Leseprobe

Noch musst du dich leider mit den ersten beiden Kapiteln begnügen. Das Cover sowie das Veröffentlichungsdatum geben wir später bekannt. Die Einordnung in unser Programm gibt dir aber bereits eine Richtung, wie lange du in etwa warten musst. (nicht lange)


Come2Kiss: Jamie & Mila

C. C. Wilder


 

Prolog

 

Jamie

 

 

 

„Du wirst doch wiederkommen, Jamie?“

 

Ihre Stimme durchbricht leise die Stille der Nacht. Mila und ich liegen auf einer Decke am Strand und starren in den sternenbehangenen Himmel. Unsere Körper sind nackt, unsere Köpfe liegen aneinander und wir halten uns an den Händen. Ich drehe meinen Kopf so, dass ich sie ansehen kann.

 

„Natürlich komme ich zurück!“ Ihr Blick bleibt weiter auf die Sterne gerichtet, als ich das sage. Es stimmt, das ist sicher, aber wann genau das sein wird, das weiß ich nicht. Insgeheim nehme ich mir fest vor, mich so oft wie nur möglich bei Mila zu melden, um ihr die Sicherheit zu geben, die sie sich wünscht.

 

Von Beruf bin ich Musiker, ich bin der Sänger in einer Band. Meine Jungs von Come2Kiss und ich machen seit der Highschool zusammen Musik. Nach unserem Abschluss vor zwei Jahren strebte niemand von uns den Besuch eines Colleges an. Wir wollen einfach nur Musik machen.

 

Und jetzt endlich nimmt unsere Karriere Fahrt auf. Wir haben durch einen neuen Agenten einige Auftritte in kleineren TV Shows ergattert. Ich freue mich auf die kommende Zeit, auch, wenn das bedeutet, dass ich viel unterwegs sein werde. Ich werde weit weg sein von allen Freunden, meiner Familie und von Mila.

 

Seit mehr als zweieinhalb Jahren sind wir nun schon ein Paar. Nie waren wir länger als nötig voneinander getrennt. Die Alternative wäre, hierzubleiben in Hayden Grove, einer verschlafenen Kleinstadt an der Küste Kaliforniens. Damit würden wir die Chance auf landesweite Bekanntheit verstreichen lassen. Das kommt für kein Mitglied von Come2Kiss in Frage, das steht fest.

 

Ich drehe mich zur Seite und stütze meinen Kopf mit einer Hand ab. Mit der anderen zeichne ich sachte die Konturen von Milas Schultern nach. Sie sieht mich an und sofort tauche ich ein in das intensive Blau ihrer Augen, das mich jedes Mal an die Farbe des Ozeans erinnert. Ihr lockiges, blondes Haar glänzt im Licht der Sterne und bildet einen verführerischen Kontrast zu ihrem sonnengeküssten Teint. Sie ist so wunderschön, vor allem jetzt, wo sie mich anlächelt.

 

Mila hebt ihre Hand und berührt sanft mein Gesicht. „Ich werde dich schrecklich vermissen“, sagt sie und ich erwidere ihr Lächeln.

 

„Dafür wirst du gar keine Zeit haben, wenn du erst in Los Angeles bist.“

 

Mila wird nach dem Sommer in L.A. das College besuchen, um ihren Bachelor of Science zu erwerben. Ihr Ziel ist es, nach dem Grundstudium an einer Medical School Humanmedizin zu studieren. Ich weiß, dass sie schon lange davon träumt, Ärztin zu werden und bin mir sicher, dass sie sich diesen Wunsch erfüllen wird, denn sie ist diszipliniert und fleißig. Das Studium wird sie stark einbinden, das ist uns beiden klar. Und doch hoffen wir, dass alles zwischen uns so bleibt, wie es jetzt ist.

 

Ihre Augen glänzen verführerisch, als ihr Blick an meinem Körper hinabgleitet und an dem mittlerweile erschlafften Penis hängen bleibt, mit dem ich sie noch vor kurzem voll ausgefüllt habe.

 

„Ich werde immer Zeit haben, dich zu vermissen.“ Sie lächelt schelmisch, ihren Blick auf meine untere Körperregion gerichtet.

 

Laut auflachend rolle ich mich auf sie und dränge mich zwischen ihre Schenkel. Alles an ihr ist unglaublich sexy. Mit den Händen stütze ich mich ab und sehe ihr ins Gesicht. Ihre Augen strahlen, als sie ihren Blick mit meinem verbindet. Wild presse ich meine Lippen auf ihre und küsse sie leidenschaftlich.

 

Keine Ahnung, wie Mila das macht, aber sie bringt mich regelmäßig um den Verstand. Mit fast nichts weckt sie die Begierde in mir. Als meine Zunge sanft ihre Lippen teilt und sich in ihren köstlichen Mund schiebt, spüre ich, dass mein Schwanz schon wieder hart wird. Mila vergräbt ihre Finger in meinen Haaren und presst mir ihre heiße Mitte entgegen. Meine Hand, die ihre Brust vorsichtig knetet, entlockt ihr ein leises Stöhnen. Es ist an der Zeit, die zweite Runde einzuläuten. Die ganze Nacht will ich sie lieben, denn diese Stunden sind die vorerst letzten, die wir haben. Und bei Gott, ich werde jede einzelne Sekunde nutzen, ihr zu zeigen, wie viel sie mir bedeutet.


 

 

 

 

Kapitel 1

 

Jamie

 

 

 

Der Gig war der absolute Wahnsinn. Selbst jetzt, hinter der Bühne, vernehme ich noch den tosenden Applaus der Menschenmenge in der Halle. Das Adrenalin pumpt mein Blut schneller durch meine Adern, als ich die Fans unseren Namen rufen höre. Ich fühle mich wie berauscht. So ist das jedes Mal nach einem Auftritt. Manchmal frage ich mich, ob ich jemals genug davon bekommen werde.

