Leseprobe



Klappentext

Seit einem Unfall vor fünfzehn Jahren lebt Blake Hanson in seinem persönlichen Albtraum. Er hat sich komplett von der Außenwelt abgeschottet und verlässt aufgrund seines Aussehens nur einmal im Jahr sein Anwesen.

 

Aurora Shaw hingegen ist eine lebensfrohe Frau, die kein Fettnäpfchen auslässt und alles mit Humor nimmt. Sie stellt Blakes Welt völlig auf den Kopf und das mit nur einem Anruf.

 

Das Verlangen, den anderen persönlich kennenzulernen, wird mit der Zeit immer größer, sodass Blake den einzigen Tag im Jahr nutzt, an dem er sich der Welt zeigt. Halloween. Eine Nacht, in der er die Chance bekommt, Aurora gegenüberzutreten, ohne sein Geheimnis offenbaren zu müssen.

 

Aurora ist jedoch fest entschlossen, es nicht nur bei der einen Begegnung zu belassen und verlangt Blake mit diesem Wunsch alles ab.

 

Sie ist Blakes letzte Hoffnung auf ein glückliches Leben, doch gleichzeitig könnte sie ihn auch endgültig brechen.

 


Erscheint am 25.10.


Kapitel 1

 

Blake

 

 

 

Ohne einen Blick in den Spiegel zu werfen, knöpfte ich mir das dunkelblaue Hemd zu und verließ mein Ankleidezimmer. Ich durchquerte den Westflügel und ging in die untere Etage, wo ich nach Jacob suchte. Er arbeitete mittlerweile seit sechs Jahren als Assistent für mich und akzeptierte mich so, wie ich war – und das, obwohl ich es nicht mal selbst konnte.

 

Nach seinem Studium hatte er sich in meinem Unternehmen beworben und war der Einzige, der das Bewerbungsgespräch überstanden hatte, ohne aufgrund meines Aussehens zusammenzuzucken. Was wahrscheinlich daran lag, dass er keine andere Wahl hatte. Keine zwei Tage später wäre er obdachlos gewesen, weil das Haus, in dem sich sein Apartment befand, von neuen Vermietern übernommen wurde.

 

»Blake!«

 

Ich drehte mich um und sah Jacob auf mich zukommen. Er durchquerte grinsend das Foyer, das von einer Doppeltreppe dominiert wurde und mit einem dunklen Parkettboden ausgestattet war.

 

»Heute haben wir den Deal mit den Smiths«, bemerkte er gut gelaunt und blickte mich aus dunklen Augen an. Seine hellbraunen Haare bildeten wie immer ein wildes Lockenchaos auf seinem Kopf.

 

»Hast du dafür alles vorbereitet?«, fragte ich und ging weiter. Er folgte mir.

 

»Es ist alles fertig. Die Statistik der Nachfragen habe ich zweimal überprüft. Die Angebote anderer Firmen ebenso. Ach und die Sekretärin von Everwood hat angerufen und bittet abermals um einen Termin mit dir.«

 

Ich machte mit meiner Linken, die in einem schwarzen Lederhandschuh steckte, eine wegwerfende Bewegung. »Sag ihr, ich kann nicht.«

 

Jacob seufzte. »Sie ist hartnäckig, Blake.«

 

»Dann sei hartnäckiger«, entgegnete ich und er nickte. Inzwischen wusste er, dass ich das Anwesen nur einmal im Jahr verließ und meine Arbeit stets von zu Hause aus erledigte. Aus diesem Grund brauchte ich jemanden, der rund um die Uhr für mich zur Verfügung stand und mich bei Außenterminen vertreten konnte. Jacob war dieser Jemand.

 

Er schloss neue Kundenkontakte und sah sich sämtliche Unternehmen an, die eine Zusammenarbeit mit uns anstrebten. So konnte ich mich auf Telefonkonferenzen und Verhandlungen konzentrieren, in denen es darum ging, Personal für eine festgelegte Zeit an Firmen zu überlassen.

 

Die Idee war mir nach dem Studium gekommen, da ich etwas brauchte, das ich ohne meine Anwesenheit abwickeln konnte. Und zu meinem Glück war die Anfrage nach geliehenem Personal groß. Schließlich benötigte fast jede Firma Unterstützung, sei es eine Anwaltskanzlei, eine Immobilienfirma oder ein Krankenhaus – Personalmangel gab es überall.

 

»Wir haben eine Viertelstunde. Soll ich noch schnell die wichtigsten Punkte mit dir durchgehen?«, erkundigte sich Jacob, als wir mein Arbeitszimmer betraten und an meinem Schreibtisch Platz nahmen.

