

Glaubt er ernsthaft, mir sei nicht klar, was für eine einmalige Chance sich mir bietet?

Ich habe sicher nicht wie eine Verrückte gelernt und mein Privatleben dreiviertel meiner Zeit hintangestellt, um diese nun nicht zu ergreifen.

»Verstanden, Mr Lancaster«, erwidere ich aus diesem Grund mit fester Stimme.

Ein leichtes Schmunzeln huscht über seine Lippen. »Wir betreuen unter anderem die Finanzierung und Umsetzung diverser, großer Bauprojekte rund um den Globus, Geschäftsreisen, auch kurzfristige, sind deshalb nichts Unübliches.«

Ein weiteres Mal nicke ich und zupfe meinen Rock zurecht, der ein wenig hochgerutscht ist. Sein Blick fällt kurz auf meine Knie und für einen Moment blitzt erneut etwas in ihm auf, ich würde es glatt für Begehren halten. Doch als ich blinzele, ist es weg und er wirkt wieder genauso geschäftsmäßig wie vorher. Außerdem ist Mr Lancaster dafür bekannt, dass er Berufliches und Privates nicht vermischt.

Privates?

Glaubt man der Presse, hat dieser Mann praktisch kein Privatleben und ist mit seinem Unternehmen verheiratet.

»Gut, ich denke, dann zeige ich Ihnen fürs Erste Ihr Büro und mache Sie mit dem Terminkalender sowie Ihren Aufgaben für den heutigen Tag vertraut.« Er zögert und ich mustere ihn fragend. »Eine Sache noch, die ich gerne klären möchte.«

Seine Stimme hat einen leicht verschwörerischen Klang angenommen und Himmel, das jagt einen noch größeren Schauer durch meinen Körper.

»Ja?«

»Wir werden viel Zeit miteinander verbringen und ich würde es bevorzugen, wenn wir das unpersönliche Sie und die förmliche Anrede mit Nachnamen weglassen, solange wir unter uns sind.«

Callum Lancaster bietet mir an meinem ersten Tag hier an, ihn mit Vornamen anzusprechen?!

Eigentlich sollte mich das nicht so überraschen, immerhin hat er die Blondine, die mich hierhergebracht hat, so zwanglos angeredet.

»Damit habe ich kein Problem, Mr Lancaster«, erwidere ich rasch, als mir bewusst wird, dass ich ihm noch eine Antwort schulde.

»Cal.«

»Bitte?«, hake ich verwirrt nach, bis einen Moment später der Groschen fällt. »Cal, verstanden«, ergänze ich mit einem nervösen Lachen.

»Gut, Anna, dann zeige ich dir jetzt wie angekündigt dein Büro und wir besprechen den weiteren Tagesablauf, ehe ich dich ins kalte Wasser werfe.« Callum erhebt sich und ich tue es ihm gleich.

Rasch greife ich mir meine Sachen und folge ihm zu der großen Doppeltür, nicht, ohne dabei einen ausgiebigen Blick auf seinen wirklich knackigen Hintern zu riskieren.

Ich bin davon ausgegangen, dass ich den Oberboss höchstens mal aus der Entfernung auf einer Weihnachtsfeier oder einer Mitarbeiterversammlung zu sehen bekomme. Dass ich nun ein bis zwei Jahre eng mit ihm zusammenarbeiten werde, falls ich mich nicht völlig blöd anstelle, überfordert mich.

Älter und deutlich weniger sexy würde mich jetzt nicht in solche Schwierigkeiten bringen.

 

Callum

 

 Anna St. James.

In der Sekunde, in der sie mein Büro betreten hat, hätte ich sie auf direktem Wege an ihren ursprünglichen Arbeitsplatz schicken sollen. Aber das konnte ich nicht machen, ohne mir eine Blöße zu geben. Da das auf keinen Fall infrage kam, musste ich in den sauren Apfel beißen. Bleibt nur zu hoffen, dass sie so mies in ihrem Job ist, dass ich sie in ein paar Wochen ohne großes Aufsehen an den eigentlich für sie vorgesehenen Schreibtisch verfrachten kann.

Nachdem meine letzte Assistentin kurzfristig aus privaten Gründen gekündigt hat, hatte ich die Nase voll und wollte einen Ersatz, der für diesen Job brennt. Dem weder die Arbeitszeiten zu viel sind noch die Opfer, die er dafür generell bringen muss. In den vergangenen zwei Jahren gab es häufige Wechsel, der Job ist nicht ohne, und ich habe gehofft, dass diese mit Ms St. James nun ein Ende finden. Dass ich mir selbst mit meiner Wahl ein Bein stellen würde, habe ich nicht erwartet.

Anna.

Eigentlich biete ich meinen persönlichen Assistentinnen das Du nicht so schnell an. Bei Cassandra, der Empfangsdame für die Vorstandsetage, hat es drei Jahre gedauert. Jada Collins, gut, die ist ein anderes Kaliber, aber diese Frau hatte vom ersten Tag an so etwas wie Narrenfreiheit bei mir.

