Leseprobe



Klappentext

 

Misha und Cedric sind seit ihrer Kindheit befreundet. Doch als sie beginnen, im Teenager-Alter mehr als reine Freundschaft füreinander zu empfinden, verändert sich alles. Misha fürchtet, dass die Gefühle zwischen ihnen alles aufs Spiel setzen, statt für ein stärkeres Band zueinander zu sorgen. Dennoch kann sich die junge Frau nicht ewig gegen die Anziehungskraft zwischen ihnen wehren.

Als Cedric ein Sportstipendium am anderen Ende des Landes angeboten bekommt, scheinen sich die Zeiger der Zeit gegen sie zustellen, denn der richtige Zeitpunkt für sie kommt nicht näher, sondern rückt mit jedem verstreichenden Tag in weite Ferne.


Erscheint am 09.04.


 

Immer

 

 

 

Wir verlebten unsere gesamte Kindheit zusammen. Deine Familie war auch meine. Wir stritten uns darum, wer mit Lego oder Barbie spielen durfte. Bauten gemeinsam Sandkuchen, die wir unseren Eltern andrehten, um enttäuscht dreinzusehen, wenn sie nur so taten, als würden sie ihn probieren. Es war für mich selbstverständlich, dass du an meiner Seite warst.

 

Wir waren kleine hitzköpfige Jugendliche. Wir verbrachten die Zeit am Nachmittag miteinander und regten uns über Lehrer auf. Bei dir konnte ich mich ausweinen, wenn ich eine schlechte Note geschrieben hatte. Du hast mich abgefragt, wenn eine wichtige Prüfung bevorstand. Du hast dafür gesorgt, dass ich meine Nerven nicht verlor, als wir das Ende der Schule erreichten.

 

Wir wurden zusammen erwachsen.

 

Du warst derjenige, der mich zum ersten Mal in einen Club schleppte.

 

Du warst derjenige, der mir die Haare gehalten hat, als ich kotzend über der Toilette hing.

 

Du warst derjenige, der mir versicherte, trotz Pickel im Gesicht noch immer schön zu sein.

 

Du warst derjenige, der mich mit seinem Auto über den Parkplatz fahren ließ.

 

Und du warst derjenige, der vor der Fahrschule am Tag meiner Prüfung wartete und mich in die Arme schloss, als ich bestanden hatte.

 

Du warst einfach immer da.

 

Immer.

 

Kapitel 1 - Misha

 

 

 

„Guck mal, ich habe einen Wackelzahn. Vielleicht fällt er noch vor meinem sechsten Geburtstag raus.“

 

Angewidert sah ich zu Cedric und verzog mein Gesicht. Er schob einen Zahn im Unterkiefer vor und zurück und schien jeden Augenblick damit zu rechnen, dass er ihn verlieren würde.

 

„Ich habe noch keine Zahnlücke“, bemerkte ich und traute mich nun doch, genauer in seinen Mund zu schauen. Cedrics Zahn saß noch recht fest und ich war mir nicht sicher, ob er heute wirklich schon den Weg nach draußen fand.

 

„Das kommt bestimmt auch bald.“ Er lief aufgeregt zum Spiegel und fummelte weiter herum. Einen Moment lang sah ich ihm dabei zu, dann wurde mir das zu langweilig.

 

„Können wir nicht etwas spielen?“, bat ich.

 

„Gleich“, murmelte er.

 

Und ich wartete. Wenn es sein musste, wartete ich noch Stunden auf ihn,

 

denn ich wusste, dass er früher oder später Zeit für mich finden würde, wenn ich nur lange genug geduldig war.

 

 

 

*

 

 

 

„Wie kann man nur so scheiße aussehen?“

 

Cedric spielte mit dem Feuer, aber als er anfing, in schallendes Gelächter auszubrechen, wusste ich nicht, wie ich ihm nach seinem Kommentar böse sein sollte. Abgesehen davon hatte er Recht. Ich hatte keine Ahnung, wie ich mich von meiner Tante dazu hatte überreden lassen können, in dieses Outfit zu schlüpfen.

