Leseprobe


Klappentext

Die Zukunft ist für Viola eigentlich perfekt. Schon in einem Monat will sie vor den Traualtar treten und ihre große Liebe Noah heiraten, dazu bereit, ihr gesamtes Leben an seiner Seite zu verbringen.
Eigentlich.
Als sie ausgerechnet an ihrem Junggesellinnenabschied dem Charme eines anderen Mannes erliegt, steht ihre sicher geglaubte Zukunft plötzlich auf wackligen Beinen. Liam bringt Violas Pläne durcheinander und zeigt ihr mit seiner spontanen und lockeren Art eine andere Welt.
Doch reicht eine einzige Begegnung, um ihren eingeschlagenen Weg zu verändern oder wird sie ihn beibehalten?
Der Countdown läuft und jeder vergehende Tag zwingt Viola, sich ihren Gefühlen zu stellen.


Conflict: Begehren


(Erscheint: 28.04.2017)

 

 

 

Prolog

 

 

 

„Sollen wir nicht einfach hierbleiben?“

 

Violas Atem ging schnell und unkontrolliert, sie löste sich von Liam und suchte mit der rechten Hand den Gurt. Sie benötigte zwei Anläufe, bis sie ihre zitternden Finger so weit unter Kontrolle gebracht hatte, dass sie sich abschnallen konnte.

 

„Wollten wir nicht zu mir? Hast du es so eilig?“, fragte er vergnügt, als auch er den Gurt löste und nach Violas Handgelenk griff, um sie zu sich zu ziehen. Sie konnte nicht einmal in seine Augen sehen, ehe ihre Lippen aufeinanderlagen. Einzig das Licht der Scheinwerfer in den dunklen Wald hinein erinnerte sie noch daran, dass sie sich in seinem Auto befanden.

 

Ihr war das egal. Den Weg in seine Wohnung hätten sie ohnehin nicht mehr geschafft.

 

Etwas unbeholfen kletterte sie über die Armlehnen und den Schalthebel, um sich auf seinen Schoß zu setzen. Liam verstellte den Sitz nach hinten, damit sie das Lenkrad nicht im Rücken hatte, und sobald sie spürte, wie hart er war, stöhnte sie in den Kuss hinein.

 

Sie konnte nicht leugnen, dass sie feucht geworden war, während sie einen leidenschaftlichen Kuss nach dem anderen ausgetauscht hatten. Die Lust war wie ein Feuer in ihr entfacht und sie gab es auf, dagegen anzukämpfen. Das Brennen war so groß, dass sie es nur noch genießen wollte. Spätestens seit dem ersten Kuss, wenn nicht sogar schon seit sie wusste, worauf ihre Gespräche am Abend hinausliefen, war ihr insgeheim bewusst, dass sie ihm verfallen war. Und mittlerweile war es sowieso zu spät, um noch darüber nachzudenken, was sie gerade tat.

 

Es passierte eben. Sie brauchte sich nicht einbilden, dass sie den Sex mit ihm aufhalten konnte. Sie wollte es auch gar nicht.

 

„Du hast es also eilig“, stellte er grinsend fest, als ihre Hand nach dem Verschluss seines Gürtels tastete und es ihr nicht gelang, ihn auf Anhieb zu öffnen. „Lästige Kleidungsstücke, oder?“

 

„Kannst du die Hose nicht einfach aufmachen?“, bat sie energisch und rutschte ein Stück nach hinten, um ihm Platz zu machen. Sie kniete noch immer auf seinem Schoß, die Beine eng an ihn gepresst, um ihm so nah wie möglich zu sein.

 

„Ich hätte auch nichts dagegen gehabt, dir bei deinen weiteren Versuchen zuzusehen. Aber ich will mal nicht so sein.“

 

Sein freches Grinsen stachelte sie noch mehr an, als er seine Hose aufmachte und wartete, bis sie sich abstützte, damit er sie von ihren Beinen streifen konnte. Viola gab sich nicht einmal mehr die Mühe, sich auszuziehen, sondern zerrte ihren Rock nach oben und ihren Slip zur Seite.