 

Während ich mir den Weg durch den Backstage-Bereich zu meiner Garderobe bahne, reicht mir jemand aus unserer Crew ein Handtuch. Ich trockne mir damit das schweißnasse Haar. Ein weiteres Mitglied der Crew, ich glaube, es ist Tom, gibt mir ein Glas Whiskey. Sofort stürze ich das starke Getränk meine Kehle hinunter. Irgendwem an der Seite drücke ich das leere Glas in die Hand.

 

Ich befinde mich, wie jeden Abend, in diesem Tunnel, in dem ich nichts mitbekomme, außer der unendlichen Gier nach mehr Applaus und noch mehr Anerkennung.

 

Je näher ich meiner Garderobe komme, desto dichter drängen sich jede Menge Frauen um mich. Einige wenden verlegen den Kopf ab, die meisten allerdings werfen mir vielsagende und eindeutige Blicke zu. Wieder andere gewähren mir durch die Kleidung, die sie tragen, einen mehr als freizügigen Ausblick auf ihren Körper.

 

Ich gebe unablässig Autogramme und flirte dabei mit den zahlreichen Groupies. Innerlich bete ich, dass jede von ihnen mindestens 18 Jahre alt ist.

 

„Bitte sehr … und nicht weglaufen. Wer weiß, vielleicht feiern wir später ein bisschen zusammen“, sage ich, während ich einer Blondine meinen Namen auf ihren flachen, sonnengebräunten Bauch schreibe.

 

Begleitet von aufgeregtem Kichern und Kreischen öffne ich die Garderobentür. Ich weiß, dass Tom gleich eine Auswahl der schönsten Frauen für mich treffen wird. Allesamt werden sie blond sein, denn er kennt meinen Typ genau.

 

Diese kleinen Rockstarfreuden nach dem Auftritt brauche ich. Sie helfen mir, wieder runterzukommen und zu entspannen. Die Einsamkeit, die einen nach einem solchen Höhenflug überfällt, wenn man plötzlich wieder ganz allein ist, ist kaum zu ertragen. Ich habe schnell angefangen, sie weg zu feiern – mit Alkohol, Frauen und Sex. Viel Sex!

 

Rasch schließe ich die Garderobentür hinter mir und bin für einen kurzen Augenblick mit mir allein. Die Stille um mich herum ist erdrückend.

 

Auf einem Tisch in der hinteren Ecke steht eine Flasche Whiskey. Meine Lieblingsmarke, wie ich feststelle. Ich gieße mir einen großzügigen Schluck in ein Glas und trinke ihn auf ex. Der scharfe, brennende Alkohol erzeugt eine wohltuende Wärme, also schenke ich nach.

 

In diesem Moment betritt unser Manager Phil meine Garderobe. Ich bin immer noch geladen mit Euphorie, deshalb umarme ich ihn stürmisch.

 

„War das nicht der Wahnsinn? Der absolute Hammer, oder? Was sagst du, Phil?“, will ich wissen.

 

Phil, der schon seit Beginn unserer Karriere mit uns zusammenarbeitet, schiebt mich beiseite. „Ja, ganz toll, Jamie.“

 

Der Ton in seiner Stimme ist genervt, doch er sagt mir, was ich hören will. Alles andere interessiert mich im Moment nicht. Meine Laune ist on top und ich werde sie mir nicht vermiesen lassen.

 

„Was ist mit Europa“, frage ich. „Hast du den Vertrag unterschrieben?“

 

Vor einigen Wochen hat uns ein Eventmanager eine Europatournee angeboten. Wir würden klein anfangen, erst einmal fünf Konzerte in drei Ländern. Aber hey, Europa! Als uns das Angebot vorgelegt wurde, war ich total aus dem Häuschen.

 

Ich höre das schwere Seufzen unseres Managers. „Nein, Jamie. Ich habe nicht unterschrieben. Im Gegenteil, ich habe die Tournee abgelehnt“, lässt er die Bombe platzen.

 

Mir dreht sich plötzlich alles. Was zur Hölle meint er mit abgelehnt?

 

„Was soll das heißen, Phil?“, hake ich nach, die Hände in die Hüften gestemmt. Ich schnaube vor Wut.

 

„Ihr braucht eine Pause“, beginnt Phil und versucht es mit einem Appell an meine Vernunft.

 

Ich jedoch lasse ihn gar nicht erst ausreden. „Wieso Pause, verdammt? Keiner hier braucht eine Pause. Doch nicht jetzt, wo alles so gut läuft.“ Ich verstehe nicht, was in ihn gefahren ist.

 

Beschwichtigend hebt Phil die Hände und startet erneut geduldig einen Erklärungsversuch. „Ich habe abgesagt, weil ihr eine Auszeit benötigt. Ihr seid durch, Jamie, ausgebrannt. Ihr …“

 

Ein weiteres Mal unterbreche ich ihn. „Ich benötige keine Auszeit.“

 

„Doch, Jamie, die brauchst du“, erwidert Phil, immer noch geduldig.

 

Ich laufe in der Garderobe hin und her und kralle mich an das Whiskeyglas in meiner Hand. „Europa war unser aller Traum“, widerspreche ich fast schon theatralisch.

 

„Falsch, Jamie! Europa ist dein Traum. Die anderen Jungs wollen gerne einmal wieder nach Hause. Kraft schöpfen! Auftanken! Ihre Familien wiedersehen! Vielleicht ein bisschen Urlaub machen!“

 

Ich starre ihn ungläubig an. Waren mir meine Bandkollegen, nein, meine Freunde, in den Rücken gefallen?

 

Phil setzt sich auf das alte, aber bequeme Sofa und sieht mir offen ins Gesicht. „Wie lange hast du deine Familie nicht mehr besucht? Deine Mutter? Deinen Vater? Mila?“

 

Als er Milas Namen nennt, verspüre ich einen fiesen Schmerz in meinem Herzen.

 

Gerne möchte ich etwas erwidern, doch ich bringe keinen Ton heraus, obwohl ich genau weiß, wann ich meine Eltern das letzte Mal gesehen habe. Das war vor etwa zweieinhalb Jahren zu Weihnachten. Mila hingegen habe ich zuletzt an jenem Abend am Strand gesehen, als wir Abschied voneinander genommen haben.