 

Mein Spiegelbild glich einem bunten Knallbonbon und das viel zu weit ausgestellte Kleid ließ mich fetter aussehen, als ich eigentlich war. Grund für diesen Look war, dass ich meiner Tante einen Gefallen tun wollte und mich angeboten hatte, zu Werbezwecken ihrer Boutique Flyer zu verteilen. Passenderweise schlug sie vor, doch gleich ein Teil aus ihrer aktuellen Kollektion zu tragen. Aber, und das sah man diesem Fummel einfach an, ihre Klamotten waren für Frauen jenseits der fünfzig, die Mut zur Farbe hatten und nicht für junge Mädchen, die gerade volljährig wurden. Meine Tante war schon immer etwas eigen.

 

„Ich glaube nicht, dass es ihre Absicht war, mich scheiße aussehen zu lassen“, kommentierte ich und drehte mich hin und her. Meine schlanken Beine kamen in der schwarzen Strumpfhose und den hohen Stiefeln wunderbar zur Geltung – alles, was darüber hinausging, glich allerdings einer Tonne. Die bescheuerten Farben und der Schnitt des Kleides ließen mich furchtbar erscheinen und machten deutlich, dass es nicht für mich geschaffen war.

 

„Du siehst toll aus, Misha, nur das Outfit nicht“, brachte er zwischen seinen Lachattacken hervor und ließ mich kurz innehalten. Du siehst toll aus. Unwillkürlich wanderte mein Blick weg vom Spiegel zu Cedric, der wie eine Kugel auf meinem Bett lag und nicht mehr an sich halten konnte. Seine starken Hände hielten seinen muskulösen Bauch und auch, wenn er es nicht raushängen ließ, war es Cedric durchaus bewusst, dass er mit den Jahren immer besser aussah. Seine dunklen Haare, passend zu seinen braunen Augen und die Tatsache, dass er der beste Basketballspieler der Schulmannschaft war, trugen nur dazu bei. In letzter Zeit ertappte ich mich oft dabei, Cedrics Aussehen zu bewundern.

 

Auf meinem Nachtschränkchen stand ein Kinderfoto von uns. Aus dem zahnlosen, brillentragenden, pummeligen, kleinen Jungen aus dem Kindergarten war ein unverschämt gutaussehender junger Mann geworden, der vor Kurzem sein achtzehntes Lebensjahr erreicht hatte und sein damaliges Ich in den Schatten stellte.

 

„Woran denkst du?“, riss er mich aus meinen Grübeleien und folgte meinem Blick. Er musste grinsen, als er die Aufnahme von uns entdeckte. „Mach dir keine falschen Hoffnungen. Als Fünfjährige hast du besser ausgehen als jetzt in diesem Kleid.“

 

„Vielen Dank“, murrte ich und drehte mich erneut zum Spiegel. „Okay, vergiss es. Ich zieh den Plunder aus und trage etwas Eigenes. Meine Tante ist wieder in einer anderen Sphäre angekommen, wenn sie meint, dass das in irgendeiner Hinsicht dem Laden guttut. Ich schade noch ihrem Ruf.“

 

„Misha!“ Meine Mom platzte herein. Scheinbar hatte ich ein Ticken zu laut gesprochen und ihre Aufmerksamkeit auf mich gelenkt. „Wolltest du nicht Flyer verteilen gehen?“, fragte sie irritiert und sah mich von oben bis unten skeptisch an.

 

„Ja, wollte ich“, antwortete ich. „Und guck mich nicht so an. Deine Schwester hat mich überredet, dass ich das hier trage.“

 

Cedric prustete erneut los und sollte er etwas zu sagen haben, wurde das wohl gerade von seinem Lachen erstickt.

