Leseprobe



Klappentext

Das Schicksal meint es nicht immer gut mit uns. Diese Erfahrung muss auch Lisa »Liz« Kinsley machen, die nach einem schweren Autounfall keinerlei Erinnerungen an ihr früheres Leben hat.

Durch ihre besten Freunde Kate und Daniel, die ihr in dieser schweren Zeit stets zur Seite stehen, lernt sie Jonah Morris kennen, der Liz mit nur einem Blick den Kopf verdreht.

Charmant, charismatisch und verboten heiß. Vier Worte, die Jonah perfekt beschreiben.

Frauen sind für den attraktiven Detective lediglich ein netter Zeitvertreib. Nichts anbrennen lassen, sondern Spaß haben, lautet seine Devise. Doch Liz schafft das, was noch keine zuvor geschafft hat. Sie schleicht sich in Jonahs Herz. Allerdings muss er schon bald feststellen, dass nicht alles so ist, wie es scheint …

Was geschieht, wenn das Schicksal ein weiteres Mal auf grausame Art und Weise zuschlägt? Haben Liz und Jonah unter diesen Voraussetzungen überhaupt eine Chance, miteinander glücklich zu werden?


Erscheint am 08.10.


Prolog

 

 

 

„Hat er das gerade wirklich gesagt?“ Ich musste meiner Freundin das Bierglas aus der Hand nehmen, ansonsten hätte es eine Riesensauerei gegeben. Leicht fassungslos starrte ich dem Kerl hinterher, der soeben auf ziemlich platte Art und Weise versucht hatte, Kate anzugraben.

 

„Ja, verdammt!“, fluchte Kate. „Baby, im Himmel fehlen zwei Sterne und die sind in deinen Augen!“, zitierte sie und verdrehte dabei die Augen. Der schlechteste Anmachspruch seit: Ich habe eine Wassermelone getragen. Ehrlich!“

 

Kate, meine beste Freundin seit der Highschool, und ich saßen in unserer Stammbar in Brooklyn und genossen den Feierabend.

 

Nicht der beste Stadtteil New Yorks, aber wir liebten die etwas heruntergekommene Atmosphäre. Seitdem Kate mir vor zwei Jahren einen Job in ihrem kleinen aber feinen Antiquitätenladen angeboten hatte, kamen wir jeden Freitagabend hierher. Es war einfach immer wieder aufs Neue schön, so in das anstehende Wochenende zu starten. Wir verbrachten zwar durch unsere Arbeit viel Zeit miteinander, doch die privaten Dinge klärten wir immer erst nach Feierabend. Uns beiden war es verdammt wichtig, Berufliches von Privatem zu trennen.

 

„Was für ein Spinner! Komm, Süße, darauf trinken wir noch einen!“

 

Manchmal musste man Kate echt bremsen. Sie war die Gute-Laune-Fee von uns beiden. War schlechte Laune im Anmarsch, konnte man immer damit rechnen, dass Kate die Stimmung mit ihrer offenen Art und ihrem Sarkasmus wieder in die richtige Bahn lenkte. Dafür vergötterte ich diese Frau manchmal wirklich!

 

„Ich weiß, ich spiele jetzt wieder die Spielverderberin, aber wir müssen beide noch fahren“, wandte ich ein.

 

„Oh man, Lizzy! Wir leben zufällig in New York! In der Stadt, die niemals schläft. Hier fahren solche komischen Dinger auf der Straße, die nennen sich Taxis“, widersprach Kate und gab mir unmissverständlich zu verstehen, was sie von meinem Einwand hielt.

 

Herrje, jetzt hatte ich auch noch die Klugscheißerin in ihr geweckt.

 

„Nein, mal im Ernst. Ich habe wirklich genug für heute und werde gleich nach Hause fahren. Das solltest du auch tun“, blieb ich stur. Ein vielsagender Blick meinerseits genügte.

 

Sie erwiderte meinen ernüchternden Kommentar mit einem Schmollmund, widersprach jedoch nicht. Eins war mir nämlich klar. Kam ich mit ihrem Freund Daniel um die Ecke und der Tatsache, dass der arme Kerl schon seit drei geschlagenen Stunden zu Hause auf sie wartete, knickte sie jedes Mal aufs Neue ein.

