Leseprobe


 

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Out of Bounds: Slater & Jillian

Isabelle Richter



Kapitel 1

Slater

 

 

»Du Vollidiot, achte gefälligst auf deine Deckung!«, blafft Riley mich an, der außerhalb des Käfigs steht und mein Sparring mit Carter Holland verfolgt.

 

»Fick dich«, zische ich und hebe doch gleichzeitig die Arme, um mich vor der knallharten Rechten meines Gegners zu schützen. Mit seinem nahezu vollständig tätowierten Oberkörper, der Körpergröße von einem Meter neunzig und seiner Muskelmasse ist er beeindruckend.

 

Nicht, dass ich mich hinter ihm verstecken muss.

 

Mein Körperbau, meine Größe sowie mein Gewicht liegen nur geringfügig unter seinem. Bei einem Kampf sind wir einander ebenbürtige Gegner, die sich nichts schenken. Gegen ihn anzutreten, ist jedes Mal eine Herausforderung. Nach seiner Niederlage gegen Riley vor einiger Zeit hat er kein zweites Mal den Fehler begangen, zu glauben, er hätte den Sieg bereits in der Tasche. Bei der Erinnerung an seinen ganz typischen Anfängerfehler, als er gerade erst in der Torontoer Cagefightszene aufgeschlagen war, muss ich grinsen.

 

»Nehme ich dich nicht hart genug ran, oder wieso lachst du so dämlich?!«, kommt es prompt von Carter, ehe er versucht, mich mit einer Schlag-Tritt-Kombination aus dem Gleichgewicht zu bringen.

 

»Ihr tänzelt wie zwei Pussys umeinander herum, wird das heute noch mal was?!«, mault Riley uns an, dessen Laune aus irgendeinem Grund unterirdisch ist. So kenne ich ihn nicht, weshalb ich Carter mit einem Handzeichen zu verstehen gebe, dass wir eine Pause machen sollten. »Wer hat euch erlaubt, das Sparring zu beenden?!«

 

Von Rileys Aufstand gänzlich unbeeindruckt befreien wir uns von unseren Handschuhen, dem Kopf- sowie Mundschutz und verlassen anschließend den Käfig. Während Carter zu seiner Sporttasche geht und eine Flasche Wasser aus ihr hervorholt, bewege ich mich auf Riley zu.

 

»Zoff mit deiner Süßen?«, frage ich ihn ohne Umschweife, woraufhin er bloß die Augen verdreht.

 

»Mit Aria und mir ist alles in Ordnung, wie kommst du auf so einen Scheiß?«, entgegnet er aufgebracht und verschränkt die Arme vor dem Oberkörper.

 

Beschwichtigend hebe ich die Hände. »Sorry, aber die vergangenen Monate war dein sonniges Gemüt manchmal unerträglich … es fällt halt auf, wenn du mit mal total finster drauf bist.« Seit er mit Aria zusammen ist, erlebe ich ihn eigentlich bloß noch ähnlich ekelhaft glücklich, wie es auch bei Ian und Claire oder eben Cage und Dawn der Fall ist. Wäre Carter nicht zu unserer kleinen, lockeren Truppe gestoßen, wären die Pärchen inzwischen in der Überzahl. So haben wir zumindest Gleichstand. Eric, Carter und ich sind Singles, die anderen drei haben sich an die Kette legen lassen.

 

»Sie haben meiner Mutter den Mietvertrag für ihr Ladenlokal gekündigt«, verrät er mir nach kurzem Zögern. »Ihr Wichser von Vermieter möchte sie so schnell wie möglich raushaben und macht ziemlichen Druck.« Seufzend fährt er sich mit der Hand über das Gesicht. »Aria und ich treffen uns später mit ihr, um diverse Objekte anzuschauen, in der Hoffnung, dass eines davon für sie infrage kommt.«

 

Freundschaftlich klopfe ich ihm auf die Schulter. »Das wird schon … wenn du willst, kann ich mich auch mal umhören«, biete ich ihm an, ehe ich richtig darüber nachgedacht habe.

 

»Du? Wo solltest du dich denn …«, beginnt er, während ich bereits fieberhaft überlege, was ich ihm für eine Erklärung auftische.

 

»Riley, kannst du mal kommen?«, erlöst mich in diesem Moment Gott sei Dank Carter unbewusst aus der Lage, in die ich mich selbst mit meiner unbedachten Äußerung hineinmanövriert habe.

