Leseprobe

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Bayside Affairs: Parker & Zoe

Kim Valentine


 

Kapitel 1 – Zoe

 

 

 

Als ich die Leseliste überflog, die ich mir gestern aus dem internen Uni-Portal heruntergeladen hatte, stieg ein Kichern in mir auf. Die Liste war lang und abwechslungsreich. Gespickt mit hochkarätigen Klassikern und weniger bekannten Werken verschiedenster Schriftsteller. Die meisten Bücher auf ihr hatte ich mindestens einmal gelesen, sie lagen mit zahlreichen Post-its versehen in meinem Wohnheimzimmer oder zuhause bei meiner Mom. Zuhause war Morrison, ein verschlafenes Siebenhundert-Seelen-Kaff mitten in Tennessee. Ich würde meine Mutter nachher anrufen, damit sie mir ein Paket mit den Büchern zurechtmachte, die ich benötigte.

 

So manchem, der mit mir den Fortgeschrittenenkurs in englischer Literatur belegt hatte, standen nach dem Überfliegen der Liste sicher bereits die Schweißperlen auf der Stirn. Ich hingegen brannte nun noch mehr auf mein zweites Semester am Bayside College. Mein Ziel war es, Lehrerin zu werden, aber meine Lese-Leidenschaft hatte mich förmlich dazu gedrängt, englische Literatur im Nebenfach zu belegen.

 

Das BSC, wie meine Universität auch genannt wurde, war eine eher kleine Einrichtung mit nur etwa eintausendzweihundert Studenten. Trotzdem oder gerade deswegen galt es als eine der Top-Adressen an der Ostküste. Für die Tochter einer alleinerziehenden Mutter mit unbekanntem Vater wären die Studiengebühren niemals zu stemmen gewesen, doch es hatte seinen Vorteil, mit den Sprösslingen der oberen zehntausend Floridas zur Schule zu gehen.

 

Es gab ein Komitee, welches das ganze Jahr über Gelder sammelte, die dafür verwendet wurden, Leuten wie mir die Möglichkeit zu geben, in den Genuss einer hochkarätigen Ausbildung zu kommen. Dasselbe Komitee überwachte streng, ob sich die Stipendiaten an die Auflagen hielten. Daher beschloss ich, die Bücher der Liste nochmals zu lesen, um zu beweisen, dass sie sich zu Recht für mich entschieden hatten. Die meisten der am BSC immatrikulierten Studenten waren auf finanzielle Hilfe nicht angewiesen, da ihnen ihre Erzeuger mehr Kohle in ihre mit Designerklamotten verhüllten Hintern pusteten, als sie jemals ausgeben konnten.

 

Ich war dankbar, hier sein zu dürfen. Als ich die Formulare vor knapp einem Jahr in der einzigen Postfiliale in Morrison abgeschickt hatte, hatte ich nie gedacht, dass ich wirklich eine Zusage bekommen würde.

 

Obwohl man am Bayside College viel Wert auf ein harmonisches Miteinander legte, war die Kluft zwischen arm und reich deutlich zu sehen, wenn man genauer hinsah.

 

Die Reichen blieben unter sich und die Stipendiaten taten es ihnen gleich. Natürlich gab es einige wenige Ausnahmen.

 

Mein Handy, das ich in der Hand hielt, vibrierte und ich lächelte, als ich auf das Display blickte. Eine dieser Ausnahmen, denen es nichts ausmachte, dass man noch nie auf St. Barts gewesen war, und nicht wusste, wie Champagner oder Austern schmeckten, rief mich soeben an. Doch schließlich war Dylan nicht umsonst mein bester Freund.

 

„Hey D, was gibt es?“, grüßte ich ihn und das schwere Seufzen, das er meiner Begrüßung folgen ließ, verhieß nichts Gutes.

 

„Zoe, du weißt, dass ich dich liebe und dich nicht darum bitten würde, falls ich eine Alternative hätte“, eröffnete er das Gespräch und ich wurde sofort hellhörig.