 

Doch bevor sie ihm die Chance gewehrte, in sie einzudringen, nahm sie seinen Schwanz in die Hand und ließ ihre eigene Ungeduld weiter anwachsen. Er fühlte sich so gut an. Sie massierte ihn, quälend langsam, genoss es, dabei zuzusehen, wie er seine eigene Lust nicht mehr verbergen konnte und ein Stöhnen seinen Lippen entwich. Sie küsste ihn grinsend, verstärkte den Griff um seinen Schwanz und spürte die Feuchte zwischen ihren Beinen, die sich nach ihm sehnte. Es fiel ihr zunehmend schwerer, dem inneren Drang zu trotzen, sich nicht einfach auf ihn zu setzen, sondern ihn zu massieren.

 

„Wollen wir auf die Rückbank?“, wisperte Liam und die Tonlage seiner Stimme verriet seine unbändige Sehnsucht nach mehr.

 

„Nein.“

 

Sie ließ ihn los, stützte sich mit ihren Händen auf seinen Schultern ab und setzte sich langsam auf ihn. Das Feuer brach endgültig über sie herein, als Liam in sie eindrang. 

 

Er fühlte sich so verdammt gut an.

 

Im ersten Augenblick war sie nicht einmal in der Lage, sich zu bewegen, sondern konnte nur stillhalten und genießen, dass er in ihr war. Wie in Trance küsste sie ihn heißhungrig und schloss ihre Augen, wollte sich in der Dunkelheit verlieren und jeden weiteren Stoß noch inniger spüren. Seine Hände umfassten ihre Hüften und nur zaghaft begann sie selbst, sich auf ihm zu bewegen und ihn zu reiten. Es bedurfte weniger Atemzüge, bis sie sich aufeinander eingespielt hatten, doch es waren noch immer Liams Hände an ihren Seiten, die das Tempo und den Rhythmus bestimmten. Mal wurde er schnell, mal wurde er langsamer, und es erweckte eine Mischung aus Lust und Leidenschaft in ihr, die Kontrolle über den Sex Liam zu überlassen.

 

Das Kribbeln in ihr wuchs mit jeder weiteren Sekunde, in der sie auf ihm saß. Es fühlte sich so gottverdammt gut an. Die erbarmungslose Lust in ihr sorgte dafür, dass ihre Berührungen immer fordernder wurden.

 

Sie bemerkte kaum, wie eine Hand von ihrer Hüfte glitt und sich einen Weg unter ihr T-Shirt bahnte, um sie an der Brust zu berühren. Sie war so sehr damit beschäftigt gewesen, nicht binnen weniger Augenblicke zu kommen, dass sie für weitere Berührungen nicht genug Aufmerksamkeit hatte aufbringen können.

 

Sie wollte ihn noch intensiver spüren. Schnell. Hart. Ohne Rücksicht. Da fehlte ihr der Sinn für Zärtlichkeiten und jeden anderen Körperkontakt, der über den puren Sex hinausging.

 

Sie zog seine andere Hand von ihrer Hüfte und nun war sie es, die das Tempo bestimmte, in dem sie sich immer schneller auf ihm vor- und zurückbewegte. Sie hielt nur kurz inne, damit er ihr das Shirt über den Kopf ziehen konnte und den BH mit einer einzigen Handbewegung von ihr befreite. Sie presste sich an ihn, ihre Hände suchten Halt in seinen Haaren, er beugte sich vor und küsste sie, erst die Lippen, dann den Hals. Er berührte ihre Brust, seine Finger glitten über ihre Brustwarzen und erregten sie auf eine Art und Weise, die ihr das Atmen schwer machte.

 

Sie wollte kommen. Sie wollte endlich kommen.

 

Liams Stöhnen und das fordernde Aufeinanderpressen seiner Lippen auf ihren erlöste sie endlich.

 

Wenn er kam, brauchte sie sich nicht mehr zurückhalten.