 

Zu meiner Erleichterung bohrt Riley nicht weiter nach, sondern lässt mich einfach stehen. Tief durchatmend, weil ich gerade noch einmal so die Kurve bekommen habe, schnappe ich mir meinen Hoodie und werfe ihn mir über. Als ich mich umdrehe, um in Richtung der Umkleidekabinen zu laufen, erstarre ich mitten in der Bewegung, denn in etwa zweieinhalb Metern Entfernung steht eine atemberaubend schöne Frau, die ich nie zuvor hier gesehen habe.

 

Eigentlich kenne ich alle Fighter-Groupies.

 

Insbesondere die, die sich nicht bloß bei den Kämpfen, sondern auch während der Trainingszeiten immer mal wieder hier herumtreiben.

 

Doch bei näherer Betrachtung muss ich feststellen, dass sie nicht hierher passt.

 

Ihr ärmelloses, rosafarbenes Sommerkleid ist zwar durchaus sexy und figurbetont, wirkt aber zu teuer, um von der Stange zu sein. Dazu trägt sie gleichfarbige High Heels, die, da bin ich mir ziemlich sicher, ebenso wenig Massenware sind. Ihre rotbraunen Haare sind zu einem Zopf gebunden und ihr Make-up ist dezent, nicht aufdringlich, wie es bei den Weibern, die drauf aus sind, einen von uns ins Bett zu bekommen, sonst der Fall ist.

 

Ihr Blick begegnet meinem und fuck, ihre hellblauen Augen faszinieren mich tatsächlich so, dass meine Hoden sich leicht zusammenziehen. Seit wann bitte achte ich denn nicht mehr zu allererst auf Titten und Ärsche?! Bei den meisten Frauen, mit denen ich einmal und nie wieder gevögelt habe, erinnere ich mich nicht mal grob an ihr Gesicht und bei der attraktiven Unbekannten geht mir wegen ihrer Augenfarbe einer ab?!

 

Sie mustert mich ihrerseits neugierig, mit einem Hauch von Interesse auf ihren Gesichtszügen, aber auch mit … Ablehnung, als würde sie beschließen, ich sei nicht gut genug für sie. Ihre vollen Lippen verziehen sich dennoch zu einem kaum wahrnehmbaren Lächeln, ehe sie sich weiter suchend umsieht.

 

»Jillian Calhoun … sind dir deine Eier in irgendeiner Form wichtig, lass besser die Finger von ihr«, ertönt so unvermittelt Carters Stimme neben mir, dass ich mich tatsächlich erschrecke und zusammenfahre. »Daddy sieht seine Kleine gar nicht gern mit einem von uns und hat ein äußerst wachsames Auge auf sie. Sie taucht zwar nur alle Jubeljahre hier mal auf, aber du müsstest sie doch eigentlich schonmal gesehen haben, oder? Immerhin kämpfst du hier bereits eine ganze Weile.«

 

Dunkel erinnere ich mich, dass Carter in seiner Anfangszeit hier gleich bei Spencer Calhoun in Ungnade gefallen ist, da er dessen jüngste Tochter übel angegraben haben soll.

 

»Nein, habe ich nicht«, antworte ich knapp, ohne sie aus den Augen zu lassen. Calhoun hat meines Wissens nach zwei Töchter, die Ältere hat sich wohl vor meiner Zeit in der Fighterszene bewegt, die Jüngere habe ich hier ebenfalls noch nie zu Gesicht bekommen.

 

»Calhoun kastriert dich, das ist kein Fick der Welt wert«, warnt Carter mich eindringlich, doch ich ignoriere ihn und bewege mich stattdessen auf Jillian zu, die weiterhin mitten in der Fabrikhalle steht und sich nach allen Seiten umsieht.

 

Normalerweise trainieren wir in dem Boxstudio, in dem Riley auch arbeitet, aber heute wollte ich schon einmal etwas Käfigfeeling tanken, um mich auf den Kampf am Abend einzustimmen. Scheinbar ein Wink des Schicksals. Außerdem hat Calhoun mich nach meinem Patzer bei einem der getürkten Käfigkämpfe eh bereits auf seiner persönlichen Abschussliste beziehungsweise an den Eiern, seine Tochter anzubaggern, macht da keinen großen Unterschied mehr.

