Leseprobe

Neugierig auf unsere kommende Veröffentlichung? Dann hol dir hier schon einmal einen Appetithappen.

Das genaue Veröffentlichungsdatum sowie das Cover verkünden wir im März.



 

Kapitel 1

 

Ash

 

 

 

Drucker sind Ausgeburten der Hölle. Je größer, desto schlimmer!

 

»Fuck, Fuck, Fuck!«, fluche ich und starte einen erneuten Versuch, diese beschissene Druckerpatrone aus ihrer Verankerung zu lösen.

 

Eigentlich habe ich nur schnell einige Unterlagen für die anberaumte Pressekonferenz ausdrucken wollen, aber dieses verfluchte Teil hat sich offenbar gegen mich verschworen. Magenta ist leer und natürlich kann dann kein Schwarzweiß-Dokument mehr gedruckt werden.

 

Rising Phoenix haben vor ein paar Wochen ihr Debütalbum Us veröffentlicht und heute lassen wir die Katze aus dem Sack, was die anstehende Konzerttour angeht. Nachdem sie vor kurzem ihren ersten, größeren Gig hatten, ist das Interesse der Fans an einer ausgedehnten Tour noch gestiegen.

 

»Verficktes Scheißding, nun geh doch endlich …« In dieser Sekunde gibt der Mechanismus nach, allerdings kommt mir nicht nur die gewünschte Patrone entgegen. Nein, die gesamte Patronenhalterung fliegt heraus und über mich ergießt sich ein schwarzbunter Pulverregen, der mich für einen Moment lang buchstäblich blind werden lässt. »So ein beschissener Drecksmist!«

 

Das habe ich nun davon, dass ich ganz oldschool mit Papier in den Fingern erscheinen wollte. Einige der hohen Tiere im Meeting sind weit jenseits der Sechzig und mögen keine Tablets oder generell digitale Medien bei so etwas. Für die jüngeren und die Presseleute wollte ich zweigleisig fahren. Zum Glück liegt der Kopierraum mit diesem Drucker direkt aus der Hölle genau neben meinem Büro, das mir die Plattenfirma für die heiße Tourvorbereitungsphase zur Verfügung gestellt hat, und ich torkle schnell dorthin zurück.

 

»Mr. Davis, die … oh«, ertönt eine weibliche Stimme hinter mir und ich schieße in die Richtung herum, aus der sie kommt. Sehen kann ich immer noch nichts und ich habe das Gefühl, es wird jedem Reiben über meine Augen schlimmer statt besser. »Warten Sie, ich helfe Ihnen.« Ich spüre eine Hand an meinem Arm, dann werde ich zu der Sitzgruppe schräg gegenüber vom Schreibtisch geführt, an dem ich vorhin gesessen habe. »Das bekommen wir schon wieder hin, ich organisiere Ihnen einen neuen Anzug. Hemd sowie Krawatte haben Sie sicher in Ihrem Büroschrank, richtig?«

 

Wie bitte, was? Warum sollte ich? Aus exakt diesem Grund, du Idiot, beantworte ich mir die Frage gedanklich gleich selbst.

 

»Ähm, nein, leider nicht«, gestehe ich und die Unbekannte gibt einen überraschten Laut von sich.

 

»Okay, das sollten Sie für die Zukunft vielleicht ändern. Kleines Business 1 x 1, immer eine Ersatzgarnitur samt Schlips im Schrank haben, falls Sie sich bekleckern oder ohne Krawatte ins Büro gehen und dann doch ein wichtiges Meeting haben. Was ist mit einem neuen Anzug von zuhause, schaffen wir …«

 

»Nein, keine Chance. Ich bin eh schon fünf Minuten zu spät für die anstehende Pressekonferenz wegen der Rising Phoenix Konzerttour dran.« Mit jedem Wort werde ich panischer und höre mich beschissenerweise ebenso an. Komplett unfähig, exakt so fühle ich mich gerade. Keiner in meiner Familie hat einen klassischen Bürojob, deswegen hat mich auch niemand auf so einen Mist wie Ersatzanzüge, -hemden und -krawatten hingewiesen.