 

Dylan gehörte definitiv zu den oberen zehntausend, aber seine Familie unterschied sich von den anderen, indem sie diesen Reichtum nicht so offensiv zur Schau stellte. Seine Mom betrieb das Safe Haven, obwohl sie es sich wie viele Society-Mütter leisten könnte, um die Welt zu jetten und keinen Finger zu krümmen. Es war das inoffizielle Uni-Café, in dem ich jobbte. Sie hatte mir, als ich ein Erstsemester gewesen war, den Job gegeben, worüber ich auch Dylan kennengelernt hatte, der trotz des familiären Finanzpolsters freitags in der Küche aushalf. Mein bester Freund war das, was man wohl einen typischen Sonnyboy nennen würde. Er hatte stets ein Lächeln auf den Lippen und war immer für einen Scherz gut.

 

„Du machst mir Angst“, scherzte ich, stand vom Schreibtisch auf, ging hinüber zum Fenster meines Wohnheimzimmers und sah hinaus auf die gepflegten Grünflächen.

 

Er lachte nervös. „Du musst keine Angst haben. Na ja, vielleicht ein bisschen.“

 

„Dylan“, mahnte ich ihn, „komm zum Punkt.“

 

„Du musst ein Interview für mich übernehmen“, antwortete er schnell und ich glaubte, gehört zu haben, wie er anschließend nach Luft geschnappt hatte.

 

Mein bester Freund war der Star-Runningback des College-Footballteams. Da ihm das Risiko, das eine Sportler-Karriere mit sich brachte, jedoch bekannt war, studierte er Sport-Journalismus im Hauptfach. Erfahrung sammelte er, indem er für die Uni-Zeitung schrieb. Ein kluger Schachzug, wie ich fand.

 

„Mit wem? Wann? Wieso kannst du das nicht selbst?“

 

„Zoe, ich … ich soll Parker interviewen.“

 

„Oh“, war alles, was mir dazu einfiel, denn ich kannte nur einen Parker, mit dem Dylan nicht bereit war, ein Interview zu führen. Mir war sofort klar, dass er vom Schwimmstar des BSC sprach, der mit seiner Unnahbarkeit fast schon einen Legendenstatus innehatte.

 

„Die anderen aus der Redaktion sind anderweitig beschäftigt, weshalb mein Chefredakteur mich hinschicken will.“

 

Ich lachte trocken auf. Wie konnte der Chefredakteur das nur für eine gute Idee halten?

 

„Ja, so ähnlich ging es mir auch“, sagte Dylan zerknirscht.

 

Sport spielte am BSC allgemein eine enorm große Rolle, aber die beeindruckendste Sportstätte hatten definitiv die Schwimmer. Die Halle war erst im vergangenen Jahr eingeweiht worden und Professor Warner, der Präsident des BSC, wurde seitdem nicht müde, zu betonen, wie stolz er darauf war, dass sich die modernste Schwimmanlage des Landes auf seinem Campus befand. Die Footballer fühlten sich benachteiligt, was den ohnehin schon schwelenden Konkurrenzkampf, der beinahe noch legendärer war, als Parker Laffertys Unnahbarkeit, weiter schürte. Für gewöhnlich machten die Angehörigen beider Teams einen Bogen umeinander, was jedoch keine nennenswerte positive Auswirkung auf die feindselige Grundstimmung für die jeweilige Gegenpartei hatte.

 

Ich seufzte und überlegte. Warum ausgerechnet Parker Lafferty? Eher würde ich Mr. Barett, unseren etwas unheimlichen Hausmeister interviewen, als den Typen, der das Paradebeispiel eines arroganten Arschlochs war.