 

»Hi, ich bin …«, fange ich an, als ich bei ihr angekommen bin, werde jedoch von ihr unterbrochen.

 

»Du vibrierst.« Verwirrt runzele ich die Stirn, erst mit einigen Sekunden Verzögerung begreife ich und spüre die Vibrationen des Smartphones in meiner Jackentasche.

 

»Das kann warten«, teile ich ihr mit, entschlossen, sie nicht so einfach vom Haken zu lassen. »Slater«, stelle ich mich vor und lächele mein Eintausend-Watt-Lächeln, das bisher jedem Groupie ein feuchtes Höschen beschert hat.

 

»Jillian.«

 

Ihre Stimmfarbe klingt heiß, sie hat etwas Kratziges, das so gar nicht zu ihrem gestylten Äußeren passt. Und fuck, aus der Nähe betrachtet ist sie noch hübscher … darüber hinaus kann ich nun in ihr Dekolleté schauen. Ihre leicht gebräunte Haut und der Ansatz ihrer Brüste fachen meine Fantasie weiter an. Allmählich hege ich Zweifel an Carters Aussage, dass kein Fick der Welt es wert ist, seine Eier zu verlieren. Die Frau vor mir spielt in einer völlig anderen Liga, das weiß ich bereits, ohne mich groß mit ihr unterhalten zu haben. Wäre sie ein für diese Szene typisches Groupie, hinge sie längst an meinem Hals und würde mich heftig angraben, damit ich sie möglichst bald in meine Kabine schaffe, um sie dort um den Verstand zu vögeln. Zu Beginn war das durchaus reizvoll, inzwischen jedoch hat die Willigkeit der Weiber hier ihre Faszination für mich weitestgehend verloren. Vor allem vor dem Hintergrund, dass sie eben nicht an mir als Person interessiert sind. Sie wollen bloß einen Fighter zwischen ihren Schenkeln, welchen, ist ihnen vollkommen egal.

 

»Hast du gefunden, was du suchst?« Ihr spöttischer Unterton lässt mich wieder aufblicken, Shit, habe ich mich echt wie so ein Anfänger dabei erwischen lassen, wie ich ihr in den Ausschnitt geglotzt habe?!

 

»Ähm …«, gebe ich wenig geistreich von mir und schnaube genervt, als mein Telefon erneut zu vibrieren beginnt.

»Wirkt nicht so, als könnte es warten.« Jillian lehnt sich ein bisschen vor und der Hauch eines ziemlich exklusiven Parfums weht mir in die Nase. »Und um das hier abzukürzen, spar dir die Mühe, ich habe ohnehin kein Interesse.«

Es ist verdammt lang her, dass ich von einer Frau eine derart unverblümte Abfuhr kassiert habe und für einen Moment verschlägt es mir die Sprache.

»Jillian, mein Schatz, was treibt dich denn hierher?« Spencer Calhoun tritt zu uns und sieht mich tatsächlich an, als wolle er mich auf der Stelle kastrieren.

Mein Stichwort.

»Da muss ich rangehen«, verkünde ich, als mein beschissenes Telefon zum dritten Mal das Vibrieren anfängt, und mache dann auf dem Absatz kehrt. Als ich es aus der Jackentasche hervorhole und sehe, wessen Name auf dem Display aufleuchtet, stöhne ich. Ein weiterer Blick auf die Uhrzeit lässt mich erneut stöhnen, denn eigentlich sollte ich schon längst auf dem Weg woanders hin sein. »Ich bin unterwegs!«, rufe ich in den Hörer, kaum, dass ich das Gespräch angenommen habe, während ich in Richtung der Umkleidekabinen haste. Scheiße, das habe ich nun davon, dass ich unbedingt noch eine Extra-Trainingseinheit habe einschieben wollen.

 

In der Umkleide angekommen nehme ich zunächst eine kurze Dusche, um mir den Schweiß abzuwaschen. Danach hole ich die für Notfälle hier deponierte Anzug-Garnitur nebst Schuhen sowie Krawatte aus meinem Spind und bete innerlich, dass ich das ehemalige Fabrikgelände verlassen kann, ohne von jemandem in diesem Aufzug gesehen zu werden.