 

Das war inzwischen fünf Jahre her. Seitdem ist so viel geschehen. Unsere gemeinsame Zeit, ihre zarten Küsse und ihr weicher Körper sind für mich weit weg. Ich möchte nicht an Mila denken. Phil hat kein Recht, mich immer wieder an sie zu erinnern. Wir leben jetzt in zwei unterschiedlichen Welten, die überhaupt nicht zueinander passen.

 

Immer noch fassungslos starre ich Phil an, der sich vom Sofa erhebt.

 

„Jamie, ihr müsst alle einmal zur Ruhe kommen. Ihr habt in den letzten fünf Jahren alles abgeräumt, was es abzuräumen gibt. Ihr habt die ganzen USA bereist und wahnsinnig viel Kohle verdient. Willst du das Geld nicht irgendwann auch mal ausgeben und dein Leben genießen?“ Als ich immer noch nichts sage, fügt er hinzu: „Die Entscheidung ist getroffen, Junge. In drei Tagen habt ihr noch den Gig in Miami, danach bringt euch der Flieger zurück zu euren Familien. Von mir aus kannst du auch woanders hinfliegen, in die Karibik oder sonst wohin. Das ist mir scheißegal. Die anderen sind einverstanden. Sie wollen eine Pause. Du bist überstimmt.“

 

Nach diesen Worten verlässt Phil den Raum.

 

Ich bin einen kurzen Moment wie betäubt, dann werfe ich das Whiskeyglas wütend gegen die Wand. Im gleichen Augenblick klopft es an der Tür und Tom steckt seinen Kopf herein.

 

„Lust auf ein wenig Ablenkung?“, fragt er und öffnet die Tür vollständig, um mir einen Blick auf die fünf heißen Blondinen zu ermöglichen, die er ausgewählt hat. Für einen Augenblick überlege ich, denn mir ist nicht nach feiern zu Mute. Danach zeige ich auf eines der Mädchen.

 

„Die in dem grünen Top darf reinkommen, den Rest kannst du wegschicken“, erkläre ich.

 

Tom runzelt die Stirn, macht jedoch, was ich sage.

 

Das blonde Mädchen, das hereinkommt, ist hübsch. Ihre langen Haare fallen in weichen Locken über ihre Schultern, zudem ist sie nicht sehr groß, aber schlank. Mit dem Rücken gegen die Wand neben der Tür gelehnt beobachtet sie mich. Wie ein Raubtier, das seine Beute umkreist, schleiche ich um sie herum. Sie lässt mich keinen Augenblick aus den Augen, hält meinem Blick stand und leckt sich währenddessen immer wieder provokant über ihre Lippen. Mein Blick gleitet hinab zu ihren Brüsten. Sie sind wirklich üppig für ihre sonst fragile Figur.

 

Als könne sie meine Gedanken lesen, spricht sie mich an. „Gefällt dir, was du siehst?“

 

In ihre Augen hat sich ein selbstbewusster, herausfordernder Ausdruck geschlichen, als ich sie ansehe. Kurz schlucke ich, als sie sich fester gegen die Wand presst und dabei ihren Rücken so durchdrückt, dass sich mir ihr Prachtbusen weiter entgegenstreckt.

 

Normalerweise frage ich zuerst höflich nach dem Namen und versuche zumindest, so etwas wie eine entspannte Unterhaltung zu führen, bevor ich zur Sache komme. Doch dieses Mal ist mir egal, wie sie heißt. Heute möchte ich einfach nur ficken.

 

Die Art und Weise, wie sie spricht, mich ansieht und sich präsentiert, sagt mir, dass sie eine Trophäensammlerin ist. So nennen wir die Mädchen, denen es nicht um den Spaß beim Sex geht. Es ist ihnen gleichgültig, mit welchem Promi sie schlafen. Sie sind lediglich daran interessiert, von einem möglichst berühmten Star durchgevögelt zu werden, um anschließend ein kleines Souvenir aus der Garderobe mitzunehmen. Als nettes Andenken sozusagen. Nach fünf Jahren in diesem Geschäft erkenne ich diese Art Frauen auf Anhieb.

 

Ich überbrücke die Distanz zwischen uns und presse meinen Mund unsanft auf ihren. Unnachgiebig drängt sich meine Zunge zwischen ihre Lippen, dann lasse ich ihr ein wenig Luft zum Atmen. Ihre Hand liegt auf meinem Brustkorb. Als ich kurz von ihr ablasse, sieht sie mich erneut herausfordernd an.

 

„Na, so gierig?“ Ihre Stimme ist nicht mehr als ein Flüstern. Und verdammt, die Braut bekommt genau mit, wie sie mich anmacht. Ich greife mit einer Hand nach ihrer Brust, um ihr das Top herunterzuziehen. Sie trägt, wie von mir erwartet, keinen BH. Ungeduldig zwirbele ich ihren Nippel zwischen Daumen und Zeigefinger. Sie stöhnt auf und macht sich an meiner Jeans zu schaffen. Mit wenigen, fast schon routinierten Handgriffen befreit sie meinen voll erigierten Schwanz aus der Enge der Hose. Vorsichtig fahren ihre Finger an ihm auf und ab. Zeitgleich schiebe ich ihren knappen Rock nach oben und knete ihre straffen Arschbacken mit beiden Händen. Kurz überlege ich, ob ich ihren höllisch heißen Mund ficken soll. Die meisten Mädchen würden alles machen, um mich zufriedenzustellen, dennoch entscheide ich mich dagegen, weil ich keine Lust mehr auf erotische Spielereien habe.