 

Diese Tatsache änderte allerdings nichts daran, dass man ihm auf den Fluren anerkennend zunickte und die Frauen ihm schmachtende Blicke zuwarfen. Parker war ein Semester über mir und ich wusste, dass die Schwimmhalle bei seinem ersten öffentlichen Training aus allen Nähten geplatzt war. Er führte das Schwimmteam an, hatte bereits mehrere über zwei Jahrzehnte alte Uni-Rekorde gebrochen und war letztes Jahr für das Team USA für die Schwimm-Weltmeisterschaften nominiert gewesen. Eine Muskelverletzung hatte jedoch verhindert, dass er sich mit den Besten der Welt messen konnte, was seine Erträglichkeit natürlich nicht verbessert hatte.

 

Allein die Rivalität zwischen den beiden Sportmannschaften sorgte dafür, dass dieses Interview unter einem schlechten Stern stand – das wusste selbst ich! Wie also der Chefredakteur auf die Idee kam, es wäre gut, wenn er Dylan zu Lafferty schickte, war mir schleierhaft.

 

„Wann und wo?“

 

„In einer Stunde bei ihm zuhause.“

 

„Was?! Ich soll zu ihm nach Hause?“, rief ich und ließ dabei fast mein Telefon fallen.

 

„Zoe, mir ist bewusst, was ich da verlange, allerdings würde Parker mich nicht mal in die Nähe des Klingelknopfes lassen, geschweige denn, mir eine Frage beantworten.“

 

Ich schloss die Lider, kniff mir in die Nasenwurzel und überlegte, welche Möglichkeiten uns blieben. Uns. Verdammt! In Gedanken hatte ich der Sache offenbar bereits zugestimmt. Mist! Es war vollkommen klar, dass Dylan dieses Interview nicht führen konnte. Ein Footballer und ein Schwimmer unbeaufsichtigt unter einem Dach – das konnte nicht gut gehen.

 

„In Ordnung. Ich mach’s. Aber nur, weil ich dich liebe.“

 

„Ich liebe dich auch“, erwiderte er und ich konnte das Lächeln in Dylans Stimme hören. Wir wussten beide, dass sich unsere Zuneigung auf einer rein platonischen Ebene bewegte. Schließlich war Dylan seit vier Jahren mit seiner High-School-Liebe Rachel zusammen. „Die Fragen maile ich dir gleich. Lass dich von ihm nicht unterkriegen, Zoe“, verabschiedete er sich und legte auf.

 

Nachdenklich tippte ich mit dem Zeigefinger gegen meine Unterlippe und versuchte, herauszufinden, ob das gerade eine kluge Entscheidung gewesen war. Ich war Parker zwar schon einige Male über den Weg gelaufen, aber ich bezweifelte, dass er mich jemals bemerkt hatte. Er war viel zu sehr damit beschäftigt, genervt oder herablassend dreinzublicken und den Einzelgänger zu mimen.

 

Mit etwas Glück kannte er mich gar nicht und ich konnte ein relativ unvoreingenommenes Interview mit ihm führen. Fragen stellen und die Antworten notieren. Was sollte daran schwer sein? Offenbar traute mein bester Freund mir das zu, ansonsten hätte er mich schließlich gar nicht erst gefragt. Mein Handy riss mich aus meinen Gedanken, als es mit einem Vibrieren den Eingang einer E-Mail anzeigte. Ich öffnete sie und fand im Anhang die Liste mit den Fragen. Bereits als ich die ersten Zeilen überflog, wusste ich plötzlich, dass es eine schlechte Idee gewesen war, Dylans Bitte zuzustimmen.

 

Meine Finger zitterten, als ich seine Nummer wählte. Unzählige Flüche lagen mir auf der Zunge, denn ich war mir sicher, dass er haargenau gewusst hatte, was er mir aufbürdete.