 

Mir ist klar, dass das Versteckspiel früher oder später ein Ende haben wird. Es grenzt ohnehin an ein Wunder, dass ich bislang nicht aufgeflogen bin. Rasch ziehe ich mich an, frisiere mein Haar und verwandele mich in mein zweites Ich. Meine Straßenklamotten stopfe ich in die Sporttasche, ehe ich vorsichtig den Kopf aus der Tür stecke und checke, ob die Luft rein ist. Mit schnellen Schritten haste ich über den Flur in Richtung eines kaum frequentierten Seitenausgangs, um von dort aus zu meinem Fahrzeug zu gelangen. Wenigstens war ich so schlau, den BMW in der Nähe und nicht direkt vor der Halle zu parken.

 

Draußen angekommen atme ich einmal tief durch und will gerade weitergehen, als ich plötzlich die Stimme der Frau vernehme, die meinem Ego vorhin einen derben Schlag verpasst hat.

 

»Hey Alyssa, ich wollte dir nur kurz Bescheid geben, dass ich eben mit Dad gesprochen habe.« Parallel zu ihren Worten höre ich das Klackern ihrer High Heels auf dem Pflaster immer lauter werden, offenbar bewegt sie sich in meine Richtung. Scheiße. So leise wie irgend möglich öffne ich die Tür zur Fabrik wieder, trete zurück in den dunklen Flur und schließe sie dann bis auf einen winzigen Spalt. »Nein, er war natürlich nicht begeistert, dass ich den Job angenommen habe, aber das ist mir egal.«

 

Nun bleibt sie auch noch direkt vor der Stahltür stehen. Von meinem Versteck aus habe ich einen ausgezeichneten Ausblick auf ihren Arsch, der ähnlich wie ihre Brüste nicht von schlechten Eltern ist. Der Gedanke, wie ich meine Hände auf ihn lege, während ich sie Doggy-Style ficke, lässt mich hart schlucken. Mir auszumalen, wie sie mit jedem Stoß enger und feuchter wird, bringt meinen Schwanz zum Reagieren. Fuck, ich werde jetzt nicht wie so ein beschissener Anfänger einen Ständer bekommen, bloß, weil ich mir ausmale, wie ich Jillian Calhoun vögele, bis sie mit einem Stöhnen meines Namens heftig kommt.

 

»Ich vermisse dich, Schwesterchen.« Sie klingt bedrückt, einen Moment später seufzt sie leise. »Schon klar, ich verstehe, warum du gegangen bist, aber trotzdem fehlst du mir. Vielleicht schaffe ich es nächsten Monat ja mal wieder, dich für ein Wochenende zu besuchen.« Jillian lauscht kurz und lacht dann heiser, was mir einen Schauer über das Rückgrat jagt. »Pass auf dich auf und melde dich, jederzeit, ja?« Nach einer letzten Bestätigung beendet sie das Gespräch, schiebt das Telefon in ihre Handtasche und geht zu meiner großen Erleichterung weiter.

 

Sicherheitshalber warte ich noch eine halbe Minute, ehe ich die Tür langsam aufstoße und die Fabrik erneut verlasse.

 

Als ich ein paar Schritte gegangen bin, habe ich mit einem Mal das unbestimmte Gefühl, das mir jemand folgt. Hastig drehe ich mich um, doch da ist keine Menschenseele. Kopfschüttelnd setze ich mich wieder in Bewegung, seitdem ich den abgesprochenen Kampf verpatzt habe, leide ich ab und zu unter Verfolgungswahn.

 

Gott sei Dank gibt es, bis ich bei meinem Wagen angelangt bin, keinen neuerlichen Zwischenfall.

 

Unter Missachtung sämtlicher Verkehrsregeln und roter Ampeln schaffe ich es vielleicht mit knapper Verspätung in mein anderes Leben. In das, von dem niemand außer Eric nur den blassesten Schimmer hat.