 

Viola bewegte sich noch ein, zwei Mal auf ihm, bis auch sie spürte, wie der Orgasmus sie erfasste und wie eine Welle sämtliche Zonen ihres Körpers überrollte. Und doch war das Feuer noch nicht gelöscht.

 

Für eine Weile saßen sie stumm in der gleichen Position, ihre Atmung normalisierte sich nur langsam, bis Viola zurück auf ihren Platz kletterte und sich ihr Oberteil wieder anzog.

 

Sie hatte gerade leidenschaftlichen, hemmungslosen Sex im Auto mit ihm gehabt.

 

Ihr Herz schlug bis zum Hals und hinderte sie daran, zurück in die Realität zu finden.

 

„Beim nächsten Mal nehmen wir uns mehr Zeit“, sagte Liam schwer atmend und zog seine Jeans wieder hoch. „Aber ich konnte nicht mehr warten.“

 

„Nächstes Mal?“ Ihre Stimme war panisch. Diese Aussage ließ sie innehalten. Sie zupfte ihre Klamotten zurecht und wagte es erst dann, sich zu ihm umzudrehen. Seine dunklen Haare waren ganz zerzaust und in seinen Augen lag ein aufregendes, gar herausforderndes Glitzern. Der Sturm in ihrem Körper schien nicht zur Ruhe kommen zu wollen und ihre Gedanken ließen sich nicht sortieren. Viola erschauderte unter seinem eindringlichen Blick.

 

„Was ist?“, fragte er.

 

Viola starrte lieber nach vorne. Die Scheinwerfer spendeten noch immer ein mattes Licht in den dunklen Wald. Bis zu seinem Zuhause wäre es nicht mehr weit gewesen, und doch waren sie einfach an Ort und Stelle geblieben und hatten den stillen Moment der Nacht genutzt, um ihre Leidenschaft auszuleben.

 

„Ich habe einen Freund“, platzte es aus ihr heraus. Liam schien nicht besonders überrascht, als er ihr einen kurzen Blick schenkte und nach seinem Feuerzeug griff.

 

„Und?“

 

Viola hatte mit vielen Reaktionen gerechnet, aber nicht mit dieser. Unweigerlich fragte sie sich, wie oft er diese Worte bereits von einer Frau nach dem Sex gehört hatte, wenn er so gleichgültig reagierte.

 

„Und?“, hakte Viola nach und beobachtete ihn, wie er sich eine Zigarette anzündete und das Fenster herunterließ. „Ich bin doch gar nicht der Typ dafür. Und ich hatte ehrlich gesagt nicht vor, ihn zu betrügen.“

 

Auf Liams Lippen erschien das gleiche amüsierte Lächeln wie vorhin. „Ach? Nimmt man sich das neuerdings vor?“

 

„Du verstehst das nicht“, murmelte Viola und band ihre Haare zu einem Dutt zusammen. Unzählige Strähnchen hatten sich während des Sex gelöst, sie wollte die Spuren verwischen und zumindest wieder Ordnung in ihre Frisur bringen.

 

„Ich habe nicht nur einen Freund. Ich … Ich heirate in einem Monat.“

 

Unwillkürlich glitt ihr Blick zu ihrer Hand. Ihren Verlobungsring hatte sie zu Beginn des Abends abgelegt, aus Angst, sie könnte das Kostbarste auf Erden verlieren. Ihre Finger zierten keinen Schmuck.

 

Zaghaft wandte sie sich Liam zu. Das Feuer, das nicht gelöscht werden konnte, brannte zwischen ihnen; die Funken, die sprühten und eine solche Anziehung hervorgerufen hatten.

 

Diesmal zeigte Liam eine andere Reaktion. Er war verwirrt. Und überrascht. Er öffnete seinen Mund, ohne im ersten Moment etwas zu sagen und seine Augen weiteten sich.

 

„Heiraten?“ Er lachte auf, aber es war nicht seinem Selbstbewusstsein geschuldet, wie Viola an seinem ungläubigen Kopfschütteln erkennen konnte, sondern dem absoluten Unglauben.