 

„Hallo, hier ist die Mailbox von Dylan. Sprich nach dem Piepton und ich rufe dich zurück.“

 

„Ich kann es nicht fassen!“, fauchte ich auf das Band. „Soll ich Lafferty allen Ernstes fragen, in welchen Klamotten er schläft?! Und ob er Boxershorts oder Slips bevorzugt?! Er wird mich bei lebendigem Leib verspeisen! Du schuldest mir was. Und zwar jede Menge! Gott Dylan!“

 

Dann legte ich auf und begann, die Energie, die mir meine Wut verlieh, abzubauen, indem ich auf- und ablief. Am liebsten würde ich meine Zusage zurückziehen, aber ich war niemand, der sein Wort gab und es im Anschluss nicht hielt. Für Parker war ich eine Fremde und ich hoffte, dass er mich vergessen würde, sobald ich dieses Interview beendet hatte.


 

 

Kapitel 2 – Parker

 

 

 

Ein Interview! Als ob ich auf sowas Bock hatte! Es war nicht so, dass mir die Zeit fehlte. Neben meinem täglichen Schwimmtraining hatte ich kaum etwas zu tun, außer die stinklangweiligen Bücher zu lesen, die wir im Grundkurs englische Literatur durchkauen mussten. Ursprünglich hatte ich nicht wirklich vorgehabt, das zu tun. Schließlich hatte ich den Kurs nur belegt, weil ich gedacht hatte, dass ich hier am einfachsten durchkam. Allerdings hatte ich die Rechnung ohne Professorin Ellington gemacht. Sie erwartete doch tatsächlich von mir, dass ich Zeug wie ‚Der Tod in Venedig‘ oder ‚Das Bildnis des Dorian Grey‘ las! Und nicht nur das. Ich sollte Interpretationen verfassen und mit meinen Kommilitonen darüber diskutieren, was die Autoren damit hatten sagen wollen.

 

Als ob das irgendwen, als ob mich das interessierte! Wie Ellington nach Luft geschnappt hatte, als ich ihr genau das gesagt und anschließend den Hörsaal verlassen hatte, war wirklich amüsant gewesen. Sollte die alte Schachtel denken, was sie wollte. Niemand scherte sich um irgendwelchen Kram, der vor hundert Jahren verfasst worden war. Heutzutage waren die Tweets von letzter Woche schon uninteressant. Wieso sollte es dann mit Büchern anders sein?

 

Ich warf meine Spindtür fester als nötig zu, schnappte meine Tasche und verließ die Schwimmhalle. Die kleine Meinungsverschiedenheit mit Ellington nervte mich, und nun musste ich zu allem Überfluss auch noch dieses Interview hinter mich bringen. Hätte mich mein Coach nicht dazu gedrängt, hätte ich diesem Scheiß niemals zugestimmt. Ich hatte keine Lust darauf, jemandem etwas von mir zu erzählen, denn diese sich immer wiederholenden Standardfragen hatte ich inzwischen dutzende Male beantwortet. Glücklicherweise hatte ich meine Bedingung durchsetzen können, dass dieser Typ von der Uni-Zeitung zu mir nach Hause kam. Wer hatte schon Bock, in einem miefigen Büro zu sitzen, wenn er die Beine in einen Pool hängen konnte?

 

Hoffentlich war der Chefredakteur schlau genug, mir nicht Dylan Hayward, diesen aufgeblasenen Runningback vorbeizuschicken. Sollte das der Fall sein, wäre dieses Interview beendet, ehe es angefangen hatte. Mir reichte es, diesen dämlichen Footballern auf dem Campus über den Weg zu laufen, das war für meinen Geschmack bereits zu viel. Ich wollte ihre selbstzufriedenen Visagen überhaupt nicht sehen und schon gar nicht bei mir zuhause!

 

Mit offenem Verdeck legte ich die Strecke nach Key Biscayne zurück und scherte mich nicht im Geringsten darum, dass ich spät dran war. Als ich in die Einfahrt zu meiner Villa bog, fiel mein Blick auf den in die Jahre gekommenen Ford Fiesta, der vor dem schmiedeeisernen Tor stand. Das war definitiv nicht Dylan, doch das bedeutete nicht, dass ich mich deswegen auf diese Zeitverschwendung freute. Ich stoppte in einigem Abstand neben der Karre, damit sich mein Porsche keinen Flugrost holte.