 

Kapitel 3

Jillian

 

 

»Das hier wäre dann dein Büro«, beendet Cage Hudson die Führung durch das Jugendzentrum und stoppt vor einer offenstehenden Tür. »Ich weiß, es ist nicht sonderlich groß, aber es hat ein Fenster und …«

 

»Es ist wunderbar«, falle ich ihm aufgeregt ins Wort, woraufhin er schmunzelt. Dass er mich trotz meines abgebrochenen Studiums und meiner Offenheit im Vorstellungsgespräch eingestellt hat, kann ich nach wie vor nicht so recht glauben. Eigentlich habe ich angenommen, dass allein mein Nachname dafür sorgen würde, dass ich es nicht einmal über die schriftliche Bewerbung hinausschaffe. »Ich danke dir für die Chance, die du mir gibst.«

 

Cage winkt ab. »Du hast mich in unserer Unterhaltung davon überzeugt, dass du ein Gewinn für das Jugendzentrum sein wirst. Außerdem verurteile ich niemanden für seine Herkunft. Das wäre heuchlerisch.«

 

Seine Geschichte kenne ich nur sehr grob, doch ich weiß von meinem Dad, dass er eine ziemlich harte Drogenvergangenheit hat, seine Mutter verstorben ist und er keinerlei Kontakt zu seinem Vater pflegt. Dass er von meinem nicht viel hält, ist mir ebenfalls bewusst, aber das ist für den Job hier nicht von Belang.

 

Ich kann etwas Gutes tun und brauche dafür nicht einmal ein abgeschlossenes Sozialpädagogikstudium. Mir ist durchaus klar, wo Dad seine Kämpfer teilweise entdeckt, doch für die Kids ist das oft ihr einziger Weg heraus aus dem Sumpf. Ebenso weiß ich, dass in einer Branche wie der seinen nicht alles mit rechten Dingen zugeht.

 

Er ist auf Kosten anderer, vor allem benachteiligter Jungs, reich geworden und je älter ich werde, desto weniger fühle ich mich wohl damit, sein Geld zu nehmen. Meine Einwände, dass ich mich selbst finanzieren kann, lässt er allerdings nicht gelten, als seine Tochter erwarte man schließlich einen gewissen Lebensstil von mir.

 

»Kann ich dich gleich ins kalte Wasser werfen?« Cage mustert mich fragend, bis ich nicke. »Gut, ich habe noch einen Termin mit ein paar Schlipsträgern, potentielle Sponsoren für das Jugendzentrum, und würde dich bitten, unten die Stellung zu halten, bis ich zurück bin. Das sollte in etwa anderthalb bis zwei Stunden maximal der Fall sein. Mir ist klar, dass ich dich nicht für den Empfangsbereich eingestellt habe, normalerweise hilft meine Freundin Dawn aus, wenn Not am Mann ist, aber sie hat so viel mit der Uni um die Ohren.«

 

»Das ist überhaupt kein Problem«, versichere ich ihm und folge ihm die Treppen hinab in das Untergeschoss der ehemaligen Schule.

Nachdem er mich kurz in die Telefonanlage eingewiesen, mir die Schlüssel für den Haupteingang übergeben und gefragt hat, ob ich darüber hinaus irgendetwas wissen möchte, verabschiedet er sich. An der Tür angekommen dreht er sich noch einmal zu mir um.

»In etwa dreißig Minuten findet ein Kickboxtraining statt, das war’s aber auch für heute, sollte also ein entspannter Einstieg für dich werden. Bis später, Jillian.«

 

»Bis später.« Parallel winke ich ihm hinterher und lasse mich dann auf den Stuhl hinter dem Empfangstresen sinken. Zu meiner Rechten an einer Pinnwand hängt ein Plan, der mir verrät, das besagte Trainingsstunde von Ian Winchester gegeben wird. Vage erinnere ich mich, dass mein Dad seinen Namen ebenfalls mal im Rahmen einer Unterhaltung erwähnt, sich jedoch eher abfällig über ihn geäußert hat. Den Grund dafür wollte er mir nicht nennen.

 

Die Eingangstür geht und ich hebe den Kopf. Verwirrt runzele ich die Stirn, als ich Slater erkenne, den Kerl, der mich vor ein paar Tagen in der Fabrik meinem Eindruck nach für williges Freiwild gehalten hat. Wie ich diese Kämpfer-Attitüde verabscheue, als ob ihnen jede Frau sofort zu Füßen liegen müsste. Bei den zahlreichen Angeboten, die sie vermutlich ständig bekommen, ist es wohl kein Wunder, dass sie das abheben lässt und sie weibliches Interesse an ihnen für ein Grundrecht halten.