 

„Du heiratest?“, fragte er erneut nach und Viola nickte vorsichtig. Die Stille legte sich wie ein Schleier über sie und erstickte jedes weitere Wort. Aber es war nicht das schlechte Gewissen, das an Viola nagte, es war ein unbeschreiblich befriedigendes Gefühl.

 

„Bereust du es?“, fragte er leise.

 

Sie schloss ihre Augen, ihr Inneres taumelte und doch fühlte sie sich nicht verloren. Das schlechte Gewissen sollte sie übermannen, doch nichts dergleichen geschah. Sie konnte tief ein- und ausatmen und zur Ruhe finden.

 

Das Feuer prasselte.

 

Viola fühlte keine Leere.

 

„Nein, ich bereue es nicht.“

 

Denn zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sie sich frei.

 

 


Kapitel 1

 

 

 

Viola hielt das Handy fest in ihrer Hand, während sie mit ihrem Finger über das verdunkelte Display strich. Zwar kündigte das permanente Aufleuchten eine neue Nachricht an, bislang verspürte sie aber kein Bedürfnis, nachzusehen, wer ihr geschrieben hatte. Stattdessen starrte sie unentwegt auf ihren Verlobungsring.

 

Sonst war es ein Zeichen der Freiheit, wenn sie den Ring sehen konnte, der Ausblick in die Zukunft. Aber heute fühlte sich alles anders an. Den Befreiungsschlag hatte sie vergangene Nacht auf eine ganz andere Art und Weise erlebt und so musste sie sich eingestehen, dass das Gefühl beim Anblick des Ringes nichts im Vergleich zu dem war, was sie gestern gefühlt hatte.

 

„Das kann echt nicht wahr sein. Ich trage jedes Auto persönlich von der Fahrbahn, wenn sich der Stau nicht langsam löst.“ Das Fluchen ihrer Freundin Julie riss Viola aus ihren Gedanken und sie sah nach vorne auf die vollkommen überfüllte Fahrbahn.

 

„Die Autoschlange ist das einzige Tier, wo das Arschloch vorne ist“, kam ein gebrummter Kommentar von der Rückbank und brachte Viola zum Schmunzeln. Sie drehte sich nach hinten und musterte Diana, die genervt mit ihren Fingern gegen die Scheibe trommelte.

 

„Das war auch eine Schnapsidee, nach gestern Abend so früh shoppen zu gehen. Ich habe gefühlt drei Stunden geschlafen“, meinte Julie und pustete sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Als Viola sich zu ihr drehte, musste sie feststellen, dass sie vollkommen übermüdet aussah. Die Augenringe sprachen Bände.

 

„Schnapsidee im wahrsten Sinne des Wortes. Wir haben alle wenig geschlafen, keine Sorge. Ich bin mit Selena und Mia auch nicht mehr lange geblieben.“

 

Nicht mehr lange war dezent untertrieben. Geschlafen hatte sie so gut wie gar nicht, nachdem sie zu ihren Eltern nach Hause gefahren war. Dort war es ihr schier unmöglich gewesen, die Gedanken an Liam und den Sex zu verdrängen. Daran, wie leidenschaftlich sie sich geküsst hatten. Wie sie auf ihm saß und die Sehnsucht so überwältigend gewesen war, dass es ihr absolut egal war, wo sie Sex mit ihm hatte, Hauptsache, sie taten es.

 

Schon das Hervorrufen der Erinnerung sorgte dafür, dass die Lust sie erneut überkam.

 

„Mir doch scheißegal, ob auch andere wenig geschlafen haben. In dem Fall gilt das mit dem geteilten Leid nicht. Ich will in mein Bett“, sagte Diana.