Nachdenklich lehne ich mich in meinem Sessel zurück und werfe noch einmal einen Blick auf die Zusammenfassung, die Anna mir gestern Abend gegen sieben gebracht hat. Sie beherrscht ihren Job, ist weiter, als es manch Angestellter nach einem Jahr Trainee-Zeit ist. Obwohl ich an sie dieselben Maßstäbe wie an erfahrene Mitarbeiter anlege, konnte ich keine Fehler in ihrer Arbeit entdecken.

Müde reibe ich mir mit der Hand über das Gesicht, wahrscheinlich habe ich die vergangenen Monate zu viel gearbeitet. Mir fehlt der private Ausgleich, meine letzte lockere Affäre habe ich vor einem halben Jahr beendet und für One-Night-Stands hatte ich nicht den Kopf frei. Dad saß mir permanent im Nacken, hat mich zu Höchstleistungen angetrieben, damit wir auch ja nicht unsere Top-Position am Markt verlieren. Unser größter Konkurrent, Armstrong & Son, an dessen Spitze mein ehemals bester Freund Jake Armstrong steht, hat uns einige äußerst lukrative Aufträge vor der Nase weggeschnappt, sehr zum Missfallen meines Vaters.

Obwohl er sich offiziell schon vor Jahren aus den Geschäften zurückgezogen hat, ist er nach wie vor im Vorstand und mischt sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit ein.

Wie ich diesen Mann inzwischen verabscheue.

Das war nicht immer so. Wer er wirklich ist, habe ich erst mit dreizehn oder vierzehn erkannt. Und je älter ich wurde, desto mehr hat er mich angewidert.

Ein Klopfen an der Tür reißt mich aus den Gedanken.

»Ja?«, rufe ich und einen Augenblick später steckt Anna ihren Kopf in mein Büro.

»Jada hat gerade angerufen und Bescheid gegeben, dass der Wagen da ist«, erklärt sie mir mit einem leichten Lächeln, das ihre Nervosität allerdings nicht ganz verdecken kann.

»Danke, Anna, ich komme gleich.« Sie nickt und verlässt den Raum wieder, während ich mich frage, wieso nur ich darauf bestanden habe, dass sie mich zu dem Geschäftsessen begleitet.

Weil das so üblich ist.

Sie soll so viel wie möglich lernen, meine bisherigen Assistentinnen habe ich aus diesem Grund ebenfalls mitgenommen.

Aber keine von denen hat auch nur ansatzweise das in mir ausgelöst, wie es gestern bei Anna der Fall war.

Sie ist eindeutig zu jung, gerade mal dreiundzwanzig, damit bin ich mit meinen vierunddreißig ein gutes Jahrzehnt älter als sie. Mit ihren rotblonden Haaren, der blassen Haut und den eisblauen Augen entspricht sie darüber hinaus so gar nicht meinem sonstigen Beuteschema. Ihre Figur hingegen … verführerisch geschwungene Hüften, endlos lange Beine und Brüste, die sicher ganz wunderbar in meine Hände passen würden.

Wie viel Erfahrung sie wohl hat?

Energisch schüttele ich mit dem Kopf und verbiete mir jeglichen weiteren Gedanken in diese absolut unangebrachte Richtung.

Ich bin immer stolz darauf gewesen, dass ich noch nie etwas mit einer Mitarbeiterin angefangen habe, das soll auch so bleiben. Dazu ist Anna eine mir direkt Untergebene, sie befindet sich in einem Abhängigkeitsverhältnis, das ich auf gar keinen Fall ausnutzen werde. Ganz im Gegensatz zu meinem Großvater und auch meinem Vater, die sich darum stets einen Dreck geschert haben.

Die Mappe mit Annas Bewerbungsunterlagen lege ich in die oberste Schublade des Schreibtischs, ehe ich mich erhebe, mir den Mantel sowie die Aktentasche nehme und mich auf den Weg in die Lobby mache. Je eher ich dieses Geschäftsessen hinter mich bringe, desto schneller entkomme ich ihrem Dunstkreis.

Während ich mit dem Fahrstuhl hinunterfahre, bemühe ich mich darum, eine gelassene Miene aufzusetzen. Als ich im Erdgeschoss ankomme und die Türen auseinandergleiten, erblicke ich zunächst Jada, die mich leicht vorwurfsvoll anstarrt. Suchend schaue ich mich nach Anna um und runzele die Stirn.

»Jada, wo ist Ms St. James?«, erkundige ich mich mit einem scharfen Unterton bei ihr und verlasse dabei den Aufzug. Wenn ich eins nicht leiden kann, dann ist es Unpünktlichkeit, und sie hätte schon deutlich vor mir unten sein müssen.

»Anna ist einer ihrer Absätze abgebrochen, sie holt gerade das in ihrem Büro deponierte Ersatzpaar.« Jada hebt herausfordernd eine Augenbraue und ich kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen.