 

Okay, wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich ihn durchaus anziehend gefunden, was mich ziemlich entsetzt hat. Eigentlich habe ich mich für vollkommen immun gegen sämtliche Käfigkämpfer gehalten, doch bei ihm hat mein Körper ein Eigenleben entwickelt, das ich mit einer harschen Abfuhr schnell erstickt habe. Als wolle er mich verhöhnen, beschleunigt mein Herzschlag prompt und in meinem Bauch kribbelt es leicht.

 

Slater selbst starrt mit einem angefressenen Gesichtsausdruck auf sein Smartphone und hat mich noch nicht entdeckt. Mit einem Mal hebt er den Kopf und sieht mir direkt in die Augen. Zunächst zeichnet sich Unglauben auf seiner Miene ab, dann lächelt er breit.

»Bis eben habe ich mich totgeärgert, weil ich Ian zugesagt habe, bei seiner heutigen Trainingsstunde einzuspringen«, erklärt er, während er näherkommt und sich lässig gegen den Tresen lehnt.

 

»Und ich bereue gerade, dass ich mich von Cage ins kalte Wasser habe werfen lassen«, kontere ich mit einem Seufzen und versuche, ein möglichst gleichgültiges Gesicht zu machen. Dass mir warm wird und ich mich mit einem Mal fühle, als würde ich unter Hochspannung stehen, macht es mir mit jeder vergehenden Sekunde schwerer.

Slater lacht auf und das stellt etwas mit mir an, mit dem ich mich nicht weiter auseinandersetzen möchte. Diesen Primaten, der mit Sicherheit nichts anderes als Kämpfen und Groupies flachzulegen im Kopf hat, kann und will ich nicht attraktiv finden. Dennoch interessiert das einen Teil von mir überhaupt nicht. Der fühlt sich angezogen von seinem maskulinen Körperbau, den strahlend blauen Augen, seiner kräftigen Kinnpartie, dem leichten Drei-Tage-Bart und den markant geschwungenen Lippen, die garantiert … was bitte wird das, wenn es fertig ist?!

»Das verletzt mich, Jillian.« Seine warme Stimme sorgt für ein aufgeregtes Flattern meines Herzens, was mich endgültig in Alarmbereitschaft versetzt.

 

Kein Fighter, das habe ich mir nach dieser Katastrophe, die meine Schwester aus Toronto fortgetrieben hat, geschworen.

»Du wirst es ohne bleibende Schäden überstehen, spätestens nach dem nächsten Kampf findest du bestimmt Trost«, spotte ich und er lacht wieder. Gleichzeitig beugt er sich ein wenig über den Tresen und mit einem Mal umwirbelt mich sein männlich-herber Duft. Überrascht atme ich tief durch, als ich das ziemlich teure Aftershave erkenne, auf das einer meiner Kommilitonen so abgefahren ist. »Ist das ein neuerlicher Versuch, mir ins Dekolleté zu starren?« Eigentlich bin ich Männern gegenüber nicht so zickig, doch Slater bringt mich aus dem Gleichgewicht.

 

»Bist du …«, fängt er an, stockt aber, weil die Eingangstür aufgeht und gleich drei Jugendliche das Zentrum betreten. »Gehört ihr zu Ians Kickboxtruppe?«, wendet er sich an sie, woraufhin sie nicken. »Alles klar, ich übernehme heute für ihn, geht schon mal vor, ich komme nach, sobald ihr vollzählig seid.« Die Jungs tauschen vielsagende Blicke, verziehen sich allerdings ohne einen weiteren Kommentar. »Wo waren wir stehen geblieben?« Forschend sieht er mich an, gleichzeitig zupft ein amüsiertes Grinsen an seinen Mundwinkeln.

 

»Keine Ahnung, wo du stehen geblieben bist, ich für meinen Teil habe dir deutlich gemacht, dass ich nicht interessiert bin und gehofft, unsere Unterhaltung findet damit ein Ende.« Für einen winzigen Moment friert sein Lächeln ein, aber dann wird es noch strahlender.

 

»Je vehementer du es abstreitest, desto eher glaube ich, dass du durchaus Lust hast … auf mich … darauf, mich kennenzulernen.« Seine Worte untermalt er mit einem verführerischen und so sexy klingenden Tonfall, dass sich mein verräterischer Schoß zusammenzieht und meine Klit pulsiert. Das kommt auf gar keinen Fall in Frage! Energisch rufe ich mich innerlich zur Ordnung, ausgeschlossen, dass ich mich auf ihn einlasse.