 

Aus meiner Hosentasche hole ich ein Kondom, das ich mir rasch überziehe. Ein zufriedenes Stöhnen dringt über ihre Lippen, als ich sie mit festem Griff hochhebe und gegen die Wand drücke. Fast automatisch spreizt sie ihre Schenkel und umschlingt meine Hüften mit ihren Beinen. Ich greife ihr in den Schritt und da sie keinen Slip trägt, kann ich ihre feuchte, heiße Mitte sofort spüren. Schnell schiebe ich ihr einen Finger hinein und genieße ihren keuchenden Atem an meinem Hals. Dem Luder scheint das Spielchen zu gefallen, denn sie ist bereits nass. Ein paar Mal ziehe ich meinen Finger aus ihr zurück, um ihn dann erneut langsam und tief in sie zu stoßen. Ihre Fingernägel krallen sich in meine Schultern, ihr Stöhnen an meinem Ohr klingt heiser. Mit einer Hand führe ich meinen pulsierenden Schwanz an ihren pochenden Eingang und ohne zu zögern, versenke ich ihn vollständig in ihrem willigen Fleisch.

 

Kurz schreit sie auf, ihre Hände greifen in mein Haar und ihre Beine drücken mich fester an sich. Ich brauche nicht mehr als vier bis fünf Stöße, schon komme ich.

 

Einen Moment halte ich atemlos inne, stelle sie wieder auf ihre Beine und wende mich ab, um das Kondom zu entsorgen. Ob sie auf ihre Kosten gekommen ist, ist mir vollkommen egal. Heute Abend zählt einzig und allein mein Spaß.

 

Aus dem Augenwinkel beobachte ich das Mädchen dabei, wie sie ihren Rock glatt streicht. Ihre Wangen sind leicht gerötet, ansonsten erinnert nichts daran, dass sie vor ein paar Minuten von mir gevögelt wurde. Ich jedoch bin immer noch ein wenig außer Atem.

 

Als sie zum Sofa hinüber geht und sich das Handtuch nimmt, mit dem ich mir nach unserem Auftritt den Schweiß abgewischt habe, sage ich nichts. Aufreizend legt sie es sich um die Schultern und stolziert zur Tür.

 

Sie öffnet sie einen Spalt, bevor sie verschwindet, dreht sie sich allerdings noch einmal zu mir um. „Das war wirklich heiß, Jamie“, säuselt sie und verlässt meine Garderobe.

 

Kopfschüttelnd sehe ich ihr nach. „Bitch!“, fluche ich leise und versuche, das nagende Gefühl der Leere in mir zu verdrängen. Ich schnappe mir ein frisches Handtuch und gehe nebenan ins Badezimmer. Eine heiße Dusche ist alles, was ich jetzt brauche.

 

Wenn ich heute Abend im Hotel angekommen bin, sollte ich meine Mutter anrufen und ihr sagen, dass ich bald nach Hause kommen werde – ob es mir passt oder nicht. Es tröstet mich ein wenig, zu wissen, dass sich zumindest meine Mom darüber sehr freuen wird.


 

 

 

 

Kapitel 2

 

Mila

 

 

 

Mit Schwung werfe ich meinen Koffer in den Kofferraum, schmeiße den Deckel fast ein wenig zu fest zu und steige danach in den Wagen. Das gute Stück hat schon bessere Zeiten gesehen, aber er transportiert mich immer noch zuverlässig von A nach B, deswegen sehe ich keine Notwendigkeit, ihn zu ersetzen.

 

Ich habe eine lange Fahrt vor mir. Es sind Semesterferien und ich verbringe den Sommer bei meinen Eltern. Oft fahre ich nicht heim, die meiste Zeit bleibe ich hier in Los Angeles, auch während der Ferien. Doch in diesem Jahr habe ich es meiner Mutter versprochen. Meine Schwester Emily feiert in zwei Wochen ihren zwanzigsten Geburtstag, da möchten sie mich gerne dabeihaben.

 

Ich vermisse meine Familie häufig, doch in Hayden Grove, der Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin, erinnert mich zu viel an Jamie. Ich will gar nicht immerzu an ihn denken, aber er drängt sich auch nach all den Jahren immer wieder in meinen Kopf. Ich verfluche mich selbst dafür. Er ist ein Scheißkerl und hat es nicht verdient, dass ich ihm nachweine. Keine einzige Träne in den vergangenen fünf Jahren war Jamie wert.

 

Mein viertes Semester an der Medical School in Los Angeles beginnt nach den Ferien. Zeitgleich werde ich ein freiwilliges Praktikum in einem der besten Krankenhäuser absolvieren. Darauf freue ich mich sehr, obwohl die Nervosität groß ist.

 

Das Medizinstudium macht mir großen Spaß. Es hat mir in den letzten Jahren dabei geholfen, über Jamie hinwegzukommen. Als er fortging, um Karriere zu machen, habe ich noch daran geglaubt, dass wir es irgendwie schaffen können, unsere Beziehung weiterzuführen. Jeden Abend habe ich gehofft, dass er mich anruft oder mir zumindest mal eine SMS schickt. Doch nichts dergleichen geschah. Unzählige SMS und Mails habe ich ihm geschrieben, jede Menge Nachrichten auf seiner Mailbox hinterlassen, aber Jamie reagierte nicht darauf. Ich weiß bis heute nicht, warum er plötzlich für mich nicht mehr erreichbar war.

 

Irgendwann habe ich meine Gefühle für ihn ganz tief vergraben, und mit ihnen das Vertrauen in die Liebe und in die Männer. Wenn ich selbst meiner Jugendliebe, meinem engsten Vertrauten, nicht hin und wieder eine SMS wert war, wie sollte ich dann daran glauben können, für einen anderen Mann von Bedeutung zu sein?

 

Es ist nicht so, dass es mir an Gelegenheiten mangelt. Ich hatte in der Vergangenheit einige lockere Bekanntschaften. Mit manchen von ihnen lief mehr als nur Händchenhalten und Knutschen. Doch mit keinem war es je so, wie mit Jamie, weil ich für keinen von ihnen so empfunden habe wie für ihn.