 

»Bleiben Sie ganz ruhig, ich kann zwar nicht beides gleichzeitig erledigen, aber ich kümmere mich zunächst um die Labeltypen sowie die Journalisten und dann um einen Anzug für Sie, in Ordnung?« Das Wort Labeltypen lässt mich unwillkürlich schmunzeln, dass sie sich so lässig ausgedrückt hat, war sicher keine Absicht. »Wie auch immer ich das anstelle. Doch ich habe ja noch den Weg zum Konferenzraum, um mir etwas zu überlegen. Sie hingegen sollten dringend hier sitzen bleiben, solange Sie blind wie ein Maulwurf sind,« beschwichtigt sie mich. Ihre Stimmfarbe ist warm, irgendwie sexy und jagt mir einen Schauer über das Rückgrat, darüber hinaus umgibt sie ein angenehmer, blumiger Duft. »Und hören Sie bitte damit auf, mit den Fingern an Ihren Augen herum zu wischen, so sorgen Sie nur dafür, dass noch mehr von dem Zeug in sie gerät.«

 

»Okay«, antworte ich und hebe ergeben die Hände. »Da mir eh nichts anderes übrigbleibt, warte ich auf Sie, Mrs. …«

 

»Ms. Brown«, klärt sie mich auf. »Weder verheiratet noch verlobt oder sonst in irgendeiner Form verbandelt.« Sie lacht nervös und ich muss trotz der grotesken Situation schmunzeln. »Bis gleich, Mr. Davis.« Das Klackern ihrer Absätze erklingt und einen Augenblick darauf klappt die Tür.

 

Fieberhaft überlege ich, ob ich in der Plattenfirma bereits einmal auf sie getroffen bin, doch ich kann mich beim besten Willen weder an ihren Namen noch an ihre Stimme erinnern. Tastend bewege ich mich nach kurzem Zögern in Richtung des Schreibtisches, auf dem ich vorhin meine Aktentasche abgelegt habe. In ihr befinden sich unter anderem ein paar Taschentücher, die mir hoffentlich dabei helfen werden, mich soweit von dem Farbpulver zu befreien, dass ich wieder sehen kann.

 

Einen Moment darauf habe ich endlich ein klares Sichtfeld, doch allein der Blick an mir hinab lässt mich Schlimmes befürchten. Das Jackett meines anthrazitfarbenen Anzugs ist übersät mit schwarzbunten Farbsprenkeln, mein Hemd hat ebenfalls etwas abbekommen und wie mein Gesicht aussieht, will ich mir gar nicht erst ausmalen. Vor allem, weil ich das Pulver soeben nur verrieben haben, ich benötige Wasser und Seife! Verstohlen schaue ich aus dem Büro und haste dann rasch in den direkt gegenüber gelegenen Männerwaschraum.

 

»Heilige Scheiße«, stoße ich aus, als ich mein Spiegelbild erblicke, das mir offenbart, dass es tatsächlich noch furchtbarer ist, als ich befürchtet habe. Die Farbe, die ich mir von den Augenlidern gerieben habe, hat einen Schmierfilm hinterlassen.

 

In diesem Augenblick klingelt mein Smartphone, hektisch hole ich es hervor und sehe, dass Jesse mich per Videoanruf zu erreichen versucht. Entnervt nehme ich das Gespräch an, da ich weiß, dass er sonst eh keine Ruhe geben wird. Vermutlich vermissen er und die anderen mich bereits bei der anstehenden Konferenz. Wir hatten abgemacht, dass ich sie im Wartebereich in der Nähe des Saales abhole und wir ihn dann geschlossen betreten.

 

»Alter, wo bist du? Wir haben gerade eine heiße Rotblonde in den Konferenzraum gehen sehen und sofern du nicht in den letzten zwei Stunden Titten bekommen hast, war das die falsche Person!« Seine Augen weiten sich, offenbar registriert er erst jetzt, wie ich aussehe. Jesse fängt zu lachen an, was mich ein angefressenes Schnaufen ausstoßen lässt. »Hat das Chaos-Gen deiner Mom wieder zugeschlagen? Du hast dir echt eine seltsame Kombination ausgesucht, was die vererbten Talente angeht. Musikalität lehnst du dankend ab, doch bei Haydens Katastrophen-Veranlagung hast du ganz laut hier geschrien.«

 

»Pfft, im Vergleich zu meiner Mom bin ich harmlos!«, verteidige ich mich selbst. So schlimm, wie Jesse es darstellt, ist es nun wirklich nicht. Außerdem schlägt das Chaos bei mir deutlich seltener zu. »Aber gerade frage ich mich, ob mir das Universum vielleicht ein Zeichen geben will, dass dieser Job der Falsche für mich ist.«

 

Jesse tippt sich vielsagend an die Stirn, während sein Cousin Saint sich hinter ihn schiebt und über seine Schulter schaut.