 

Mom raufte sich verzweifelt die Haare. „Zieh es aus“, seufzte sie. „Ich werde ihr erzählen, dass du es getragen hast. Versprochen.“

 

„Danke. Was hat sie sich nur bei diesem Teil gedacht?“

 

Cedric sprang vom Bett auf und schnappte sich den Karton mit den Flyern. Er hatte sich netterweise angeboten, mich zu begleiten. „Sie wollte eben demonstrieren, was man bei ihr kaufen kann.“

 

„Sie hat Glück, dass ihre Sachen wirklich schön sind“, grummelte ich. „Sonst würde ich mir das Theater eindeutig sparen. Mich kriegt sie nicht in die Klamotten, sie soll sich auf ihre Zielgruppe konzentrieren.“

 

Mom lachte nun auch und ließ uns wieder allein.

 

Kurz überlegte ich, ob ich Cedric beim Umziehen rauswerfen sollte, doch er war so in das Lesen der Flyer vertieft, dass ich den Augenblick nutzte, mich des Kostüms zu entledigen. Unter dem Federchaos trug ich ein schwarzes Long-Top, das meinen Hintern bedeckte, also war es nicht dramatisch, zumal meine Strumpfhose den Rest verbarg.

 

Ich musterte mich noch einmal im Spiegel. Die Pubertät hatte bei mir nicht so viele Veränderungen hervorgerufen wie bei Cedric. Meine schlanke Figur hatte Rundungen an den richtigen Stellen. Mit meiner Körbchengröße B waren meine Brüste relativ klein und es gab etliche Mädchen in meiner Klasse, die weitaus mehr zu bieten hatten. Die hellbraunen Haare waren mittlerweile viel länger als früher, wo ich sie bis zum Kinn trug. Jetzt reichten sie weit über die Schultern und ich konnte sie in einem schönen geflochtenen Zopf tragen.

 

Aber seit wann machte ich mir über mein Aussehen und meinen Körper eigentlich so akribisch Gedanken?

 

„Zieh doch dein weinrotes Kleid an“, riet Cedric mir und ging zum Schrank. „Das sieht mit den Stiefeln besonders gut aus.“

 

Ich erwiderte darauf nichts, weil ich Angst hatte, er würde meine Nervosität bemerken. Als er mir das Stück Stoff zuwarf, versuchte ich, mir nichts auf seine Aussage einzubilden, doch ich fürchtete, den Boden unter den Füßen zu verlieren und meinen Körper nicht mehr kontrollieren zu können. Dass ich so heftig auf ihn reagierte, passierte mir in letzter Zeit häufiger - und es erschreckte mich.

 

Wir starrten uns an, ohne, dass ich mich rührte. Sein T-Shirt spannte an seinen Oberarmen, seine Hose lag locker auf seinen Hüften, aber ich wusste, dass auch seine Beine nicht weniger trainiert waren.

 

„Habe ich was im Gesicht?“, fragte er.

 

Hastig wandte ich mich dem Spiegel wieder zu und zog mich an. Ja, ich fühlte mich wirklich wohl und hübsch in diesem Kleid.

 

„Alles in Ordnung“, sagte ich. „Komm, wir gehen. Je eher wir alle Flyer losgeworden sind, desto besser.“

 

„Gut.“ Er schnappte sich die Kiste und eilte zur Tür. Ein letztes Mal betrachtete ich mich, ehe ich mir meine Handtasche griff und ihm nach draußen hinterher ging.

 

Ich war froh, dass er mir half, oder, um es in seinen Worten zu sagen: Das machte man unter besten Freunden so.

 

Aber aus irgendeinem Grund fühlte es sich sonderbar an, als ich ihm folgte, seinen Duft einatmete und nicht aufhören konnte, ihn von oben bis unten zu mustern. Ich hatte das Foto aus unserer Kindheit vor Augen, musste daran denken, wie unbeschwert es damals gewesen war. Wie wir Weitspucken gemacht, uns Eis am Kiosk gekauft und uns in Wäldern Unterschlüpfe gebaut hatten. Wie wir im Kindergartenalter beieinander übernachtet und stets betont hatten, dass wir nur Freunde waren, um nicht geärgert zu werden. Ich erinnerte mich daran, wie sorglos ich mich gefühlt hatte, bevor ich anfing, mir Gedanken über den Körper des anderen Geschlechts zu machen, beziehungsweise, über Cedrics.