 

Ich nickte, woraufhin er seine Unterlagen hervorholte und sich eine Locke aus dem Gesicht pustete, die jedoch wieder zurückfiel.

 

»Sag mal, wann willst du eigentlich zum Friseur gehen?«

 

Grinsend zuckte Jacob die Achseln. »Diese Woche.«

 

Ich nickte erneut und hörte ihm aufmerksam zu, als er mit den Forderungen der Smiths begann und seinen Gegenvorschlag nannte. Dabei war ich über seine Leistung beeindruckt und fragte mich insgeheim, wieso er sich mit seinem Wissen nicht selbstständig machte. Jacob hatte viel Erfahrung bei mir sammeln können, weshalb er ohne Probleme eine eigene Firma eröffnen könnte. Doch das wollte er nicht. Wieso das so war, hatte er mir nie gesagt.

 

»Gut, danke.« Ich wandte mich zum Telefon und gab die Nummer von Marc und Marcus Smith ein. Zwillinge, die für ein Immobilienunternehmen eine erfahrene Maklerin suchten, die mit millionenschweren Immobilien handeln und potentielle Käufer breitschlagen konnte.

 

Ich hielt mir den Hörer ans Ohr und wartete auf das Freizeichen, das allerdings selbst nach längerem Warten nicht kam. Stumm blickte ich zu Jacob. Der hob fragend die Brauen, als ich in der nächsten Sekunde fluchend den Hörer zurück auf das Telefon knallte.

 

»Verdammte Scheiße, ich komme nicht durch!« Ich griff nach meinem Handy und versuchte, bei mir im Arbeitszimmer anzurufen, doch ich hörte nur ein nervtötendes Besetztzeichen. Grummelnd ballte ich die Hände zu Fäusten und lockerte sie wieder.

 

»Ich muss die Konferenz übers Handy führen. In der Zwischenzeit rufst du bei unserer Telefongesellschaft an und meldest den Defekt«, wies ich Jacob an, der hastig nickte und aufstand.

 

 

 

Keine halbe Stunde später hatte ich den Vertrag unter Dach und Fach gebracht und rief Jacob zu mir. »Was hat die Telefongesellschaft gesagt?«

 

»Dass sie mit dir reden wollen«, berichtete er.

 

Ich schnaubte. »Wieso denn das?«

 

»Weil du Blake Hanson bist.« Er stockte. »Ach und weil du das sechsstellige Passwort kennst.«

 

»Das ist doch lächerlich!« Verärgert erhob ich mich und ging auf und ab, um Dampf abzulassen. Währenddessen diktierte ich Jacob das Passwort und sah zu ihm. »Das nächste Mal lässt du dich nicht so einfach abwimmeln!«

 

»Alles klar«, bestätigte er.

 

Sobald er den Raum verlassen hatte, griff ich erneut nach meinem Handy und rief bei der Telefongesellschaft an. Innerlich bereitete ich mich auf einen unfähigen, vielleicht auch unfreundlichen Mitarbeiter vor, mit dem ich eine Weile diskutieren müsste, bis ich noch heute einen Termin mit einem Techniker bekam. Immerhin war ich auf mein Telefon angewiesen und konnte es mir nicht erlauben, dass mich meine Kunden nicht erreichten. Doch als am anderen Ende abgehoben wurde, verschlug es mir zum ersten Mal die Sprache …


 

 

Kapitel 2

 

Aurora

 

 

 

»Verdammt, ich verhungere gleich noch!«, jammerte ich und stopfte mir eine blonde Haarsträhne zurück in den Dutt, die sich immer wieder löste und somit echt nervte! Meine Arbeitskollegin Jeannette, die links von mir saß, lachte. »Wir haben doch in einer halben Stunde Pause, dann kannst du etwas essen.«

 

»Bis dahin bin ich verhungert«, meinte ich schmollend und sah zu ihr. Sie schüttelte belustigt Kopf und nahm den nächsten Anruf entgegen, während ich mich nach etwas Essbarem umschaute. Irgendwo musste es doch etwas geben …

 

»Parker«, zischte ich meinem Kollegen zu, der mit dem Rücken zu mir gewandt eine Reihe weiter saß.

 

Er drehte sich zu mir. »Was?«

 

»Hast du ein paar Cookies von deiner Mom dabei?«, fragte ich hoffnungsvoll. Er verdrehte die Augen.