 

»Hast du einen weg?«, fragt der teuflische Anführer des Terror-Trios mich. Jesse brummt zustimmend, doch in diesen Sekunden möchte ich ihnen am liebsten bloß meinen Mittelfinger entgegenstrecken. »Du hast diese Tour quasi im Alleingang und mit nur wenigen Rückfragen bei der Familie auf die Beine gestellt, also jaul nicht wie so eine Pussy herum. Schmink dich ab, organisier dir einen Anzug und dann zeig den alten Säcken, wo der Hammer hängt!«

 

Ohne meine Antwort abzuwarten, verschwindet Saint direkt nach seiner kleinen Motivationsansprache.

 

»Ich schließe mich ihm an, mach, was er gesagt hat, und beweg deinen Arsch hierher.« Jesse legt auf und ich starre noch einen Moment perplex auf das Telefon, muss aber irgendwie doch grinsen. Dass sie so viel von meiner Arbeit mitbekommen haben, war mir gar nicht bewusst. Es hat gutgetan, zu hören, dass sie zu schätzen wissen, was ich tue.

 

Ich rupfe ein paar Papiertücher aus der dafür vorgesehenen Halterung. Nachdem ich sie ein wenig nassgemacht habe, beginne ich damit, mein Gesicht zu reinigen. Zu meiner Erleichterung lässt sich das Farbpulver tatsächlich relativ einfach abwaschen.

 

Bei meinem Anzug funktioniert das leider nicht ansatzweise so. Mein Jackett habe ich bereits ausgezogen und klopfe es, so gut es geht, eine Armlänge entfernt von mir ab. Bei meinem weißen Hemd habe ich keine Hoffnung und jedes Reiben würde die Farbpartikel nur tiefer in die Fasern befördern.

 

Plötzlich öffnet sich die Tür und Kerr Wilder, ein Mitarbeiter des Labels, der auf dem gleichen Flur wie ich arbeitet, betritt die Männertoilette. Sein mitleidiger Blick gleitet an mir hinab, gleichzeitig zucken seine Kiefermuskeln. »Lass mich raten, der Drucker im Kopierraum neben deinem Büro beim Versuch, eine der Patronen zu wechseln? Das Mistteil macht seit Monaten Zicken, aber die Oberbosse sind offenbar zu geizig, den Reparaturdienst zu rufen.«

 

»Wieso wundert mich das nicht?! Und natürlich passiert so etwas immer vor einem wichtigen Meeting.« Er hat ungefähr die gleiche Größe und Statur wie ich, was mich dank Ms. Browns Einwurf vorhin auf eine Idee bringt. »Hast du eine Ersatzgarnitur in deinem Büroschrank?« Kerr nickt. »Würdest du mir einen Gefallen tun? Ich müsste eigentlich längst auf der Pressekonferenz für die frisch veröffentlichte und von mir gemanagte Band Rising Phoenix sein«, haue ich ein wenig auf die Kacke, um ihn von der Wichtigkeit meines Anliegens zu überzeugen. Zwar weiß er an sich davon, aber es schadet meiner Meinung nach nicht, diese Karte zu spielen. »Würdest du sie mir leihen? Du bekommst sie natürlich gereinigt zurück.«

 

Nach kurzem Zögern nickt er, ihm ist die immense Bedeutung des Vertrags mit den Söhnen Gravitys, wie die Presse sie so gern betitelt, bewusst. Rasch verlassen wir die Männertoilette, ich gehe in mein Büro, während er zu seinem läuft, um den Ersatzanzug zu holen. Dankend nehme ich ihn keine Minute später entgegen und schließe die Tür. Erst überlege ich, nur die Oberbekleidung zu wechseln, doch der Perfektionist in mir hält dagegen. Die Pressekonferenz ist zu wichtig, ich will nicht aussehen, als hätte ich blind in den Schrank gegriffen.