 

Nur manchmal … manchmal wünschte ich, Cedric sei noch immer der pummelige Junge von damals, nach dem sich nicht alle anderen Mädchen umdrehten.

 

 

 

Wir brauchten tatsächlich mehr als drei Stunden, bis wir die Flyer unter die Leute gebracht hatten und ich war mir nicht sicher, ob es letzten Endes einen Effekt erzielen würde. Ich persönlich war ein Mensch, der solche Werbezettel in die nächstbeste Tonne pfefferte und vermutete, dass es den meisten anderen Leuten auch so erging. Aber ich hatte mein Soll erfüllt und es fühlte sich gut an, meiner Tante diesen Gefallen getan zu haben.

 

Cedric wollte unbedingt, dass wir uns nach der fleißigen Aktion stärkten und hatte mich zu seinem Lieblingschinesen geschleppt. Es war mir ein Rätsel, wie jemand so viel essen konnte, ohne auch nur ein einziges Gramm zuzunehmen, während es sich bei mir so anfühlte, dass ich die zusätzlichen Kilos direkt auf meinen Hüften verbuchte. Er schaufelte sich seit einer halben Stunde das Essen rein, als würde er am nächsten Tag nichts mehr bekommen.

 

Schließlich gab ich auf. „Ich habe das Gefühl, mich nie wieder auch nur einen Zentimeter bewegen zu können.“ Stöhnend lehnte ich mich in meinem Stuhl zurück und hielt mir die Hände über den Bauch. Gott, ich fühlte mich aufgebläht. Entweder bekam ich meine Tage, oder meine Theorie, dass sich die Kilos auf den Hüften festsetzten, verlagerte sich auf eine andere Region des Körpers.

 

Cedric schien es mittlerweile ähnlich zu gehen. Ächzend packte er das Besteck beiseite. Ich sah auf und beobachtete meinen besten Freund, wie er die Hände hinter seinem Kopf verschränkte. Seine Frisur war immer top gestylt, etwas, worauf er einen riesengroßen Wert legte, bevor er das Haus verließ. Ich sah einen Moment zu lange hin, ehe ich merkte, dass ich ihn bereits ein zweites Mal heute anstarrte. Hastig lenkte ich meinen Blick wieder auf den Teller.

 

„Ich platze“, stöhnte Cedric.

 

„So schnell geht das hoffentlich nicht.“ Ich kicherte und richtete mich auf. Das Restaurant war recht spärlich besucht, doch wir waren auch sehr früh am Abend hergekommen.

 

Leise Musik ertönte aus den Boxen, das chinesische Buffet hatte hervorragend geschmeckt, sodass wir nicht anders gekonnt hatten, als laufend Nachschlag zu nehmen.

 

Ich bewegte meine Füße leicht auf und ab, um meine Knöchel zum Knacken zu bringen – etwas, was Cedric hasste, aber hier in diesem Tumult würde er es nicht hören können. Die Absätze meiner Stiefel machten ein kratzendes Geräusch auf dem Boden, das zu meinen Ohren drang, im sonstigen Trubel des Restaurants jedoch unterging.

 

„Hallo, Erde an Misha!“

 

Ich zuckte zusammen, stützte mich mit meinen Ellbogen auf dem Tisch ab und wandte mich an Cedric. „Was ist?“, fragte ich irritiert.

 

Meine hellbraunen Haare fielen in einem geflochtenen Seitenzopf über die Schulter und ich passte auf, mich nicht noch weiter vorzulehnen. Zum einen, weil das weinrote Kleid recht weit ausgeschnitten war und zum anderen, damit meine langen Haare nicht in der übriggebliebenen Sauce auf dem Teller landeten.