 

„Okay, du hast gewonnen. Aber das nächste Mal feiern wir wieder richtig!“, lenkte Kate ein.

 

Ich konnte jetzt selbst entscheiden, ob dieser Satz ein Versprechen oder eine Drohung darstellte. Wahrscheinlich gab es für meine beste Freundin in dieser Hinsicht jedoch keinen Unterschied. Grinsend nahm ich meine Handtasche, schmiss Joe, dem Barkeeper, noch ein paar Dollarscheine auf den Tresen und machte mich auf den Weg nach draußen.

 

„Hey! Warte gefälligst auf mich!“, rief meine Freundin mir hinterher.

 

Theatralisch drehte ich mich zu ihr, verbeugte mich mit einem Knicks und schmunzelte vor mich hin „Jawohl, Hoheit!“ Sie tat es mir gleich.

 

Als sie mich erreichte, hakte sie sich bei mir unter, ließ ein zufriedenes „Geht doch!“ verlauten und verließ mit mir das Joe´s.

 

Eine warme Brise umschmeichelte meinen Körper, als wir den Weg zu unseren Autos zurücklegten. Ich liebte den Sommer und genoss jeden einzelnen Tag davon. Die langen Abende, die man mit einem Glas Wein im Garten verbrachte, und die Sonne, die einem Wärme spendete, waren unbezahlbar. Glücksgefühle standen zu diesen Zeiten bei mir immer ganz hoch im Kurs. Wir liefen schweigend nebeneinander her, jede in ihre Gedanken vertieft.

 

Meine Offenbarung vor der Unterbrechung durch den schlechten Anmachversuch, schien Kate mehr zu freuen als alles andere. Jedoch beäugte sie mich auf unserem Weg zu unseren Wagen immer wieder kritisch, das merkte ich sofort. Mein Entschluss stand fester als die chinesische Mauer, und das wollte ich ihr auch wirklich begreiflich machen. Ich hatte zu oft nur geredet, aber keine Taten folgen lassen. Genau das wurde mir nun ein wenig zum Verhängnis.

 

„Was ist?“, brach ich schließlich das Schweigen.

 

„Na ja … bist du dir wirklich sicher, dass du das tun willst?“, fragte Kate mich mit einem ernsten Unterton und sah mich prüfend an.

 

„Ja, ich bin mir absolut sicher. Ich weiß, du machst dir Sorgen um mich, aber glaube mir bitte, wenn ich dir sage, dass es mir um einiges besser gehen wird, wenn ich diesen Schritt erst einmal gegangen bin“, beruhigte ich meine Freundin und schenkte ihr ein sanftes Lächeln.

 

„Okay. Ich bin da deiner Meinung, das weißt du, aber ich wollte trotzdem nochmal auf Nummer Sicher gehen.“

 

Puh!

 

Naturkatastrophe in Form einer Predigt erfolgreich abgewendet ... Die hatte ich schon zu oft!

 

Kate kannte mich manchmal besser, als ich mich selbst. Daher wusste sie auch, dass ich eigentlich zu der Kategorie Mensch gehörte, die immer das Gute in jedem sah und deshalb meistens einen Rückzieher machte, nur um dafür zu sorgen, dass alle anderen in meinem Umfeld glücklich waren.

 

Meine beste Freundin hielt nicht viel von meiner Beziehung, redete mir jedoch nie hinein. Klar, ab und an sagte sie mir ihre ehrliche Meinung, doch immer beteuerte sie dabei, dass die Entscheidung bei mir lag. Ich musste ja schließlich wissen, was mich glücklich machte. Nun war ich an einem Punkt, an dem ich mir eingestehen musste, dass das, was ich bis jetzt erreicht hatte, nicht das widerspiegelte, was ich wollte. Langsam wurde es Zeit, endlich mal Nägel mit Köpfen zu machen und ich konnte behaupten, dass ich mehr als bereit für diesen Schritt war.

 

Auf dem Parkplatz des Antiquitätenladens angekommen trennten sich unsere Wege.

 

„Komm gut nach Hause, Süße. Melde dich, wenn du daheim bist.“ Fest zog Kate mich in ihre Arme.

 

„Mach ich. Du aber auch, Schwester!“ erwiderte ich nur mit einem Schmunzeln und ging in Richtung meines Autos.