 

Viola drehte sich ein weiteres Mal zu Diana nach hinten und beobachtete ihre mürrische Freundin, die leise schimpfte. Wenn man sie besser kannte, wusste man, dass sie keiner Fliege etwas zuleide tun konnte und einer der herzlichsten Menschen war, die Viola in ihrem Leben begegnet waren. Auf sie war immer Verlass, sie war hilfsbereit und humorvoll; auch wenn ihr Äußeres für Fremde einen eingebildeten und in sich gekehrten Eindruck machen konnte. Sie kannten sich bereits so lange, dass die Distanz zwischen ihnen nicht mehr existierte. Diana erwähnte des Öfteren scherzhaft, dass sie nur in dunklen Klamotten und stark geschminkt herumlief, damit sie von Fremden gar nicht erst angesprochen wurde. Reiner Selbstschutz.

 

„Wir hätten uns auch erst nachmittags verabreden können“, fügte Diana gähnend hinzu und streckte ihren Körper. Viola erinnerte sich daran, wie sie ihr gestern Abend von dem Plan erzählt hatten, heute das Kleid zu finden. Schließlich sollte nicht nur die Braut am Hochzeitstag gut aussehen, auch ihre Freundinnen mussten einen phänomenalen Eindruck hinterlassen. Nur hatten sie in dem Moment nicht bedacht, wie müde der Alkohol und eine kurze Nacht machen konnten.

 

Und vor allem der Sex.

 

Ihr Herz schlug schneller und Viola vertrieb den Gedanken. „Meine Idee war es jedenfalls nicht“, verteidigte sie sich grinsend und sah aus dem Fenster. „Ihr habt den Abend und die heutige Aktion geplant. Bei mir gilt nur: Mitgehangen, mitgefangen.“

 

„Du brauchst dich gar nicht aus der Affäre zu ziehen“, konterte Diana und Viola hörte, wie sie in ihrer Tasche nach etwas kramte. „Wenn du nicht heiraten würdest, hätten wir das Dilemma erst gar nicht. Will noch jemand Kaugummi?“

 

Viola nickte, streckte ihre Hand nach hinten, um die Packung entgegenzunehmen und reichte Julie ebenfalls einen. Unter ihrem strengen Blick wickelte sie das Papier selbst ab und schob der Fahrerin den Streifen in den Mund, bevor sie sich einen eigenen nahm. So fröhlich Julie auch immer war, so war sie auch mit Abstand die Vernünftigste von ihnen und würde während der Fahrt unter keinen Umständen die Hände vom Lenkrad nehmen, um sich den Kaugummi zu nehmen. Sie hatte auch bereits früh am Abend, im Gegensatz zu Viola und den anderen, aufgehört zu trinken, weil sie wusste, dass sie am nächsten Tag Auto fahren musste.

 

„Welche Farbe soll euer Kleid denn nun haben?“, erkundigte sich Viola. Das Leuchten ihres Handys lenkte sie noch immer ab, und egal, wie sehr sie versuchte, woanders hinzusehen, ihr Blick glitt dauernd zu dem Display.

 

„Rosa würde hervorragend zu Dianas Haaren passen“, kommentierte Julie und sah in den Rückspiegel, „wenn sie schon so munter färbt.“

 

„Es wird nur schwer, ein Kleid im Partnerlook zu finden. Und wessen Scheißidee war das? Ich wiege viel mehr als Julie, da können wir uns besser auf die gleiche Farbe einigen und jeder rettet die Figur mit einem anderen Schnitt.“

 

„Wie charmant du wieder zu dir bist“, sagte Julie und klang amüsiert.

 

„Ich bin ehrlich. Nur ehrlich.“ Viola wagte einen Blick in den rechten Außenspiegel. Diana musste bei ihren Worten lächeln, bis sie ihre Aufmerksamkeit auf ihr Handy richtete und Viola dazu verleitete, ebenfalls auf ihr Display zu sehen. Julie widmete sich dem Straßenverkehr und verfluchte all jene, die in ihren Augen keinen Führerschein verdient hätten, Violas Gedanken drifteten zu Liam, bis sie ihr Handy kurzerhand in die Tasche stopfte.

 

Mühselig richtete sie ihren Blick aus dem Fenster. Die Landschaft zog an ihr vorbei und sie hatte das Gefühl, als sei es das Leben, das in einem rasanten Tempo an ihr vorbeizog. Wie oft hatte sie schon auf den Kalender gesehen und sich gefragt, wo all die vergangenen Wochen geblieben waren?