 

Aufgrund der Hitze und der Tatsache, dass der alte Wagen keine Klimaanlage besaß, hatte die Fahrerin das Fenster heruntergelassen. Die verspiegelten Gläser ihrer Sonnenbrille blitzten auf, als sie den Kopf in meine Richtung wandte.

 

„Kommst du wegen des Interviews?“, fragte ich und verzichtete auf eine Begrüßung. Schließlich war das kein Höflichkeitsbesuch. Sie nickte und hielt zum Beweis ihren Studentenausweis, einen Stift und ein Notizbuch in die Höhe. „Fahr mir nach“, wies ich sie an, öffnete das Tor mittels der Fernbedienung und ließ den Motor aufheulen. Wohl wissend, dass sie mir in ihrer Klapperkiste nicht folgen konnte, rauschte ich die Auffahrt hoch und stellte den Porsche im Schatten vor dem Eingang ab. Anschließend stieg ich aus und lehnte mich mit verschränkten Armen gegen die Fahrertür. Betont gelangweilt verfolgte ich, wie der Fiesta über den Kies kroch. „Park dort drüben“, befahl ich und deutete auf eine Stelle, die in der prallen Sonne lag. Hier würde sich in den nächsten Stunden kein Fleck Schatten befinden, sodass diese Tussi von der Uni-Zeitung ihre Heimreise in einem Backofen antreten konnte. Ich scherte mich einen Scheißdreck darum.

 

Durch die dunklen Gläser meiner Ray-Ban-Sonnenbrille beobachtete ich, wie sie den Wagen parkte, ihre Sachen zusammenkramte und ausstieg. Sie trug eine enge schwarze Jeans, die an den Oberschenkeln zerschlissen war und ein Tanktop, das sich eng an ihre Brüste schmiegte.

 

Ja, ich glotzte ihr auf die Oberweite. Ich war ein Kerl. Sowas lag mir in den Genen. Ich musste anerkennen, dass sich die Redaktion immerhin drauf besonnen hatte, mir was fürs Auge zu schicken. Sie warf ihre karamellfarbenen Haare über ihre nackte Schulter und marschierte auf mich zu. Je näher sie kam, umso stärker wurde das seltsame Gefühl in meinem Magen. Hatte ich sie schon einmal irgendwo gesehen? Ich kümmerte mich nicht groß um meine Kommilitonen, was jedoch nicht hieß, dass ich mit Scheuklappen durch die Gegend lief.

 

„Hallo, ich bin Zoe“, stellte sie sich vor und reichte mir ihre Hand, die ich ignorierte.

 

„Zoe“, wiederholte ich gedehnt und musterte sie ausgiebig.

 

Falls ich darauf aus gewesen wäre, jemanden aufzureißen, hätte ich vermutlich an ihr vorbeigesehen. Doch nun, da sie allein vor mir stand, fielen mir ihre schlanke Figur und besonders ihre Brüste ins Auge. Gewöhnlich mochte ich meine Frauen üppiger, aber ihre Proportionen passten zu ihrer zierlichen Erscheinung, was ich von ihren Klamotten nicht behaupten konnte. Die Jeans war nun als eine discountertypische Billigarbeit zu erkennen und das Tanktop wirkte, als hätte sie es bei der Heilsarmee abgestaubt. Und wenn ich eines hasste, waren das Chucks. Jeder Trottel, der cool sein wollte, lief mit diesen unförmigen Schuhen herum. Ich sollte ein Schild ans Tor hängen, dass allen, die diese potthässlichen Latschen trugen, den Zutritt verbot.

 

„Wollen wir?“, fragte sie und obwohl sie darauf achtete, sich möglichst unbeeindruckt zu geben, erkannte ich, wie sie trocken schluckte und von einem Bein auf das andere trat.