 

Mir ist bewusst, dass ich nicht mein ganzes Leben lang darauf warten kann, dass Jamie zu mir zurückkommt. Aber ich schaffe es nicht, mich vollständig von ihm zu lösen. Mit der Zeit habe ich gelernt, den Wunsch zu unterdrücken, ihm zu schreiben oder ihn anzurufen. Mein Leben habe ich ohne ihn arrangiert, glücklich bin ich deshalb allerdings nicht. Es ist, als fehle ein wichtiger Teil von mir selbst. Diesen Teil hat er damals mit sich genommen.

 

In den Nächten, in denen die Sehnsucht besonders groß ist, schaue ich mir TV-Auftritte von Come2Kiss im Internet an. Manchmal lege ich die Live-DVD von einem Konzert in New York ein. Wenn ich Jamie über den Bildschirm flimmern sehe, ist es so, als wäre er hier. Sobald seine Stimme aus den Lautsprechern ertönt, schließe ich die Augen. So kann ich mir einbilden, dass er mit mir spricht. Meist schlummere ich irgendwann ein, und der Schlaf ist dann wie eine Erlösung für mein wundes Herz.

 

Genug jetzt, Mila, ermahne ich mich selbst und lasse den Motor an. Vor mir liegt ein weiter Weg. Die Gedanken an Jamie muss ich beiseite schieben und endlich losfahren, wenn ich am Nachmittag bei meinen Eltern sein möchte. Nachdem ich meinen Wagen auf die Straße gelenkt habe, schalte ich das Radio ein. Der eingestellte Sender bringt gute Rockmusik, genau das Richtige für die lange Fahrt. Ich drehe die Lautstärke höher und singe lauthals mit, während ich Los Angeles und damit die sichere Distanz zwischen Jamie und mir hinter mir lasse.

 

 

 

„Mom! Dad! Sie ist da!“ Ich höre die Stimme meiner Schwester, sobald ich den Motor abstelle. Immer zwei Stufen auf einmal nehmend stürmt Emily die kleine Treppe hinunter, die zu unserer Veranda führt. Sie reißt die Wagentür auf, bevor ich sie von innen öffnen kann. Ein Lachen stiehlt sich auf mein Gesicht, denn ihre Freude über unser Wiedersehen macht mich glücklich.

 

Kaum zu glauben, dass dieser quirlige Wirbelwind bald Zwanzig wird. Sie hat die Unbeschwertheit eines Kindes und die Aura eines Teenagers, was vermutlich daran liegt, dass sie beruflich oft mit Kindern und Jugendlichen zu tun hat. Emily arbeitet auf einem der Reiterhöfe am Rande der Stadt. Pferde waren schon immer ihr Ding, eine Leidenschaft, die ich überhaupt nicht teile. Im Gegenteil, ich habe schreckliche Angst vor Pferden.

 

Kaum bin ich aus dem Auto gestiegen, fällt mir meine Schwester um den Hals. Die Umarmung ist so fest, dass ich daran zu ersticken befürchte, wenn ich nicht augenblicklich ein bisschen Abstand zwischen uns bringe. Lachend schiebe ich Emily von mir und streiche ihr über ihre hellblonden Locken.

 

„Lass dich ansehen, Süße, fordere ich sie auf und betrachte sie. Wir sind ähnlich groß, oder sollte ich besser sagen ähnlich klein? Wir messen beide keine 1,70 m. Ihre langen Haare sind von der Sonne gebleicht und stehen in wilden Locken von ihrem Kopf ab. Ihre riesigen, blauen Augen strahlen mich an und wirken wie die einer Puppe, während ihr fein geschwungener Mund zu einem breiten Lächeln verzogen ist. Ihr schlanker, anmutiger Körper steckt in einfachen Jeansshorts und einem weißen Tank Top, an den Füßen trägt sie Flip-Flops. Trotz ihres kindlichen Auftretens muss ich feststellen, dass aus meiner kleinen Schwester längst eine schöne junge Frau geworden ist.

 

Als ich mit meiner Musterung fertig bin, ziehe ich Emily noch einmal in die Arme und lasse sie dann los. Auf der Veranda sehe ich meine Eltern stehen. Zufrieden und mit liebevollem Blick beobachten sie die Szene zwischen uns. Mein Herz quillt über vor Glück, gleichzeitig meldet sich mein schlechtes Gewissen. Ich sollte häufiger nach Hause kommen. Noch sind meine Eltern jung, doch das wird nicht für immer so bleiben.

 

Ich gehe die Treppe zu ihnen hinauf und ergreife die Hände, die mir meine Mutter entgegenstreckt. Sie zieht mich an sich und küsst mich auf beide Wangen.

 

„Wie schön, dass du da bist, mein Kind.“ Ich kann beinahe körperlich spüren, wie ernst sie das meint und schenke ihr ein Lächeln.

 

„Es ist so schön, wieder hier zu sein, Mom!“

 

Ich wende mich meinem Vater zu, der seine Hände auf meine Oberarme legt und mir den Scheitel küsst. Diese Geste rührt mich fast zu Tränen, denn sie erinnert mich an die Zeit, als wir noch Kinder waren. Jetzt gerade fühle ich mich wieder wie mit neun oder zehn Jahren.

 

Um nicht völlig von meinen Gefühlen überwältigt zu werden, schmiege ich mich schnell in seine Arme und drücke ihn an mich. „Dad“, sage ich nur. Mehr Worte sind nicht nötig.

 

Er tätschelt mir den Rücken und schiebt mich dann von sich. Prüfend sieht er mich an. „Gibt es in Los Angeles nichts Anständiges zu essen? Du bist viel zu dünn“, murrt er. Ich lache laut auf, was ihn wenig beeindruckt. Er wendet sich meiner Mutter zu. „Lizzy, schau, wie dünn unser Mädchen ist. Das kann nicht gesund sein“, schimpft er. „Überhaupt nicht gesund.“

 

„Ich esse genug, Dad. Mach dir keine Sorgen.“ Ich hake mich bei ihm unter, als er ins Haus geht. Es ist möglich, dass ich in den vergangenen Monaten ein bisschen abgenommen habe. Der Stress in der Medical School und das viele Lernen nehmen eine Menge Zeit in Anspruch. Oft sind ein schnelles Mittagessen in der Mensa und am Abend ein kleiner Obstsalat die einzigen Mahlzeiten am Tag.