 

Zuallererst steige ich danach in Kerrs Hose, die im Gegensatz zu meiner nicht maßgeschneidert ist. Aber für heute muss es so gehen, so ein Fehler wird mir darüber hinaus kein zweites Mal passieren. Gerade, als ich dabei bin, mir das Hemd über den Rücken nach oben zu ziehen, erklingt hinter mir ein Räuspern. Als ich mich umdrehe, erblicke ich eine hübsche Rothaarige, die mich mit einer Mischung aus Verlegenheit und Neugier betrachtet. Ihre Wangen sind leicht gerötet und sie macht den Eindruck, als wüsste sie nicht, wie sie mit der Situation umgehen soll. Offenbar ist sie die Frau, von der Jesse vorhin geredet hat, aber ist sie auch meine Ms. Brown? Vielleicht hat sie ja eine Kollegin gebeten, sich um die Wartenden im Konferenzsaal zu kümmern, während sie versucht, mir einen Anzug zu organisieren. Wie aufs Stichwort registriere ich die über ihrem Arm hängenden Kleidungsstücke sowie die Papiere in ihrer Hand.

 

»Mr. Davis, wie ich sehe, haben Sie sich schon selbst zu helfen gewusst«, ergreift sie ein wenig atemlos das Wort. Ihre Stimmfarbe erkenne ich sofort, sie jagt mir einen anregenden Schauer über den Rücken und jetzt bin ich mir sicher.

 

»Ms. Brown, weder verheiratet noch verlobt oder sonst in irgendeiner Form verbandelt.« Vorhin habe ich mir Gedanken gemacht, wer wohl hinter dieser Stimme steckt, aber mit diesem Anblick habe ich ehrlich gesagt nicht gerechnet. Sie dürfte Anfang zwanzig sein und damit jünger, als ich aufgrund ihrer Klangfarbe angenommen habe.

 

Ihre rotblonden Haare trägt sie zu einem lockeren Knoten hochgesteckt und ich frage mich, wie lang sie sind und ob ich sie gut um meine Hand wickeln könnte, wenn ich … Moment mal, was geht denn jetzt ab?! Solche Gedanken haben hier nichts, aber auch gar nichts zu suchen! Es reicht, dass insbesondere die Zwillinge und Saint sich ständig wie schwanzgesteuerte Idioten verhalten, da muss ich nicht ebenfalls damit anfangen.

 

»Genau … die Pressemeute und das Label habe ich mit einem fünfzehnminütigen Zusammenschnitt bisheriger Live-Auftritte von Rising Phoenix beschäftigt, das ich im Rahmen meines Praktikums als Zuarbeit für dieses Meeting erstellt habe. Ich weiß, das Werbevideo sollte eigentlich erst während der Präsentation gezeigt werden, aber ich dachte, so schinde ich am meisten Zeit für Sie heraus. Darüber hinaus habe ich sie mit Kaffee und belegten Sandwiches besänftigt. Ich habe ihnen gesagt, dass Sie sich noch in einer Besprechung befinden und leider um etwa eine Viertelstunde verspäten würden, das dürfte also eine Punktlandung werden. Außerdem war ich so frei, die Unterlagen, die Sie für die Pressekonferenz vorbereitet haben, aus der Firmen-Cloud zu ziehen und auszudrucken. Das hatten Sie vor dem Drucker-Debakel machen wollen, oder?« Ein wenig sprachlos angesichts ihrer Kompetenz nicke ich bloß. »Ich bin davon ausgegangen, dass diese vor allem für die älteren Teilnehmer angedacht waren, und habe eine entsprechende Anzahl Kopien gefertigt. Sollten Sie mehr brauchen, lassen Sie es mich wissen, in dem Fall erledige ich das noch schnell.« Sie betrachtet mich mit ihren blaugrauen Augen prüfend, legt die Ersatzkleidung und die Dokumente auf einem der Aktenschränke ab und kommt dann näher.

 

Mir wird bewusst, dass ich nach wie vor mit offenem Hemd vor ihr stehe, aus diesem Grund beginne ich, es zuzuknöpfen, höre jedoch auf, als sie direkt vor mir stoppt. Gleichzeitig streckt sie ihren Arm aus und hält erst knapp vor meiner Stirn inne.