 

So war es auch jetzt.

 

Ihre Hochzeit rückte mit schnellen Schritten näher, während sie vor ein paar Monaten noch geglaubt hatte, es sei noch eine halbe Ewigkeit, bis sie vor den Altar trat. Ihre Hände verkrampften sich um den Griff ihrer Tasche. Nur gestern schien das Leben für einen Moment angehalten worden zu sein.

 

Liam.

 

Sie hatte mit einem fremden Mann geschlafen. Einfach so. Und sie hatte sich danach nicht gefangen, sondern befreit gefühlt. Ihre Hand glitt wieder in die Tasche, als sie den inneren Widerstand verdrängte, das Handy herauszog und die Displaysperre löste.

 

Du hast mir noch nicht auf die Frage geantwortet, ob es ein nächstes Mal geben wird?

 

Die Frage richtete sich sowohl an ihr Herz als auch an ihren Verstand, und beiden konnte sie keine Antwort geben. War sie bereit, Vertrautes für etwas Neues zu riskieren? Welchen Weg war sie bereit zu gehen? Und wohin sollte er führen? Sie tippte eine Antwort, glaubte, mit jedem geschriebenen Wort der Realität zu entkommen.

 

„Viola? Kommst du?“

 

Sie schreckte hoch, als Diana neben ihr gegen die Fensterscheibe klopfte und Julie ihren Kopf durch die offene Fahrertür streckte, um sie aus ihren Gedanken zu reißen. Sie hatte nicht einmal bemerkt, dass das Auto mittlerweile stand.

 

„Wir sind da!“

 

Viola brauchte einen Moment, um sich zu orientieren, und schnallte sich ab. Zwei Anläufe, bis sie es geschafft hatte und die Fessel lösen konnte. Sie öffnete die Beifahrertür, das Handy in ihrer Hand. Ein letztes Mal sah sie auf die geschriebene Antwort, bis ihr Finger über das Symbol für Absenden glitt und der Verlobungsring dabei matt im Licht funkelte.

 

„Ja, ich komme.“

 

Es war der Ruf der Freiheit, der sie lockte. Und sie konnte nicht länger so tun, als sei sie taub. Manchmal musste man einen verbotenen Weg gehen, um herauszufinden, wohin der Ruf lockte. Und dass der Weg verboten war, bedeutete nicht, dass er in eine Sackgasse führte.

 

Finden wir es heraus.

 

 

 

*

 

 

 

„Ich bin wieder zu Hause!“

 

Viola schloss die Tür zu ihrer gemeinsamen Wohnung auf. Zu Hause. Sie tapste durch den Flur, als betrete sie ihn das erste Mal, fürchtete, etwas hinunterzustoßen oder kaputt zu machen, obwohl sie insgeheim wusste, dass das nicht passieren konnte. Sie kannte jeden einzelnen Zentimeter dieser Wohnung in- und auswendig.

 

Vorsichtig lief sie in die Küche und blieb im Türrahmen stehen, als das Brutzeln der Pfanne ankündigte, dass ihr Verlobter etwas kochte. Er hatte nicht gehört, dass sie nach Hause gekommen war. Daher beobachtete sie ihn von hinten, wie seine flinken Finger mehrere Töpfe gleichzeitig unter Kontrolle hielten und er konzentriert das Essen zubereitete. Violas Beine fühlten sich schwer an, als mochten sie jeden Moment einknicken.

 

„Hallo“, murmelte sie und ging auf Noah zu, berührte ihn zaghaft an der Schulter. Wie erwartet erschrak er und ließ den Kochlöffel fallen, doch als er sich zu ihr umdrehte, lächelte er.