 

Vor acht Jahren hatten wir damit begonnen, uns gegenseitig zu simsen, sobald die jeweils andere, wo auch immer sie hinwollte, gut angekommen war. Einmal damit angefangen und niemals wieder aufgehört!

 

Dieser Abend war so unendlich wichtig für mich.

 

Ich würde Pete endgültig verlassen.

 

Komischerweise fühlte ich mich auch noch richtig gut dabei. Dieses ständige Hin und Her zerrte einfach zu sehr an meinem Nervenkostüm. Immer dieser Kontrollzwang seinerseits, die Fragen, wo ich denn sei und mit wem ich mich herumtrieb. An manchen Tagen konnte ein falsches Wort zu einer mittelschweren Katastrophe führen.

 

Diese Anwandlungen waren nicht immer da gewesen. Am Anfang unserer Beziehung hatte er mir ein Gefühl von Geborgenheit vermittelt. Umso länger wir zusammen waren, desto schlimmer wurde es. Einem Kunden hatte er sogar einen Kinnhaken verpasst, nur um ihm zu vermitteln, dass er bloß die Finger von mir lassen sollte. Dabei hatte dieser mich doch nur nach dem Preis für die antike Vase aus Südamerika gefragt!

 

Immer wieder hatte ich mich breitschlagen lassen, sogar seinen einfallslosen Heiratsantrag angenommen, nur damit er Ruhe gab. Doch damit war jetzt Schluss!

 

So wie es momentan lief, konnte es einfach nicht mehr weitergehen.

 

Zuversichtlich, den ersten Schritt in die richtige Richtung zu gehen, stieg ich in mein Auto und fuhr los.

 

Ich schaltete das Radio an, hörte die ersten Töne meines absoluten Lieblingsliedes und drehte voll auf. Wenn das kein Zeichen war!

 

Der Songtext passte genau zu meiner Stimmung. Laut sang ich mit und bekam ein beflügelndes Gefühl im Bauch. Ich war wieder ich selbst, und dass ich das nach einer ziemlich langen Zeit sagen konnte, war als großer Erfolg für mich anzusehen.

 

Die Ampel schaltete auf Grün und ich fuhr an.

 

Mein nächster Gedanke verflüchtigte sich jedoch schnell, als ich von einem grellen Licht geblendet wurde, das von einem mir auf meiner Spur entgegenkommenden Fahrzeug ausging.

 

Was zum Henker machte der Idiot da?

 

Sah er mich denn nicht?

 

Ich versuchte, ihm auszuweichen, indem ich das Lenkrad herumriss, doch es war zu spät.

 

Mit einem Krachen prallten unsere Wagen aufeinander, und ich schrie auf.

 

Etwas Hartes prallte auf mein Gesicht sowie meine Brust und presste mir sämtliche Luft aus den Lungen.

 

Die Welt stand plötzlich Kopf …

 

Und dann ... war da nur noch Stille und Dunkelheit …

 

 


 

 

 

 

Kapitel 1

 

Liz

 

 

 

Erinnerungen.

 

Sie wecken Gefühle in uns, bringen uns zum Lachen oder Weinen.

 

Sie entscheiden unser Handeln.

 

Was macht man, wenn die eigenen Erinnerungen verschwunden sind?

 

Wie auf einem Blatt Papier, einfach ausradiert?

 

 

 

Ich saß auf meinem Krankenbett und starrte aus dem Fenster. Wartete darauf, dass ich dieses Krankenhaus, welches die letzten zwei Monate gezwungenermaßen mein Zuhause war, verlassen konnte.

 

Eine Furcht, die ich zuvor noch nie gespürt hatte - zumindest glaubte ich das -, beschlich mich.

 

Mein Name war Lisa Kinsley und ich wusste absolut nicht, wer ich war.

 

Meine beste Freundin Kate erzählte mir, dass ich einen schweren Verkehrsunfall hatte, bei dem ich fast ums Leben gekommen wäre. Ganze zwei Wochen lag ich im künstlichen Koma. Mit einem Schädelhirntrauma, einer gequetschten Lunge und einem Schienbeinbruch kam ich noch ziemlich glimpflich davon. Körperlich gesehen. Geistig war die Sachlage jedoch alles andere als rosig.