 

»Darf ich? Sie haben da noch ein wenig Farbe …«, wispert sie und ich kann nicht anders, als zu nicken. Sanft reibt sie mit den Fingerspitzen entlang meines Haaransatzes. »Beugen Sie sich mal kurz vor. Sie haben sich so ganz gut von dem Farbpulver befreit, aber an Ihren Schopf haben Sie offenbar nicht gedacht.«

 

Ich leiste ihrer Aufforderung Folge und grinse in mich hinein, als sie mir durch das Haar wuschelt. Ein feiner Farbpulverregen ergießt sich auf den Boden zwischen uns. Wie konnte mir das entgehen? Ihr verführerischer Blumenduft steigt mir erneut in die Nase und als ich den Kopf leicht hebe, habe ich einen ausgezeichneten Ausblick auf ihr Dekolleté. Der schwarze Spitzen-BH, den sie unter ihrer gleichfarbigen Bluse trägt, lässt mich schwer schlucken.

 

»So müsste es gehen.« Mit diesen Worten tritt sie einen Schritt zurück und ich richte mich wieder auf.

 

Ich schließe die restlichen Knöpfe des Hemdes und ziehe mir die geliehene Anzugjacke über, ohne sie dabei aus den Augen zu lassen. Die vergangenen Monate hatte mein Privatleben praktisch Sendepause und ich bin, wie Saint es mir gegenüber mehrmals so schön ausgeführt hat, zu meinem eigenen Cockblocker geworden. Er meinte, ich würde nicht mal mehr erkennen, dass eine Frau Interesse an mir hat, wenn sie sich mir nackt vor die Füße wirft. Doch in diesen Sekunden merke ich ganz eindeutig, dass Ms. Brown gefällt, was sie sieht.

 

»Brauchen Sie noch irgendetwas, Mr. Davis, oder sollen wir uns auf den Weg zum Konferenzraum machen? Eigentlich habe ich Sie vorhin abholen wollen.«

 

Alles, was ich gerade denke, ist, dass ich sie gern unter mir hätte und mich mit einem einzigen Stoß tief in ihr versenken möchte, aber das ist wohl kaum eine passende Antwort auf ihre Frage. Mein sexuelles Verlangen meldet sich mit einer Heftigkeit zurück, die mich aus dem Konzept bringt. Monatelang war in dieser Hinsicht Dürre angesagt und ich bin absolut ausgehungert, wie mir jetzt bewusst wird.

 

Einen Augenblick lang bin ich versucht, mich nach ihrem Vornamen zu erkundigen, beschließe letztlich jedoch, mir das für später aufzusparen. Ich greife mir die Papiere vom Aktenschrank, zähle sie kurz durch und stelle fest, dass sie tatsächlich eine ausreichende Anzahl gedruckt hat. »Danke, Ms. Brown, Sie haben mir das Leben gerettet. Und ja, wir können los.«

 

Sie lächelt und verlässt vor mir das Büro. Auf dem Weg zur Pressekonferenz habe ich eine perfekte Sicht auf ihre langen Beine, was leider alles andere als förderlich für das Eindämmen meiner versauten Fantasien ist. Vor dem Konferenzsaal angekommen stoppt sie und dreht sich zu mir um.

 

»Wo finde ich Sie, wenn das hier vorbei ist?« Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie die Band uns neugierig vom Wartebereich aus beobachtet und miteinander tuschelt. Hoffentlich halten sie das hier für eine rein berufliche Unterhaltung, sonst werden sie mich später zu Tode nerven.

 

Ein wenig verblüfft hebt sie eine Augenbraue. »Ähm … das letzte Büro den Flur hinunter, auf der linken Seite. Nicht zu verwechseln mit der Abstellkammer direkt daneben. Viel Erfolg, Mr. Davis.«

 

Mit einem Lächeln nicke ich und schaue ihr einen Moment hinterher. Leider verdeckt der Blazer, den sie über ihrer Bluse trägt, einen Teil ihres Hinterns. Doch der Part, den ich sehen kann, sorgt dafür, dass mein Schwanz sich kurz in meiner Hose regt. Mich räuspernd rufe ich mich zur Ordnung, winke die Jungs herbei, um nicht noch mehr Zeit zu verlieren, außerdem können sie mich so nicht aushorchen. Gemeinsam mit ihnen betrete ich den Konferenzraum. Die süße Ms. Brown hat nicht zu viel versprochen, keiner der Reporter oder Labeltypen wirkt genervt oder verstimmt, im Gegenteil, sie scheint die gesamte Situation souverän gemeistert zu haben.

 

Interessant … jemanden wie sie könnte ich definitiv an meiner Seite gebrauchen, wenn es mit der Band auf Tour geht. Die Plattenfirma hat mir eine Assistentin nach meiner Wahl zugestanden und ich bin schwer versucht, Ms. Brown für diesen Posten auszuwählen.