 

„Hallo, Vio. Wie war es?“

 

Tausend Gedanken schossen durch ihren Kopf, als sie seinem Blick standhielt und ihn ansah. Das schlechte Gewissen blieb aus. Nicht einmal ein mulmiges Gefühl nagte an ihr. Sie wusste nicht, wie sie so ruhig bleiben konnte, wie sie ihm ohne Weiteres in die Augen sehen konnte, als sei nichts passiert. Der Grat, auf dem sie sich bewegte, war schmal, und doch breit genug, die Fassade des Alltags aufrechtzuerhalten.

 

Es war noch zu früh, um die Bombe platzen zu lassen. Dafür war sie selbst noch zu aufgewühlt von der gestrigen Nacht und zu wenig imstande, das Geschehene zu verstehen. Viola hob ihre Hand und berührte seine Wange, der Verlobungsring vor ihr; die Freiheit, als sie mit Liam geschlafen hatte, hinter ihr. „Einfach perfekt. Die Mädchen haben sich die größte Mühe gegeben.“ An ihrem Junggesellinnenabschied war alles anders geworden. Der letzte Abend, der sie daran erinnern sollte, bald eine Freiheit zu verlieren. Es war einem Zufall geschuldet, dass sie Liam begegnet war. Und es war einem Zufall geschuldet, dass sie ihm nähergekommen war. Binnen weniger Augenblicke war ihre einst so heile Welt aus den Fugen geraten und hatte ihr eine vollkommen neue Sichtweise, eine neue Zukunft auferlegt.

 

Und all das infrage gestellt, für das sie so sehr gekämpft hatte.

 

„Also hattet ihr Spaß?“, erkundigte sich Noah.

 

Spaß. Der Sex mit Liam. Sie wollte nicht daran denken, und doch entflammte eine unsagbare Lust in ihr, die die Wärme in ihrem Inneren unbändig ansteigen ließ.

 

„Und wie“, antwortete Viola und lächelte, als Noah sie näher zu sich heranzog. Die Lust entfachte vollends, als sie Noahs Körper so dicht an ihrem spürte. Es war fast, als schimmerten die blauen Augen von Noah so dunkel wie die von Liam. Wie konnte sie nur daran denken, wenn ihr zukünftiger Mann vor ihr stand?

 

„Was kochst du denn?“ Sie stellte irgendeine Frage, in der Hoffnung, sie könne so den Strohhalm zurück zum Alltag erreichen und sich daran festhalten.

 

„Dein Lieblingsessen“, erwiderte er und drehte sich kurz um, um die Herdplatten auszustellen. „Wehe, es schmeckt dir nicht.“

 

„Es schmeckt mir immer“, sagte Viola leise. Noah drehte sich zu ihr. Seine kinnlangen, dunkelblonden Haare hatte er zu einem kleinen Zopf zusammengebunden, den man kaum als solchen bezeichnen konnte. Beim Kochen trug er sie immer so, ansonsten hingen sie ihm strähnig herunter.

 

„Ich weiß auch, was dir noch gut schmeckt.“ Noah verschränkte seine Arme hinter ihrem Rücken und zog sie näher zu sich heran, überbrückte die letzte Distanz zwischen ihnen, indem er seine Lippen zärtlich auf ihre legte. Aus einer zögernden Leidenschaft wurde ein stetiges Feuer. Sie musste an gestern denken. Aber sie wollte im Hier und Jetzt bleiben, trotzdem die Vergangenheit nach ihr griff und danach gierte, erneut aufgeweckt zu werden.

 

Finden wir es heraus.

 

Viola zögerte nicht, den Kuss zu erwidern und ihn noch zu intensivieren, indem sie mit ihrer Zunge über seinen Mund strich.

 

„Sollen wir ins Schlafzimmer gehen?“

 

Wollen wir auf die Rückbank?

 

Violas Stimme war leise, verirrte sich nahezu im Geräusch der noch immer kochenden und brutzelnden Töpfe und Pfannen. Doch Noah hatte jedes einzelne Wort verstanden und grinste herausfordernd, als er ihr in die Unterlippe biss. Seine Antwort glich einem Raunen: „Nein.“

 

Nein.