 

Als ich aus dem Koma geholt worden war, sah ich als erstes Kates Gesicht. Doch ich wusste absolut nicht, wer sie war. Die Person, die an meinem Bett saß und mir die Hand hielt, die für mich die ganzen Monate über eine Stütze in dem Chaos bildete, das um mich herum herrschte, war eine Fremde für mich.

 

Nach Aussage der Ärzte litt ich an einer psychogenen Amnesie. Dies käme öfter bei Unfallopfern vor, allerdings konnte mir niemand sagen, weshalb sie aufgetreten war oder ob ich mich jemals wieder an mein Leben vor dem Unfall erinnern würde.

 

Das waren ja tolle Aussichten!

 

Kate und ihr Freund Daniel waren die Einzigen, die mich ständig besucht hatten. Sie brachten mir vernünftiges Essen, erzählten mir Witze oder hielten einfach nur meine Hand. Diese kleinen Dinge schätzte ich jedoch mehr als eine Truhe voller Gold, denn mal ehrlich, was konnte wichtiger sein, als Freunde zu haben, die einem bei allem halfen, was man selber momentan nicht konnte?

 

Kate war auch diejenige, die eines Abends mit mehreren Fotoalben in mein Krankenzimmer kam, um mir Bilder aus alten Tagen zu zeigen und die dazugehörigen Geschichten zu erzählen. An keine einzige hatte ich eine Erinnerung und doch spürte ich, dass diese Erzählungen ihr viel bedeuteten. Das hätten sie mir bestimmt auch, wenn ich mich daran erinnern hätte können.

 

An einem verregneten Tag fragte ich sie geradeheraus, wo denn meine Eltern seien. Sie setzte sich an meine Bettkante, griff nach meiner Hand und erklärte mir, dass meine Mutter vor langer Zeit verstorben war und ich keinerlei Kontakt zu meinem Vater hatte, da dieser dem Alkohol verfallen war.

 

Diese Erkenntnis war mehr als ein Schlag ins Gesicht. Deshalb fragte ich auch gar nicht nach weiteren Bekanntschaften oder Freunden. Wäre ich anderen wichtig gewesen, hätten sie mich sicherlich auch besucht. Jemandem hinterherzutrauern, war nun wirklich nicht mein Hauptproblem. Dafür hatte ich momentan absolut keinen Kopf. Irgendwie musste ich erst einmal mich selbst neu kennenlernen, um mein Leben wieder aufzunehmen.

 

Ich saß hier und wusste nicht wohin mit mir. Kate hatte mich schon vor Wochen gefragt, ob ich nach meiner Entlassung bei ihr und Daniel wohnen wollen würde. Dass sie mir in der Zeit, in der ich bei ihnen leben würde, mehr von meiner Vergangenheit zeigen und erzählen könnte, war ein einleuchtendes Argument. Meine Frage, warum ich nicht in meine eigenen vier Wände zurückgehen sollte, wurde mit dem Einwand, dass ich dort eh nur Trübsal blasen würde, beantwortet. Wobei ich meiner besten Freundin in der Hinsicht wirklich Recht geben musste. Allein sein schlug mir momentan nicht nur auf den Magen, sondern auch auf die Psyche. Die Vorstellung, auf mich gestellt in meinem Appartement zu sitzen und mich dort wie eine Fremde zu fühlen, behagte mir nicht, und so hatte ich Kates Angebot angenommen.

 

Ich wollte nicht in Depressionen verfallen, das stand fest. Wahrscheinlich hatten mich die Umstände schon längst in eine hineinkatapultiert, doch diesen Gedanken verdrängte ich. Es war an der Zeit, wieder Fuß zu fassen, und das würde ich auch schaffen. Wenn ich den Tod meiner Mutter und den weiteren Verlust meines Vaters verkraften hatte können und daran nicht zu Grunde gegangen war, würde ich die Amnesie auch überstehen. Davon war ich mehr als überzeugt.

 

Die Tür schnellte auf und mein behandelnder Arzt Dr. Moore trat mit einem Lächeln ins Zimmer. Ihm folgte Kate, die die Tür hinter sich wieder schloss.

 

„So, Ms. Kinsley, heute geht es für Sie endlich nach Hause“, verkündete Dr. Moore und lächelte mich zuversichtlich an.