 

„Ich habe dir gerade eine stundenlange Abhandlung darüber gehalten, welche Gründe auf jeden Fall dafür sprechen, heute Abend mit unseren Freunden noch bei einem von uns rumzuhängen.“

 

„Mit allen?“, fragte ich zweifelnd nach. „Ich bin vollgefressen, ich kann nicht mehr unter Leute.“

 

„Komm schon“, drängelte er. „Du kannst auch die Mädels fragen, die kämen sicher mit. Wollen wir zahlen?“

 

Ich sah nachdenklich zu ihm. Cedric war mein bester Freund. Seit ich denken konnte, war er an meiner Seite und verbrachte die meiste Zeit seines Lebens mit mir. Und jetzt, wo wir kurz vor der Abschlussfeier unserer Schule standen, verlagerten sich die Interessen, wie wir die Nachmittage miteinander verlebten. Gemütliche Stunden auf der Couch und Serien schauen war Geschichte, denn aus Cedric war ein junger Heranwachsender geworden, der nicht genug vom Feiern bekam. Die Zeit schlug unermüdlich zu und dagegen konnte ich mich nicht immer wehren.

 

Ich erhob mich und schnappte mir meine Handtasche, während Cedric bereits nach vorne zu einem Kellner gelaufen war, um zu zahlen. Meine Augen musterten ihn, wanderten von oben nach unten, blieben auf seinen muskulösen Waden hängen. Das Basketballtraining trug einiges dazu bei, dass aus ihm ein gutaussehender Mann wurde.

 

Zweifelnd sah ich in das Fenster neben mich und beobachtete mein Spiegelbild. Meine Brust war nicht wirklich viel gewachsen und ich bezweifelte, dass ich jemals einen riesengroßen Umfang bekommen würde, der Zug war abgefahren. Zuhause war ich noch recht selbstsicher gewesen, nun sah das irgendwie anders aus.

 

„Misha, wo bist du heute nur mit deinen Gedanken?“

 

 Cedrics Stimme holte mich ins Hier und Jetzt zurück und ich beeilte mich, zu ihm aufzuschließen. Im Laufen kramte ich nach meinem Portmonee, aber als ich neben ihm stehenblieb, legte er mir beschwichtigend eine Hand auf den Unterarm. „Lass mal, ich habe schon bezahlt. Hier, es gab noch einen Glückskeks.“

 

Hart schluckend schaute ich auf seine Finger, die meine Haut berührten, war wie paralysiert. Cedric hatte mich zum Essen eingeladen. Diese Geste sollte mir nicht so viel bedeuten, wie sie es tat und ich hoffte, dass er nicht bemerkte, wie überfordert ich mit alledem gerade war. Der gutaussehende Junge vor mir, der mir so unsagbar viel bedeutete, schien sich nicht ansatzweise die gleichen Gedanken zu machen. Für ihn war das wahrscheinlich alles vollkommen normal. Augenzwinkernd löste er sich von mir und lief fröhlich pfeifend zur Tür, die er mir aufhielt.

 

Kaum merklich schüttelte ich meinen Kopf. Cedric war mein bester Freund. Schon immer. Und daran sollte und durfte sich auch nichts ändern.

 

Sobald mir die klare Luft des angebrochenen Abends entgegenschlug, atmete ich tief ein und aus und trottete hinter Cedric her. Gedankenverloren öffnete ich den Glückskeks und las den Zettel.

 

Warte auf den richtigen Zeitpunkt.

 

„Und? Was steht bei dir?“, fragte Cedric und blieb abrupt stehen. Ich rannte geradewegs in ihn rein, seine Hände hielten mich an meiner Hüfte fest und ich stockte, als ich zu ihm hochsah. Er lachte. Seine Stimme ging mir durch Mark und Bein. Für ihn war es vielleicht nur das Aufhalten meines Sturzes, das Verhindern meiner Tollpatschigkeit, für mich lag in dieser kleinen Geste aber so unendlich viel Gefühl und Zärtlichkeit. Mein Herz drohte zu zerspringen, als er mit seiner Berührung eine unglaubliche Wärme in mir auslöste.

 

„Warte auf den richtigen Zeitpunkt“, las ich atemlos vor und Cedrics Lachen verebbte kurz.

 

„Zufälle gibt’s“, meinte er und hielt sein Stück Papier hoch.