 

„Von wollen kann keine Rede sein“, brummte ich, stieß mich von meinem Wagen ab und ging die breite Eingangstreppe hinauf zur Haustür. Die Zeitungs-Tussi würde mir schon folgen, ohne dass ich den roten Teppich vor ihr ausrollte. Falls nicht, war das ihr Pech. Mir war klar, dass ich mich wie das letzte Arschloch verhielt, aber es war mir herzlich egal, was die Uni-Zeitung von mir dachte. Ihre dämlichen Fragen würde ich beantworten und damit war die Angelegenheit für mich erledigt. Gastgebermanieren waren nie gefordert worden. Ich drückte die Eingangstür auf, woraufhin mir klimatisierte Luft entgegenschlug. Augenblicklich kam Millie, unsere Haushälterin um die Ecke.

 

„Guten Tag, Mr. Lafferty, ich habe ein Steak mit grünen Bohnen für Sie vorbereitet“, informierte sie mich.

 

„Danke, ich brauche nichts.“ Mit langen Schritten lief ich durch die Eingangshalle und rang den Anflug des schlechten Gewissens nieder, da ich für gewöhnlich freundlicher zu Millie war. Immerhin war sie besonders, als das Geschäft meiner Mutter noch in den Kinderschuhen gesteckt und all ihre Zeit in Anspruch genommen hatte, meine Bezugsperson gewesen.

 

Meine Mom betrieb eine erfolgreiche Boutiquen-Kette und war so gut wie nie zuhause. Darüber, wer mein Vater war, schwieg sie eisern und ich vermutete, dass sie einen triftigen Grund dafür hatte. Im Teenager- und Jugendalter hatte ich mich hin und wieder im Stich gelassen gefühlt – inzwischen hatte ich mich daran gewöhnt, auf mich gestellt zu sein. Und so schlimm war es schließlich auch nicht, eine Villa auf Key Biscayne den Großteil des Jahres für sich allein zu haben.

 

Im Gegensatz zu diesem Kerl, der nur als Samenspender getaugt hatte, respektierte ich meine Mutter trotz ihrer nahezu permanenten Abwesenheit. Sie war eine beeindruckende Frau, denn sie hatte ein Unternehmen aus dem Boden gestampft, das uns beiden nun ein Leben im Luxus ermöglichte. Aufgrund ihres Arbeitspensums ließ sie sich nie auf mehr als flüchtigen Beziehungen ein und ich hatte rasch erkannt, dass es einem eine Menge Ärger ersparte, wenn man sich emotional nicht zu sehr auf jemanden einließ. Ich selbst hatte auch nur One-Night-Stands oder lockere Affären, die von vorn herein wussten, dass es nur um Sex ging und bisher war ich damit ganz gut klargekommen.

 

Ein heiseres Keuchen hinter mir riss mich aus meinen Gedanken und ließ mich innehalten. Ich warf einen Blick über die Schulter und sah, wie sich Zoe mit offenstehendem Mund umsah. Anhand ihres Fahrzeugs und ihrer Klamotten war mir bereits klar gewesen, dass sie aus einfachen Verhältnissen stammte, daher überraschte mich diese Reaktion nicht sonderlich.

 

„Hier wohnst du?“

 

„Meistens. Die Ferien verbringe ich hin und wieder in Aspen oder St. Barts. Je nachdem, worauf ich gerade Lust habe.“

 

Sie kommentierte meine vollkommen ernst gemeinte Antwort mit einem Schnauben und nahm ihre Sonnenbrille ab. Plötzlich wusste ich, dass ich sie kannte und zudem auch woher. Ich verengte die Augen, drehte mich vollends um und ging auf sie zu, bis ich so nahe vor ihr stand, dass sich unsere Körper beinahe berührten.

 

„Du bist Haywards kleines Schoßhündchen“, sagte ich bedrohlich leise und bedachte sie mit einem vernichtenden Blick.