 

Ich konnte mich gerade so dazu zwingen, zurückzulächeln. So sehr ich mich auch darauf freute, das Krankenhaus verlassen zu können, hatte ich eben auch Angst vor der neuen Situation, die nun auf mich zukam.

 

„Das Lächeln kriegen wir aber noch schöner hin“, tadelte mich Dr. Moore mit einem Augenzwinkern. „Die Details haben wir ja schon gemeinsam besprochen. Ich finde es sehr gut, dass Sie vorerst bei Ms. Rowan bleiben. Das sind gute Voraussetzungen, um Ihrem Gehirn verschiedenste Anreize zu geben, Ihr Erinnerungsvermögen wiederzuerlangen“, führte er weiter aus, ehe er mir einen dicken Umschlag in die Hand drückte. „Hier sind Ihre Entlassungspapiere. Ich denke, ich kann Sie nun mit einem ruhigem Gewissen nach Hause schicken und wünsche Ihnen alles Gute. Falls etwas sein sollte, können Sie natürlich jederzeit vorbeikommen.“

 

Ich bedachte meinen Doc mit einem schiefen Lächeln und bedankte mich bei ihm. Einen großen Teil des rapiden Fortschritts meiner Genesung hatte ich ihm zu verdanken. Klar, es war sein Job, allerdings gab es hier einige Ärzte, die leider nicht so fürsorglich mit ihren Patienten umgingen.

 

Trotz allem fühlte ich mich hilflos. Dieses Gefühl konnte ich einfach nicht abschütteln.

 

Nachdem der Doc das Zimmer verlassen hatte, begann Kate allerdings direkt zu erzählen. „So, Süße ... du hast jetzt offiziell den Freifahrtschein, um diese kahlen vier Wände verlassen zu dürfen.“

 

Den hatte ich und ich freute mich wirklich darüber, hier endlich rauszukommen.

 

Lächelnd fuhr sie fort „Jetzt stehen erstmal richtig tolle Mädelsabende an, mit Schnulzen im Fernsehen, einem Eimer Eis und natürlich der XXL-Taschentücher-Box. Klingt doch verführerisch, oder?“

 

Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte.

 

Tränen stiegen mir automatisch in die Augen und ich konnte sie nur schwer unterdrücken. Kate und Daniel hatten mir die letzten Wochen schon so viel gegeben. Ich musste ihnen wirklich einiges bedeuten.

 

„Okay ... dann lass uns los. Ich will hier raus …“, quetschte ich mit belegter Stimme hervor.

 

„Nichts lieber als das!“ Grinsend klatschte Kate in ihre Hände und nahm meine Reisetasche vom Bett. Sie erinnerte mich an Catwoman aus der Zeichentrickserie, die ich jeden Morgen aufs Neue von meinem Krankenbett aus geschaut hatte. Ihre grünen Augen strahlten mich mit Entschlossenheit an und ihre schwarzen langen Haare, die sie zu einem strengen Zopf zusammengebunden hatte, unterstrichen dieses Bild von ihr.

 

„Die kann ich auch selber tragen“, wandte ich ein.

 

„Ach Quatsch, das mache ich!“, wischte Kate meinen Vorschlag resolut vom Tisch. Mit diesen Worten öffnete sie auch schon die Tür und verschwand auf den Flur.

 

 

 

Auf dem Weg zu meinem neuen Zuhause quatschte Kate mich in Grund und Boden, aber es gefiel mir. Es brachte ein Stück weit Normalität in mein momentan sehr chaotisches Leben. Als sie dann auf einem Parkplatz anhielt, wurde ich jedoch stutzig, denn es war weit und breit kein Wohnkomplex zu sehen.

 

„Warte hier. Ich bin gleich zurück!“, bat sie mich. Kate zwinkerte mir schelmisch zu und stieg schnell aus, bevor ich etwas erwidern konnte.

 

Was machten wir hier?

 

Hier war nichts außer einem Starbucks und einem Diner. Ich schloss daraus, dass dieser Zwischenstopp etwas mit meiner Vergangenheit zu tun haben musste. Anders konnte ich mir das Ganze nicht erklären.

 

Zack! Da war sie wieder.

 

Die Melancholie überrollte mich wie eine Lawine.