 

»Ich habe noch nie einen Menschen gesehen, der so oft Hunger hat wie du.« Sobald er in seinen Rucksack griff und eine Tüte mit selbstgebackenen Keksen hervorzog, war ich mir sicher, dass mein Gesicht zu strahlen begann.

 

»Du bist mein Held.«

 

»Jaja, erzähl das lieber meiner Mom«, erwiderte er.

 

»Das werde ich das nächste Mal, wenn sie dich abholen kommt und dir einen dicken Schmatzer gibt«, foppte ich ihn und zog hastig die Tüte aus seiner Reichweite, als er sie mir wieder wegnehmen wollte.

 

»Meine!« Ich schnappte mir einen Cookie und leckte ihn ab. »Den willst du jetzt bestimmt nicht mehr zurück.«

 

Angeekelt rümpfte Parker die Nase, was Antwort genug war. Ha! Dann blieb mehr für mich.

 

Grinsend wandte ich mich von dem blonden Muttersöhnchen ab und stopfte mir den halben Keks in den Mund, als plötzlich ein Anruf einging. Oh nein. Ich sah mit vollen Backen zu Jeannette, die stumm die Brauen hob. Gleich im Anschluss sah ich wieder auf den Bildschirm, der mir eine Handynummer anzeigte, und schluckte, so schnell ich konnte, den Bissen hinunter. Anschließend setzte ich mir das Headset auf und räusperte mich, bevor ich den Anruf entgegennahm.

 

»One Plus, Sie sprechen mit Ms. Shaw«, meldete ich mich mit einem aufgesetzten Lächeln und wurde von der rauchigen, tiefen Stimme am anderen Ende beinahe umgehauen.

 

»Hallo, hier spricht Blake Hanson. Ich habe seit heute Morgen ein Problem mit meiner Leitung und brauche umgehend einen Techniker.«

 

Eine Gänsehaut kroch mir über den Rücken und breitete sich auf meinen Armen aus, weshalb ich unfähig war, zu antworten.

 

»Hallo?«, fragte Mr. Hanson nach und wirkte dabei verärgert, was seine Stimme umso attraktiver machte.

 

Himmel, ich hatte noch nie so ein unglaubliches Timbre gehört!

 

»Äh, ja«, murmelte ich, als Jeannette mir in die Seite stieß und mich zurück in die Realität holte. »Entschuldigen Sie. Was stimmt denn mit Ihrer Leitung nicht?« Ich lauschte angespannt und ignorierte Jeannette, die bei meiner dummen Frage aufstöhnte

 

Schweigen.

 

Verdammt, was war denn jetzt los? Wieso sagte er nichts mehr?

 

»Mr. Hanson?«

 

Es ertönte ein Räuspern. »Ich weiß es nicht. Ich gelange mit den Anrufen nicht mehr nach draußen und bekomme lediglich ein Besetztzeichen, wenn ich es auf der Leitung versuche«, erklärte er, während ich mein Kinn auf einer Hand abstützte und ein Seufzen unterdrückte. Gott hatte etwas gut bei mir, weil er diese wunderbare Stimme erschaffen hatte.

 

Ich dachte daran, wie es wohl wäre, wenn mir Mr. Hanson etwas ins Ohr flüstern würde … Irgendwas Schmutziges … Grundgütiger! Ich riss mich zusammen und verdrängte die Vorstellung, die ein warmes Gefühl in meiner unteren Bauchgegend auslöste.

 

»Verstehe.« Im Gegenteil, ich verstand gerade gar nichts. Dachte ich wirklich über Dirty Talk mit einem Fremden nach? Wie absurd war das?!

 

Ich kaute auf meiner Lippe herum, versuchte, meine Gedanken in eine andere Richtung zu lenken, und überlegte stattdessen, wie Mr. Hanson aussah: Er wäre groß und breit gebaut, was ich einfach liebte, denn dann müsste ich mich zu ihm hinaufstrecken. Und er hätte vorzugsweise dunkles Haar …

 

»Also wissen Sie, was das Problem ist?«, fragte er.

 

»Ja«, seufzte ich verträumt. Wie er wohl küssen würde?

 

»Aurora«, zischte Jeannette. »Konzentriere dich endlich!«

 

Ruckartig setzte ich mich aufrecht hin.

 

»Ja, ich verstehe«, wiederholte ich und versuchte, wieder professionell zu klingen. »Sie brauchen einen Techniker!«

 

»Jesus Maria«, stöhnte Parker hinter mir auf. Ich zog verlegen den Kopf ein und schalt mich innerlich eine Idiotin.