 

»Funktioniert diese plumpe Masche üblicherweise?«, hole ich zum hoffentlich finalen Schlag aus, um ihn loszuwerden.

 

»Verrate ich dir, wenn du mir erzählst, ob dein versnobtes Getue die Kerle sonst in die Flucht schlägt«, hält er dagegen.

 

Empört schnappe ich nach Luft, obwohl ich ihm insgeheim zustimmen muss. Ich benehme mich tatsächlich wie ein Snob, aber letztlich will ich mich bloß schützen. Er unterwandert meinen Schutzwall irgendwie … gleichgültig, dass er sich wie der letzte Neandertaler benimmt.

 

Die Ankunft der nächsten Gruppe von Jungs, die vermutlich zur Kickboxstunde wollen, enthebt mich zu meiner Erleichterung einer Antwort. Slater begrüßt sie und fragt dann bei mir nach, wie viele denn insgesamt an dem Kurs teilnehmen würden.

 

»Sonderlich gut vorbereitet bist du nicht, hm?«, stichele ich und checke den Zettel auf der Pinnwand. »Sieben, fehlt also bloß noch einer.« Wie aufs Stichwort geht die Tür auf und der letzte Nachzügler trifft ein.

 

Bei seinem Anblick erschrecke ich mich, er hat eine aufgeplatzte Unterlippe und ein ziemliches Veilchen, außerdem ist seine Körperhaltung leicht steif, als hätte er Schmerzen. Slater wirkt ähnlich entsetzt wie ich, lässt das Aussehen des Jungen aber ebenfalls unkommentiert und schüttelt kaum merklich den Kopf, als ich ihn fragend ansehe. Nicht jetzt formt er tonlos mit den Lippen und ich verstehe. Sicher hat er recht, es dürfte dem Teenager unangenehm sein, wenn ihn zwei praktisch Fremde gleich nach seiner Ankunft überfallen. Ich vertraue darauf, dass Slater im Rahmen der Kickboxstunde mit ihm reden wird.

 

»Äußerst schade, dass wir unsere kleine Unterhaltung nicht fortsetzen können«, ergänze ich mit vor Sarkasmus triefender Stimme, nachdem der Jugendliche uns mit einem knappen Gruß und gesenktem Kopf passiert hat. Mein Herz zieht sich zusammen bei dem Gedanken daran, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass er seine Verletzungen jemandem aus seinem direkten familiären Umfeld zu verdanken hat.

 

»Du könntest nachher mit mir was essen gehen. Vielleicht überzeuge ich dich ja vom Gegenteil, was deine offensichtlich schlechte Meinung über mich angeht.« Eins muss ich ihm lassen, hartnäckig ist er. Dass er zweimal so deutlich abgeblitzt ist, beeindruckt ihn offenbar nicht.

 

Ehe ich antworten kann, vibriert mein Smartphone und als ich auf das Display blicke, sehe ich, dass meine Freundin Hazel mir geschrieben hat. Bereits in der Vorschau kann ich lesen, dass sie erneut nachfragt, wann ich mal wieder mit Deborah und ihr weggehe. Bislang habe ich die beiden hingehalten, aber allmählich fallen mir keine Ausreden mehr ein.

 

»Es geht nicht um dich im Speziellen. Ich fange generell nichts mit Käfigkämpfern an«, trete ich die Flucht nach vorn an und hoffe, dass er so endlich kapiert, auf welch verlorenem Posten er hier kämpft. Mein unfreiwilliger Kampfvergleich lässt mich unwillkürlich schmunzeln.

 

»Sicher?«, erkundigt sich Slater prompt, scheinbar deutet er mein Lächeln falsch.

 

»Ganz sicher. Ich will mit dieser Welt so wenig wie möglich zu tun haben.«

 

Seufzend schultert er seine Sporttasche. »Bedauerlich … du hast keine Ahnung, was dir entgeht, Jillian.« Als ich entnervt schnaube, weil mein Körper auf die Art, wie er meinen Namen ausspricht, eindringlich und mit leicht rauer Stimme, schon wieder so unangemessen reagiert, zwinkert er mir zu. »Falls du deine Meinung änderst, weißt du, wo du mich findest.«

 

Nie im Leben.

 

Ein Mann wie er ist nicht mal eine Option.


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