 

Würde ich mich jemals an mein altes Leben erinnern können? Oder sollte ich lieber nach vorne schauen, akzeptieren, dass alles, was ich zuvor erlebt hatte, ausgelöscht war und neu beginnen?

 

Ich hasste diese Grübelei.

 

Gott sei Dank wurde in diesem Moment die Fahrertür wieder geöffnet. In ihren Händen hielt Kate zwei große Frappés.

 

„So … erster Boxenstopp in der Vergangenheit. Früher haben wir uns immer hier getroffen und genau diesen Shake getrunken. Für dieses Gesöff hättest du gemordet!“ Lachend reichte sie mir einen der Becher und schaute mich aufmunternd an.

 

Mit einem Nicken bedeutete sie mir, dass ich probieren sollte. Ein Schluck genügte und ich war im Himmel!

 

„Wow! Was ist das?“, fragte ich Kate voller Begeisterung.

 

Lachend startete meine Freundin den Wagen und fuhr los. „Das nennt sich Vanilla Cream Frappé. Gut, oder? Wir haben uns mal so mit den Dingern vollgeschüttet, dass wir zwei Tage lang durchgehend fasten mussten, weil uns so schlecht war. Die allgemeine Nahrungsaufnahme hätte zu dem Zeitpunkt nur zu unappetitlichen Szenarien geführt.“

 

Jetzt war ich diejenige, die herzhaft lachen musste. Das erste Mal seit langer Zeit.

 

„Also von mir aus können wir öfter hierherfahren, um uns vollzuschütten“, erwiderte ich nur grinsend und nahm noch einen Schluck.

 

Das Zeug war aber auch verdammt lecker! Aus dem Augenwinkel bemerkte ich, dass Kate mich mit Tränen in den Augen anstarrte.

 

„Was ist los? Habe ich was Falsches gesagt?“, hakte ich leicht verunsichert nach.

 

„Nein, alles gut! Es ist nur so schön, dich wieder lachen zu sehen. Es gab eine Zeit, da habe ich nicht mehr daran geglaubt, dieses Geräusch jemals wieder zu hören“, antwortete Kate und schniefte leise.

 

Eine Träne löste sich aus ihren Augenwinkeln, die sie aber schnell wegwischte. Ich wusste mir nicht anders zu helfen und legte meine Hand auf ihre, die auf dem Schaltknüppel lag, um sie fest zu drücken. Für sie war die ganze Situation auch nicht leicht. Allein die Vorstellung, dass meine beste Freundin mich nicht mehr erkennen würde, war ein Alptraum. Zu selten machte ich mir Gedanken darüber, wie mein Umfeld durch meine Erkrankung beeinflusst wurde.

 

Eins war mir aber schon nach kurzer Zeit klar. Kate war wirklich meine beste Freundin … und es tat höllisch gut, wieder etwas zu fühlen, das mir Freude bereitete.

 

 

 

Bevor Kate die Wohnungstür zu ihrem Appartement aufschließen konnte, wurde diese auch schon von Daniel aufgerissen, der erst Kate einen Kuss auf die Lippen drückte und mich danach stürmisch in den Arm nahm.

 

„Schön, dass du endlich aus dem Knast raus bist!“, frotzelte er und grinste mir entgegen.

 

Der Kerl hatte wirklich einen Galgenhumor! Ich hatte ihn auf Anhieb gemocht, als ich ihn das erste Mal im Krankenhaus traf. Sein offenes Lächeln hatte meine Stimmung direkt gehoben. Daniel war ein attraktiver Mann. Die kurzen blonden Haare passten wunderbar zu seinen stahlblauen Augen und seine Statur glich der eines Marathonläufers. Er hatte mir, wie Kate auch, nicht das Gefühl gegeben, anders zu sein. Die beiden gingen normal mit mir um, soweit das möglich war. Manche Situationen, die in peinlichem Schweigen endeten, konnten wir natürlich nicht vermeiden. Aber im Großen und Ganzen gaben sie mir das, was andere nicht taten: Normalität.

 

„Die Knast-Uniform wird mir fehlen“, antwortete ich. Schmunzelnd zwinkerte ich ihm zu und folgte dann Kate, die mir das Gästezimmer zeigte.