 

 


Kapitel 2

 

Nell

 

 

 

Ash Davis ist mir bereits bei diversen Terminen hier im Label aufgefallen. Direkt mit ihm zu tun hatte ich bislang noch nicht, und hätte die Mitarbeiterin, der ich im Rahmen meines Praktikums unterstellt bin, sich heute nicht krankgemeldet, wäre es sicher auch dabei geblieben. So musste ich kurzfristig für sie einspringen, den Konferenzraum für die Pressekonferenz vorbereiten und abschließend sollte ich Mr. Davis abholen. Bei der Erinnerung an seinen Anblick nach der Farbexplosion habe ich Schwierigkeiten, mir ein Grinsen zu verkneifen.

 

Unschlüssig, was ich von ihm halten soll, lasse ich mich auf den Stuhl hinter dem Schreibtisch der winzigen Kammer fallen, die man mir zugeteilt hat. Der Raum hat nicht einmal ein Fenster und sorgt bei mir spätestens ab Mittag mit seiner Grau-in-Grau-Einrichtung und dem gleichfarbigen Anstrich für leichte Depressionen. Wer auch immer dieses Zimmer gestaltet hat, gut ging es ihm währenddessen offenbar nicht. Doch ich darf mich nicht beschweren, dass man mir als Praktikantin überhaupt ein eigenes Büro zugewiesen hat, grenzt an ein Wunder.

 

Was ich vorhin gesehen habe, hat mir auf jeden Fall gefallen, das kann ich nicht leugnen. Ash Davis hat einen fantastischen Oberkörper, mir ist beinahe das Herz stehen geblieben, als ich in das ihm zur Verfügung gestellte Büro zurückgekehrt bin und auf einmal seine nackte Rückansicht vor der Nase hatte. Doch noch besser war sein Anblick von vorn. Trainiert, ein Sixpack und Brustmuskeln, deren Spiel mich völlig nervös gemacht und mein Kopfkino angefacht hat. Dazu diese faszinierenden grüngrauen Augen, die mich so intensiv gemustert haben, dass mir ganz heiß geworden ist, die markanten Lippen, die … als das Telefon plötzlich klingelt, zucke ich vor Schreck zusammen, so versunken bin ich in meine Fantasien.

 

Im Display erkenne ich die Nummer meiner besten Freundin Judy. »Hey«, begrüße ich sie, froh über die Ablenkung, und lehne mich nach hinten zurück.

 

»Wollen wir uns in einer Stunde zum Mittagessen treffen? Ich muss dringend mal raus aus diesem Saftladen.« Judy macht zurzeit ein Praktikum in der kleinen Computerfirma ihres Dads und zählt die Tage bis zum Ende.

 

»Das klingt super, dann kann ich dir ausführlicher erzählen, was mir gerade passiert ist. Du wirst es nicht glauben, aber …« Kurz stocke ich und sehe sicherheitshalber zur Tür, die jedoch nach wie geschlossen ist. »Ash Davis hatte ein Problem und ich habe ihm geholfen, es …«, fange ich an, werde allerdings von ihr unterbrochen.

 

»Oh, Sex im Anzug hatte ein Problem?!« Ihr schwärmerischer Unterton lässt mich kichern.

 

»Nenn ihn nicht immer so!«, ermahne ich sie, woraufhin sie nur geräuschvoll schnaubt. »Außerdem ging es nicht um die Art Problem, die du gerade vermutest!« Meine Wangen werden unangenehm warm, da ich wieder daran zurückdenken muss, wie mein Körper auf den halbangezogenen Ash reagiert hat. Mein letztes Mal liegt eine ganze Weile zurück und meine sexuellen Abenteuer kann ich ohnehin an einer Hand abzählen, doch die Vorstellung, wie Ash … Mr. Davis … ach verdammt! Bis ich direkt mit ihm gesprochen habe, war er bloß ein weiterer, zugegeben attraktiver, Anzugträger. Und jetzt ist es, als hätte er mich verhext. Andauernd habe ich sein Gesicht vor Augen, seinen definierten Oberkörper, höre seine leicht raue Stimme, die … argh!