 

Warte auf den richtigen Zeitpunkt.

 

Unwillkürlich begann mein Herz noch schneller zu schlagen, ich war unfähig, etwas zu sagen oder meinen Blick von Cedric und seinem Glückskekszettel zu nehmen. Erst, als er mit seiner Hand eine gelöste Haarsträhne meines Zopfs hinter mein Ohr strich, wurde ich zurück in die Realität geholt. Ein Schauer fuhr über meinen Rücken, als seine Finger mich zärtlich berührten und die Gänsehaut hatte mich fest im Griff. Wie in Zeitlupe erschien mir dieser Moment, der mich so durcheinanderbrachte.

 

„Du glaubst doch nicht an solch einen Humbug wie Schicksal, oder?“

 

Ich hätte gerne widersprochen, doch dass mir der Zettel in irgendeiner Hinsicht etwas bedeutete, würde Cedric nicht verstehen. Er wirkte so losgelöst und locker, ich wollte den Augenblick zwischen uns nicht kaputtmachen.

 

Cedric zog seine Hand weg und ließ auch meine Hüfte los. Eine ungewohnte Leere blieb in mir zurück, als er sich umdrehte und weiterlief und mir nichts anderes übrigblieb, als ihm stillschweigend zu folgen.

 

Wir gelangten zum Auto, das Cedric sich von seinem Vater geliehen hatte. Unschlüssig, ob ich zu dem Thema Humbug doch noch etwas sagen sollte, stoppte ich unvermittelt. Allerdings verebbten die Worte in meiner Kehle, als ich sah, wie ungeduldig mein Freund dreinblickte. Bevor ich auch nur den Mund öffnen konnte, schob er sich auch schon auf den Fahrersitz. Seufzend nahm ich ebenfalls im Wagen Platz.

 

Sobald Cedric den Motor gestartet hatte, rettete ich mich, indem ich die Musik laut aufdrehte und die Fahrt nutzte, um aus dem Fenster zu sehen. Cedrics Duft lag in der Luft und mit jedem Atemzug stieg er mir in die Nase.

 

Meine Hand zitterte, als ich den Glückskekszettel festhielt und nicht im Traum daran dachte, ihn jemals wieder loszulassen. Zum ersten Mal fragte ich mich, ob die Zeit nicht dazu beitragen konnte, dass sich etwas zwischen uns ändern könnte. Dass das Band der besten Freundschaft auch auf eine Zerreißprobe gestellt werden konnte.

 

Ich drehte mich zu Cedric und beobachtete ihn, wie er gutgelaunt mitsang und sich auf den Verkehr konzentrierte, ohne zu bemerken, dass ich ihn gerade betrachtete. Seinen Führerschein hatte er vor Kurzem gemacht, aber es fühlte sich wie gestern an, mit ihm auf dem Fahrrad durch die Gegend gefahren zu sein. Die Vergangenheit vermischte sich mit der Gegenwart.

 

Er sang. Ich schwieg.

 

Das mulmige Gefühl in meiner Magengegend blieb, dass die Emotionen in mir etwas anderes zu bedeuten hatten, als bloß einen besten Freund in ihm zu sehen. In Augenblicken, in denen ich am wenigstens damit rechnete, begann sich mein Inneres selbstständig zu machen. Ich spürte Dinge, die ich vorher nicht gekannt hatte, mein Herzklopfen beschleunigte sich auf ein unnatürliches Tempo und in seiner Gegenwart wurde ich nervös und unsicher.

 

Mit jedem weiteren Tag sah ich ein, dass wir nicht mehr die Kinder von früher waren. Wir waren nicht mehr jung und sorglos. Aus uns wurden langsam Erwachsene, die das Leben nicht mehr aus einer geschützten Hülle betrachteten, sondern sich der Realität stellen mussten.

 

Und plötzlich fing ich an, Gefühle zu entwickeln, die mich erbarmungslos durcheinanderbrachten.

 

 

 

*

 

 

 

Du hast mich den Lauf der Zeit spüren lassen. Schon immer.