 

„So Süße, ruh dich jetzt erst einmal ein wenig aus. Ich werde mich in der Zeit mal an den Herd schwingen und uns was Leckeres zu essen zaubern“, verkündete meine beste Freundin in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete, aber ich versuchte es dennoch.

 

„Ich kann dir auch helfen, Kate. Das ist absolut kein Problem“

 

„Untersteh dich! Leg dich hin und gönn dir ein paar Minuten. Du bist ganz schön blass um die Nase.“ Mit diesen Worten verließ sie mein neues Reich und ließ mich allein.

 

Ich warf mich aufs Bett und sah mich in dem Raum um.

 

Schön hatten sie es hier. Stilvoll und mit viel Liebe zum Detail eingerichtet. Ich schaffte langsam neue Erinnerungen, die ich so schnell hoffentlich nicht vergessen würde, und freute mich wirklich darauf, endlich andere Dinge zu sehen als die kahlen Wände eines Krankenzimmers.

 

Bevor ich erneut in melancholische Gefilde abschweifen konnte, erhob ich mich wieder vom Bett und begann, meine Reisetasche auszupacken.

 

Viel hatte ich nicht. Ein paar Shirts, eine Jogginghose, Unterwäsche und drei Jeanshosen schmückten momentan meinen abgemagerten Körper.

 

Da ich hier anscheinend eine Weile bleiben würde, sollte mein spärliches Hab und Gut jedoch nicht weiterhin in der Reisetasche versauern. Mit der freien Hand öffnete ich die Tür des Kleiderschrankes und erschrak, denn dieser war prall gefüllt mit Klamotten.

 

„Kate?!“ rief ich und war etwas perplex, wie schnell sie in den Raum stürmte.

 

„Was ist passiert?“ fragte sie außer Atem, ihre Augen weit aufgerissen vor Schreck.

 

„Ähm … ich wollte nur fragen, wo ich meine Kleidung verstauen kann. Der Kleiderschrank ist komplett voll und …“, stammelte ich, wurde jedoch von ihr unterbrochen.

 

„Das sind deine Klamotten“, erwiderte Kate mit einem fürsorglichen Lächeln.

 

Wie jetzt?

 

„Wie meinst du das?“, fragte ich verdattert.

 

Sie schaute sich im Zimmer um, nur mich sah sie nicht an.

 

„Na ja …. du … du hast früher regelmäßig hier geschlafen, und deswegen einige Sachen hier deponiert. Den Rest haben wir aus deiner Wohnung geholt, damit du deine Lieblingskleidung ebenfalls hier hast.“

 

Oh … okay?! Also hier war irgendetwas im Busch. Definitiv!

 

„Und weshalb habe ich diese Dinge hier bei euch deponiert?“, bohrte ich nach, nicht gewillt, schon lockerzulassen.

 

Nun hatte ich ihre volle Aufmerksamkeit.

 

„Meine Liebe, das werde ich dir ein andermal erklären, in Ordnung? Das Essen verkohlt mir sonst gleich im Ofen“, wich Kate mir aus.

 

Bevor ich noch etwas erwidern konnte verschwand sie auch schon wieder und ließ mich stehen. Na wundervoll!

 

Nachdem ich meine restlichen Sachen verstaut hatte, machte ich mich ebenfalls auf den Weg in Richtung Küche. Im Esszimmer, welches direkt an das große Wohnzimmer angrenzte, sah ich, wie Daniel gerade den Tisch deckte.

 

„Setz dich bitte, Liz. Das Essen ist gleich fertig, und versprochen, es wird dich aus den Socken hauen!“ Schnell schob Daniel mir einen Stuhl zurück und bedeutete mir mit einer Handbewegung, dass ich Platz nehmen sollte.

 

„Was gibt’s denn?“, hakte ich neugierig nach.

 

„Mach dich auf die weltbeste Lasagne ever gefasst!“, erwiderte Daniel mit einem breiten Lächeln.

 

„Das klingt … ähm … lecker?!“

 

„Darauf kannst du aber so was von einen lassen!“, antwortete Kates Freund.

 

Grinsend verschwand er ebenfalls in der Küche und ich saß wieder allein hier. Irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, dass meine Zeit bei Kate und Daniel eine ziemlich spannende Geschichte werden würde.