 

»Ich weiß«, sagte Mr. Hanson langsam und kam sich garantiert verarscht vor – was ich verstehen konnte, schließlich stellte ich mich verdammt blöd an. »Wann kann denn einer Ihrer Techniker vorbeikommen?«

 

»Da muss ich eben nachschauen. Warten Sie bitte einen Moment«, bat ich und klickte im Computer herum, öffnete den Terminkalender und suchte nach einem freien Mitarbeiter.

 

»Mr. Hanson?«

 

»Ja?«

 

»Heute sind leider schon alle Techniker ausgebucht. Kann auch morgen früh jemand zu Ihnen kommen?«

 

»Ich muss aber heute telefonieren können«, entgegnete er.

 

»Das verstehe ich, aber heute ist zu kurzfristig«, murmelte ich.

 

»Hören Sie, Ms. Shaw«, meinte er sanft, was mich komplett durchdrehen ließ. Mein Name klang bei ihm wie eine sinnliche Verführung.

 

»Ich wickle alle meine Geschäfte über das Telefon ab und muss für meine Kunden erreichbar sein.«

 

Bei seiner Stimme konnte ich verstehen, wieso seine Kunden so gern mit ihm telefonierten. Gott, ich musste mir ernsthaft einen Therapeuten suchen. Langsam entwickelte ich seltsame Vorlieben.

 

»Das verstehe ich auch«, beschwichtigte ich ihn. »Trotzdem kann ich heute nichts mehr für Sie tun. Das Frühste, was ich Ihnen anbieten kann, wäre gleich morgen um acht Uhr.«

 

Kurz schwieg er, dachte offenbar nach und stimmte schließlich zu. »Gut, dann eben morgen früh.«

 

»Super, ich trage Sie gleich in den Terminkalender ein«, versicherte ich ihm fröhlich. »Wäre das dann alles, Mr. Hanson?«

 

»Ich denke schon«, sagte er zögerlich, und ich genoss ein letztes Mal dieses göttliche Timbre. »Danke, Ms. Shaw.«

 

Ich würde mit Sicherheit von ihm träumen. »Gut dann, ähm … freut mich, dass ich Ihnen helfen konnte.« Daraufhin sah Jeannette mich ausdruckslos an, fast so, als wollte sie sagen: Dein Ernst?!

 

Ich zuckte unbeholfen die Achseln.

 

»Mich ebenfalls«, murmelte Mr. Hanson. Stille.

 

Plötzlich wurde ich nervös. Was sollte ich noch sagen? Sollte ich überhaupt etwas sagen? Nein! Das Problem war gelöst, also bedeutete das, ich musste auflegen. Aber verdammt, ich wollte noch länger mit ihm reden.

 

»Wenn etwas ist, melden Sie sich einfach bei uns«, meinte ich und erntete erneut einen irritierten Blick von Jeannette. Ich ignorierte sie und konzentrierte mich auf Mr. Hanson.

 

»Danke, das werde ich. Bye, Ms. Shaw.« Dann legte er auf, sodass ich noch einen Moment auf den Bildschirm starrte.

 

»Scheiße, was war das denn?«, stieß Jeannette hervor, ehe sie mit Parker in Gelächter ausbrach.

 

Ich wandte mich zu ihnen um und schlug mir die Hände vors Gesicht. »Gott, ich bin so erbärmlich!«

 

»Oh ja, das bist du eindeutig«, bestätigte Parker, wofür ich ihm einen giftigen Blick zuwarf.

 

»Tritt ruhig noch auf jemanden drauf, der am Boden liegt. Danke.«

 

»Bitte.«

 

Schnaubend drehte ich mich zu meinem Bildschirm.

 

»Was ist da eigentlich gerade passiert, dass du praktisch dein Hirn verloren hast, kaum, dass du den Anruf entgegengenommen hast?«, wollte Jeannette höhnisch grinsend wissen.

 

»Daran war allein diese Stimme Schuld!«, fluchte ich. »Die müsste verboten werden. Verdammt, die war nicht normal.« Ich sah zu ihr. »Oder stimmt wirklich etwas nicht mit mir, weil ich so krass auf eine Stimme abfahre?«

 

»Na ja … manchmal gab es da ein paar Anzeichen«, murmelte Jeannette und fuhr eilig fort, als ich empört nach Luft schnappte: »Aber ich hatte das auch mal. Dieser Typ hatte eine unglaubliche Stimme, war dafür aber zum Sterben hässlich.« Sie verzog das Gesicht. »Also ja – so was gibt es.«

 

Das beruhigte mich ein wenig.