 

»Worum denn dann? Sag mir bitte, du hast die Gelegenheit genutzt und dem Hottie nicht nur aus irgendwelchen beruflichen Schwierigkeiten geholfen?! Ash Davis ist heiß wie die Hölle, du hast es sonst nicht so mit Typen im Anzug, aber komm schon! Selbst du kannst nicht leugnen, dass er scharf ist und eine Sünde wert wäre.«

 

Seit Rising Phoenix und damit auch ihr Manager zunehmend häufiger in der Presse auftauchen, hat sie eine kleine Schwäche für ihn. Bisher habe ich das nicht wirklich nachvollziehen können, Männer wie er entsprechen normalerweise so gar nicht meinem persönlichen Geschmack. Anzugträger sind meiner Erfahrung nach allesamt farblos und irgendwie … leer. Das Wort farblos sorgt nachträglich für ein Grinsen bei mir, denn nach seiner unheilvollen Begegnung mit dem Drucker war er alles andere als das.

 

»Nell? Erzählst du mir jetzt bitte mehr? Lass mich doch nicht am ausgestreckten Arm verhungern!«, dringt ihre Stimme in meine Gedankengänge, aber es klopft an der Tür, ehe ich antworten kann. Einen Moment darauf geht sie auf und Ash Davis steckt seinen Kopf hinein.

 

»Später, er ist hier«, zische ich plötzlich schrecklich aufgeregt und möchte mir einen Tritt in den Hintern verpassen. Muss ich ihm so offensichtlich auf die Nase binden, dass ich gerade über ihn gesprochen habe?! »In einer Stunde, bei unserem Lieblingsitaliener?«

 

»Okay, Süße … ich bin gespannt, bis gleich«, flötet sie in einem so übertriebenen Tonfall, dass ich ein Augenrollen nur schwer unterdrücken kann.

 

Rasch lege ich auf und blicke meinen Besucher erwartungsvoll an. »Was kann ich für Sie tun, Mr. Davis?«, erkundige ich mich und falte die Hände, weil ich mit einem Mal nicht weiß, wohin mit ihnen.

 

Sein Anblick macht mich irgendwie kribbelig und feuert die unterschwellige Begierde, die in mir brennt, seit ich ihn beim Umziehen gestört und halbnackt gesehen habe, weiter an. Ein wenig bedaure ich, nicht eine halbe Minute eher zurückgekommen zu sein, dann hätte ich ihn vielleicht ohne Hose und nur in Pants erwischt. O Gott, das muss sofort ein Ende haben! So, wie er mich gerade ansieht, ist mir an der Nasenspitze anzumerken, was in mir vorgeht. Seine Augen funkeln amüsiert, während er sich eine Strähne seines dunkelbraunen Haars, das ihm etwas unordentlich in die Stirn fällt, aus dem Gesicht streicht.

 

»Nun, zuallererst könnten Sie damit aufhören, mich Mr. Davis zu nennen. Mein Name ist Ash.« Mit einem lässigen Lächeln setzt er sich in den Besucherstuhl vor dem Schreibtisch und sieht sich dann mit einem undurchschaubaren Gesichtsausdruck um. »Nun verstehe ich die Bemerkung mit der Abstellkammer.«

 

Nervös kichernd knete ich meine Finger. Himmelherrgott, muss ich mich jetzt echt so aufführen? Ich benehme mich exakt wie die Art von Frau, über die ich normalerweise die Nase rümpfen würde.

 

»Okay, Mr. … ähm … Ash. Ich bin Nell.« Keine Ahnung, wie das Label zum Duzen zwischen Praktikantinnen und Band-Managern steht, doch ich beruhige mich damit, dass das hier einmalig bleiben und ich ihn danach so schnell nicht wiedersehen werde.

 

»Nun, Nell, zunächst vielen Dank für die Hilfe vorhin. Die Souveränität, mit der du die Situation gemeistert hast, hat mich schwer beeindruckt. Insbesondere aufgrund der Tatsache, dass du lediglich ein Praktikum absolvierst. Mr. Ford hat mich auf Nachfrage darüber informiert, dass es Teil deines Studiums sei.« In Ashs Augen blitzt etwas auf, das mich verwirrt. Ein Hauch von Interesse … unangemessenem Interesse, wenn mein innerer Radar nicht völlig eingerostet ist. »Lange Rede, kurzer Sinn, wie du weißt, gehen Rising Phoenix in knapp sechs Wochen auf eine ausgedehnte Tour quer durch Kanada.« Er macht eine kleine Pause, in der ich mich frage, auf was er hinauswill. »Mir wurde vom Label für die Dauer der Konzerttour eine Assistentin meiner Wahl zugestanden«, fährt er fort und lächelt breit, was zu einem total unpassenden Hüpfer meines Herzens führt. »Ich habe darum gebeten, dich mitnehmen zu dürfen. Mr. Ford sowie der Rest des Vorstands sind einverstanden.«