 

Hier daheim hat sich kaum etwas verändert. Nach meinem letzten Besuch wurden die Wände frisch gestrichen. Die Möbel sind immer noch die alten. Die meisten der Gegenstände stehen schon immer hier in dem kleinen Haus meiner Eltern. Mich überkommt ein wohltuendes Gefühl der Vertrautheit und Geborgenheit.

 

Gemeinsam mit meiner Familie nehme ich im Esszimmer an der liebevoll gedeckten Tafel Platz und setzte mich auf den Stuhl neben Emily, der schon immer meiner war. Mein Blick schweift über den Tisch. Mom hat einen Kuchen gebacken und der köstliche Duft hängt wie eine süße Wolke in der Luft. Zur Feier des Tages hat sie ein weißes Tischtuch aufgelegt und das gute Geschirr hervorgeholt. Diese Geste rührt mich sehr, denn sie macht mir schmerzlich bewusst, dass mein Besuch für meine Eltern etwas Besonderes ist. Und sie haben Recht damit, ich hätte mich öfter blicken lassen sollen. Es ist nicht so, dass sie irgendetwas von mir erwarten, denn sie sind glücklich in ihrem eigenen Leben. Trotzdem gelobe ich still Besserung.

 

Natürlich ist mir klar, dass meine Familie nicht der Grund ist, warum ich so gut wie nie nach Hayden Grove komme. Und ich bin sicher, dass es ihnen ebenfalls klar ist.

 

Als könne sie meine Gedanken lesen, greift Emily nach meiner Hand und dreht sich zu mir. „Weißt du schon, dass Joshua wieder in der Stadt ist?“

 

Mein Herz setzt für einen Schlag aus, als ich realisiere, dass meine Schwester von Joshua Grady spricht. Josh ist nicht nur ein Freund aus der Schulzeit, sondern auch der Gitarrist von Come2Kiss.

 

Mein Verstand kombiniert blitzschnell. Wenn Joshua hier ist, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Jamie ebenfalls hier ist. Mir weicht gefühlt alle Farbe aus dem Gesicht, doch in ihrer Aufregung bemerkt Emily nichts davon.

 

„Ich habe ihn zu meinem Geburtstag eingeladen und er hat zugesagt. Und weißt du, was er noch gesagt hat? Er will die anderen Jungs überreden, mitzukommen. Irre, oder?“

 

Ich schaue sie entgeistert an und habe Mühe, all die Informationen in meinem Kopf zu sortieren und einzuordnen. Mit den anderen Jungs meint Emily vermutlich die übrigen Bandmitglieder und das schließt Jamie mit ein.

 

„Du sagst ja gar nichts, Mila“, höre ich die enttäuschte Stimme meiner Schwester.

 

„Was? Ach so, ja, das ist wirklich großartig“. Mir fällt gerade nichts besseres ein, denn ich möchte sie auch nicht verletzen. Sie kann nicht ahnen, dass ich nach all den Jahren immer noch an Jamie hänge.

 

Emily schaut mich zweifelnd an. „Ist alles in Ordnung?“, will sie wissen. „Machst du dir Gedanken wegen Jamie?“

 

Ein Kloß bildet sich in meinem Hals. Noch während ich versuche, ihn herunterzuschlucken, vernehme ich einen verachtenden Laut aus dem Mund meines Vaters, als er Jamies Namen hört. Mit Mühe und Not gelingt es mir, zu lächeln, als ich meiner kleinen Schwester über die Wange streichle.

 

„Nein, alles gut, wirklich. Ich freue mich wahnsinnig für dich. Das wird dein Tag und wir werden dafür sorgen, dass er großartig wird.“

 

Ich bin eine schlechte Lügnerin, aber dieses Mal scheine ich überzeugend gewesen zu sein. Sie strahlt wieder über beide Ohren und drückt meine Hand. Zu meinem Glück kommt in diesem Augenblick meine Mutter mit der frisch geschlagenen Sahne aus der Küche und unterbricht die für mich unangenehme Situation.

 

„Ihr habt ja den Kuchen noch gar nicht verteilt“, rügt sie uns Mädchen. Sie wendet sich ihrem Mann zu und weist ihn an, uns Kaffee einzuschenken. Innerlich grinse ich, denn meine Mom hat wie immer alles und jeden im Griff. Wir folgen ausnahmslos alle ihren Anweisungen. Nach Hause kommen kann so schön sein, merke ich und beschließe, die nächsten Stunden, Tage und Wochen im Kreise meiner Liebsten in vollen Zügen zu genießen. An Jamie hingegen möchte ich keinen einzigen Gedanken mehr verschwenden.

 

Nachdem wir bei Kaffee und Kuchen die wichtigsten Neuigkeiten ausgetauscht haben, habe ich meinen Koffer aus dem Wagen geholt und in mein altes Zimmer gebracht. Hier hat sich seit meinem Auszug nichts verändert. Meine Eltern haben alles so gelassen, wie es war. Das hier ist mein Reich und wird es immer bleiben.

 

Ich schließe die Tür, stelle mein Gepäck vor dem Schrank ab und setze mich auf das Bett. Es ist frisch bezogen, ich nehme den zarten Duft der Lavendelsäckchen aus dem Wäscheschrank wahr. Die cremefarbene Tagesdecke, die meine Urgroßmutter einst für mich gehäkelt hat, liegt sorgsam zusammengefaltet am Fußende. Auf dem kleinen Nachttisch neben dem Bett steht die mir so vertraute Lampe mit dem weißen und mit roten Rosen verzierten Schirm. Sie ist inzwischen etwas aus der Mode gekommen, aber ich liebe sie. Die schlichte cremefarbene Tapete fällt nur durch die feinen, glänzenden Streifen in zartrosa auf. Mein Gott, lange habe ich damals gebettelt, um genau diese Tapete zu bekommen, denn sie war ziemlich teuer. Letzten Endes haben meine Eltern mir diesen Wunsch dann doch erfüllt.