 

 

 

Nach meiner Schicht fuhr ich ins Roll Inn, in dem meine beste Freundin Lydia arbeitete. Früher hatte ich selbst in dem Retro-Diner gearbeitet, das noch schwarz-weiße Fliesen besaß und Sitzecken, die von rotem Leder bezogen waren. Neonlichter zierten die Wände, neben denen Bilder von Oldtimern, Coca-Cola oder Frauen hingen. Aber das Beste war der Service, der das Essen auf Rollerblades servierte.

 

Allerdings hatte ich vor eineinhalb Jahren den Job bei One Plus bekommen, für die ich nun im Call Center arbeitete, und wegen der besseren Bezahlung im Roll Inn gekündigt. Trotzdem ging ich Lydia täglich besuchen und gönnte mir zwei Pancakes mit einem Erdbeermilchshake.

 

»Hey, Rora«, rief sie und kam auf mich zugerollt.

 

Ihre dunkelbraunen Augen strahlten eine Warmherzigkeit aus, durch die ich mich jedes Mal geschätzt fühlte, und ihr dunkelbraunes Haar, das ihr in Locken auf die schmalen Schultern fiel, umrahmte ihr herzförmiges Gesicht. Sie war eine umwerfend schöne Frau, mit einer schlanken Figur und einer liebenswerten Art. Wenn ich Probleme hatte, war sie für mich da und machte ansonsten jeden Blödsinn mit. Dafür liebte ich sie.

 

Ich grinste und kam ihr entgegen. »Hey, wie läuft´s?«

 

Lydia zuckte gelangweilt die Achseln. »Alles super und bei dir?«

 

Mit einem dramatischen Seufzen ließ ich mich auf einen Barhocker nieder. »Du musst mich einweisen lassen. Ehrlich!« Als sie fragend die Brauen hochzog, erzählte ich ihr von Mr. Hanson. »Ich schwöre es dir, Lydia, diese Stimme war nicht menschlich! Du hättest sie hören müssen, dann würdest du mich verstehen.«

 

Lachend warf sie den Kopf zurück, weshalb ich sie beleidigt ansah.

 

»Hör auf, dich über mich lustig zu machen!«

 

Sie beruhigte sich wieder und sah mich belustigt an. »Ach komm schon, Rora, so schlimm wirst du dich wohl nicht angestellt haben«, meinte sie.

 

»Du hast ja keine Ahnung«, murmelte ich kläglich, bevor mir ein unguter Gedanke kam. »Glaubst du, dass er noch mal anrufen wird und … sich über mich beschwert?«

 

Das wäre richtig beschissen, denn die letzte Beschwerde war keine Woche her.

 

»Würde Matt mich wohl wieder einstellen?«, fragte ich Lydia vorsichtshalber, woraufhin sie erneut anfing zu lachen.

 

»Er hat genug Personal. Aber keine Sorge. Ich glaube nicht, dass der Mann sich beschweren wird. Du hast ihm immerhin einen Termin beschafft und ihn sogar unterhalten. Was will er also mehr?«

 

Sie machte sich eindeutig über mich lustig!

 

»Du kannst froh sein, dass ich dich liebe«, grummelte ich.

 

Sie grinste, nahm mich in ihre schmalen Arme und drückte mich. »Ich dich auch.« Sie richtete sich auf und musterte mich. »Was hältst du davon, wenn wir heute Abend was Trinken gehen?«

 

»Ich habe Frühschicht«, erinnerte ich sie.

 

»Seit wann macht dir das was aus?«

 

Okay, da hatte sie zwar Recht, aber ich sollte es nicht drauf ankommen lassen. »Besser nicht. Das letzte Mal habe ich echt Ärger bekommen, weil ich bei einem Telefonat eingeschlafen bin«, sagte ich. Allerdings war ich der Meinung, dass mein Chef echt überreagiert hatte, als er mir mit einer Abmahnung gedroht hatte.

 

»Wir müssen ja nicht so lange bleiben wie das letzte Mal«, warf Lydia ein und blickte zu einem Kunden, der auf sich aufmerksam machte. »Such du ruhig die Bar aus.« Sie rollte zu ihm hin und nahm die Bestellung auf. Anschließend kehrte sie zu mir zurück. »Und, hast du es dir überlegt?«

 

Ich wusste, ich sollte es lieber nicht tun, aber ich konnte einfach nicht widerstehen. »Gut, dann lass uns ins Spikes gehen.«

Das war eine schlechte Idee, wie sich später herausstellte. Der letzte Shot war eindeutig zu viel.