 

Er drehte sie herum und drückte sie gegen den Kühlschrank, presste seinen Körper gegen ihren, als er begann, ihren Hals zu küssen, und mit seiner Hand über ihren Bauch zu streichen. Noah stand dicht vor ihr. Sie wusste, welchen Weg sich seine Finger suchten, wusste, wo er sie berühren wollte, um sie um den Verstand zu bringen. Sie versuchte krampfhaft, die Gedanken an Liam zu lösen, aber es gelang ihr nicht.

 

Dennoch genoss sie Noahs Zärtlichkeiten auf ihrem Körper, die Art und Weise, wie er sie berührte, und die Sehnsucht in ihrem Inneren zum Kochen brachte. Die Feuchte zwischen ihren Beinen kündigte die unbändige Lust an, die Gier danach, noch mehr zu spüren.

 

Als Noah ihre Hose öffnete und mit der Hand hineinglitt, konnte sie ein Stöhnen nicht mehr unterdrücken. Aber es war, als säße sie wieder auf Liams Schoß im Auto; als ritt sie ihn ohne Sinn und Verstand, ohne Rücksicht auf Verluste, immer schneller und härter, nur noch davon angetrieben, dass das Kribbeln mit jeder weiteren Sekunde stärker wurde.

 

Noah berührte sie, begann, mit seinem Finger kreisrunde Bewegungen zu vollführen. Sie schloss ihre Augen, lehnte ihren Kopf gegen den Kühlschrank, spreizte ihre Beine leicht, als Noah auch einen Finger in sie hineinführte.

 

„Bist du sicher, dass wir nicht lieber ins Schlafzimmer gehen wollen?“, wisperte sie atemlos, als seine Bewegungen schneller wurden. Die Realität vermischte sich mit den Erinnerungen der Nacht.

 

„Genieß es doch einfach“, murmelte er.

 

Sie konnte und wollte nicht. Nicht, wenn sie eigentlich an Liam dachte. Doch dann ließ sie sich fallen, lehnte sich mit ihrem Körpergewicht gegen Noah, überließ ihm uneingeschränkt die Kontrolle über ihren Körper. Für sie zählte nur noch, die Wärme immer weiter ansteigen zu lassen. Noah nahm einen zweiten Finger hinzu, ohne aufzuhören, mit seinem Daumen ihre Mitte zu verwöhnen. Sie wusste, dass sie jeden Moment kommen würde. Stöhnend vergrub sie ihr Gesicht in seiner Halsbeuge, ließ sich voll und ganz auf die Berührungen Noahs ein und schaltete sämtliche Überlegungen aus. Sie wollte sich nicht ablenken lassen und sich nur auf das konzentrieren, was Noah mit ihr machte.

 

Sie spreizte ihre Beine weiter, Noah übte noch mehr Druck aus, sie wurde immer feuchter. Die Leidenschaft brach über sie herein, ließ ihre Hände Halt am Kühlschrank suchen, während sie in den Stoff seines Shirts biss, um das Stöhnen zu unterdrücken und spürte, wie sich ihre gesamten Muskeln zusammenzogen und ein unbeschreibliches Gefühl durch ihren Körper fuhr. Augenblicklich zog Noah seine Hand aus ihrer Hose, streifte mit ihr über Violas Lippen und sie nutzte die Berührung, um mit ihrer Zunge über seine Finger zu lecken.

 

Das schmeckt dir übrigens auch“, raunte Noah und ließ von ihr ab, um in aller Seelenruhe zum Herd zurückzukehren, als sei nichts geschehen. Atemlos lehnte Viola ihren Kopf gegen die kalte Kühlschranktür, versuchte, zur Besinnung zu kommen, während Noah fröhlich pfeifend weiterkochte.

 

Liam. Der Sex im Auto.

 

Ihr Puls war noch immer hoch, sie schaffte es kaum, sich zu beruhigen oder ihren Herzschlag zu normalisieren, als sie daran dachte, was sie mit Liam getan hatte.

 

Und Viola konnte das veränderte Schicksal nicht mehr aufhalten.

 

 

 

Noch 28 Tage …