 

„Ich bevorzuge die Bezeichnung ‚beste Freundin‘.“ Sie starrte mir in die Augen, ohne dabei einen Anflug von Angst, Schüchternheit oder gar Respekt zu zeigen. Verdammt. Sie mochte aus bescheidenen Verhältnissen stammen und sich im Dunstkreis eines bescheuerten Footballers aufhalten, aber das Mädchen hatte definitiv Mumm. Den brauchte sie auch, wenn sie sich, obwohl sie wusste, wer ich war, in die sprichwörtliche Höhle des Löwen wagte.

 

„Hat er dich hergeschickt?“, bohrte ich weiter.

 

„Nein“, entgegnete sie schnell, allerdings hatte ich das Zucken um ihre Mundwinkel bemerkt, was mir verriet, dass sie mich anlog.

 

„Feigling“, spie ich aus und bedachte sie mit einem Blick, der ihr unmissverständlich klarmachte, was ich von ihr und ihren Beweggründen, hier aufzutauchen, hielt.

 

„Es ist doch egal, wer dir die Fragen stellt, Parker. Das Ergebnis wird dasselbe sein.“

 

Sie trat einen Schritt zurück und atmete zitternd aus. Eine Schweißperle rann über ihre Schläfe. Sie schluckte und wischte sie eilig weg. Ich hatte sie nervös gemacht. Genau, wie beabsichtigt. Ich grinste wölfisch.

 

„Komm mit“, forderte ich sie auf und schlenderte hinaus in Richtung Pool.

 

Ich steuerte die Liegestühle an der Stirnseite an und überlegte einen Moment, mir die einzige Sitzmöglichkeit zu schnappen, die im Schatten lag, damit Zoe mit ihren schwarzen Klamotten in der Sonne braten musste. Im letzten Augenblick entschied ich mich dazu, nicht das Ober-Arschloch zu geben, und überließ ihr den Schattenplatz.

 

Millie kam mit einem Tablett, auf dem sich zwei Gläser und ein Krug mit hellgelbem Inhalt befanden, aus dem Haus und auf uns zu. Zoe folgte meinem Blick und leckte sich über ihre trockenen Lippen, als sie die nahende Erfrischung erkannte. Ein Teil von mir war im Begriff, Millie zurückzuschicken, aber ich hatte selbst Durst. Ich wartete, bis sie die Getränke abgestellt hatte und deutete meinem Gast mit einer Handbewegung an, sich zu bedienen. In den vergangenen Minuten hatte eine Art Waffenstillstand geherrscht, doch ich beschloss, dass mir der Krieg lieber war.

 

Ich trainierte so gut wie jeden Tag mehrere Stunden und hielt mich an den strengen Ernährungsplan, den ich in Zusammenarbeit mit meinem Coach ausgearbeitet hatte, was man mir natürlich ansah. Da ich mir der Wirkung meines Körpers bestens bewusst war, zog ich mir das T-Shirt über den Kopf und trat die überteuerten Nike-Sneaker von meinen Füßen. Irgendein Rapper hatte sie designt und ich hatte sie hauptsächlich gekauft, weil sie in einer limitierten Auflage erschienen waren. Bei manchen Dingen ging es einfach darum, sie zu besitzen.

 

„Bin gleich wieder da“, informierte ich Zoe, streckte mich und schlenderte hinüber ins Poolhaus, um in Surfshorts zu schlüpfen. Als ich zurückging, spürte ich ihre Blicke auf mir, obwohl sie krampfhaft versuchte, nicht in meine Richtung zu sehen.

 

„Bringen wir es hinter uns“, murrte ich, nachdem ich mich auf die Liege gefläzt hatte, und ignorierte dabei die Tatsache, dass nur ich für die Verzögerung verantwortlich war.

 

„Okay“, meinte sie gedehnt und ich bemerkte, wie sie die Augen verdrehte, ehe sie sich ihre Sonnenbrille wieder auf die Nase schob. „Nur, um das vorab klarzustellen: Diese Fragen sind nicht auf meinem Mist gewachsen.“

 

Ich verzog einen Mundwinkel zu einer Art Lächeln, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und freute mich darauf, Zoe gleich das Leben zur Hölle zu machen.

 


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