Dad hat mehr als einmal versucht, mich dazu zu bewegen, sie hinauszuwerfen, doch keine Chance. Die warmherzige Afroamerikanerin ist unser Aushängeschild, sie gibt den Kunden ein positives Gefühl, sobald sie das Gebäude betreten, und das ist mir wichtiger als alles andere. Ginge es nach meinem Vater, säße hier vermutlich eine heiße Blondine, höchstens fünfundzwanzig, aber er hat in der Hinsicht nichts zu melden.

»Cal, Honey, musst du das arme Mädchen gleich so ins kalte Wasser werfen?«, tadelt sie mich.

»Das arme Mädchen, wie du sie nennst, würde dir Feuer unterm Arsch machen, wenn sie wüsste, was du tust.« Schätze ich Anna richtig ein, hat sie während ihres Studiums alles getan, um anschließend praktisch frei wählen zu können, was ihre Trainee-Stelle angeht. »Sie will gefördert und gefordert werden, dessen bin ich mir sicher.«

»Hmmm … wenn du das sagst, Honey …« Jada zieht erneut kurz eine Augenbraue hoch, lächelt dann aber, weil sie weiß, dass ich recht habe. Gerade, als sie etwas entgegnen möchte, ertönt ein Pling und die Fahrstuhltüren des zweiten Aufzugs öffnen sich hinter mir.

»Mr Lancaster, entschuldigen Sie bitte, ich …«, fängt sie an, kaum, dass ich mich zu ihr herumgedreht habe, doch ich unterbreche sie.

»Schon gut, Jada hat mich bereits informiert.« Dass sie sich in Gegenwart Dritter daran hält, mich zu siezen, notiere ich gedanklich auf der Pro-Seite. »Wenn Sie mir dann bitte folgen, wir sind spät dran und ich will Mr Archer nicht länger als unbedingt nötig warten lassen.« Auf Annas Miene zeichnet sich ein schlechtes Gewissen ab, Jada hingegen rollt vielsagend mit den Augen.

»Natürlich.« Sie verabschiedet sich mit einem knappen Nicken von unserer Empfangsdame, schließt zu mir auf und verlässt gemeinsam mit mir das Firmengebäude.

Angesichts der Limousine, die davor auf uns wartet, stockt ihr kurz hörbar der Atem. Obwohl sie Praktika in diversen namhaften Unternehmen gemacht hat, dürfte das hier eine Premiere für sie sein. Der Chauffeur öffnet die Hintertür, als wir bei ihm angelangt sind, und lässt zunächst Anna, danach mich einsteigen.

»War mit der Zusammenstellung gestern alles zu Ihrer Zufriedenheit?«

Erstaunt blicke ich sie an. »Glauben Sie nicht, anderenfalls hätte ich Sie das bereits wissen lassen?«, stelle ich eine Gegenfrage, die sie zum Erröten bringt.

So sehr, dass ich überlege, ob sie so wohl aussieht, wenn sie kurz vor einem Orgasmus steht.

Nein! Keine Gedanken mehr in diese Richtung!

»Die Frage war entbehrlich, entschuldigen Sie.« Sie schnallt sich an und ich tue es ihr gleich, ehe ich die Trennwand zum Fahrer hochfahre, der gerade den Motor startet.

Mit einem kaum wahrnehmbaren Ruck setzt sich das schwere Fahrzeug in Bewegung, doch meine Aufmerksamkeit ist bei Anna, die mit jeder verstreichenden Sekunde verlegener wird. Die Röte auf ihren Wangen sowie ihrem Hals vertieft sich und zu allem Überfluss reagiert mein Körper darauf mit einem leichten Zusammenziehen meiner Hoden.

»Schon gut, Anna«, beruhige ich sie in der Hoffnung, dass ihre Hautfarbe sich danach alsbald normalisiert und ich nicht länger darüber nachdenke, ob es die gleichen Auswirkungen auf sie hat, wenn sie jemand nach allen Regeln der Kunst vögelt.

Jemand? Dich meinst du wohl, erklingt eine ätzende Stimme in meinem Kopf.

»Soll ich im Restaurant anrufen und darum bitten, dass man Mr Archer Bescheid gibt?«, fragt sie, leicht zittrig und damit irgendwie sexy.

Nach einem kurzen Blick auf die Uhr an meinem linken Unterarm verneine ich mit einem Kopfschütteln. »Wir werden es noch pünktlich schaffen.« Um dieser Unterhaltung und in erster Linie meinen unangebrachten Gedanken ein Ende zu setzen, öffne ich die Aktentasche neben mir und hole die Geschäftsunterlagen hervor. Ich schalte die Innenbeleuchtung ein und verschaffe mir einen eigentlich unnötigen neuerlichen Überblick.

Gerade ist mir jedoch alles recht, um mich von Anna St. James abzulenken.

 

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