 

Wir gehören hier in der Stadt zu den Familien mit einem eher bescheidenen Einkommen, trotzdem hat es Emily und mir nie an irgendetwas gefehlt. Seit meiner Geburt haben Mom und Dad für mich gespart, damit ich das College besuchen kann. Ich sollte die Ausbildung erhalten, die ich mir wünsche.

 

Und auch für Emily gab es stets genug Geld für Reitstunden, bis sie anfing, sich ihre Stunden durch die Arbeit auf dem Reiterhof selbst zu verdienen. Erst jetzt wird mir klar, wie oft meine Eltern zurückstecken mussten, damit wir alles hatten, was wir uns wünschten. Ich hoffe, ich bin irgendwann in der Lage, ihnen ein bisschen von all dem zurückzugeben.

 

Mit einem tiefen Seufzer erhebe ich mich und hieve den schweren Koffer auf das Bett. Sorgfältig räume ich die Kleidung in den Schrank, in dem immer noch einige meiner alten Kleidungsstücke hängen. Da ich den leeren Koffer erst am Ende des Sommers wieder brauchen werde, schiebe ich ihn unter das Bett. Hier stört er niemanden und steht nicht im Weg. Ich beschließe, einen Spaziergang zu machen. Das hat mir schon immer geholfen, einen freien Kopf zu bekommen, denn ob ich will oder nicht, die Gedanken an Jamie lassen mich seit Emilys Offenbarung im Esszimmer nicht mehr los.

 

Ich greife nach meiner Handtasche und stecke mir eine Sonnenbrille ins Haar. Um diese Jahreszeit bleibt es lange sonnig und heiß, auch am frühen Abend noch. Etwas Bewegung an der frischen Luft wird mir nach diesem anstrengenden Tag guttun. Ich verlasse mein Zimmer, gebe kurz meinen Eltern Bescheid und mache mich auf den Weg zum Strand.

 

Es ist ein tolles Gefühl, wieder an diesem Strand zu sein. Viel Zeit habe ich hier verbracht, als Kind mit meinen Eltern, als Teenager mit meinen Freunden und als Heranwachsende mit Jamie. Mir wird jetzt erst klar, wie sehr ich die raue Schönheit des Meeres vermisst habe.

 

Natürlich könnte ich auch in Los Angeles an einen der zahlreichen Strände gehen, aber mein Appartement liegt im Stadtkern, also nicht gerade in direkter Nähe zum Meer. Außerdem bin ich oft zu beschäftigt, ich verbringe meine Zeit lieber mit Lernen oder wie zuletzt, mit den Vorbereitungen für das bevorstehende Praktikum in der Klinik.

 

Nun, wo ich wieder hier an unserem Strand stehe, wird mein Herz plötzlich schwer. Verdammt, Jamie, denke ich und lasse mich mit einem tiefen Seufzer in den Sand fallen. Er fühlt sich warm an unter meinen Fingern. Ich wende mein Gesicht den wärmenden Sonnenstrahlen zu und schließe die Augen. Ein feiner Windzug streift meine Haut und ich bilde mir ein, es wären Jamies Finger, die sanft über meine Wange streicheln. Ihn in der Nähe zu wissen, lässt meinen Puls schneller gehen, auch wenn ich weiß, dass das nicht so sein sollte. Ich kann nicht zulassen, dass dieser Mistkerl sich wieder in meine Gedanken und – Gott bewahre! – in mein Herz drängt.

 

Noch bevor ich mich weiter in meine Wut auf Jamie hineinsteigern kann, nehme ich neben mir erst ein Geräusch und gleich darauf eine Bewegung wahr. Ich öffne die Augen und blicke in das Gesicht eines braunen Labradors. Direkt neben meine Hand lässt er ein Stöckchen fallen. Um mich zu ermuntern, mit ihm zu spielen, schiebt er das kleine Stück Holz mit seiner Schnauze wiederholt gegen meine Finger. Mit ausgestreckter Hand streichle ich dem Hund über den Kopf. Auch, als ich mich aufsetze und umsehe, kann aber weit und breit keinen Besitzer ausmachen.

 

Der Labrador schnuppert an meiner Hand. Zum Glück fürchte ich mich nicht vor Tieren – Pferde einmal ausgenommen –, denn ich bin mit ihnen aufgewachsen. Meine Großeltern besitzen eine kleine Farm. Und auch, wenn sie den landwirtschaftlichen Betrieb inzwischen eingestellt haben, finden dort immer noch Hund, Katz und Maus in ausreichend großer Menge ein Zuhause.

 

„Hey, du frecher Kerl“, begrüße ich den Hund, der jetzt schwanzwedelnd versucht, mein Gesicht abzulecken. Ich drücke ihn lachend beiseite, greife mir den Stock und werfe ihn, soweit ich kann. Sofort springt das Tier hinter seiner hölzernen Beute her, nimmt sie in seine Schnauze und bringt sie zu mir zurück. „Gut gemacht“, lobe ich ihn, während ich ihm das Stöckchen aus dem Maul nehme und erneut werfe.

 

In diesem Moment zieht ein Jogger meine Aufmerksamkeit auf sich, der lauthals nach seinem Hund ruft. Er trägt eine dunkelblaue, kurze Sporthose und ein weißes Achselshirt. Seine Füße stecken in teuren Laufschuhen, die in einem hellen Grün leuchten. Der Labrador läuft ihm freudig entgegen. Schimpfend leint der Mann ihn an und sieht sich um. Ich beobachte die beiden, als sie auf mich zukommen. Der Hund ist jetzt, an der Leine, ganz unterwürfig und geht brav bei Fuß. Sein Besitzer hat einen muskulösen, sportlichen Körper und einen selbstbewussten Gang. Seine Haare sind dunkelbraun und leicht gelockt, die Haut ist von der Sonne gebräunt. Seine hellgrauen Augen heben sich deutlich von seinem Teint ab und wirken intensiv und ausdrucksstark.