 

Verblüfft starre ich ihn an und spüre, wie mir die Kinnlade hinunter klappt. »Mich?!« Okay, das ist vermutlich keine adäquate Reaktion auf so ein unglaubliches Angebot, doch es hat mir die Sprache verschlagen. »Ich soll mit auf Rising Phoenix‘ erste Tour?!«

 

Ashs Kiefermuskeln zucken kurz, aber dann hat er sich wieder im Griff. »Du bist laut deiner Aussage weder verheiratet noch verlobt oder sonst in irgendeiner Form verbandelt, das sollte kein Problem sein, richtig? Falls es eine Katze, einen Goldfisch oder Ähnliches gibt, um die sich in deiner Abwesenheit gekümmert werden muss, organisiere ich dir gern Hilfe. Ansonsten erwarten dich einige Wochen auf Tour, ja. Du arbeitest über die Sommermonate nach Mr. Fords Auskunft ohnehin für das Label, was spricht also dagegen?«

 

Alles.

 

Nichts.

 

Die Vorstellung, mit Ash Davis und der kanadischen Newcomer-Band schlechthin auf Tour zu gehen, ist natürlich irre aufregend und bietet mir eine Wahnsinnschance. Stelle ich mich im Rahmen meiner Tätigkeit klug an, wird mir das in der Zukunft sicher Türen öffnen. Aber auf der anderen Seite beschleicht mich die Befürchtung, dass der Mann mir gegenüber glauben könnte, über den Job hinaus über mich verfügen zu können. Es wäre nicht das erste Mal, dass jemand mit seinem Status glaubt, eine Frau in einer ihm untergeordneten Position sei Freiwild.

 

»Nell, ich möchte dich als meine Assistentin, weil du heute unter Beweis gestellt hast, dass du auf schwierige Situationen umsichtig reagierst. Du hast mir buchstäblich den Arsch gerettet und dieser Job ist meine Art, Danke zu sagen. Weder habe ich irgendwelche unlauteren Absichten, noch glaube ich, dass du mir dann etwas schuldig wärst. Betrachte es als das, was es ist: Eine berufliche Gelegenheit, die sich dir mit Sicherheit nicht so schnell wieder bieten wird.« Dass er scheinbar in mir lesen kann wie in einem offenen Buch, erfüllt mich mit leichtem Unbehagen.

 

»Es … ich … ich wollte dir nichts unterstellen«, stammele ich ein wenig hilflos. »Natürlich ist mir bewusst, was für eine Riesenchance das ist, aber ich kann mir diesen Luxus schlicht nicht leisten.« Das Praktikum im Label wird mickrig bezahlt, ich arbeite jedes Wochenende und mindestens zweimal unter der Woche in einer Bar als Kellnerin, um mir meinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Mein Stipendium beschränkt sich auf die Studiengebühren, auf diesen Job für eine so lange Zeit zu verzichten, kommt deshalb nicht infrage.

 

»Im Gegensatz zu deinem Praktikum hier wird die Tätigkeit als meine persönliche Assistentin natürlich entsprechend entlohnt.« Ash greift nach dem Zettelblock auf meinem Schreibtisch, schnappt sich einen Stift und kritzelt etwas auf das oberste Blatt Papier. »Das wäre die Summe, die ich dir in Rücksprache mit der Plattenfirma wöchentlich zahle.« Er schiebt mir den Notizklotz hinüber und ich schnappe nach Luft, als ich lese, wie viel ich bekommen würde. Obwohl das Trinkgeld als Kellnerin nicht schlecht ist, komme ich nicht mal mit ihm zusammen auf den Betrag, den er mir nennt. »Kost und Logis auf Tour werden natürlich vom Label bezahlt. Darf ich deine Reaktion als ein Ja werten?«

 

Einen Augenblick lang überlege ich noch, doch dann nicke ich. Ash hat Recht, Gelegenheiten wie diese bieten sich nur selten, deswegen sollte ich mit beiden Händen zugreifen.

 

 

 


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