 

Moment mal! Diese Augen habe ich schon einmal gesehen. Ich kenne nur einen Menschen, der derart schöne graue Augen hat. Mein Herz fängt an, schneller zu schlagen.

 

Als er näher kommt, erkenne ich, dass ich Recht habe. Es ist TJ Hilton, ein früherer Freund aus unserer Clique und der Schlagzeuger von Come2Kiss. Auf den ersten Blick habe ich ihn gar nicht erkannt, vielleicht auch, weil ich nicht damit gerechnet habe, ihn hier zu treffen. Er scheint mich nicht zu erkennen, selbst, als er bei mir ist und mich anspricht.

 

„Entschuldigen Sie bitte. Mein Kumpel Charles ist sonst nicht so ungezogen“, erklärt er und tätschelt seinem Hund liebevoll den Kopf.

 

Ich lache, erhebe mich und klopfe mir den Sand von der Hose. Jetzt, wo ich direkt vor ihm stehe, erkennt TJ mich ebenfalls.

 

„Mila?“ Seine Stimme klingt ungläubig und erfreut zugleich.

 

„Hallo TJ“, begrüße ich ihn und schenke ihm ein Lächeln.

 

TJ mache einen weiteren Schritt auf mich zu und umarmt mich, so wie wir es früher untereinander immer gemacht haben. Ich lache verlegen und erwidere die Umarmung.

 

„Wow, ist das schön, dich zu sehen. Gut siehst du aus“, sagt er und ich merke, dass er es ernst meint. Seine Augen strahlen und bestätigen das Lächeln, das sich auf seinem Gesicht zeigt.

 

„Das gleiche kann ich von dir behaupten“, reagiere ich auf das Kompliment, und das ist ebenfalls nicht gelogen.

 

„Wir haben uns ja wirklich eine Ewigkeit nicht gesehen. Bleibst du länger in der Stadt?“, erkundigt er sich.

 

Zustimmend nicke ich. „Den ganzen Sommer werde ich hier sein.“

 

„Das ist toll. Dann müssen wir uns auf jeden Fall treffen. Ich möchte wissen, wie es dir so ergangen ist“, schlägt er vor.

 

Ich bin vollkommen seiner Meinung. „Unbedingt.“ Mehr fällt mir im Moment nicht dazu ein. Und plötzlich, wie aus dem Nichts heraus ändert sich die Stimmung zwischen uns. Ein unangenehmes Schweigen breitet sich aus.

 

„Hast du Jamie schon gesehen?“, fragt TJ geradeheraus und mein Lachen erstirbt auf meinen Lippen.

 

„Nein!“ Meine Antwort ist kurz und kühl, er nickt nur.

 

„Weiß er überhaupt, dass du hier bist?“

 

„Keine Ahnung“, gebe ich ehrlich zu. Von seiner Anwesenheit habe ich selbst ja auch erst an diesem Nachmittag erfahren.

 

Ein beklemmendes Gefühl hat mich und TJ fest im Griff. Das unglückselige Ende zwischen mir und Jamie hat offensichtlich auch die anderen Bandmitglieder belastet. Vermutlich haben die Jungs ebenfalls nicht verstanden, was schief gelaufen ist bei uns.

 

TJ findet als Erster seine Stimme wieder. „Ihr solltet euch aussprechen, Mila“, sagt er. In seiner Miene liegt eine Mischung aus Bedauern und Zuneigung.

 

„Sein Schweigen hat alles gesagt, was ich wissen muss“, gebe ich zurück und versuche, nicht trotzig zu klingen, während ich seinem Blick standhalte.

 

TJ öffnet seinen Mund, als wolle er noch etwas antworten, überlegt es sich allerdings anders. Er wendet seinen Kopf ab und fährt sich mit der Hand durch das Haar. Dann sieht er wieder zu mir herab und legt seine Hand auf meine Wange. Für einen kurzen Moment schließe ich die Augen.

 

„Glaube mir, du solltest mit ihm sprechen. Unbedingt! Obwohl Jamie es niemals zugeben würde, fehlst du ihm immer noch.“ Als ich nichts sage, nimmt TJ seine Hand weg und steckt beide Hände in die Hosentaschen. „Versprich mir, dass du wenigstens darüber nachdenkst. Hayden Grove ist klein, ihr werdet euch nicht ewig aus dem Weg gehen können.“

 

Natürlich weiß ich, dass er recht hat. Aber was erwartet er jetzt von mir? Soll ich vielleicht Mitleid mit Jamie haben? Garantiert nicht! Um das Thema abzukürzen, verspreche ich es ihm. Für den Moment gibt er sich damit zufrieden.

 

Nach einer kurzen Weile berührt er mich an der Schulter. „Ich muss leider los, Mila“, erklärt er.

 

Ich nicke lächelnd. „Ja, ich werde ebenfalls langsam nach Hause gehen, bevor mein Vater vor Sorge die Polizei alarmiert.“

 

TJ lacht laut auf. Mir fällt auf, dass er in natura noch besser aussieht, als auf den Fotos und in den Videos. Die Damenwelt wird ihm zu Füßen liegen, da bin ich mir sicher. Und wäre er nicht mein Freund und der von Jamie, so fiele er ganz bestimmt auch in mein Beuteschema.

 

Um mich auf andere Gedanken zu bringen, beuge ich mich hinunter zu Charles, der artig neben TJs Füßen liegt. Ich streiche liebevoll über sein weiches Fell. „Bis dann, mein Freund“, verabschiede ich mich und wende mich wieder seinem Herrchen zu. Ich umarme TJ kurz. „Ich habe mich so gefreut, dich zu treffen.“

 

„Ja, ich mich auch. Wir sehen uns bald, spätestens beim Geburtstag deiner Schwester“, erinnert er mich an diese Tatsache, die ich bis dahin erfolgreich zu verdrängen versucht habe.

 

TJ dreht sich um und geht. Als er mit Charles außer Sichtweite ist, greife ich nach meiner Handtasche und mache mich ebenfalls auf den Weg nach Hause.